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Anna Soucek, 10.2.2021

„Almost“ Ausstellung am Bauzaun

„In Floridsdorf habe ich Pittsburgh gefunden“

In Wien Weltreisen unternehmen: Der Architekturjournalist Wojciech Czaja tröstet mit seiner „Almost“-Fotoserie über die Lockdown-Zeit hinweg. Zu sehen sind die Bilder nun am Bauzaun – im Dialog mit Souvenirfotos der Wiener Weltausstellung 1873. Anna Soucek hat mit Czaja über seine Wien-Touren gesprochen.

Anna Soucek

Angefangen hat alles mit dem Fund von Tel Aviv in der Wolfganggasse. Wann sind Sie draufgekommen, dass es eine Reihe wird?

Wojciech Czaja

Ungefähr nach dem zehnten Foto. Beim Spazierengehen und Durch-Wien-Fahren sind mir mehr und mehr Orte untergekommen. Da ist mir langsam klar geworden: Bei einem Dutzend Fotos wird es nicht bleiben. Bislang habe ich auf Facebook knapp 400 Fotos gepostet.

AS

Da muss eine ziemliche Sammlerwut aufgeblüht sein! Haben Sie sich gewisse Stadtgebiete vorgeknöpft, auch um sie besser kennenzulernen? Oder haben Sie sich wie ein situationistischer Flaneur vom Zufall leiten lassen?

WC

Sowohl als auch.
Zum einen lasse ich mich treiben, zum anderen habe ich im Laufe der Zeit To-do-Listen für einerseits Wiener Orte, andererseits Weltenorte angelegt. Die Recherchearbeit jedoch hatte begonnen, lange bevor ich überhaupt das erste Foto gemacht habe. Wie für viele andere, die sich als soziale Wesen verstehen, war der Lockdown für mich ziemlich schmerzlich. An Abenden, an denen ich sonst mit Freunden unterwegs gewesen wäre, bin ich entweder spazieren gegangen oder bin mit der Vespa herumgefahren. Gezielt – also gezielt ziellos – in Viertel oder Straßen, die mir unbekannt waren. Einfach nur, um zu schauen. Auf diesen Reisen durch Wien habe ich viele Bilder im Kopf gesammelt.

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AS

Ich denke, dass sich die Fotos in zwei Gruppen einteilen lassen: Es gibt einerseits die formalen Zitate von Ikonen, etwa das Weiße Haus oder das Kolosseum. Und andererseits gibt es Fotos, die – über die medial bekannten Bilder hinaus – eine Stimmung oder Atmosphäre wiedergeben, die eher visuell als verbal festzumachen ist.

WC

Es ist tatsächlich so.
Manche Fotos sind sehr klar zuordenbar, als Referenzen von Wahrzeichen, Sehenswürdigkeiten und ikonographischen Gebäude, die viele von uns im Kopf haben. Auch wenn die Assoziationen manchmal recht banal sind: Diese Ikonen in Wien zu finden ist extrem lustvoll! Die für mich subtilere Freude aber kommt bei jenen Referenzorten auf, wo ich eben nicht ein konkretes Bauwerk zitiere, sondern eine Stimmung einfange. Oft weiß ich gar nicht, ob es am zitierten Ort genau so ein Straßeneck überhaupt gibt oder nicht. Sofia zum Beispiel! Ich war dort noch nie, und ich gehe davon aus, dass genau so ein Ensemble, wie ich es in Wien gefunden habe, in Sofia gar nicht existiert. Es geht um die Stimmung.

AS

Und um die Collagenhaftigkeit, um die Schichtung von Symbolen und Bauelementen aus verschiedenen Epochen – um beim Beispiel Sofia zu bleiben: vom Betonbau über das griechisch-orthodoxe Kreuz auf der Kapelle bis hin zum Euro-Zeichen auf der Bankomaten-Litfaßsäule.

WC

Schön, wenn all diese Bilder durchblitzen und sich bemerkbar machen!

AS

Insgesamt hat das Projekt „Almost“ wohl auch autobiographische Züge, denn es reflektiert Ihre eigene Reisetätigkeit.

WC

Mir wird jetzt, wo ich kaum über die Wiener Stadtgrenzen hinauskomme, klar, wie verdammt viel ich in meinem Leben schon gesehen habe. Ja, es ist fast wie eine Aufarbeitung meines bisherigen Jetlag-Jetset-Lebens. Immer im Abenteuer drin, und manchmal ohne die nötige Zeit, um das Gesehene und Erlebte auch emotional zu verdauen. Einiges habe ich mit dem Buch „Hektopolis“ verarbeitet, und einiges arbeite ich jetzt auf.

„Die Bauzaun-Ausstellung kombinierte Czajas ‘Almost’-Serie mit Souvenirfotos der Wiener Weltausstellung 1873 aus der Sammlung des Wien Museums.“

AS

Wie gehen Sie vor?

WC

Ich war noch nie in meinem Leben so viel auf Google Maps und Google Earth unterwegs wie derzeit. Das sind hilfreiche Tools, um vage Eindrücke konkret zu machen. In Floridsdorf beispielsweise habe ich mir eingebildet, Pittsburgh gefunden zu haben. Aber natürlich musste ich nachrecherchieren, ob meine Assoziation überhaupt der Realität entspricht: Stimmt das? Gibt es diese Art von Industriebauten und Fabrikhallen aus dieser Zeit? Mit dieser Farbigkeit und in dieser Größe? Oder ist das alles nur ein Trugbild? Vieles fotografiere ich im Vorbeifahren, weil ich mir denke: Ah, das ist strange und irgendwie untypisch für Wien. Oder aber es ist wie ein Déjà-vu! Das habe ich doch schon einmal irgendwo gesehen, bloß finde ich es in meinem Kopf nicht. Manchmal fügen sich die Bilder dann aber doch noch zusammen, oft erst Wochen später, und plötzlich gibt es eine Entsprechung.

AS

Zur spezifischen Aura eines Ortes gehören aber nicht nur Bauwerke, sondern auch die Menschen. Auf den Almost-Fotos sind kaum je Menschen zu sehen. Spiegelt das die Zeit des harten Lockdowns im Frühjahr 2020 wider?

AS

Das ist sicher ein Grund.
Ein anderer Grund aber ist, dass ich oft den fotografischen Blick nach oben wähle, auf Hausfassaden und Giebel, also über Menschenköpfe hinweg. Aus diesen beiden Faktoren ist die Abwesenheit von Menschen irgendwann zu einem Gestaltungsprinzip geworden – so wie auf den Bildern von Giorgio de Chirico. Fehlen die Menschen?

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AS

Nachdem die Angabe der Referenzstadt ja in jedem Bildtitel enthalten ist, sucht man freilich nach visuellen Clous, die einem versichern, doch noch in Wien zu sein – ein Autokennzeichen, eine Straßenmöblierung, ein bekanntes Bauwerk im Hintergrund. Dazu gehören auch die Menschen. Welche Gestaltungsprinzipien haben sich denn sonst noch herauskristallisiert?

WC

Etwa die Entscheidung, nur mit dem Smartphone zu fotografieren, statt mit einer Kamera mit optischem Zoom. Was mich – zugegeben – manchmal ein wenig grantig macht, weil es mich in der Wahl des Bildausschnitts einschränkt. Manchmal spiele ich mich ziemlich lang herum. Ich lege mich auf die Straße oder krieche herum, um den richtigen Bildausschnitt zu finden, begleitet von Hupen und Beschimpfungen der Autofahrer. Andere wiederum lachen.

AS

Wie viel Manipulation steckt in dieser Art der Bildkomposition?

WC

Das bewusste Einfangen von Details ist ja an sich schon manipulativ, aber noch manipulativer ist natürlich, Details bewusst auszulassen, die ein bestimmtes Bild schwächen oder konterkarieren würden. Manchmal kommt es vor, dass ich einen Kirchturm oder die Nachbarhäuser bewusst ausklammere. Bei den meisten Fotos handelt es sich um Detailaufnahmen, um kleine Fragmente des großen Ganzen, die oft aus dem räumlichen Kontext gerissen werden, um das Illusionsbild ja nicht zu schwächen. Ein kleiner Schwenk der Kamera würde reichen, um dieses Illusionsbild zu verändern. In der Knödelhüttenstraße in Hütteldorf beispielsweise habe ich La Motte in der Bretagne fotografiert. Blickt man ein paar Millimeter weiter, hat sich das Bild schon gewandelt, und man ist ganz woanders, vielleicht in Wales, vielleicht in Schottland.

AS

Ich habe darüber nachgedacht, ob das ein touristischer Blick ist, den Sie annehmen – dieser Fokus auf einen Ausschnitt als Bestätigung der Vermutung. Andererseits: Die Vermutung ist ja gespeist durch einen breiten Blickwinkel auf die Welt, und ihre Bestätigung gelingt nur durch ein offenes Auge. Inwiefern haben Sie beim Fotografieren gewohnte Blickmuster ablegen müssen, um einen neuen, frischen Blick auf die altbekannte Stadt zu gewinnen?

WC

Der touristische Blick bedeutet für mich, das abzufotografieren, was ich eh schon kenne, um die Bestätigung und Bestärkung einer vermuteten Gewissheit einzuholen. In den Almost-Fotos ist das meistens nicht der Fall. Ganz im Gegenteil! Ich fahre mit einem offenen, neugierigen Blick durch Wien und bemühe mich, alle Bilder, Schablonen und visuellen Vorurteile abzulegen. Stattdessen gleiche ich das Gesehene – quasi in Echtzeit – mit meinem mentalen Archiv ab, also mit dem, was ich schon irgendwo anders auf der Welt glaube, gesehen zu haben, in Frankfurt, in Isfahan, in den New Territories in Hongkong.

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AS

Von wie vielen Städten von Vorbildern sprechen wir?

WC

Schwer zu sagen.
Ich war bislang in etwas mehr als 70 Ländern. Ich denke, da werden schon an die 300, 400 Städte zusammenkommen. Gerade bei Wiener Sehenswürdigkeiten und Straßen und Plätzen, wo man schon tausendmal war, ist es sehr anstrengend, nicht das zu sehen, was man immer schon gesehen hat. Gleichzeitig ist diese Disziplin und die unentwegte Suche nach dem Fremden im Bekannten auch sehr lustvoll.

AS

Ist das auch der Grund, warum in Ihrer Serie nie eine Hausnummer oder die konkrete Bezeichnung eines Gebäudes zu finden ist?

WC

Ja. Die Adressangaben konzentrieren sich auf Straße und Bezirk.
Es ist ein Unterschied, ob ich den Blick auf die Pensionsversicherungsanstalt richte, um ein Beispiel zu nennen, oder auf ein neu zu betrachtendes Gebäude am Handelskai.

AS

Lassen sich aus solchen Blicken auf die Stadt, die bewusst das Untypische beziehungsweise das für Fremdorte Typische suchen, Erkenntnisse über die Stadt, über ihre Baugeschichte, über ihre Bewohnerinnen gewinnen?

WC

Oh ja! Bis jetzt hatte ich immer gedacht, ich kenne Wien schon sehr gut.
Ich bin seit meinem vierten Lebensjahr Wiener, gehe aufmerksam durch die Stadt, beobachte, habe eine visuelle, atmosphärische Sensibilität für Menschen, Orte, Häuser. Und dennoch war ich auf meinen Spazierfahrten ehrfürchtig und überrascht ob der Schönheit und ob des geographischen und baukulturellen Reichtums in dieser Stadt. Ich war überrascht zu sehen, wie sehr Architektur und das Bauen, das Errichten von Gebäuden, das Gestalten von Straßen und Plätzen früher offenbar eine ästhetische und gesamtgesellschaftliche Aufgabe war – und wie wenig das heute der Fall ist.

AS

Das hat wohl auch die Gewichtung zur Folge, dass historische Bauwerke oder historisch gewachsene Ecken eher Eingang finden als im letzten Jahrzehnt entstandene Architekturen. Sind Letztere international austauschbar und weniger lokalspezifisch?

WC

Das würde ich auf jeden Fall so sehen, würde den Zeitraum aber weiter fassen als die letzten zehn Jahre. Bei Bauten nach dem Zweiten Weltkrieg ist der Genius Loci definitiv weniger greifbar, die Assoziationen sind schwerer herzustellen. Die Almost-Serie hat mir vor allem auch gezeigt, wie sehr wir heutzutage ein normatives Programm absolvieren, nämlich Häuser bauen, Flächen schaffen, Volumen errichten, während in der Vergangenheit Bauherren und Architektinnen eine kulturelle, gesellschaftliche Verantwortung wahrgenommen haben. Wo Schönheit ist, wo viele Details sind, da kann ich auch referenziell viel erkennen und hineindeuten. Im Kopf herumreisen! Wenn die poetischen Details fehlen, gibt auch die Fassade weniger Gedankenstoff her. Mehr Gedankenstoff hingegen macht auch mehr Freude und Lebensqualität.

AS

Ist Almost letztendlich eine Reise im Kopf?

WC

Und wie!
Und es ist die Einladung, das Gewohnte und Naheliegende neu zu sehen und eine neue Form von Schönheit und Exotik zu entdecken, vor allem jetzt, in diesen eigenartigen Monaten.

Die Ausstellung „Almost. Wiener Weltreisen 1873/2020“ ist ab sofort am Bauzaun am Karlsplatz zu sehen.

Buchtipp:

„Almost. 100 Städte in Wien“ ist in der Edition Korrespondenzen erschienen. Aus diesem Buch stammt auch das hier publizierte Interview.

Anna Soucek hat Kunstgeschichte studiert und das „forum experimentelle architektur“ mitbegründet. Beim ORF-Kultursender Ö1 gestaltet sie seit 2004 Radiobeiträge über Radiokunst, Architektur, Stadtforschung und Gegenwartskunst. 

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Kommentare

Redaktion

Lieber Herr Reiter, vielen Dank für Ihr positives Feedback und auch für die Anregungen. Das mit den Adressen werden wir gerne an Wojciech Czaja weitergeben. Das Buch ist bei uns deshalb nicht verfügbar, weil es sich nicht um eine Begleitpublikation im engeren Sinne handelt (wir haben auch keine Museumsauflage davon). Beste Grüße und danke nochmals, Peter Stuiber (Wien Museum Magazin)

Reiter Alfred

Die Idee in Wiener Ansichten immer wieder die Architektur oder Atmosphäre anderer Orte dieser Welt zu erblicken, hat zu einer originellen Ausstellung geführt. Manche Wiener Häuser oder Stadtszenarien ähneln in der Tat beblüffend anderen Örtlichkeiten dieser Welt. Die Fotos dieser Exposition auf dem Karlsplatz sind es wert, hinzugehen und sie anzuschauen. Es wäre nützlich, manchmal genauere Adressen der Wiener Pendents anzugeben und nicht nur einen oft recht langen Straßenzug hinzuschreiben ("Favoritenstraße"). Insbesondere bei Innenansichten von Gebäuden sollte das geschehen. Auch sollte man mit Knopfdruck auf Ihrer Website das Buch zu Ausstellung bestellen können. Alles in allem: Sehr sehenswert. Ihr Alfred Reiter