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Redaktion, 13.12.2020

Historisches Stephansdom-Modell

Vom Dachboden des Doms ins Depot des Museums

Ein Highlight für unsere neue Dauerausstellung: Das historische Modell von St. Stephan aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stand bislang am Dachboden des Doms. Im Sommer wurde es in einer spektakulären Aktion abgebaut und ins Depot gebracht.

Der Filmemacher Pavel Cuzuioc hat den Abbau und Abstransport des historischen Stephansdom-Modells für uns begleitet. Die historischen Hintergründe des Modells und die restauratorischen Herausforderungen der Demontage stehen im Mittelpunkt seiner Dokumentation.

Als Kurator ist Sándor Békési für das Modell zuständig. Im folgenden hält er die wichtigsten Fakten zum Modell fest: „Das fünfeinhalb Meter hohe Monumentalmodell ist ein herausragendes Beispiel für die architektonische Modellierkunst des 19. Jahrhunderts. Gebaut wurde es in fast zehnjähriger Arbeit von Carl Schropp (1794-1876), einem „königlichen Hof-Modelleur“ in Bamberg. Schropp stellte seine aufwendigen Modelle meist für adelige, kirchliche oder großbürgerliche AuftraggeberInnen her. Doch das Modell der Metropolitankirche in Wien sollte – nicht nur wegen seiner Größe – der Höhepunkt seines Schaffens werden, das er ohne ersichtlichen Auftrag aus eigenem Antrieb und gleichsam als Altersbeschäftigung anging.

Schropp baute seit 1837 hauptberuflich dekorative historistische Kunstobjekte wie Kronleuchter, Uhrengehäuse, Altäre oder Modelle von Landschaften und Architektur – so auch des Kölner oder Prager Doms. Hierfür entwickelte er eigens einen leicht formbaren und haltbaren Werkstoff. Seine Modelle zeichneten sich durch gestalterisches Können und Detailreichtum aus und trafen den stilistischen Zeitgeschmack um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Dieser sah in der Gotik das besondere Zeichen christlicher Baukunst und des Mittelalters, das sich in Deutschland zudem mit einem erwachenden Nationalbewußtsein verband.

So zeigt auch das Modell von St. Stephan zwei Gesichter: Im Außenbereich hält es den Zustand des Domes nach Mitte des Jahrhunderts weitgehend originalgetreu fest, selbst wenn die stilreine gotische Architektur von allen späteren (also damals als störend empfundenen) Elementen bereinigt wurde und wie aus einem Guß geschaffen erscheint. Im Inneren des Gebäudes hingegen weicht das Modell von der bereits großteils barock geprägten Realität völlig ab und präsentiert eine neue, herbeigewünschte (neo)gotische Inneneinrichtung. Auf diese Weise macht das Modell anschaulich, was mit dem Kirchenraum geschehen wäre, hätten sich die Neugotiker mit ihrem Anliegen nach Stilreinheit in Wien durchgesetzt. Damit folgte Schropp nicht zuletzt der zeitgenössischen Diskussion um die Neu- oder Umgestaltung des Stephansdoms und schuf insgesamt eine Spannung zwischen erstaunlicher Detailgenauigkeit und phantasievoller Abweichung vom Original.

Abbild und Wunschbild

So kann das Modell von St. Stephan nicht bloß als ein Versuch gelten, eine exakte Kopie des Originals hervorzubringen. Vielmehr stellt es eine Kombination von Abbild und Wunschbild dar und ist damit letztlich ein Kunstwerk und Zeitdokument zugleich. Nicht zuletzt ist es ein Zeugnis der romantischen Mittelalter-Begeisterung des 19. Jahrhunderts, aber gewissermaßen auch der zeitgenössischen Unterhaltungskultur und steht im Kontext der Etablierung eines modernen touristischen Blicks auf internationale Sehenswürdigkeiten. Denn eine weitere Besonderheit des Modells wird aufgrund seiner Dimensionen möglich: Es kann nämlich über eine Öffnung im Sockel „betreten“ werden. Dadurch bietet sich für die BetrachterInnen – auf Schulterhöhe mit dem Fußboden der Kirche – eine durchaus illusionistische Perspektive des Innenraums.

Das Modell war schon während seiner Entstehung zur Attraktion geworden, fand jedoch seinen Weg erst 1904 nach Wien. Damals kaufte es der Architekt, Baumeister und Gemeinderat Ludwig Zatzka an und schenkte es anlässlich des 60. Geburtstages von Bürgermeister Karl Lueger den Städtischen Sammlungen. So war es jahrzehntelang in den Ausstellungsräumen des Historischen Museums der Stadt Wien (Vorgänger des Wien Museums) im Waffensaal des Rathauses am Ring öffentlich zu sehen. Die Symbolik und Musterung des Chordaches hat man dem damals aktuellen Stand angepaßt. Ideologisch und symbolisch fügte sich das Modell ideal in seinen neuen Aufstellungsort: Einerseits im Rahmen der Darstellung des mittelalterlich-frühneuzeitlichen Gemeinwesens und Bürgertums im neogotisch geschmückten Rathaus, andererseits erfolgte dies zu einer Zeit als die christlich-soziale Stadtregierung unter Lueger gerade dabei war, Wien zu einer katholischen, „deutschen“ Stadt zu machen.

Einst zu groß fürs Museum

Nach Übersiedlung des Museums auf den Karlsplatz Ende der 1950er Jahre sah man aufgrund der erforderlichen Raumhöhe im Neubau keine Möglichkeit, das Modell adäquat auszustellen oder es in einem Depot langfristig zu lagern. So wurde es schließlich im Jahr 1974 an die Dompfarre St. Stephan abgetreten. Die letzten Jahrzehnte verbrachte es mit wenigen Ausnahmen am Dachboden von St. Stephan selbst – aufgestellt als verkleinerter „Dom im Dom“ und war nur gelegentlich zu besichtigen. Der Umbau des Wien Museums am Karlsplatz machte es nun möglich, das bemerkenswerte Modell wieder in die Sammlung der Stadt aufzunehmen und es – nach einer umfassenden Restaurierung – im Rahmen der neuen Dauerausstellung dem Publikum zugänglich zu machen.“

 

Die Musik im Film stammt von der CD The New Organ at St. Stephen`s. Wir danken dafür herzlich den Rechteinhabern Universal Music und Kontantin Reymaier.

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Kommentare

Redaktion

Liebe Brigitte, vielen Dank für Ihr positives Feedback!! herzliche Grüße, Peter Stuiber (Wien Museum Magazin)

Brigitte

sehr spannend und sehr informativ, recht herzlichen dank! Brigitte

Redaktion

Danke für den Hinweis, Herr Sandwich! Da ist beim Text tatsächlich etwas verloren gegangen - wir haben es bereits korrigiert! Beste Grüße, die Redaktion

John Sandwich

"Schropp baute seit 1837 hauptberuflich dekorative historistische Kunstobjekte wie Kronleuchter, Uhrengehäuse, Altäre oder Landschaften und Architektur – so auch des Kölner oder Prager Doms." - der letzte Satzteil ist etwas ... seltsam/unverständlich/unvollständig/...