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Martin Mosser, 17.3.2020

Archäologische Grabungen in Hernals

Die Antefixe von Vindobona

Im April 2017 kamen bei Grabungen in der Steinergasse 17 in Hernals Überreste der römischen Legionsziegelei zutage. Gefunden wurden dabei nicht nur die in Vindobona häufig auftretenden Ziegelformate, sondern auch eine erstaunliche Anzahl an Fragmenten von sog. Antefixen – dekorativen Stirnziegeln zur Abdeckung des Dachrandes.    

Aus dem Stadtgebiet von Wien kennen wir über 5000 römische Ziegel, die Stempel von diversen Produzenten aufweisen. In der Mehrzahl waren die Hersteller der Baukeramik die in Vindobona stationierten Legionen (ca. 90%), dazu kommen Stempel von Hilfstruppen und private Ziegelproduzenten. Allein von der legio X gemina sind 3200 gestempelte Ziegel aller möglichen Formate bekannt. Hauptsächlich handelt es sich hierbei um Dachziegel (tegulae und imbrices) sowie Wand-, Boden- und Warmluftheizungsziegel (lateres, tubuli). Nachweislich wurde ein Großteil der Produkte in der Legionsziegelei im heutigen Hernals, ca. 3 km westlich des römischen Siedlungszentrums hergestellt, wo auch entsprechende Brennöfen archäologisch dokumentiert wurden.

50 Meter lange Trockenhalle

Bei der Grabung in der Steinergasse in Hernals trat im Jahr 2017 eine Ziegelschuttlage von einem halben Meter Höhe zutage, die nördlich der einstigen Trockenhalle des Ziegeleibetriebes lag. Die Trockenhalle war ca. 50 Meter lang und 14 Meter breit, von einem weiteren römischen Gebäude unbekannter Funktion kamen ebenfalls Reste zum Vorschein. Der etwa 12 Meter breite Bereich der Ziegelschuttlage wurde während des antiken Produktionszeitraumes sowohl als Fahrbahn als auch als Planierfläche für das Abbruchmaterial der Ziegelöfen und der Ausschussware des Ziegeleibetriebs benutzt.

An der Grundstücksgrenze zur Steinergasse hin wurden aber im Zuge der Grabung nicht nur die oben erwähnten römischen Ziegelformate (wie tegulae, imbrices, lateres und tubuli) gefunden, die in Wien oft zutage treten. Überraschenderweise kamen auch zahlreiche Fragmente an Stirnziegeln (Antefixe) zum Vorschein, die sich schließlich zu insgesamt 19 mehr oder weniger vollständigen Exemplaren rekonstruieren ließen. Das ist insofern erstaunlich, als bis zum Jahr 2017 gerade einmal 18 Stirnziegel aus dem Raum Vindobona bekannt waren.

Antefixe als Schutz des Dachrandes

Nach der Definition von Otto Puchstein aus dem Jahr 1894 sind Antefixe „mit Figuren oder Ornamenten verzierte Platten aus gebranntem Thon, die bei einer in Italien und Sicilien üblichen Bauweise unter der Traufe angebracht, dazu bestimmt waren, den hölzernen Dachrand zu schützen; sie wurden in Sicilien und Grossgriechenland in älterer Zeit auch bei einem aus Stein hergestellten Dachrand beibehalten. Ferner heißen bei Liv. XXVI 23 [Geschichtswerk des Titus Livius] auch die mit Figuren verzierten Stirnziegel so und XXXIV 4 scheint unter Antefixe der gesamte thönerne Schmuck italischer Tempel verstanden zu werden.“ Nach Plinius dem Älteren wurden Antefixe bereits im 7. Jahrhundert v. Chr. in Korinth vom Vasenerzeuger Boutades aus Sikyon erfunden. Es handelte sich bei diesen Stirnziegeln also um Abdeckungen am Dachrand von Gebäuden für die unterste Reihe der imbrices (Deckziegel am Dach).

Aufgrund der nicht allzu hohen Anzahl an aufgefundenen Antefixen wird vermutet, dass Antefixe nicht durchgehend, sondern in größeren Abständen an den Dächern angebracht waren oder dass sie überhaupt nur als Firstziegel dienten. Vielleicht ist auch an eine Verwendung von Antefixen vorwiegend an öffentlichen bzw. repräsentativen Gebäuden im Vergleich zu privaten Wohnhäusern zu denken. Weiters sind Antefixe auf Grabbauten, also auch auf den oft recht monumentalen Grabhäuschen römischer Friedhöfe, im gallischen Raum zu finden.

Seriell produzierte Massenprodukte

Antefixe waren Massenprodukte, die in Holz- oder Tonmodeln seriell produziert wurden. Dies beweist etwa auch der in der Legionsziegelei von Vindobona am häufigsten aufgefundene Stirnziegeltyp mit dem sich immer gleich abzeichnenden durchlaufenden Riss im Model, der auch an Antefixen desselben Typs von anderen Fundstellen erkennbar ist. In eine einteilige Tonform wurde der Ton hineingestrichen und nach dem Trocknen herausgestülpt. Nach Gabriele Wesch-Klein folgt hinter der Kopfplatte entweder ein kurzer Fortsatz, über den der imbrex geschoben wurde, oder die Kopfplatte wurde direkt am imbrex befestigt. Ein nur kurzer Fortsatz konnte an den Exemplaren von Vindobona nicht explizit festgestellt werden, dagegen ist mehrfach erkennbar, dass der Stirnziegel mit dem imbrex noch im weichen Zustand vor dem Brand zusammengesetzt wurde.

Aufschlussreiche Ausschussware

Im Fall der aus der Schuttschicht in der Steinergasse stammenden Antefixe dürfte es sich um Ausschussware gehandelt haben, bei der sich wohl in vielen Fällen der imbrex während des Brennvorganges oder beim Transport vom Antefix gelöst hatte. Denn wie sich aus den vielen Antefixen mit nur noch als Abdruck feststellbarem Imbrex-Ansatz erschließen lässt, ist diese Verbindung eine Schwachstelle, die nur allzu leicht brechen konnte. Eine Bemalung an den Wiener Antefixen ist zwar bisher nicht aufgetreten, allerdings sind Farbspuren, zum Beispiel bei Exemplaren aus Hundsheim bei Carnuntum in Form einer Gesichtsdarstellung mit schwarz bemalten Haaren und blauen Augen, nachgewiesen. Auch Stucküberzug kommt an einigen Exemplaren vor, darunter auch an Wiener Antefixen.

Die ältesten bekannten griechischen Stirnziegel waren im 7. Jahrhundert v. Chr. sogenannte Kopfantefixe. Deren Motive gelangten über Großgriechenland zunächst nach Kampanien. Bei den Darstellungen handelte es sich um Gorgoneia (der Unheil abwehrende Kopf der Medusa), Silen- und Mänadenköpfe und später auch um Götterbilder (z. B. Herakles, Sol mit Strahlenkranz etc.) und Masken. Nach Gabriele Wesch-Klein können in den römischen Provinzen die Motive grob in florale (v. a. Palmettenverzierungen), in porträtähnliche/maskenartige sowie in Tierabbildungen (z. B. Wappentiere der Legionen, Pferde, Delphine etc.) eingeteilt werden. Wolf Mazakarini unterscheidet für den österreichischen Raum ebenfalls drei Haupttypen: Theatermasken, Medusenhäupter und Palmettenverzierungen.

In Vindobona können insgesamt vier Hauptmotive auf den Stirnziegeln unterschieden werden: Legionsadler, Löwe, Tragische Masken und Gorgoneion. Die tragischen Masken sind mit bis zu 34 der insgesamt 41 bekannten Exemplare am häufigsten vertreten, der Adler ist fünfmal dokumentiert, das Löwenmotiv und das Gorgoneion existieren hingegen nur jeweils als Einzelstücke. Palmettenverzierungen und Götterdarstellungen sind im Raum Vindobona bislang überhaupt nicht nachweisbar. Alle Motive auf Antefixen sind als Dekorationselemente am Dach zu verstehen, die im weitesten Sinne auch vor bösen Geistern und Dämonen schützen sollten, ohne dass hieraus allerdings auf besondere religiöse Vorstellungen der Bewohner geschlossen werden sollte.

Dieser Text ist die gekürzte Fassung des ausführlichen Grabungsberichts im Band „Fundort Wien“ (Berichte zur Archäologie 22/2019), herausgegeben von der Stadtarchäologie Wien.

Martin Mosser, Archäologe, Grabungsleiter bei den Museen der Stadt Wien - Stadtarchäologie, wissenschaftliche Aufarbeitung von Grabungen mit Schwerpunkt römisches Wien.

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