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Bernhard Hachleitner und Peter Stuiber, 21.10.2019

Das Praterstadion nach 1933

Wieviel Stadion braucht die Stadt?

Den Austrofaschisten und den Nationalsozialisten war das Praterstadion zu wenig hierarchisch, doch erst nach 1945 wurde es massiv umgebaut. Diskussionen, welche Art von Stadion für die Stadt adäquat wäre, gab es seitdem immer wieder – und halten bis heute an. Teil zwei des Interviews mit dem Historiker Bernhard Hachleitner.

Peter Stuiber:

Das Praterstadion war ein Großprojekt im Roten Wien, doch nicht so stark mit der Sozialdemokratie assoziiert wie andere. Wie ging es ab 1933 mit dem Stadion weiter?

Bernhard Hachleitner:

Nach der Ausschaltung des Parlaments wurde das Stadion noch kurze Zeit zum Rückzugsort der Sozialdemokraten, die am 1. Mai 1933 nicht mehr am Rathausplatz aufmarschieren durften. Doch das waren nur mehr punktuelle Ereignisse. Bundeskanzler Dollfuß hatte sich schon 1931/32 gerne mit dem Wunderteam gezeigt und er nutzte das Stadion dann auch später: Am 1. Mai 1934 fand anlässlich der neuen Verfassung eine groß inszenierte „Kinderhuldigung“ für den Diktator statt. Da die Architektur des Stadions ursprünglich ja sehr unhierarchisch war, gab es im Austrofaschismus sehr bald Pläne, dies zu ändern. Man wollte eine Ehrenhalle und eine stärker akzentuierte Ehrentribüne. Nur ein kleiner Teil davon wurde umgesetzt.

Im Nationalsozialismus ging die Diskussion gleich weiter. Mit Flaggen und Eichenlaub wurde versucht, die Ehrentribüne hervorzuheben. Und der Stadionarchitekt Otto Ernst Schweizer wurde 1941 beauftragt, eine Rampe zur Ehrentribüne zu entwerfen, die mit Autos zu befahren gewesen wäre. Das hierarchielose Gebilde passte nicht gut zu den Repräsentationsvorstellungen des Nationalsozialismus.

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Davor gab es aber noch das schwärzeste Kapitel in der Geschichte des Stadions…

BH

Im September 1939 wurden im Stadion etwa 1000 jüdische Männer und Jugendliche interniert. Diese „staatenlosen“ Juden stammten meist aus Galizien. An ihnen wurden anthropologische Messungen von Seiten des Naturhistorischen Museums durchgeführt, ehe sie nach Buchenwald deportiert wurden, wo fast alle umkamen. Da stellt sich natürlich die Frage: Wer wusste damals davon? Wer hat davon etwas mitgekriegt? Ein bevorstehendes Fußballspiel war jedenfalls der Grund, warum sie sehr schnell deportiert wurden.

Übrigens bieten sich Stadien tatsächlich an, Menschen gefangen zu halten: Sie sind leer, meist relativ zentral und haben die „passende“ Infrastruktur. Auch der chilenische Diktator Pinochet etwa hat unmittelbar nach seinem Putsch politische Gefangene in einem Stadion internieren lassen. Insgesamt hat das Praterstadion bei den Nazis einen Bedeutungsverlust erlitten. Es war ein Stadion in einer großen „Provinzstadt“. Es gab nur einzelne Länderspiele der deutschen Nationalmannschaft, das übliche Programm der Wiener Fußballvereine und hie und da Konzerte, etwa für „Kraft durch Freude“ oder andere NS-Organisationen.

PS

Und nach 1945?

BH

Im Dezember 1945 fand ein Länderspiel Frankreich gegen Österreich statt, das war ein massives politisches Statement, ein Element des Nation Buildings. Die Teile, die von Bomben beschädigt waren, hatte man mit Stacheldraht abgesperrt. In den Folgejahren wurde der Aspekt der Hierarchisierung wieder aktuell: Man wollte einen repräsentativen Haupteingang, eine Ehrentribüne etc., treibende Kräfte waren nun der Österreichische Fußballbund und der ORF. Das zeigt eine allgemein beobachtbare Verschiebung der Kontrolle über den Raum, weg vom Staat, in diesem Fall hin zu Medienunternehmen und Sportverbänden.

Nach dem Ausbau Ende der 50er Jahre gab es 90.000 Plätze, fast ausschließlich Stehplätze. Bei den Matches gegen Spanien und gegen die UDSSR war das Stadion tatsächlich voll. Ende der 60er Jahre wurde dann auf 72.000 Plätze verkleinert. Danach verfiel das Stadion immer mehr, es brachen sogar Teile ab, trotzdem spielten die Rolling Stones 1982 noch ein Konzert. Die ÖVP hat damals den Abriss gefordert, die FPÖ interessanterweise aus historischen Gründen den Erhalt.

PS

Wieviel vom Stadion ist eigentlich noch historisch?

BH

Die ältesten Teile, die heute noch stehen, sind aus den 50er Jahren. Man hat den 1. und den 2. Rang komplett neu errichtet. Dann in den 80er Jahren wurde das Dach gebaut, was auch mit der Krise der Verstaatlichten Industrie zu tun hatte. Denn eigentlich war nur eine Überdachung der Längsseite geplant. Doch die VOEST hatte ein Patent entwickelt und die gesamte Überdachung zum angeblich gleichen Preis angeboten. Tatsächlich ist das Dach eine geniale Konstruktion und war damals noch keinesfalls selbstverständlich. Kein Wunder, dass danach viele Europacup-Endspiele dort ausgetragen wurden, es war plötzlich ein sehr modernes Stadion, auch was die Sicherheitsmaßnahmen betrifft.

PS

Die heute oft kritisierte Distanz aufgrund der Laufbahn war kein Thema?

BH

In der Diskussion spielte das keine Rolle. Vor dem Umbau in dem 80erJahren hielt man das Stadion einfach für veraltet. Es hatte nicht mehr die Eleganz, weil die ursprüngliche Glasfassade fehlte, es wirkte „ostblockmäßig“. Außerdem war es viel zu groß angesichts der schwachen Zuschauerzahlen. Doch nach dem Umbau waren alle wieder zufrieden.

PS

Bis zur Europameisterschaft 2008…

BH

Auch vor der EM war die Diskussion eigentlich nicht sehr intensiv, weil die Stadt Wien klargemacht hat, dass sie kein neues Stadion bauen wird.  Wenn das Stadion in Klagenfurt nicht gebaut worden wäre, wäre es vielleicht anders gewesen. Doch kein Politiker außer Jörg Haider wollte damals wirklich ein neues Stadion, und Haider wollte es nicht in Wien.

Bei der EM hat man dann auch die Leerräume zwischen Zuschauer und Spielfeld geschickt mit Werbebannern kaschiert, und es gab temporäre Tribünen. Doch beim Corner sah man im Fernsehen keine Zuschauer. Es ist erstaunlich, dass es nicht mehr Diskussionen gab. Als Fußballfan sitzt man schon sehr weit weg vom Spielfeld. Es gibt in der Literatur zum Stadionbau Sehdistanzen, die nicht überschritten werden sollten, zum Mittelkreis sollten es nicht mehr als 100 Meter sein. Der dritte Rang im Praterstadion fällt da komplett raus.

PS

Was ist Deine persönliche Meinung als Experte zum Thema Denkmalschutz versus Neubau?

BH

Wien hat das Problem, dass es eine große Stadt in einem kleinen Land ist, in Zürich erwartet man kein Stadion für 70.000 Leute. Nur die wenigsten Spiele im Praterstadion sind ausverkauft, internationale Endspiele finden gar nicht mehr statt. Es ist gewissermaßen ein Dilemma. Ich kann verstehen, dass die Stadt keinen Neubau will, denn die Kosten wären enorm, für zwei bis drei Fußballspiele pro Jahr, die mehr als 30.000 Zuschauer anziehen. Für Denkmalschutz bin ich kein Experte, finde die Frage auch schwierig. Denn was ist – außer dem Dach – tatsächlich schützenswert, wenn nichts davon aus den 30er Jahren stammt?

Die grundsätzliche Frage lautet jedenfalls: Wie geht man mit so großen Betonbauten aus dem 20. Jahrhundert um, die ihre Funktion weitgehend verloren haben – und anders als ältere Gebäude keine eigentliche Fassade haben. Solange man es bespielen kann, ist es angemessen. Aber etwa das Stadion herumstehen zu lassen als funktionslose Hülle, da wäre ich mir nicht sicher, obwohl seine historische Bedeutung schon beeindruckend ist. Auch das Kolosseum wurde immer wieder als Steinbruch verwendet und wird erst seit dem 18. Jahrhundert als erhaltenswert betrachtet. So lange „überlebt“ das Betonskelett des Stadions definitiv nicht …

Bernhard Hachleitner, Historiker und Kurator. Hat seine Dissertation zum Wiener Praterstadion verfasst. Zahlreiche Publikationen und Ausstellungen zu Wiener Populärkulturen, insbesondere Sport. Zuletzt: Die Wiener Austria im Nationalsozialismus. Wien/Köln/Weimar 2019 (mit Matthias Marschik/Rudolf Müllner und Johann Skocek); Victor Th. Slama: Plakate Ausstellungen Masseninszenierungen. Wien 2019 (Hg. mit Julia König).

Peter Stuiber, Studium der Geschichte und Germanistik in Wien und Paris. Arbeitete als Journalist (u.a. bei der „Presse“), seit 2005 im Wien Museum, bis 2018 als Pressesprecher und im Bereich Marketing. Kuratierte einige Ausstellungen und publizierte Bücher zur österreichischen Design- und Kulturgeschichte. Seit 2019 Leiter der Abteilung Publikationen und Digitales Museum, redaktionsverantwortlich für Wien Museum Magazin.

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