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Anna Jungmayr, 18.11.2021

Das Wiener Findelhaus zwischen Anspruch und Realität

Idealisierte Bilder einer Fürsorgeeinrichtung

Ab 1784 bot das Wiener Findelhaus ledigen, ungewollt schwangeren Frauen eine Möglichkeit, um mit ihrer Situation umzugehen: Bis zur Schließung im Jahr 1910 übergaben mehr als 700.000 Frauen ihre Neugeborenen der Anstalt. Eine Druckgrafik des Vedutenmalers Gustav Zafaurek zeichnet ein idealisiertes Bild von der Institution. Dabei war sie aus unterschiedlichen Gründen umstritten.

Mit der Gründung des Findelhauses als Teil des Allgemeinen Krankenhauses verfolgte der aufgeklärte Herrscher Joseph II. (reg. 1765-1790) vorrangig zwei Ziele: Das Verhindern von Kindsmorden und das Schaffen eines bevölkerungspolitischen Instruments, um dem Staat Arbeiter*innen und Soldaten sicherzustellen. Vor dem Hintergrund von Heiratsverboten und der Bestrafung außerehelichen Sexualverhaltens sowie jeglicher selbstbestimmten Geburtenregelung (etwa durch Verhütung oder Schwangerschaftsabbrüche), wurde mit dem Gebär- und Findelhaus eine Einrichtung geschaffen, die die Fürsorge unehelich geborener Kinder übernahm. Ihre Mütter blieben ungestraft und nach außen einigermaßen anonym. Vor allem für unselbstständige Arbeiterinnen ohne eigenen Hausstand wurde das Findelhaus zu einer wichtigen Fürsorgeeinrichtung, und immer mehr ledige Frauen zogen nach Wien, um zu arbeiten. Zwischen 1848 und 1868 entsprachen Findelkinder einem Drittel aller in Wien geborenen Kinder.

Das Ziel der Bevölkerungsvermehrung wurde hingegen nicht erreicht. Die Sterblichkeitsrate bei Kindern und Säuglingen, die von der Anstalt versorgt wurden, war exorbitant hoch und lag von 1784 bis 1813 bei 95%. Die Gründe waren vor allem Mangel- und Fehlernährung. Kritiker*innen der Institution behaupteten zudem, dass Findelhäuser zur Verbreitung „unerlaubten“ Sexualverhaltens beitragen würden, wie es ein Zitat des deutschen Historikers August Ludwig Schölzer (1753-1809) auf den Punkt bringt: „Die abscheulichste Seite eines solchen Hauses ist sein sehr verderblicher Einfluß auf die Sittlichkeit des Volks.“

Befürworter*innen hoben hingegen den fürsorglich-karitativen Charakter der Anstalt hervor. Dieser wird auch in der Bildfolge Wiener Bilder: Aus der Niederösterreichischen Landes-Findelanstalt des Wiener Vedutenmalers Gustav Zafaurek (1841-1908) betont. Die 1886 in der Illustrirten Zeitung veröffentliche Druckgrafik präsentiert ein Idealbild einer reibungslos funktionierenden Fürsorgeeinrichtung. Zwölf zusammenhängende – jeweils mit Bildtitel versehene – Einzelbilder erzählen die unwahrscheinliche Erfolgsgeschichte eines auf der Straße gefundenen Kindes: Von seiner Abgabe in der Anstalt und der dortigen Versorgung, der liebevollen Übernahme durch Pflegeeltern, bis zu seiner Rückkehr zu den biologischen Eltern. Durch eine historische Kontextualisierung lassen sich der informative Gehalt über die Funktionsweise der Fürsorgeeinrichtung von erfundenen oder lückenhaften Elementen dieser Darstellung unterscheiden.

Einleitend wird Joseph II. in einem schmuckhaften Emblem als Gründer des Findelhauses geehrt. Vorgängerinstitutionen oder europäische Vergleichsbeispiele werden keine genannt. Im zweiten Bild ist eine Außenansicht des Findelhauses dargestellt, welches ab 1788 in einem zweistöckigen Klosterbau in der Alser Straße 23 untergebracht war.

Durch das Einfahrtstor fährt eine Kutsche. Ob sich darin Findelkinder und deren Mütter befinden, die sich der Institution als Amme zur Verfügung stellen mussten, bleibt für Betrachter*innen offen. Das nächste, als „Ein Findling“ betitelte Bild suggeriert jedoch eine Fehlinterpretation: Anders als hier nahegelegt handelte es sich bei Findelkindern äußerst selten um weggelegte, sondern in der großen Mehrheit um abgegebene Kinder. Sofern Frauen für die Kindesabgabe im Findelhaus nicht zahlen konnten – und das konnten die wenigsten –, mussten sie als Gegenleistung ihre Kinder im Wiener Gebärhaus zur Welt bringen und sich dort als „Unterrichtsmaterial“ für gynäkologische Untersuchungen zur Verfügung stellen.

Die zentrale Aufgabe des Findelhauses lag in der Verwaltung jener Kinder, welche vom Gebärhaus gebracht wurden und in weiterer Folge binnen weniger Tage an Pflegeparteien vermittelt werden sollten. In Zafaureks Bildfolge bildet der klar strukturierte Ablauf der Kindesübergabe den Hauptinhalt:

Im Findelhaus angekommen, wurden diverse biografische Angaben der Findelkinder sowie ihrer Mütter in Aufnahmebüchern (Findelhausprotokolle) vermerkt. Jedes Kind erhielt eine Laufnummer, um von nun an identifiziert werden zu können. Diese fand sich nicht nur auf dem Armband eines jeden Findelkinds wieder (Szene „Anlegung der Armbandnummer“), sondern auch auf ihren Ausweisen, den sogenannten „Kindes-Zeichen“. Ihre Mütter bekamen als Gegenstück den sogenannten „Empfangsschein“, mit dem sie zu ihrem Kind zugeordnet wurden, sollten sie es besuchen, oder zurückzunehmen wollen. Jüdischen Müttern blieb diese Möglichkeit aus antisemitischen Gründen allerdings verwehrt.

Nachdem sie registriert waren, wurden die Säuglinge medizinisch untersucht und versorgt. So wird etwa die für Findelkinder verpflichtende Impfung gegen die „Blattern“ (Pocken) dargestellt. Das 1802 dem Findelhaus angeschlossene „Schutzpockenhauptinstitut“ sollte den grassierenden Pockenepidemien durch eine kostenlose Impfmöglichkeit Einhalt gebieten. Es ist prinzipiell auch richtig, dass die Säuglinge während ihrer Zeit im Haus von Ammen gestillt wurden. Indem diese im Bild „Ammenwahl am Institut“ jedoch lächelnd dargestellt werden, wird der Ammendienst als anzustrebende und angenehme Tätigkeit vermittelt. Tatsächlich handelte es sich dabei um ein schlecht bezahltes Zwangsverhältnis: Als eine weitere Gegenleistung für die Gratisaufnahme ihres Kindes im Findelhaus verpflichteten sich Frauen zur „Ammenwahl“, und damit zu einem potentiellen, drei- bis viermonatigen Ammendienst in der Anstalt.

Ebenfalls ausgespart bleiben mangelnde Hygiene, Krankheiten, Raumnot, Auseinandersetzungen zwischen Wärterinnen und Ammen sowie ein grober Umgang mit den Säuglingen – Aspekte, die in schriftlichen Zeugnissen häufig als charakteristisch für den Alltag im Findelhaus genannt wurden, etwa in einer Flugschrift aus dem Revolutionsjahr 1848. Der anonyme Autor, grundsätzlich ein Befürworter der Findelanstalt, kritisierte darin Missstände in derselben: „Die Grobheit mancher Beamten, und durchgehends jene der Wärterinnen aber, ist nur zu bekannt, als daß man ohne Tadel darüber sprechen könnte.“

Ein Thema bei Zafaurek, welches sich auch in vielen anderen zeitgenössischen Quellen wiederfindet, ist das große Interesse von Pflegefrauen an Findelkindern. In der Szene „Übergabe an die Pflegemutter“ wartet ein Dutzend Frauen auf den Erhalt eines Säuglings.  Auch im Bild „Abreise der Pflegemütter“ wird diese Praxis als Massenphänomen dargestellt. Im Jahr 1880 wurde der Höchststand an Kindern, die durch die Findelanstalt versorgt wurden, erreicht. Durchschnittlich gab es in diesem Jahr einen Bedarf an 26 Pflegefrauen pro Tag. In der Szene „Ermahnung zur sittlichen Erziehung“ wird zudem die katholische Prägung der Anstalt thematisiert. So war etwa in der Gründungsschrift des Allgemeinen Krankenhauses angedacht, dass Findelkinder vor allem aus christlicher Nächstenliebe in Pflege genommen werden sollten: „Dem Pfarrer jeder Gemeinde wird es zustehen, den Weibern des Landvolks die Verdienstlichkeiten eines Gott so gefälligen und christlichen Werks, als die Pflege dieser Unmündigen ist, von Zeit zu Zeit vorzustellen, und die durch seine Ermahnung zur Aufnahme und zur mütterlichen Liebe gegen dieselben noch mehr zu bewegen.“

Der Realität entsprach diese Intention keineswegs: Findelkinder waren vor allem eine Einnahmequelle für die ländliche Unterschicht, da sie den Pflegeeltern „Kostgeld“ einbrachten. Sofern sie ihre ersten Monate und Jahre überlebten, war ihr Alltag meist von Diskriminierung und Ausbeutung als Arbeitskraft geprägt.

Die letzte Szene, „Rückgabe an die Eltern“, wirkt vor diesem Hintergrund fast zynisch. Sie beschreibt ein Happy End der Familienzusammenführung, und zeichnet damit ein besonders verzerrtes Bild der Realität der meisten Findelkinder. Von ihren Vätern fehlte meist jede Spur. Ihre Mütter vermochten es nur in den seltensten Fällen, sie zurückzunehmen.

Insgesamt erzählt Zafaureks Bildfolge viel von einer romantisierenden Vorstellung über das Findelhaus, hingegen wenig vom Alltag seiner Nutzerinnen und der Findelkinder. Die Illustration ist somit ein Musterbeispiel dafür, dass historische Quellen nicht für sich alleine sprechen, sondern immer einer kritischen Kontextualisierung bedürfen.

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Ein Exemplar von Gustav Zafaureks Illustration ist noch bis 31. März 2022 in der Ausstellung »… Vor Schand und Noth gerettet«?! Findelhaus, Gebäranstalt und die Matriken der Alser Vorstadt im Bezirksmuseum Josefstadt zu sehen. Eine Begleitpublikation wird am 24. November 2021 präsentiert und ist um 25€ im Bezirksmuseum Josefstadt (Schmidgasse 8, 1080 Wien) oder via Bestellung per Mail erhältlich.

Die Autorin dankt Verena Pawlowsky für die wissenschaftliche Beratung bei der Ausstellung und Alina Strmljan für das konstruktive Feedback zum Beitrag.

Weiterführende Literatur:

Verena Pawlowsky, Mutter ledig – Vater Staat. Das Gebär- und Findelhaus in Wien 1784–1910 (Innsbruck-Wien-München 2001, Nachdruck 2015).

 [Joseph von Quarin], Nachricht an das Publikum, über die Einrichtung des Hauptspitals in Wien. Bei dessen Eröffnung von der Oberdirektion herausgegeben (Wien 1784).

Anna Jungmayr, Studium der Kultur- und Sozialanthropologie und Geschichte, seit 2020 Curatorial Fellow an der Stabstelle Bezirksmuseen im Wien Museum, Kuratorin der Ausstellung »… Vor Schand und Noth gerettet«?! Findelhaus, Gebäranstalt und die Matriken der Alser Vorstadt im Bezirksmuseum Josefstadt.

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