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Amar Priganica, 3.5.2024

Die Riesenorgel im Stephansdom

12.000 Pfeifen, 130 Register: 1 Instrument

Die Riesenorgel von St. Stephan wurde beim Brand im April 1945 zerstört. In den 1950er Jahren erfolgte ein Wiederaufbau, infolgedessen das Instrument allerdings lange Zeit gering geschätzt wurde. Mit der neuerlichen Restaurierung und Einweihung im Jahr 2020 begann allerdings eine neue Ära. 

In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs kam es zu einem Ereignis, das sich tief ins kollektive Gedächtnis der Stadt eingeschrieben hat: Die umliegenden Häuserbrände am Stephansplatz griffen am 11. April 1945, vermutlich durch Plünderer entfacht, auf den hölzernen Dachstuhl des Doms zu St. Stephan über.

Als das Wahrzeichen Wiens brannte, hallte neben dem Knarren und Krachen der einst prächtigen Strukturen ein infernalischer Bläserklang durch die Luft. Ein ohrenbetäubend lauter und dissonanter Klang, der die Verzweiflung der Menschen widerzuspiegeln schien. Zeitzeugen überliefern das schreckliche Heulen der Riesenorgel, die durch die brennenden Dämpfe und Rauchschwaden des Feuers einen letzten Aufschrei von sich gab. Das prächtige Instrument, im Jahr 1886 von Eberhard Friedrich Walcker erbaut, wurde nahezu vollständig zerstört.

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Der Wiederaufbau des Stephansdoms begann inmitten des Chaos der Nachkriegszeit. Nur elf Jahre nach dem Brand, im Jahr 1956, war der Dom fertiggestellt. Dies ist doppelt bemerkenswert: Erstens waren die damaligen technischen Möglichkeiten begrenzter als heute, wo der Wiederaufbau von Notre-Dame in Paris gerade einmal halb so lange dauerte. Und zweitens könnte man annehmen, dass es generell zunächst Wichtigeres zu erledigen gab als den Wiederaufbau einer Kirche. Doch für das österreichische Nationalsymbol spendeten viele Menschen.

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Mit dem vollendeten Wiederaufbau konnte dann auch die vollständige Wiedererrichtung der Riesenorgel angegangen werden. Im Jahr 1960, nach einem vierjährigen und fordernden Prozess, war die neue Kauffmann-Orgel fertiggestellt, benannt nach dessen Erbauer Johann M. Kauffmann, dem Spross einer großen Orgelbauer-Dynastie. Jedoch erwies sich das Instrument auf mehreren Ebenen als unzureichend. Erstens wurde nun das damals völlig neue Raumkonzept des Doms, wie wir ihn heute kennen, erdacht: Die Raumschale wurde zwar so originalgetreu wie möglich wiedererrichtet, doch sollte der Dom nun ein großer und offener Raum für eine Liturgie und eine Gemeinde sein. Die alte Aufteilung, die Klassenunterschiede in Stein manifestierte – vorne der Adel, hinten das Volk – war ein unzeitgemäßes Relikt aus dem Mittelalter gewesen. Für die neue Domorgel auf der Westempore bedeutete das: Ihr Klang konnte sich nun in dem erstmals freigelegten Innenraum sehr leicht verlieren.

Hinzu kommt die ohnehin schwierige Akustik des Doms, welche durch die Entscheidung am Ende des 19. Jahrhunderts, den Verputz von den Wänden zu entfernen, noch weiter verschärft wurde: Der verputzte Innenraum hatte offenbar dem Gefühl der Romantik nicht mehr entsprochen. Übrig blieb der schöne Sandstein, der jedoch aufgrund seiner offenporigen Beschaffenheit ein regelrechter Schallschlucker ist. Dann wiederum wurde ein Großteil der Pfeifen vom Orgelbauer hinter einem anderthalb Meter breiten, gotischen Schwibbogen positioniert, welcher im 15. Jahrhundert eingezogen wurde, um die sogenannten „Heidentürme“ zu stabilisieren. Kurzum: Das selbstbewusst und ambitioniert konzipierte Instrument ließ zwar die Steine erbeben, war jedoch nicht in der Lage, den monumentalen Raum mit Klang zu füllen.

Das weitere Schicksal der Kauffmann-Orgel ist von Gerüchten, Vermutungen, Intrigen und Interessenskonflikten geprägt. So wurde das im spätromantischen Stil konzipierte Instrument, offenbar aus der Zeit gefallen, entweder als die schönste oder die schlechteste Orgel bezeichnet, die je gebaut worden war – je nachdem, mit wem man sprach. Die hitzige Diskussion begann angeblich mit der Berufung des Wiener Domorganisten Peter Planyavsky im Jahr 1969. Er schien mit dem Instrument (möglicherweise zu Recht) nicht warm zu werden und wollte Veränderungen durchsetzen. Um sein Anliegen voranzutreiben, begann er öffentlich gegen die neun Jahre zuvor errichtete Kauffmann-Orgel zu polemisieren. Bald häuften sich die Gerüchte: Es seien minderwertige Nachkriegsmaterialien verwendet worden, das Instrument sei „unspielbar“. So fiel die Kauffmann-Orgel in Ungnade. Spätestens seit 1991, als die neue Chororgel von der renommierten Orgelbaufirma Rieger errichtet wurde, schien kein Bedarf mehr für die Riesenorgel zu bestehen. Der liturgische Alltag konnte durch das neue und zuverlässige Instrument unkomplizierter gestaltet werden, und die Dommusik wurde nach vorne, rechts vor den Altar, verlagert.

Die Chororgel war zwar ebenso wenig in der Lage, den monumentalen Raum des Doms mit Klang zu erfüllen, jedoch schien man zufrieden damit zu sein, eine pragmatische Lösung gefunden zu haben. Über die Zukunft der Riesenorgel nachzudenken, wurde nach Möglichkeit vermieden. Im Jahr 2010, also 50 Jahre nach der Errichtung der Kauffmann-Orgel, war jedoch Gefahr in Verzug: Einige der großen Prinzipalpfeifen galten als absturzgefährdet, es musste dringend etwas unternommen werden. Die Orgel war bereits einige Jahre zuvor bei einem Festgottesdienst teilweise zusammengebrochen und wurde seitdem nur noch selten benutzt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt gab es den Verdacht, dass bei der „Unspielbarkeit“ und dem desolaten Zustand des Instruments möglicherweise nachgeholfen worden war. Anstatt jedoch einen Orgelkrimi zu inszenieren, musste auch hier eine Lösung gefunden werden. Auf jeden Fall wollte man verhindern, dass es zu einer kirchlichen Schlagzeile wie „450 Kilo schwere Orgelpfeife stürzt auf Touristen im Wiener Stephansdom“ kommt.

Nach einer fachkundigen Untersuchung stellte sich heraus, dass mehr von der brauchbaren Substanz des Instruments erhalten war, als man durch die vermeintlich jahrzehntelange Vernachlässigung vermutet hatte. Daher beschlossen Domkapellmeister Markus Landerer und Domorganist Konstantin Reymaier, einen Neubau der Orgel unter Wiederverwendung von so viel historischem Material wie möglich in die Wege zu leiten.

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Damit begann ein langwieriger und kostspieliger Restaurierungsprozess. Nach siebenjähriger Vorlaufzeit wurde der Auftrag 2017 schließlich an die bereits mit dem Dom vertraute Firma Rieger vergeben. Finanziert wurde das 3,5 Millionen Euro schwere Projekt durch großzügige Fördermittel der Konferenz der Landeshauptleute und des Bundes sowie durch zahlreiche Privatspenden.

Herausforderungen gab es viele, die schwierige Akustik des Doms hatte sich natürlich nicht verändert. In Absprache mit dem Bundesdenkmalamt war außerdem klar, dass sich das äußere Erscheinungsbild nicht ändern durfte, jedoch musste die Aufstellung komplett neu konzipiert werden, um den klanglichen Anforderungen gerecht zu werden. Ganz allgemein bestand natürlich die logistische Herausforderung darin, ein Instrument, dessen größte Pfeife 12 Meter hoch ist und insgesamt die Dimensionen eines dreistöckigen Wohnhauses umfasst, an der Westempore unterzubringen, ohne den regen Besucher:innenstrom zu stören.

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Selbst der geplanten Einweihung der neuen Riesenorgel am 75. Jahrestag des Stephansdombrandes – am 11. April 2020 – wurden Steine in den Weg gelegt: Durch die gerade erst ausgebrochene Corona-Pandemie und den ersten von vielen noch folgenden Lockdowns musste sie auf den 4. Oktober verschoben werden. Dann ging es aber richtig los: Zum Einweihungskonzert brachten die beiden Domorganisten Konstantin Reymaier und Ernst Wally die ganze Vielfalt der 12.000 Pfeifen und 130 Register des neuen Instruments zum Erklingen. Seitdem werden im Dom regelmäßig Orgelkonzerte mit Spitzenorganist:innen aus aller Welt abgehalten.

Die neue Riesenorgel ist das größte Musikinstrument Österreichs und bildet zusammen mit der Pummerin und der Turmspitze von St. Stephan – dem „Fingerzeig Gottes“ – ein Symbol für die Stadt Wien. Der Name der Riesenorgel war übrigens nie auf ihre Größe zurückzuführen, sondern auf ihre zentrale Positionierung auf der Westempore über dem „Riesentor“. Diese Tatsache ist historisch betrachtet durchaus nicht trivial. In den frühen Zeiten des Doms wurde Musik dort gespielt, wo sie gerade benötigt wurde: am Orgelfuß, auf dem Füchselbaldachin und über dem gotischen Chorgestühl. Die prominente Platzierung der Orgel auf der Westempore, welche ursprünglich als Fürstenempore konzipiert war, unterstützt das zuvor skizzierte Raumkonzept nach dem Zweiten Weltkrieg, das bis heute Bestand hat: Die „Königin der Instrumente“, wie Mozart sie treffend nannte, soll auch ein Symbol für die Einheit der Gemeinde sein.

Bereits um das Jahr 1120 soll der französische Bischof Baudri de Bourgueil folgendes gesagt haben: „Die Orgel sei in besonderem Maße zur Erbauung der Gemeinde geeignet, denn wie die Pfeifen von höchst unterschiedlicher Größe, Form und Klanggewalt seien, sie alle aber vom gleichen Spielwind angetrieben würden, um einen gemeinsamen Gesang hervorzubringen, so sollten sich auch die Christen  – trotz all ihrer Verschiedenheiten – von dem einen Heiligen Geist inspirieren lassen und ein einheitliches Bekenntnis, einen gemeinsamen Lobpreis anstimmen.“

Ob man diese Vorstellung nun als schön, erbaulich, manipulativ oder kitschig empfindet, bleibt natürlich jedem Einzelnen überlassen. Fest steht: Mit der Restaurierung der Riesenorgel hat man im Wiener Stephansdom eine neue Ära eingeleitet. Denn die unvergleichliche Vielseitigkeit verzaubert nicht nur Messebesucher:innen. Von leiser, fast nicht mehr hör-, sondern nur spürbarer Sphärenmusik bis hin zur erhaben-brausenden Ganzkörpererfahrung beherrscht sie alle Facetten. Für Fachleute ist die Riesenorgel zum internationalen Vorzeigeprojekt geworden. Viele, die größere Orgelprojekte planen, kommen nun in den Stephansdom, um das beeindruckende Instrument zu begutachten.

Dessen klangliche Raffinesse hat für Domorganist Konstantin Reymaier, der im Jahr 2009 auch zum Priester geweiht wurde, auch sakrale Dimensionen: „Mein Zugang als Geistlicher ist, dass die Liturgie zum Zentrum, zum wertvollsten und kostbarsten dessen gehört, was wir als Christen tun. Was man für die Liturgie verwendet, sendet eine Botschaft aus. (...) Ich denke oft an ein Wort des heiligen Franz von Assisi, der sagt: 'Für das persönliche Leben soll es einfach sein, aber für die Liturgie das Beste'.“

Hinweis: Mehrmals im Monat finden Konzerte auf der Riesenorgel statt. Informationen und Termine hier.

 

Literatur:

Claussen, Johann Hinrich. Gottes Klänge: Eine Geschichte der Kirchenmusik. München: C.H. Beck, 2015.
Gerhards, Albert und Schneider, Matthias (Hrsg.). Enzyklopädie der Kirchenmusik 4: Der Gottesdienst und seine Musik: Band 1 und 2. Lilienthal: Laaber-Verlag, 2013.
Reymaier, Konstantin (Hrsg.). Die Riesenorgel im Wiener Stephansdom. Regensburg: Schnell & Steiner, 2020
 

Amar Priganica ist Schriftsteller und Musiker. Er studierte Betriebswirtschaft an der Universität Wien sowie Malerei an der Akademie der bildenden Künste Wien bei Daniel Richter. Von 2018 bis 2023 arbeitete er im Wien Museum in den Abteilungen Ausstellungsproduktion, Sammlung und Archiv. Aktuell promoviert er in Philosophie unter der Leitung von Elisabeth von Samsonow an der Akademie der bildenden Künste Wien. Im Zentrum seiner Forschung steht die Querverbindung aus Kultus, kriegerischer Handlung und dem invasiven Einsatz von Klang.

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Kommentare

Amar Priganica

Sehr geehrter Herr Berghold,

vielen Dank für Ihre Nachfrage.

Das Langhaus des Stephansdoms diente im Mittelalter als Laienkirche und war vom Chor, der für den Klerus und den Stadtrat vorgesehen war, abgetrennt. Dies erklärt auch die ungewöhnliche Positionierung der Kanzel "für's Volk" im hinteren Bereich des Doms.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg entschied man sich dafür, den gesamten Raum architektonisch zu öffnen. Anstelle des abgebrannten (großen) gotischen Chorgestühls im vorderen Bereich ab der Vierung wurden nun, wie im Langhaus, konventionelle Kirchenbänke installiert.

Im musikalischen Sinne wurde die Westempore lange genutzt, um den Einzug des Erzbischofs bis zur Vierung zu begleiten; danach übernahm vorne die Dommusik. Erst mit dem neuen Raumkonzept nach dem Zweiten Weltkrieg, welches die Einheit der Gemeinde betonen sollte, traten akustische Schwierigkeiten auf, da nun die neue Orgel auf der Westempore für die ganze Gemeinde hör- bzw. fühlbar sein sollte.

Ich hoffe, Ihre Frage damit hinreichend beantwortet zu haben.


Mit freundlichen Grüßen,
Amar Priganica

Martin Berghold

Sehr geehrter Herr Priganica,

zu dem sehr instruktiven Artikel wäre eine ergänzende Erläuterung zu den Ausführungen vom "völlig neue(n) Raumkonzept" wünschenswert. Worin sich der vormalige Zustand vom nach 1945 neu geschaffenen unterscheidet, erschließt sich möglicherweise vielen Lesern (und eben auch mir) nicht. Ein, zwei konkrete Hinweise könnten so die Vorstellungskraft "auf die Sprünge" helfen.

Mit besten Dank im Voraus und freundlichen Grüßen

Martin Berghold
1080 Wien