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Andreas Brunner, 4.4.2022

Gasthaus Neumann am Spittelberg

„Sittenwidriges Treiben“

Das Gasthaus Neumann am Spittelberg war in den 1930er Jahren ein beliebter Treffpunkt der Schwulenszene. Anhand von behördlichen Schriftstücken lässt sich nachvollziehen, welchen Repressionen diese ausgesetzt war – aber auch, wie lebenslustig homosexuelle Subkultur sein konnte.

In der Nacht zum 29. März 1936 wollten zwei Hochschüler auf dem Heimweg noch ein spätes Bier im Gasthaus Neumann am Spittelberg heben. Sie waren Mitglieder des Studenten-Freikorps, das Teil des Heimatschutzverbandes Wien war, einem politisch inhomogenen Zusammenschluss aus rechtsextremen, großdeutschen und antiklerikalen Gruppen, von denen Teile der Heimwehr, andere der Frontkämpfervereinigung oder der nationalsozialistischen SA nahestanden. Weil sie „im 1. Stock Klavier spielen hörten“, betraten sie das in der Szene auch als Café Veronika bekannte Lokal und waren schockiert. Die beiden wussten offenbar nicht, dass das kleine Barockhaus in der Stiftgasse 16/Schrankgasse 9 eines der beliebtesten Homosexuellenlokale der Zeit war. Unverzüglich erstatteten sie Meldung im ein paar Häuser entfernten Wachzimmer Schrankgasse 4. 

„Bereits auf der Stiege begegneten sie junge[n] Burschen, die gegenseitig das entblößte Glied in der Hand hielten. Die Anzeiger gingen bis in das Lokal und trafen dort eine größere Anzahl von jungen Burschen, worunter ca fünf bis sechs Frauenkleider trugen“, hieß es in der Meldung.  Eine Woche später besuchten drei Kriminalbeamte das Gasthaus Neumann und nahmen Ermittlungen „hinsichtlich homosexuellen und sittenwidrigen Treibens“ auf.

Gleichgeschlechtliche Handlungen wurden nach dem von 1852 bis 1971 geltenden Paragrafen 129 Ib des Strafgesetzes als „Unzucht wider die Natur“ mit einem bis fünf Jahre schwerem Kerker bestraft. Der Bericht der Polizisten gibt aber der strafrechtlichen Verfolgung zum Trotz Zeugnis von einer lebendigen und lebenslustigen homosexuellen Subkultur. Ihr etwa dreistündiger Aufenthalt ermöglicht uns heute einen raren und detailreichen Einblick in ein hauptsächlich von Homosexuellen besuchtes Lokal der 1930er-Jahre, das auch in der NS-Zeit in zahlreichen Verfahren als Treffpunkt und Ort des Kennenlernens und der Begegnung erwähnt wird.

Frauen mit Krawatten

„Das Gasthaus hat einen im 1. Stockwerk gelegenen Saal, der ca. 40 Personen faßt. Zur Zeit der Beobachtung waren ca. 50 bis 60 Personen anwesend, die dicht gedrängt an den Tischen saßen, oder sich die Zeit durch Tanzen auf einer kleinen Tanzfläche vertrieben oder aber auf dem Gange sich paarweise aufhielten. In dem Saal wird Klavier gespielt. Zeitweise werden auch Vorträge sittenwidrigen Inhaltes von anwesenden Gästen zum Besten gegeben. Bemerkt wird, daß an einem Tische dieses Saales ca. 6-8 Frauenspersonen saßen, die mit Burschen wenig tanzten und um ½ 12 Uhr nachts nach und nach das Lokal verließen.“ 

Von den elf nach der Amtshandlung festgenommenen Männern sollten sich praktisch alle auf die Anwesenheit dieser Frauen berufen, um ihren Besuch in einem Lokal zu rechtfertigen, in dem sich sonst „nur junge Männer“ aufhielten, wie einer der Beschuldigten eingestand. Einem anderen war es zwar „aufgefallen, dass Burschen miteinander tanzen“, er habe sich „aber dabei nichts gedacht, da auch Frauen im Lokal anwesend waren“. Ein verhafteter Schauspieler erwähnte in seiner Aussage, dass die „Frauen mit Krawatten dort waren“, was ein Hinweis darauf sein könnte, dass es sich bei diesen um lesbische Frauen handelte, die dem damals populären maskulinen Frauentyp der Garçonne entsprachen. Ob sich die Besucherinnen ihre Anzüge wie Marlene Dietrich beim Nobelschneider Kniže am Graben schneidern ließen, darf beim sozialen Profil der Gäste im Gasthaus Neumann allerdings bezweifelt werden. 

Von den polizeilich erfassten, der Homosexualität verdächtigten Männern waren fast alle kleine Gewerbetreibende, Lohndiener, Lehrlinge oder Künstler. Die ermittelnden Kriminalbeamten vermuteten außerdem, dass die „anwesenden Frauen […] anscheinend nur zur Tarnung dieser Art von Veranstaltungen vom Wirt vermutlich selbst hinbestellt [wurden], da sich diese Frauenspersonen zumeist an einem Tische aufhielten und von den anwesenden Männern und Burschen nicht beachtet wurden“.

Alle festgenommenen Männer bestritten bei der Einvernahme, „homosexuell veranlagt“ zu sein. So auch der 46-jährige „Artist“ Richard Michaelis, der aber zugab, dass er „mit Frauen keinen Verkehr pflege, da [er] keine Lust dazu verspühre“. Er lasse sich aber auch nicht mit Männern ein, obwohl er „als Homosexueller einige Male vorgemerkt“ worden sei. Michaelis war „bei Neumann als Klavierspieler angestellt“ und „wurde von einem Großteil der Gäste mit ‚Mary‘ gerufen“, wie die Kriminalbeamten protokollierten: „Gelegentlich der Beobachtung machte der Pianist dem Krb. Philipp die Erwähnung, daß er ihn kenne und zwar aus dem Cafe ‚Paulanerhof‘. Er meinte im Zuge des Gespräches, daß dort etwas ‚vorgefallen‘ sei und daß sie sich hierher nun vereinigt haben. Er meinte‚ man will ja nur unter sich sein und sich allenthalben unterhalten.“ 

Neben dem Gasthaus Neumann und dem Hubertuskeller auf der Mariahilfer Straße war das Café Paulanerhof, Ecke Wiedner Hauptstraße/Schleifmühlgasse, in den frühen 1930er-Jahren eines der bekanntesten Homosexuellenlokale der Stadt. Im Keller des Altwiener Kaffeehauses befand sich eine Tanzdiele, in der, wie auch aus Pressemeldungen des Jahres 1933 zu entnehmen war, „homosexuelle Männer zu verkehren pflegten“. Im November 1933 war es zu einem, mutmaßlich von Nationalsozialisten durchgeführten Tränengasanschlag auf das Nachtlokal gekommen. Ob dieser ein Grund war, dass „Mary“ und seine Entourage auf den Spittelberg übersiedelten, muss Spekulation bleiben. Oder gingen die Behörden offensiv gegen Lokale vor, die als Homosexuellentreffpunkte bekannt waren? 

Der Gastwirt Saul Neumann bestritt, dass seine „Samstagsgesellschaften ausschliesslich von Homosexuellen frequentiert wurden“, selbst als ihm vorgehalten wurde, dass er „bereits einmal wegen Duldung homosexueller Vorgänge von der Gewerbehörde mit 100 S gestraft wurde“. Außerdem wurde ihm bei dieser Amtshandlung im Jahr davor „die sofortige Entziehung der Konzession bei Feststellung von neuerlichen Unzukömmlichkeiten angedroht.“ Die deutlichen Schilderungen der Kriminalbeamten hätten wohl ausreichend Anlass für die Umsetzung dieser Drohung gegeben: „Die an den Tischen eng zusammensitzenden Männer liebkosten sich untereinander, küßten sich, drückten sich gegeneinander, unterhielten sich zuweilen in tschechischer Sprache und zu einer Zeit, als die Frauen bereits sich entfernt hatten, begeilten sich die an den Tischen sitzenden Männer und Burschen durch gegenseitiges Abgreifen der Schenkel, durch Abtasten und Reiben des Gliedes durch die Kleider durch.“

„In der Gegend des Hosenlatzes“

Der als „Modelleur“ bezeichnete Leopold Zajic war den Beamten besonders aufgefallen, da er „unter den Anwesenden als ‚Lea‘ bezeichnet wurde. Zajic hat sich in femininen Gesten und femininen Ton in der Sprache, durch Tanzen als ‚Mädchen‘ besonders hervorgetan. Unter anderem hat Zajic in vorgerückter Stunde ein Gedicht ‚Die Schwestern‘ öffentlich zum Vortrag gebracht. Dieses Gedicht hatte unter anderem folgende Schlagwörter: ‚ein warmes Lokal‘, ‚ich schreib es Dir an Deinem Körper‘, ‚die Langschwänze‘, Huren, ‚sattelfest‘ ‚ich lasse Dich in meinem Sattel reiten‘ u.s.w. Während des Vortrages des erwähnten Gedichtes, hatte Zajic ein Stecktuch (Ziertaschentuch) in der Hand. Beim Vortrage hielt er dieses Tuch in der Gegend des Hosenlatzes und führte mit dem Taschentuch Bewegungen aus, die die Tätigkeit des Massierens resp. Onanierens andeuten sollten.“

In seiner Einvernahme gab Zajic an, dass er „aus Neugierde“ ins Gasthaus Neumann gegangen war, weil er erfahren hatte, dass dort „homosexuelle Personen zusammenkommen sollen“. Bei allen Festgenommenen des Abends wurden Hausdurchsuchungen durchgeführt, bei der bei Zajic „21 Lichtbilder, allein in Frauenkleidern; 12 Lichtbilder, mit einer zweiten Person; 3 Lichtbilder, obszöne Aktstudien; 3 Aufsätze mit obszönem Inhalte; 1 Damenhandtasche mit verschiedenen Utensilien für Damentoilette“ gefunden wurden. Aus einem Aktenvermerk geht hervor, dass Zajic in der Folge „wegen Verletzung des öffentlichen Anstandes mit 14 Tagen Arrest bestraft wurde.“ Im Gegensatz zu einer Verurteilung zu einer Kerkerstrafe ermöglichte die Arreststrafe, dass diese zur Bewährung ausgesetzt wurde. Ungewöhnlich erscheint unter dem Eindruck der Verfolgungsmethoden in der NS-Zeit zwei Jahre später, dass gegen keinen der verhafteten Männer Ermittlungen wegen § 129 Ib aufgenommen wurden. Die 1936 im Gasthaus Neumann von den Kriminalbeamten beobachteten Handlungen hätten zwei Jahre später unweigerlich zu weiteren Ermittlungen geführt, ebenso wie die bei Zajic aufgefundenen Fotografien.

Heikle Lage für den Gastwirt

Gegen Saul Neumann wurde von der Staatsanwaltschaft ein Verfahren nach § 515 StG beantragt. Da die Akten nicht erhalten sind, ist heute nicht mit Sicherheit zu sagen, ob es auch eingeleitet wurde, und welchen Ausgang es hatte. Für Saul Neumann hätte es jedoch gute Gründe gegeben, sich vor behördlichen Kontrollen in Acht zu nehmen, denn eine angedrohte Verurteilung nach § 515 StG hätte für ihn schwerwiegende Folgen haben können. In § 515 „Unterschleif zur Unzucht von Seite der Gast- und Schankwirte“ hieß es: „Wenn Gast- und Schankwirte […] zur Unzucht Gelegenheit verschaffen, sind sie einer Übertretung schuldig, und das erste Mal mit einer Geldstrafe […] zu belegen. Bei weiterer Fortsetzung des Unterschleifs werden sie von dem Gast- und Schankgewerbe abgeschafft, und zu einem solchen Gewerbe für die Zukunft unfähig erklärt.“  

Saul Neumann hatte das mit nur 141 m2 kleine einstöckige Haus am Spittelberg, das einem Foto von August Stauda zufolge schon 1901 als Gasthaus geführt wurde, im Jahr 1926 erworben. Er führte es offenbar als Familienunternehmen. In einem Dokument wurde sein Frau Berta als Köchin bezeichnet. Sein ältester Sohn Alfons gab bei seiner Einvernahme zu, dass „in dem Gasthause auch Homosexuelle“ verkehrten und sich „hauptsächlich […] in dem im 1. Stock befindlichen Extrazimmer“ aufhielten. Dort war ausschließlich er für die Bedienung zuständig. Ein Kriminalbeamter  mutmaßte, „daß Alfons Neumann als Aufpasser und Warner bei eventuellen behördlichen Kontrollen fungiert“.

Neumann wurde 1880 in der kleinen Ortschaft Jordanesti im Gerichtsbezirk Storožynetz im ehemaligen Herzogtum Bukowina (heute in der Ukraine) geboren und hieß eigentlich Srul Donnenfeld. Als unehelicher Sohn von Berl Neumann und Breine Donnenfeld führte er eigentlich den Namen der Mutter. Er war seit 1911 in Wien wohnhaft und nahm hier den Namen seines Vaters an. In einem Fragebogen der Auswanderungsabteilung der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) gab er Anfang Juni 1938 Holzfachmann als Beruf neben Gastwirt an. Er hatte mit seiner Frau Berta drei Kinder: Renee (geboren 1914), Alfons (1915) und Otto (1920). Alfons wurde in den Ermittlungsakten als Student bezeichnet. Eine Inskription ist aber im Archiv der Universität Wien nicht nachweisbar. Saul Neumann gab im Fragebogen an, dass er nach England, Kanada oder Nordamerika auswandern und mit seinen „beiden Söhne, welche gelernte Zuckerbäcker sind, eine Existenz gründen“ möchte. 

Verlust der Konzession?

In Lehmanns Adressbuch für das Jahr 1938, das die rechtliche Situation von 1937 reflektiert, ist Saul Neumann noch als Eigentümer des Hauses Schrankgasse 9 verzeichnet , es fehlt aber die in den Vorjahren beigefügte Bezeichnung Gastwirt. Außerdem sind zwei Mieter angeführt, die es bislang nicht gab. Einer der Mieter, ein gewisser Habel E., scheint dann im Lehmann 1939, der die Verhältnisse nach dem „Anschluss“ und ersten Arisierungen festhält, als neuer Eigentümer  auf. Da schon im Lehmann 1938 bei der Adresse Schrankgasse 9 keine Gastwirtschaft mehr verzeichnet ist, könnte dies ein Hinweis sein, dass Saul Neumann tatsächlich in Folge der Prozesse 1936 seine Konzession verloren hatte.

Saul Neumann war zuletzt im 2. Bezirk in der Ulrichgasse 2 gemeldet. Von dort wurde er im Gefolge der Reichspogromnacht am 16. November 1938 nach Dachau deportiert, wo er fünf Tage nach seiner Einlieferung am 21. November 1938 verstarb.  Laut Auskunft der Israelitischen Kultusgemeinde wurde seine Urne aber in Wien am Zentralfriedhof begraben. Seinem Sohn Alfons gelang die Flucht nach Großbritannien und dann auch zu seiner Schwester Renee, die in Kanada Zuflucht gefunden hatte. Saul Neumann hatte bis zu seiner Deportation vergeblich versucht, in England, Kanada oder Nordamerika Aufnahme zu finden. Als mittelloser, fast 60-jähriger Gastwirt und Holzfachmann hatte er aber keine Chance. Über das Schicksal seiner Frau Berta und seines jüngeren Sohnes Otto konnten keine Informationen gefunden werden.

Das kleine Haus am Spittelberg mit den zwei Adressen Stiftgasse 16 und Schrankgasse 9 verfiel in der Nachkriegszeit zusehends, wie eine Fotografie zeigt, die laut Datierung des Wiener Stadt- und Landesarchivs aus den 1950er-Jahren stammt. Leider sind die Akten zum betreffenden Haus in den Baukonsensakten des Wiener Stadt- und Landesarchiv nicht erhalten, aus den Protokollbüchern lässt sich allerdings erschließen, dass Ende 1961 ein „Räumungsauftrag“ erteilt und 1963 die „Abbruchs-Bewilligung“ genehmigt wurde. Irgendwann danach wurde es wohl abgerissen und an seiner Stelle eine Tiefgarage und ein kleiner Park errichtet, der nach der vertriebenen Keramikkünstlerin Vally Wieselthier benannt wurde. Die Leerstelle bleibt – als Sinnbild für die lange vergessene und verdrängte queere Geschichte der Stadt.

Alle Zitate im originalen Wortlaut aus dem im Wiener Stadt- und Landesarchiv verwahrten Strafakt Landesgericht Vr 3572/1936.

Andreas Brunner, Studium der Theaterwissenschaft und Germanistik, daneben auch als Möbelrestaurator, Filmproduzent, Kellner, Koch, Buchhändler oder Literaturagent tätig. Seit Ende der 1980er-Jahre in der Wiener Schwulen- und Lesbenbewegung engagiert, in der Rosa Lila Villa, Mitarbeiter der ersten schwulen Buchhandlung „Löwenherz“, Gründung der Regenbogen Parade, Ko-Kurator der Ausstellung „geheimsache:leben. schwule und lesben im wien des 20. Jahrhunderts“ (2005) und von „Sex in Wien. Lust. Kontrolle. Ungehorsam“ (2016), Ko-Leiter von QWIEN - Zentrum für queere Geschichte, Forschungen und Publikationen zur schwul/lesbischen Stadtgeschichte, Entwicklung schwul/lesbischer Stadtführungen, Aufbau eines Archivs für die Geschichte von LGBTI* in Wien.

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