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Wojciech Czaja, 20.6.2020

Reisen ins Innere der Stadt

Almost

Der Wiener Architekturjournalist Wojciech Czaja ließ sich von Corona nicht aufhalten und verlegte das ihm liebgewonnene Reisen kurzerhand ins Innere seiner 400 Quadratkilometer großen Heimatstadt. Dabei entdeckte er viele fremde Städte im vermeintlich bekannten Wien. Dies ist der Beginn seiner Fotoserie „Almost“.

Die Corona-Krise hat mich traurig gemacht. Nicht nur wegen der Krankheit, des sozial ausgedünnten Zusammenlebens und der finanziellen und wirtschaftlichen Existenzängste vieler Freunde und Kolleginnen, sondern – ganz tief drinnen und vollkommen egoistisch begründet – auch wegen meines um 99 Prozent eingeschränkten Bewegungshorizonts in jenen eigenartigen Wochen des gesamtgesellschaftlichen Lock-downs. Mein ausgiebiger Hunger nach fremden Orten, fremden Worten, fremden Bildern, fremden Menschen, fremden kulturellen Codes urbaner Alltagskultur konnte nicht gestillt werden. Als Ersatz dafür habe ich es mir angeeignet, mich mal untertags, mal nächtens auf meine Vespa zu schwingen und durch die stillen, oft ausgestorbenen Straßen zu rollen – auf der Suche nach neuen, mir unbekannten Ecken meiner Heimatstadt. 

29. April 2020, irgendwann am Nachmittag, unterwegs mit Helm, Lederjacke und mittelprächtiger Laune, als ich in der Wolfganggasse, Ecke Herthergasse, abrupt eine Notbremsung hinlege. Auf den ersten Blick ein ganz normales gründerzeitliches Wohnhaus, mit hoher Wahrscheinlichkeit um 1900 errichtet, das vor nicht allzu langer Zeit, wie es scheint, einen hellen, blaugrauen Anstrich mit weißen Fensterfaschen verpasst bekommen hat. Wären da bloß nicht die vier viertelkreisförmig abgerundeten Balkonbänder, die sich wie massiv anbetonierte Viertelkränze vom ersten bis in den vierten Stock ums 45-gradig abgeschrägte Gebäudeeck schmiegen und dem Haus einen exotischen Touch verleihen. Ein bisschen Bauhaus, ein bisschen Moderne, ein bisschen International Style. 

„In Wien finden sich Bauwerke aller Stilepochen der Architektur, von der romanischen Ruprechtskirche über den gotischen Stephansdom, die barocke Karlskirche, die hochbarocke Jesuitenkirche und die Bauten des Klassizismus bis zur Moderne“, heißt es im Wikipedia-Eintrag zur österreichischen Bundeshauptstadt. „Besonders hervorzuheben ist jedoch die Architektur der Gründerzeit, die die ehemalige Kaiserstadt Wien wie aus einem Guss erscheinen lässt.“ Wikipedia ist sehr auskunftsfreudig. Und doch ist dieser architektonische, städtebauliche Guss viel heterogener als in vielen anderen historischen Europastädten wie etwa Rom, Paris, Krakau, Amsterdam oder Barcelona. Wien ist nicht nur Wien. Wien ist beinahe auch Tel Aviv. Zum Beweis ein schnelles Facebook-Foto mit dem Smartphone. 
 

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Hundert Daumen-Likes und neun Herzchen später entdecke ich immer wieder neue Almost-Städte in Wien: Paris in der Wollzeile, Prag am Mölkersteig, Ljubljana im Stadtpark, Zürich in der Kellermanngasse, Kiew in der Landstraßer Hauptstraße, Sofia neben der U6-Station Am Schöpfwerk und – eine vergängliche Freude zwar, die mit der nächsten Grünphase ihr Ende finden wird, aber immerhin – Havanna am Praterstern. Fernweh kennt kein Corona, und so lege ich an manchen Tagen im Kopf 10.000 Meilen oder mehr zurück. 

„All perception of truth is the detection of an analogy“, sagte einst der US-amerikanische Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau, jener Mensch, der zwei Jahre lang in einer Holzhütte am Walden Pond in Concord, Massachusetts lebte, als er seinen wohl berühmtesten Roman „Walden or Life in the Woods“ schrieb. Walden, almost Wienerwald. Jede Wahrnehmung der Wahrheit ist die Entdeckung einer Analogie. Bedenkt man, wie viele Millionen Wege, Plätze und Bauwerke die Menschheit in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten bereits erschaffen hat, verwundert es nicht, dass so manche Idee, dass so manche Schöpfungskraft bei weitem kein Unikat ist, sondern sich gleich doppelt, vielleicht sogar mehrfach in der gebauten Realität niedergeschlagen hat. 

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Anlässlich der Linzer Kulturhauptstadt 2009 haben die Kuratorin Angelika Fitz und der damalige Linz09-Intendant Martin Heller eine Ausstellung konzipiert, in der die oberösterreichische Landeshauptstadt in einer ganz neuen, bislang unbekannten Weise porträtiert wurde. „Linz Texas. Eine Stadt mit Beziehungen“, so der offizielle Titel der Schau und des im Springer Verlag erschienenen Buches, untersuchte Linz auf bauliche, technische, infrastrukturelle, stadtmorphologische und architekturpolitische Aspekte und brachte diese in mal naheliegende, mal absurde Zusammenhänge zu anderen Städten in aller Welt. Ein spannendes Kompendium, aus dessen fundiert recherchierten Gegenüberstellungen man viel lernen kann. 

Doch während „Linz Texas“ seine Kraft aus dem Analytischen, aus dem Fachlichen, aus dem Gegenständlichen historischer und gegenwärtiger Projekte schöpfte, stützt sich mein Almost-Blick auf das Assoziative, auf das Atmosphärische, auf das aus dem Bauch heraus aufpoppende Bild, das in Wien entdeckt und irgendwo anders auf unserem Globus wie mit einem fiktiven Fähnchen mental verankert werden will. Was macht Wien zu Venedig, Belgrad, Helsinki, Bishkek, Singapur, Pittsburgh oder Las Vegas? Und warum tauchen plötzlich Jesolo, Pamplona und Buenos Aires vor meinem geistigen Auge auf? Manchmal ist es ein bestimmter, mitunter manipulativer Blickwinkel, der auf einmal Fremdes zu offenbaren vermag, manchmal aber sind es ganz banale, emotionale Komponenten wie etwa Licht, Farbe, Form, Proportion oder eine feinstoffliche Stimmung, die im längst Bekannten eine neue Wahrheit im Sinne Thoreaus entdecken lassen. 

Die auf diese Weise entstandene Wiener Fotoserie „Almost“, die mittlerweile knapp 150 Bilder umfasst, ist nicht nur eine persönlich wohltuende Ersatzweltreise in Zeiten von Corona, sondern auch eine empirische Untersuchung darüber, wie unendlich viele Facetten diese über Jahrhunderte weitergewachsene Stadt bietet, von almost Aachen bis almost Zhuzhou. Have a nice trip! You are almost there! 

Wojciech Czaja, geboren 1978 in Polen, studierte Architektur an der TU Wien und arbeitet als freischaffender Journalist für Tageszeitungen und Fachmagazine, u.a. für „Der Standard“. Er ist Autor zahlreicher Bücher. Zuletzt erschienen „Hektopolis. Ein Reiseführer in hundert Städte“ und „100 x 18“, ein Jubiläumsbuch zum 100-jährigen Bestehen der MA 18 (Stadtentwicklung und Stadtplanung). Er ist Moderator in den Bereichen Architektur, Stadtkultur und Immobilienwirtschaft sowie Dozent an mehreren Universitäten und Fachhochschulen in Österreich.

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Kommentare

Peter Nemschak

Unglaublich, wie stark Architektur emotional wirken kann und nachvollziehbare Assoziationen auch mit Orten auslöst, die man nur flüchtig in Erinnerung oder nie besucht hat. Gratulation !

Josef

Danke für diese Brille der Wahrnehmung ... im Sinne der Quantenverschränkung ist ja alles sowieso verbunden ;-)
Das Spielen mit den Assoziationen auf den unterschiedlichen Ebenen der Architektur finde ich sehr inspirierend !!