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Kamila Gora, 15.10.2020

Restaurierung eines Gemäldes von Richard Gerstl

Eine Frage des Kontrasts

Der Wiener Maler Richard Gerstl (1883 - 1908), der mit 25 freiwillig aus dem Leben schied, wird heute als „erster österreichischer Expressionist“ gefeiert. Über seinen künstlerischen Prozess wissen wir wenig. Einen Einblick geben restauratorische Herausforderungen, wie sie beim Gemälde „Mutter und Tochter“ aufgetreten sind.

Richard Gerstls Zeit an der Akademie der bildenden Künste in Wien war von Differenzen mit den Professoren geprägt und – soweit uns bekannt – frequentierte er lieber die florierende Wiener Musikszene als die Ateliers seiner Zeitgenossen. Sein künstlerischer Prozess ist sehr spärlich und anekdotisch überliefert. Die Gründe dafür liegen zum Teil auch in der späten, posthumen Entdeckung seines Gesamtwerkes, das nach dem Freitod des Künstlers bei einer Speditionsfirma eingelagert und erst Jahrzehnte später für die Öffentlichkeit wiedergewonnen wurde. 

Fragen zur Malweise Richard Gerstls können wir heute nur mehr den Gemälden selbst stellen. Durch detaillierte Untersuchung der Werke vertiefen wir aber nicht nur unser Verständnis für seine Malerei, sondern unterstützen auch die langfristige Erhaltung der Werke. Neue Erkenntnisse zur Maltechnik und zu verwendeten Materialien sind bei den Entscheidungsprozessen in der Restaurierung und Konservierung von unschätzbarem Wert.

Was ein Gemälde mit Schokolade gemeinsam haben kann…. 


Obwohl uns Gemälde statisch und unbeweglich vorkommen, sind sie aus einer äußerst breiten Palette unterschiedlicher Materialien aufgebaut, die sich im Laufe der Jahrhunderte chemisch verändern und auch neue Wechselwirkungen miteinander (und mit der Umgebung) eingehen können. Eine tiefergreifende Untersuchung ist manchmal notwendig, um sichtbare Veränderungen genau zu identifizieren und behandeln zu können, was anhand des Gemäldes „Mutter und Tochter“ von Richard Gerstl exemplarisch gezeigt werden kann.  
1906 lernt Richard Gerstl den Komponisten Arnold Schönberg kennen. Aus dem Malunterricht, den Gerstl Schönberg und seiner Frau Mathilde erteilt, entwickelt sich bald ein freundschaftliches Verhältnis mit großem Einfluss auf das Schaffen beider Künstler. In einer großformatigen Gemäldereihe porträtiert Gerstl um 1906 Personen aus dem erweiterten Gesellschaftskreis um Schönberg, sowie auch den Komponisten selbst. Die meisten dieser Werke zeichnen sich durch eine leuchtende Farbpalette und einen starken Hell-Dunkel-Kontrast aus. Ausgerechnet diese zwei charakteristischen Merkmale wirkten jedoch bei der Untersuchung des Doppelporträts „Mutter und Tochter“ etwas gedämpft. Die Darstellung war kontrastarm und wirkte gräulich. Dank genauer Begutachtung unter Zuhilfenahme eines Mikroskops wurde klar, dass sich die dunklen Farbpartien des Gemäldes farblich verändert hatten. Betroffen war vor allem die linke untere Bildpartie unterhalb des Kleides des Mädchens. Hier hatte sich ein dünner, weißlicher Film gebildet, der diese ehemals schwarz-blaue Oberfläche verunstaltete und grau erscheinen ließ.

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Dem ersten Anschein nach könnte man meinen, dass es sich bei den weißlichen Ausblühungen um einen Schimmelbefall handelt. Verschiedene Schimmelarten können auch in der Tat Kunstwerke befallen und stark beschädigen. Für ihr Wachstum benötigen sie jedoch hohe Luftfeuchte, die das kontrollierte Klima des Wien Museums nicht zulässt. Um die Ursache der Veränderung bei „Mutter und Tochter“ feststellen zu können, mussten daher weitere Untersuchungen durchgeführt werden. 
Von dem unbekannten weißen Film und von der darunterliegenden dunklen Farbschicht wurden mit einem Skalpell kleine Proben entnommen (ca. 0,5mm2, vergleichbar mit einem Viertel Reiskorn). Die Analyse dieser Proben in einem naturwissenschaftlichen Labor zeigte, dass die Ausblühungen aus Fettsäuren bestehen. Diese organische Verbindungen sind ein natürlicher Bestandteil aller Öle, darunter auch von Leinöl, das als Hauptkomponente der von Richard Gerstl verwendeten Farben identifiziert werden konnte. Durch diverse komplexe Alterungsprozesse können sich Fettsäuren aus dem Farbfilm „loslösen“ und auf die Oberfläche der Farbe „wandern“ – dort kristallisieren sie aus und bilden eine Schicht, die für uns als ein weißer Film erkennbar wird. Dank zahlreicher internationalen Forschungsinitiativen ist unser Verständnis für dieses Phänomen in der Gemälderestaurierung in den letzten Jahrzehnten stark gewachsen. Im Alltagsleben kennen wir alle einen ähnlichen Prozess, und zwar von Schokolade, bei der sich ein weißer Belag (ein sog. Fettreif) auf der Oberfläche ausbilden kann. Im Fall von Süßigkeiten sind ihre falsche Lagerung und vor allem große Temperaturschwankungen die Ursachen für dieses Phänomen. Dies trifft für Kunstwerke nur zum Teil zu. Der komplexe Trocknungsprozess von Ölfarben spielt sich in Abhängigkeit von Sauerstoff, Licht, Temperatur, Luftfeuchte ab und wird zusätzlich durch Pigmente, Farbadditive und selbst durch die Maltechnik des Künstlers beeinflusst. Das Polymernetzwerk, das sich bei der Trocknung der Ölfarben ausbildet, konnte bisher nicht vollständig aufgeschlüsselt werden – ist aber weltweit ein Gegenstand laufender Untersuchungen.

Diagnose, Behandlung und die Ethik dazwischen


Interdisziplinäre Arbeit im Grenzbereich zwischen Restaurierung und Naturwissenschaft ermöglichte es, die Ausblühungen auf der Gemäldeoberfläche präzise zu identifizieren. In diesem Fall brachte aber die Antwort neue Fragen mit sich. Die Fettsäuren, die den optisch störenden Film gebildet haben, sind nämlich ein Bestandteil der originalen Farbschicht, die der Künstler aufgetragen hatte. Sollte dieser Bestandteil des Originals ohne Rücksicht auf die Veränderungen bewahrt werden? Oder ist die ästhetische Funktion des Gemäldes und seine gute „Lesbarkeit“ wichtiger als die einzelnen Bestandteile? Ethische Dilemmata dieser Art begleiten stets viele restauratorische Projekte, und nur selten kann von einer einzigen richtigen Lösung gesprochen werden. Für die Entscheidung waren im Fall der „Mutter und Tochter“ u. a. Ergebnisse einer kleinen Testreihe ausschlaggebend, die gezeigt hatte, dass die Abnahme der Ausblühungen sehr schonend durchgeführt werden kann und eine bedeutsame ästhetische Verbesserung mit sich bringen würde. 

Die Restaurierungsarbeiten wurden in den Arbeitsräumen des Wien Museums durchgeführt. Bei der Abnahme der Ausblühungen machte man sich den Unterschied in der Löslichkeit der Materialien zunutze, und es wurde ein mildes Lösungsmittel gewählt, das nur den Fettsäurenfilm und nicht die darunterliegende Malschicht anlöste. Gearbeitet wurde mit handgerollten Wattestäbchen und mit klein zugeschnittenen, weichen Polyurethanschwämmchen. Dieser Arbeitsschritt bot anschließend eine gute Möglichkeit zur Reinigung des gesamten Gemäldes, dessen letzte dokumentierte Behandlung über zwanzig Jahre zurücklag. Auch hier waren im Vorfeld zahlreiche kleine Tests unumgänglich. Dadurch konnten schonende Reinigungsmethoden sowohl für die Farboberfläche der Vorderseite als auch für die Gemälderänder mit exponierter Grundierungsschicht gefunden werden.

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Zusätzlich wurden kleine stabilisierende und „kosmetische“ Maßnahmen durchgeführt. Fehlstellen, welche in der Leinwand an den Ecken des Gemäldes entstanden sind, wurden mit kleinen Gewebeintarsien ergänzt. Fehlstellen in der Malschicht wiederum wurden gekittet und retuschiert, um so weitere Abplatzungen vorzubeugen und ein gepflegtes Erscheinungsbild wiederherzustellen. Dank den durchgeführten Restaurierungsmaßnahmen hat die Darstellung ihre Farbtiefe wiedergewonnen und der wiederhergestellte Kontrast zwischen den dunklen und hellen Bereichen lässt das Gemälde nun wieder in der für Gerstls Werke charakteristischen Farbbrillanz erstrahlen. In der Ausstellung „Richard Gerstl: Inspiration – Vermächtnis“ im Leopold Museum konnte man das Werk erstmals in restauriertem Zustand bewundern, wo es neben weiteren Leihgaben aus dem Wien Museum im Kontext des Gesamtwerkes Richard Gerstls zu sehen war.

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Von der Erstbesichtigung der „Mutter und Tochter“ im Depot des Wien Museums bis zum Abschluss der Restaurierungsmaßnahmen sind unzählbare Arbeitsstunden und mehrere Monate vergangen. Da die vielfältigen Tagesaufgaben im Museum alle verfügbaren Kräfte binden, bleibt im restauratorischen Alltag für die Durchführung von aufwendigen Untersuchungs- und Restaurierungsprojekten wenig Zeit übrig. Das Wien Museum arbeitet daher oft in Kooperation mit Kolleg*innen aus anderen Institutionen, bzw. mit freiberuflichen Restaurator*innen, um komplexe Schadensphänomene aufzuklären und richtige Behandlungsmethoden zu entwickeln. Die Untersuchung und Restaurierung der „Mutter und Tochter“ war ein Teil der Diplomarbeit zur Maltechnik Richard Gerstls am Institut für Konservierung und Restaurierung der Akademie der bildenden Künste. Die Kooperation zwischen der Akademie, dem Leopold Museum und dem Wien Museum ermöglichte erstmalig die Untersuchung von 21 Gemälde des Künstlers und erweiterte die kunsthistorische Forschung um wertvolle maltechnische und konservatorische Perspektiven. Die Ergebnisse bilden zudem eine Grundlage für weitere Forschungsansätze und Projekte in der Zukunft. Wir intensivieren unser Verständnis für die Maltechnik in Wien um 1900 – Schritt für Schritt und Bild für Bild.

Vergleich: linke Ansicht vor der Restaurierung, rechte Ansicht nach der Restaurierung.

Weiterführende Literatur zu Richard Gerstl und seinem Schaffen:


Gora Kamila (2019): Zur Maltechnik Richard Gerstls: Ergebnisse der Untersuchungen an den Gemälden aus der Sammlung des Leopold Museums und des Wien Museums. In: Hans-Peter Wipplinger und Haldemann, Matthias (Hg.): Richard Gerstl. Inspiration - Vermächtnis / Inspiration - Legacy. Ausstellungskatalog Leopold Museum-Privatstiftung u. Kunsthaus Zug, Walther König, Köln 2019.

Ingrid Pfeiffer und Jill Lloyd in Zusammenarbeit mit Raymond Coffer, Richard Gerstl. Retrospektive, Ingrid Pfeiffer, Jill Lloyd (Hg.), Ausst.-Kat. Schirn Kunsthalle Frankfurt und Neue Galerie New York, München, 2017.

Raymond Coffer, Richard Gerstl and Arnold Schönberg : A Reassessment of their Relationship (1906-1908) and its Impact on theit Artistic Works, Diss. University of London, 2011.

Kamila Gora, Studium der Gemälderestaurierung an der Akademie der bildenden Künste in Wien, mit Abschlussarbeit: „Zur Maltechnik Richard Gerstls: Untersuchung von 21 Gemälden aus dem Leopold Museum und Wien Museum“. Seit 2019 am Hamilton Kerr Institute an der University of Cambridge tätig, begleitend dazu freiberuflich in Forschungs- und Restaurierungsprojekte in Wien involviert.

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