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Mika Boros, 10.7.2020

Richard Löwenherz und das Geld

Verdächtige Goldmünzen in der Wechselstube

Warum flog die Tarnung von Richard Löwenherz auf? Eine These geht davon aus, dass seine Diener beim Versuch, byzantinische Goldmünzen zu wechseln, „erwischt“ wurden.

Kurz vor Weihnachten 1192 wurde in Erdberg bei Wien der Englische König Richard Löwenherz (1189-1199) festgenommen. Für dessen Freilassung konnten Herzog Leopold V. (1177-1194) und Kaiser Heinrich VI. (1191-1197) 100.000 Mark (etwa 23 Tonnen) Silber Lösegeld erpressen. Diese Summe floss überwiegend in den Ausbau der neuen Hauptstadt des Herzogtums: Wien.

Doch wie kam es dazu? Nachdem Jerusalem 1187 durch Sultan Saladin (1171/1174-1193) für den Islam zurückerobert worden war, rief Papst Gregor VIII. (1187) und nach dessen Tod sein Nachfolger Clemens III. (1187-1191) zu einem dritten Kreuzzug auf. An der Spitze dieses Heeres stand der römisch-deutsche Kaiser Friedrich I. Barbarossa (1155-1190), der 1189 aus Regensburg aufbrach. Weitere Streitgruppen wurden vom Französischen König Philipp II. (1180-1223), Englands König Richard I. Löwenherz und dem Österreichischen Herzog Leopold V. nach Osten geführt. Nachdem Friedrich Barbarossa und kurz darauf auch sein Sohn Friedrich von Schwaben (1170-1191) am Weg nach Jerusalem verstarben, übernahm Leopold V. den Oberbefehl über die kaiserlichen Truppen.

Nachdem die Festung Akkon mit vereinter Kraft erobert werden konnte, überging der Englische König jedoch die Gewinnansprüche des Babenbergers und beleidigte diesen zutiefst. Leopold hatte sich als Vertreter des Kaisers als gleichberechtigt gesehen, doch Richard sah den Herzog als unter seinem Königstitel stehend. Der gekränkte Leopold zog daraufhin mit seinen Männern gen Heimat. Kurz darauf folgte auch der Französische König, den Richard ebenfalls vergrämt hatte. Nach Beendigung des Kreuzzugs waren Richard im Herbst 1192 deshalb die französischen Häfen verschlossen, was ihn dazu zwang, durch das Herrschaftsgebiet des verfeindeten Babenbergers heimzukehren. Trotz Verkleidung wurde Richard mit seinem Gefolge in Kärnten bereits einmal erkannt und obwohl er bei dieser Gelegenheit entkommen konnte, wusste Leopold V. von da an, dass sich der König in seinem Land befand. Kurze Zeit später konnte Richard Löwenherz daraufhin in Erdberg festgenommen werden.

Was genau zu seiner Enttarnung geführt hat lässt sich heute nicht mehr restlos aufklären. Manche machen einen teuren Ring oder sein herrschaftliches Gehabe dafür verantwortlich, dass seine Rolle als einfacher Pilger aufflog. Einer anderen These nach flog seine Verkleidung auf, weil er mit fremdem Geld zahlen wollte. Er schickte mehrmals einen Diener nach Wien, um Geld umzutauschen und Speisen einzukaufen. In einer Wechselstube fiel das ungewöhnliche Geld und die großen Summen auf – woraufhin herzogliche Soldaten dem Diener zum Versteck im Jägerhof in Erdberg (heute Erdbergstraße 41) verfolgten.

Die Theorie des fremden Geldes erscheint sehr wahrscheinlich. Der König war von seiner Reise in den Orient wohl noch mit dort üblichem Geld ausgestattet. Außerdem erscheint es nur logisch, dass für solche Reisen „größere Nominale“ bevorzugt wurden. Es ist schlichtweg handlicher einige kleine Goldmünzen zu transportieren, als ihr Äquivalent in mehreren Kilo Silber. Im Mittelalter war in ganz Europa der Denar (oder Pfennig, eine etwa einen Gram wiegende Silbermünze) üblich. Im Osten wurden dagegen immer noch Goldmünzen geprägt. Die Solidi des Byzantinischen (Oströmischen) Reichs wurden so zu einer beliebten Fernhandelswährung. Hält man die goldenen, und mit etwa vier Gramm viel größeren und schüsselförmigen Münzen aus Byzanz neben die flachen, silbernen und viel kleineren österreichischen Pfennige der Zeit, ist es nicht verwunderlich, dass diese jedem Zeitgenossen auffallen würden.

Nach seiner Gefangennahme wurde Richard Löwenherz auf verschiedenen Burgen im Babenbergerreich festgehalten, während um seine Freilassung verhandelt wurde. Leopold und der deutsche Kaiser schafften es, über 100.000 Mark Silber zu erpressen. Die undankbare Aufgabe diese Summe auf- (oder ein-) zu treiben, fiel Richards Bruder Johann Ohneland (1199-1216) zu. Nach der ersten Teilzahlung wurde Richard im Jänner 1194 freigelassen. Die vereinbarte zweite Hälfte wurde nie ausbezahlt.

Geld für den Bau der Stadtmauer

Die Affäre hatte für den österreichischen Herzog aber auch negative Konsequenzen. Da er mit der Gefangennahme des Königs gegen Kirchenrecht, wonach Kreuzfahrer unter dem Schutz der Kirche standen, verstoßen hatte, exkommunizierte Papst Coelestin III. (1191-1198) den Babenberger. Die Bedingungen, diese Strafe aufzuheben, beinhaltete neben der Freilassung des Königs und der Rückzahlung des Lösegeldes auch eine weitere Teilnahme an einem Kreuzzug. Zwar erfüllte Leopold diese Bedingungen nie, die Exkommunikation wurde trotzdem noch kurz vor seinem Tod im selben Jahr aufgehoben.

Für das Lösegeld hatte Herzog Leopold V. gute Verwendung. Unter anderem wurde damit der Bau der Wiener Stadtmauer finanziert. Dass diese Zahlungen auch den Ausschlag für den Bau der Wiener Münzstätte gaben, muss bezweifelt werden, da Vorbereitungen dafür bereits vor dem Kreuzzug getroffen worden waren. Zweifellos war das Geld der Umsetzung des Baus jedoch zuträglich.

Mika Boros hat an der Universität Wien Ur- und Frühgeschichte und Numismatik und Geldgeschichte studiert und ist seit 2018 am Wien Museum für die Betreuung der Numismatischen Sammlung zuständig.

 

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Kommentare

Dieter Böhm

Danke für den spannenden Artikel, der Numismatik mit einer spannenden Geschichte verbindet!

Fg68at

Tippfehler: "Die Bedingungen, diese Straße aufzuheben"

Berni Knoll

Sehr interessant, danke!

Diese wunderschönen Münzen sah ich zum ersten Mal.


Es lebe das Orchideenfach Numismatik!!!!!!!!!