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Anton Holzer, 5.3.2020

Robert Haas` Flucht 1938

„Nicht die Nerven verlieren! Sie kommen noch heraus!“

Der jüdische Fotograf Robert Haas dachte bereits im April 1938 an Flucht aus Österreich. Doch erst Ende September 1939 sollte es ihm gelingen, sich über England in die USA zu retten. Bis dahin gab es heftige Briefwechsel, Vorladungen von der Gestapo und unzählige weitere bange Momente.

„Wie ihr ja wisst“, schrieb Haas am 24. April 1938 in einem Brief an seinen Freund Erik H. Erikson in die USA, „wird man hier nicht bleiben können[,] und ich setze auch schon alle Hebel in Bewegung[,] um von hier wegzukommen.“ Die Anfeindungen wurden von Monat zu Monat schlimmer. Im Frühsommer 1938 wurde er – vermutlich aufgrund einer anonymen Denunziation – ins Gestapo-Hauptquartier am Wiener Morzinplatz vorgeladen, bald aber wieder auf freien Fuß gesetzt. Wochen später wurde er von der Gestapo verhaftet. Der Vorwurf lautete: Kontakt mit einer „arischen“ Frau, in der Diktion des Nationalsozialismus galt das als „Rassenschande“. Nach zwei Tagen im Gefängnis wurde er durch eine Intervention seines Freundes Clemens Holzmeister entlassen. Im Frühjahr und Sommer 1938 hielt sich Haas mit privaten Fotoaufträgen über Wasser. Unter anderem machte er im Auftrag von Wiener Juden, die flüchten wollten, Passbilder, aber auch zahlreiche Aufnahmen von Wohnungsinterieurs und Sachaufnahmen von Gegenständen, die sie zurücklassen mussten. Daneben entstanden bis zum Sommer dieses Jahres immer wieder auch Alltagsreportagen in Wien und Umgebung, ohne dass Haas für diese Bilder noch Abnehmer in der Presse gefunden hätte. 

Im Frühjahr 1938 begann Haas, seine Ausreise aus Österreich vorzubereiten. In zahlreichen hektischen Briefwechseln, die sich von Mai bis in den Herbst dieses Jahres erstrecken, lotete er diverse Fluchtwege aus. Seine bevorzugten Ziele waren die USA und Großbritannien. Er kontaktierte all jene Bekannten und Freunde, die er in diesen beiden Ländern kannte. Am 13. Mai 1938 füllte er den Auswanderungsfragebogen der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien aus. In der Rubrik „bisherige Tätigkeit“ gab er an: „Besitzer der Officina Vindobonensis (Graphik, Handpresse, Verlag), Photoreporter für hiesige und ausländische ill. Zeitschriften“.

Im Juni 1938 gelang es Haas, vermittelt über Tommy Campbell, eine amerikanische Bekannte, ein begehrtes Affidavit des Rechtanwalts John Dane aus Boston zu erhalten. Aber Haas bekam kein amerikanisches Visum. Daher versuchte er ab demselben Zeitpunkt, eine englische Einreisegenehmigung zu ergattern. In London stand Haas mit zwei jüdischen Hilfsorganisationen in Kontakte, die die Flucht von Juden aus dem Deutschen Reich unterstützten, unter anderen der Jewish Trust Corporation for Germany und dem German Jewish Aid Committee, dessen Leiter, Otto M. Schiff, Haas im September 1938 bei der Beschaffung des Visums sehr behilflich war. Auch Nelly Palache, eine in London lebende Wienerin, half ihm bei der Überwindung der bürokratischen Hürden. Im August 1938 gelang es seinen inzwischen betagten Eltern, zusammen mit seinem Bruder Paul nach Palästina auszureisen. 

Am 9. September 1938 wurde Robert Haas in Wien ein Reisepass ausgestellt, in der Rubrik Beruf gab er an: „Graphiker und Photograph“. Nach weiteren hektischen Briefwechseln und zahlreichen Interventionen seiner englischen Unterstützer beim britischen Home Office erhielt er schließlich Ende September die Einreisegenehmigung nach England. Noch am 22. September hatte ihm Otto Schiff von London aus aufmunternd geschrieben: „Nicht die Nerven verlieren! Sie kommen noch heraus!“

Am 30. September 1939 verließ Robert Haas Wien. Die letzten Stunden vor der Abreise waren dramatisch. „Ich habe“, erinnerte sich Haas später an diese Ereignisse, „in der Nacht auf den 30. September in meinem Atelier übernachtet und hatte Besuch von einem Mädel – eine sehr liebe Freundin. Sie war Arierin, und das haben wahrscheinlich meine lieben Nachbarn gesehen und wollten mich denunzieren. Jedenfalls läutete es in der Früh an der Tür, und draußen war ein kleiner Bub, der drückte mir einen Zettel in die Hand und rannte weg. Auf dem Papier stand: Wenn ich nicht bis Mittag 100 Reichsmark bei der Kassiererin im Café auf der Ungargasse hinterlege, werde ich bei der Gestapo angezeigt. Ich bekam es mit der Angst zu tun.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon mein Visum und den Pass zur Ausreise. Am Ring war die Schlafwagen-Gesellschaft, dort musste man sich zur Auswanderung anstellen. Es waren immer viele Leute, und es war gefährlich. Sehr oft sind dort Braunhemden vorbeigekommen und haben irgendeinen aus der Reihe der Wartenden geholt und abgeführt. So hat es sich eingebürgert, dass man einen Arier gemietet hat, der sich quasi als Stellvertreter angestellt hat. Ich hatte für diesen Vormittag auch einen solchen Herrn engagiert. Ich bin rasch zu Freunden gelaufen, habe den Herrn angerufen, er möge mit dem ,Ostende-Express‘ vom Westbahnhof nach St. Pölten fahren und mir Pass und Fahrkarten mitbringen.

Sie können sich vorstellen, welche Angst ich gehabt habe, dass das klappt. Man war ja völlig vom guten Willen anderer abhängig. Der Schnellzug ist also im Bahnhof St. Pölten eingefahren, er hatte nur eine Minute Aufenthalt. Und tatsächlich springt ein Mann aus dem letzten Waggon, rennt vor, gibt mir Pass und Karten. Ich springe in den Zug und schon fährt er weiter. So bin ich aus Österreich rausgekommen.“

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Katalog zur Ausstellung „Robert Haas. Der Blick auf zwei Welten“, die 2016/17 im Wien Museum gezeigt wurde. Zuvor kam der fotografische Nachlass von Haas durch einen Ankauf des Vereins der Freunde des Wien Museums in die Sammlung des Wien Museums.

Schwerpunkt Flucht/Krieg

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Anton Holzer arbeitet als Fotohistoriker, Ausstellungskurator und Publizist in Wien, seit 2001 ist er Herausgeber der Zeitschrift „Fotogeschichte“. www.anton-holzer.at

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