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Peter Stuiber, 24.3.2021

Routenplaner: Literatur im 3. Bezirk

Landstraßer Nebenstraßen

Den dritten Bezirk literarisch entdecken: Unser Routenvorschlag führt zu den Wohn- und Arbeitsorten von acht Schriftstellerinnen und Schriftstellern. Mit dabei: Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann, Walter Buchebner, Heimito von Doderer, Elfriede Gerstl, Robert Musil, Jura Soyfer und Hilde Spiel.

Wir beginnen unseren Spaziergang bei einem Lokal, das zwar zurzeit geschlossen ist, aber normalerweise wundervoll den Eindruck vermittelt, die Zeit sei stehen geblieben:

Das Café Am Heumarkt

Es ist kein glamouröser Literaten-Treffpunkt, aber immerhin hat Ingeborg Bachmann (1926-1973) ihr Stammlokal im Roman „Malina“ verewigt (und auch Gerhard Roth wurde hier schon oft gesehen – seine Wiener Wohnung ist nur ein paar Schritte entfernt). Bachmanns berühmtes, schon oft beschriebenes „Ungargassenland“, in dem die Protagonistin/en des Romans wohnen, beginnt eigentlich schon am Heumarkt, denn „nach dem Heumarkt steigt mein Blutdruck und zugleich läßt die Spannung nach, der Krampf, der mich in fremden Gegenden befällt.“

Beatrixgasse 26

Nur ein Katzensprung vom Café entfernt ist die erste Wiener Wohnadresse der Dichterin, die ab 1946 in der Beatrixgasse 26 logierte, woran eine Gedenktafel erinnert. Bereits ab diesem Jahr veröffentlichte Bachmann Gedichte und Prosa in österreichischen Zeitungen und Zeitschriften. In Wien lernte sie auch Paul Celan kennen, der von Dezember 1947 bis Mitte 1948 hier Zwischenstation machte, ehe er sich in Paris niederließ.

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Ungargasse 9

Weiter geht’s dann gleich in die Ungargasse, auf Nummer 6 wohnt die Ich-Erzählerin in „Malina“, auf Nummer 9 ihr Liebhaber Ivan – die im Werk beschriebenen Löwenköpfe zieren noch die Türe, sollen aber nicht mehr die originalen sein. Der 1971 erschienene Roman wurde übrigens nicht in Wien, sondern erst viel später in Rom geschrieben, wo Bachmann von 1965 bis zu ihrem Tod 1973 lebte. „Mit kleinen Kaffeehäusern und vielen kleinen Gasthäusern macht sie [die Ungargasse] sich nützlich“, ist in „Malina“ zu lesen. Und weiter: „Streckenweise, etwa auf der Höhe des Consolato Italiano, mit dem Istituto Italiano die Cultura kann man ihr ein gewisses Air nicht absprechen“… aber letztlich erinnere die Gasse „an ihre ferne Jugend, an die alte Hungargasse, in der die aus Ungarn einreisenden Kaufleute, Pferde-, Ochsen- und Heuhändler hier ihre Herbergen hatten, ihre Einkehrwirtshäuser, und so verläuft sie nur, wie es amtlich heißt, `in großem Bogen Richtung Stadt“. Auf Nummer 17 der Ungargasse hatte übrigens Robert Musil 1920/21 eine kurze Bleibe – mehr zu ihm später!

Hier finden Sie weiterführende Informationen zur Ungargasse, in der u.a. auch Ludwig van Beethoven, Johannes Brahms und Emilie Flöge wohnten.

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Als die junge Ingeborg Bachmann in Wien Anschluss an die Literatenkreise rund um Hans Weigel suchte, lernte sie die Ilse Aichinger (1921-2016) kennen, die 1948 in ihrem bahnbrechenden Roman „Die größere Hoffnung“ Aichinger die traumatischen Erfahrungen des halbjüdischen Mädchens Ellen während der NS-Zeit beschrieben hat. Aichinger selbst überlebte als Tochter einer jüdischen Ärztin mit Glück die Kriegszeit. 

Unser Spaziergang führt uns nun – vorbei am zweiten Wiener Wohnort von Ingeborg Bachmann in der Gottfried Keller-Gasse 13, wo sie von 1949 bis zu ihrem Abschied von Wien 1953 lebte – über den Rennweg zur Hohlweggasse 1, wo Aichingers Großmutter mütterlicherseits mit ihren Töchtern Klara und Erna wohnte.

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Hohlweggasse 1

In dem Band „Kleist, Moos, Fasane“ hat Ilse Aichinger die Erinnerungen an den Ort festgehalten (der Titel des Buches spielt auf die Gassennamen rund um die Hohlweggasse an): „In Österreich hatten zu Weihnachten 1938 Verfolgung und Unsicherheit für viele Familien begonnen. Auch wir hatten unsere Wohnung verlassen müssen und wohnten bei unserer Großmutter. Meine Schwester und ich lagen miteinander in einem Bett im Wohnzimmer, und auf dem Klavier neben dem Bett stand der Christbaum. Wenn man nachts erwachte und sich aufrichtete, konnte man zuweilen die Silberfäden in dem Ebenholz sich spiegeln sehen. Noch einmal brandete die Kindheit gegen alle Mauern, warf sich von dem eiskalten und unbewohnten Salon her gegen die Tür, zitterte mit den schlecht verkitteten Scheiben, wenn unten auf der kleinen Bahnlinie ein Lastwagen vorbeifuhr, in der Richtung nach Osten. Vielleicht waren es dieselben Lastwagen, die nur wenig später den Deportationen dienten – noch verteilte sich der Rauch der altmodischen Lokomotiven wie Rauch auf dem Nachthimmel, noch dienten sie der Kindheit.“

Auch im Band „Kurzschlüsse“ setzt sich Aichinger mit Wien auseinander. In dem Text „Verbindungsbahn“ heißte es: „Als die drei Schwestern [Aichingers Mutter und ihre beiden Tanten] vom Ball nach Hause kamen, war der Vater tot. Am Morgen half es nichts mehr, die Waggons der Lastzüge zu zählen. […] Aber heute noch grüßen die grünen Bäume über die Mauer, die Blätter, durch die man wie durch Trompeten blasen kann. […] Wer geht vor dem Abend noch einmal über den Steg und bläst das Lied durch die Blätter?“ Gemeint ist der Kleiststeg, der die durch die Verbindungsbahn getrennten Abschnitte der Kleist-Gasse miteinander verband.

Er existiert freilich seit dem Jahr 2000 nicht mehr, als er beim Streckenumbau für den City Airport Train abgetragen wurde. Schade, denn wir hätten ihn als kleinen Umweg nehmen können, um zu unserer nächsten Station zu gelangen: dem Haus in der Stanislausgasse 2, in dem die Familie der Schriftstellerin Hilde Spiel (1911-1990) wohnte. So überqueren wir einfach direkt die Bahn in Richtung Norden (und vorher würde sich noch ein weiterer Abstecher hinauf zum Landstraße Gürtel 87 anbieten, wo der Lyriker Walter Buchebner lebte, ein weitgehend vergessener Nachkriegsschriftsteller, dessen Gedichte die Stadt in den 50er und 60er Jahren in poetischen Bildern umkreisen: „wenn ich am wochenende abends aus meinem republikanischen/ fiebersarg steige und gestützt auf meine beispiellose skepsis/in FATTYS SALOON gehe dort meinen mißmut in ein glas scotch/entleere danke ich stets dem großen gott uncle sam“ (in FATTYS SALOON, 1961))

Stanislausgasse 2

Doch nun zur Wohnung in der Stanislausgasse 2, von der die spätere Literatin Hilde Spiel nicht begeistert war, obwohl das Haus heute einen prächtigen Eindruck macht: „Und hier ist endlich die Straße, in die wir nach dem Ende des ersten Krieges zogen, als man uns aus dem Paradies einer Gartenwohnung in Heiligenstadt vertrieb. Die neue Unterkunft lag im vierten Stock, von ihrem Balkon aus sah man bis auf die Hügel des Wienerwaldes. Trotzdem war sie reizlos. Ich verbrachte meine Jugend in einem Haus ohne Schönheit, obschon von einer gewissen abgründigen Faszination“, so Spiel in dem 1968 erstmals erschienenen Tagebuch „Rückkehr nach Wien“.

In ihrem Memoirenband „Die hellen und die finsteren Zeiten“ schildert sie die Eindrücke, die Wien nach 1918 auf sie machte: „Die Stadt, im Herbst oder im Vorfrühling, atmete eine Wehmut aus, die nicht nur Halbwüchsige, diese aber am heftigsten ergriff. In den kleinen grauen Gassen, den kahlen Parkanlagen, mehr noch auf den großen verwaisten Plätzen vor Palästen, in denen niemand mehr hauste, es wäre denn eine frierende Bürokratie, spürten wir die Vereinsamung, die Verelendung der einstigen Reichskapitale.“

Spiel debütierte Ende der 20er Jahre als junge Schriftstellerin, emigrierte bereits 1936 nach England und kehrte erst 1963 wieder in ihre Heimatstadt zurück, von wo sie aus bis Mitte der 1980er Jahre als Kulturkorrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung arbeitete.

Neulinggasse 8

Das Schicksal der Verfolgung ist auch mit der nächsten Station unserer Tour aufs Bitterste verbunden: In der Neulinggasse 8 wuchs Elfriede Gerstl (1932-2009) mit ihrer Mutter, ihre Tante und ihrer Großmutter auf – freilich nur bis 1942, denn dann musste die Familie die Wohnung verlassen. Bis zum Kriegsende lebten Mutter und Tochter als „U-Boote“ in verschiedenen Quartieren in Wien, das erste Versteck davon eben wieder in der Neulinggasse, wo sie von der Hausbesorgerin mit Lebensmitteln versorgt wurde: „Wir sind ja faktisch die ganze Zeit im Bett gelegen. Man durfte keinen Lärm machen, man sollte sich nicht am Fenster zeigen. In der Wohnung, wo wir im dritten Bezirk unterm Dach versteckt waren, da hat man auch darauf achten müssen, wann man auf die Toilette geht, wann man Wasser in der Küche nehmen kann.” Gleich gegenüber im Arenbergpark wurden übrigens genau zu dieser Zeit (1942/43) die beiden Gefechtstürme gebaut, die heute noch so eindringlich an den Krieg erinnern.

Ihre furchtbaren Erfahrungen während der NS-Zeit in Wien hat die vielseitige Essayistin und Lyrikerin literarisch nicht „verarbeitet“. „Aber ich hab es in einigen Fällen aufgeschrieben, aber nicht so ausführlich, wie ich könnte. Ich glaube, die Opfer haben als Einzige das Recht, zu vergessen.”

Unsere Route führt uns weiter in eine der schönsten Gassen des 3. Bezirks, in die Rasumofskygasse, benannt nach dem Palais des russischen Gesandten in Wien, Andrej Fürst Rasumofsky (1752-1836).

Rasumofskygasse 20

Einer der berühmtesten Romane der Weltliteratur wurde hier auf Nummer 20 geschrieben: „Der Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil (1880-1942). Auf Tür 8 im 2. Stock wohnte der Schriftsteller – wenn er nicht gerade in Berlin weilte – mit seiner Frau, der Malerin Martha Marcovaldi (1874-1949), und zwar von November 1921 bis zur Flucht in die Schweiz im August 1938.

1930 und 1933 erschienen die beiden (ersten) Bände des „Mannes ohne Eigenschaften“: Die Anerkennung war enorm, die finanzielle Lage blieb jedoch angespannt – Musil konnte nur dank einer „Unterstützungsgesellschaft“ an seinem ausufernden Romanprojekt weiterarbeiten. Das Ehepaar Musil lebte zwar nicht in Armut, aber auch keineswegs fürstlich. Der Musil-Biograf Karl Corino beschreibt es folgendermaßen: „Es waren wohl eher Diener-Wohnungen, Bassena (Wasserzapfstelle auf dem Flur im Treppenhaus), Ofenheizung. Die Gesamtfläche des Musilschen Domizils betrug zwar knapp 90 Quadratmeter, aber die Wohnung war unpraktisch schlauchartig, und man mußte, da es keinen durchgehenden Flur gab, alle Zimmer durchqueren, wenn man den Hausherrn in seinem Arbeitszimmer besuchen wollte: Küche, Schlaf- und Wohnzimmer. […] Wollte man baden, mußte man zunächst eine Gummibadewanne in die Küche stellen und das Wasser auf dem Herd erhitzen.“

 

Café Zartl, Rasumofskygasse 7

Mit einem anderen Verfasser von dicken „Wälzern“ ist die Gegend übrigens auch verbunden: mit Heimito von Doderer (1894-1966). Seine Eltern wohnten in der nahen Stammgasse 12, der Sohn maturierte 1914 im Gymnasium Kundmanngasse. Wie Musil war auch Doderer regelmäßig Gast im Café Zartl (Rasumofskygasse 7), das Vorbild für ein Café in seinem Roman „Die Wasserfälle von Slunj“  gewesen sein dürfte. Zu den weiteren Künstlern und Künstlerinnen, die im Café Zartl zu Gast waren, zählen u.a. Friedensreich Hundertwasser, Milo Dor, Barbara Frischmuth und Alfred Hrdlicka.

Gärtnergasse 4

Ein größerer Gegensatz als zwischen Heimito von Doderer und dem nächsten Dichter, auf dessen Spuren wir uns begeben, ist wohl kaum denkbar: Über die Marxergasse führt unsere Tour zum Haus Gärtnergasse 4, in dem Jura Soyfer (1912-1939) bei seinen Eltern wohnte (neben anderen Adressen, wie z.B. Ölzeltgasse 1, ebenfalls im 3. Bezirk). Während Doderer überzeugter Nationalsozialist war und den Justizpalastbrand 1927 auf seine Weise in den „Dämonen“ (die ursprünglich „Die Dämonen der Ostmark“ heißen sollten) beschrieb, wurde eben dieses traumatische Ereignis zu einem Erweckungserlebnis für Soyfer, den Sproß einer jüdischen, adeligen Familie, die aus Charkow (Ukraine) kam und sich 1921 in Wien niederließ. Bereits als Schüler schrieb er in diesem Haus kabarettistische Texte, seine satirischen Gedichte wurden ab 1932 in der Arbeiter Zeitung veröffentlicht – da war Soyfer gerade mal 20 Jahre alt!

1934 schloss er sich den Kommunisten an, sein Roman über die Sozialdemokratie mit dem Titel „So starb eine Partei“ blieb Fragment. Am 13. März 1938, ein Tag nach dem Anschluss, versuchte Soyfer in die Schweiz zu fliehen, wurde aber an der Grenze verhaftet und in Dachau interniert. Dort schrieb er den Text zum „Dachaulied“, das von seinem Mitinsassen Herbert Zipper vertont wurde. Eine Strophe daraus lautet: „Einst wird die Sirene künden: Auf zum letzten Zählappell!/ Draußen dann, wo wir uns finden, Bist du, Kamerad, zur Stell./ Hell wird uns die Freiheit lachen,  Schaffen heißt's mit großem Mut./ Und die Arbeit, die wir machen. Diese Arbeit, sie wird gut.“ Die Freiheit erlangte Soyfer nie wieder – ab 23. September war er im KZ Buchenwald interniert, wo er im Februar 1939 im Alter von 26 Jahren an Typhus starb.

Quellen, Literaturhinweise und Links

Ilse Aichinger: Kleist, Moos, Fasane. (Werkausgabe in acht Bänden, hg. v. Richard Reichensperger), Frankfurt/Main, 42016

Ilse Aichinger: Kurzschlüsse Wien. Hg. v. Simone Fässler, Wien 2001

Ilse Aichinger (=Dossier 5). Hg. v. Kurt Bartsch und Gerhard Melzer, Graz-Wien, 1993

Ingeborg Bachmann: Malina, in: Werke, Bd. 3, hg. v. Christine Koschel u.a., München, 31984

Joseph McVeigh: Ingeborg Bachmanns Wien, Berlin, 2016

Walter Buchebner: ich die eule von wien. Gedichte, Manifeste, Tagebücher. Hg. v. Daniela Strigl, Wien 2012

Heimito von Doderer: Roman No. 7/I. Teil: Die Wasserfälle von Slunj, München 1963

Wolfgang Fleischer: Das verleugnete Leben. Die Biographie des Heimito von Doderer, Wien, 21996

Elfriede Gerstl: Werke in fünf Bänden, hg. v. Christa Gürtler u.a., Graz-Wien, 2012-2017

elfriede-gerstl.zurerinnerung.at

Karl Corino: Robert Musil. Eine Biographie. Reinbek bei Hamburg, 2001

Jura Soyfer: Werkausgabe in vier Bänden. Hg. v. Horst Jarka, Wien-Frankfurt am Main, 2002

Alexander Emanuely: Ausnahmezustand. Jura Soyfers Transit (=Enzyklopädie des Wiener Wissens, Bd. XVIII, hg. v. Hubert Christian Ehalt), Weitra, 2013

www.soyfer.at

Hilde Spiel: Rückkehr nach Wien. Ein Tagebuch. Wien, 2009

Hilde Spiel: Die hellen und die finsteren Zeiten. Erinnerungen 1911-1946. München, 1989

www.wiengeschichtewiki.at

Über diese Tour

Start:
3., Am Heumarkt 15

Ende:
3., Gärtnergasse 4

Dauer: ca. 90 Minuten 

Öffentliche
Verkehrsmnittel:

keine Öffis benötigt
 
Google Maps:
Route online 

Route und Beschreibung
PDF zum Ausdrucken 

Peter Stuiber, Studium der Geschichte und Germanistik in Wien und Paris. Leiter der Abteilung Publikationen und Digitales Museum im Wien Museum, redaktionsverantwortlich für Wien Museum Magazin. Diverse Ausstellungen und Bücher zur österreichischen Design- und Kulturgeschichte.

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Kommentare

Redaktion

Liebe Frau Bierbauer, vielen Dank für Ihre positive Rückmeldung! Das freut uns sehr! Herzliche Grüße, Peter Stuiber

Alexandra Bierbauer

Großartig!
Danke!