
Jeannie Ebner, 1978: Foto: Barbara Pflaum (Ausschnitt) / APA-Images / brandstaetter images
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Schriftstellerin Jeannie Ebner
Die Literaturnetzwerkerin
Da, wo die Stadt in Richtung Norden ausrinnt, zwischen rasch gebauten Einfamilienhäusern, Schnellbahngleisen und dem ehemaligen Gaswerk Leopoldau, erinnert eine sehr kleine Gasse an die Schriftstellerin, Übersetzerin und Herausgeberin Jeannie Ebner. Sie gehörte, wie es die Kritikerin Hilde Spiel einmal ausdrückte, gemeinsam mit Ingeborg Bachmann und Ilse Aichinger zu den bedeutendsten Nachkriegsautorinnen Österreichs.
Vier Romane, außerdem Gedichte, Erzählungen und Kurzprosa, dazu Übersetzungen und Tagebücher hat sie hinterlassen. Das meiste davon war lange Zeit vergriffen. Ebner selbst ist vielen, wenn überhaupt, nur als undankbare Nebenrolle in Thomas Bernhards Roman „Holzfällen“ geläufig, wo sie unter dem Namen Jeannie Billroth verunglimpft wird. Und das, obwohl (oder gerade weil?) sie doch die Mentorin des jungen Bernhard gewesen war. Kollegen wie der Dichter H. C. Artmann kritisierten Bernhards Verhalten.
Der Fußweg, der am nördlichen Stadtrand Wiens an Jeannie Ebner erinnern soll, ist so klein, dass er auf dem Stadtplan kaum zu finden ist. Heimito von Doderer, ein Zeitgenosse und Förderer Ebners, hat, ganz in der Nähe, ein wesentlich bedeutenderes Stück Verkehrsfläche bekommen. Dass der Jeannie Ebner zugedachte Weg schwer zu finden ist, passt zu seiner Namensgeberin, die früh die Schule abbrechen musste, um sich und ihre kranke Mutter zu ernähren, die Gedichte neben ihrer Arbeit als Spediteurin schrieb und die ihr Licht gerne unter den Scheffel stellte. Als Netzwerkerin mit besten Kontakten und Herausgeberin einer wichtigen Literaturzeitschrift förderte sie andere Autoren und Autorinnen – manche nannten sie gar „Mutter“ der österreichischen Literatur.
Jeannie Ebners Engagement wurde nicht immer bedankt. So bemühte sie sich erfolgreich um eine Veröffentlichung Christine Lavants beim Salzburger Otto Müller Verlag, schrieb Briefe an Heinrich Böll und Elias Canetti – doch als Herausgeberin wurde sie nicht erwähnt. Aber warum sollte die Literaturwelt weniger patriarchalisch geprägt sein als der Rest der österreichischen Nachkriegsgesellschaft? Ebner musste auch Versuche abwehren, sie als Herausgeberin der Zeitschrift „Literatur und Kritik“ abzusetzen – sie solle als Frau wohl besser „Tippmamsell“ sein, schreibt sie in ihren Erinnerungen. „In Österreich bedienen sich die meisten Männer der weiblichen Arbeitswilligkeit, um Ruf und Karriere aufzubauen, und dazu gehört es natürlich auch, die Namen und die Leistungen der Frauen totzuschweigen.“ Nachzulesen sind Ebners Erinnerungen an ihre Jahre bei „Literatur und Kritik“ in der ersten von insgesamt 28 Archivboxen, in denen sich der Nachlass von Jeannie Ebner befindet. Die Wienbibliothek im Rathaus verwaltet, was von diesem Schriftstellerinnenleben übriggeblieben ist: Notizen, Werke, Briefe, Lebensdokumente.
Jeannie Ebner wieder in Erinnerung zu bringen: Daran arbeitet Wolfgang Straub. Der Salzburger Germanist ist Leiter der Handschriften, Musikalien und Nachlässe in der Wienbibliothek – und er hat zuletzt für die Edition Atelier die Romane „Maskerade“ und „Zur falschen Zeit“ des heute wenig bekannten Autors Hans Flesch-Brunningen herausgegeben, des zweiten Manns der Schriftstellerin und Literaturkritikerin Hilde Spiel.
Mit Jeannie Ebners Roman „Figuren in Schwarz und Weiß“ hat Straub nun ein Gesellschaftspanorama Österreichs zwischen 1925 und 1955 neu ediert. Rund um die Wiener Buchhändlerin Theres Meinhart geht es in Ebners Roman um Frauenleben und das Ringen um persönliche wie berufliche Eigenständigkeit in einer patriarchalen Umgebung; um Frauen, die vor dem Hintergrund von Diktatur, Krieg und Nachkriegsnot ihren Lebensweg zu finden versuchen. Ebners Protagonistin Theres Meinhart ist eine beruflich selbständige Frau mit dem Wunsch nach Emanzipation. War auch Jeannie Ebner Feministin? „Vielleicht nicht im heutigen Verständnis, aber sie hat im Rahmen ihrer Überzeugungen selbstbewusst und fordernd agiert und hat andere Frauen unterstürzt, etwa Marlen Haushofer, mit der sie gut befreundet war. Es ging ihr schon darum, dass man gemeinsam um etwas kämpft. Sie hat Dinge klar benannt. Dass sich die großen Männer mit Erfolgen schmücken und die Arbeit die Frauen machen. Doch sie hat eben innerhalb dieses Rahmens versucht, zu agieren. Sich für die gute Literatur einzusetzen, das war ihr wichtiger als Persönliches,“ erzählt Straub.
Straub ist im Zuge seiner Forschungen über Hans Weigel zu Jeannie Ebner gekommen: Der Kritiker und Schriftsteller galt bis in die 1960er Jahre als Förderer, aber auch als Gatekeeper österreichischer Literatur. An Weigels literarischem Stammtisch im Café Raimund war Jeannie Ebner von Anfang an eine zentrale Figur. Unzählige Manuskripte gingen durch ihre Hände, sie teilte sie in „Kaas“ und „brauchbar“ ein, erledigte die Vorsortierung für Weigels „Stimmen der Gegenwart“ – und spielte ihre eigene Rolle dabei herunter. „Sie war eigentlich Mitherausgeberin, aber sie steht nirgends als Mitherausgeberin. Sie wird auch in der Literaturgeschichte nicht als solche wahrgenommen. Es war ganz klar, dass der Mann als Mentor wahrgenommen wurde. Ebner hat sich da irgendwie durchlaviert – und war trotzdem selbstbewusst.“
Jeannie Ebner wurde 1918 in Australien geboren, ihr aus Wiener Neustadt stammender Vater Johann war dorthin ausgewandert, hatte sich dort als Kaufmann eine Existenz aufgebaut und ein kleines Vermögen erwirtschaftet. 1920 kam die Familie zurück, Jeannie Ebner wuchs zweisprachig in Wiener Neustadt auf. Eine paradiesische Kindheit sei es gewesen, schrieb sie später. Doch Vater und Bruder starben sehr plötzlich. In Folge der wirtschaftlich schwierigen Verhältnisse nach dem Krieg verarmte die Familie. Jeannie Ebner musste die Schule frühzeitig verlassen, ihre Mutter konnte das Schulgeld nicht mehr bezahlen.
Ebner begann eine Lehre und übernahm die Spedition, an der sie vom Vater Anteile geerbt hatte. Von da an führte sie ein Doppelleben, schreibt Wolfgang Straub in seinem Nachwort zum Roman „Figuren in Schwarz und Weiß“. Ebner hatte schon als Zwölfjährige Gedichte geschrieben. Und das tat sie als nunmehrige Speditionskauffrau auch weiterhin. Ihr Vorbild war Rilke, der in ihr, so schreibt sie prosaisch und selbstironisch in ihren Erinnerungen, „den Wunsch erweckte, an Schwindsucht zu sterben. Aber ich war dick und rotwangig.“ Mitten im Krieg begann Ebner ein Studium der Bildhauerei an der Akademie für angewandte Künste. Gleichzeitig leitete sie ihre Spedition mit 35 MitarbeiterInnen. Denn von der Kunst allein konnte sie nicht leben.
Nach dem Krieg fand Ebner eine Beschäftigung als Stenotypistin in einer Autoreparaturwerkstätte der US-Armee, wo sie nebenbei Gedichte und Prosatexte schrieb. 1949 druckte eine Literaturzeitschrift ihren ersten Text. Sie veröffentlichte bald in Tages- und Wochenzeitungen. Ab 1951 nahm sie als junge Redakteurin bei Weigels „Stimmen der Gegenwart“ am literarischen Stammtisch im Café Raimund Platz.
Heimatlos, ja, tatsächlich wohnungslos soll Ebner eine Zeitlang gewesen sein. Wolfgang Straub meint, diese bohèmehafte Vagabunden-Zeit sei etwas übertrieben geschildert worden. Laut Melderegister war Eber tatsächlich in einer Pension hinter der Ratshausstraße gemeldet, sie habe, schrieb sie später, „da und dort geschlafen“. Ab 1952 lebte sie in einer Gemeindewohnung im zweiten Bezirk mit ihrem Mann, dem Chemiker Ernst Allinger. Die Wohnung wurde bald, so Straub, „ein Treffpunkt für kollegialen Austausch mit Nachwuchsliteraten wie Thomas Bernhard“.
Ebners erster Roman, „Sie warten auf Antwort“, erschien 1954 im katholischen Herold Verlag und wurde von der einflussreichen Kritikerin Hilde Spiel gelobt. Der Roman „Die Wildnis früher Sommer“ kam 1958 bei Kiepenheuer & Witsch heraus. „Figuren in Schwarz und Weiß“ erschien 1964 im Verlag Sigbert Mohn in Gütersloh, wo auch die mit Ebner befreundete Marlen Haushofer ihren Roman „Die Wand“ herausbrachte. Ebners finanzielle Situation hatte sich gebessert, dennoch arbeite sie, neben ihren Romanen, Novellen und Gedichten auch weiterhin als literarische Übersetzerin, unter anderem von Doris Lessing.
Als Mentorin war Ebner auch Vermittlerin zwischen mehreren Welten. Konservativ in ihrer Literaturauffassung, ging sie zunächst auch erzählerisch einen konventionellen Weg. Erst später sei sie moderner geworden, sagt Straub. „Während des Zweiten Weltkriegs waren viele junge Menschen in Österreich von der Moderne abgeschnitten. Avantgarde, französische Literatur, aber auch Kafka mussten sie erst nachlesen. Doch bald gab es einen intensiven Austausch untereinander. Mit dem Dichter HC Artmann etwa war Jeannie Ebner gut befreundet, auch mit Andreas Okopenko oder Hertha Kräftner stand sie im Austausch. Das brachte eine Offenheit gegenüber Schreibweisen mit sich, die nicht ihrer eigenen Ästhetik entsprachen. Eine klare Grenze aber war bei ihr die Sprache. Bei der Wiener Gruppe und da, wo die Verständlichkeit infrage gestellt wurde, war diese Grenze für sie überschritten.“
Ab 1968 wurde Jeannie Ebner neben Gerhard Fritsch Redakteurin der Zeitschrift „Literatur und Kritik“, einer der wichtigsten Literaturzeitschriften des Landes. Nach dem Tod Fritschs 1969 war Ebner bis 1978 die alleinige Redakteurin. Außerdem war sie Mitglied in verschiedenen literarischen Gremien Österreichs. Sie gehörte dem Kultursenat des Landes Niederösterreich an, war Gründungsmitglied der IG Autoren und mehr als 20 Jahre Vizepräsidentin von PEN-Österreich. 1962 erhielt sie den Robert-Musil-Preis, 1970 die Adalbert-Stifter-Medaille und 1971 den Literaturpreis der Stadt Wien.
Jeannie Ebner ist 2004 in einem Ottakringer Pflegeheim gestorben. Begraben ist sie auf dem Friedhof von Wiener Neustadt. Hinterlassen hat sie eine kleine Gasse in Floridsdorf und 28 Archivboxen. Zeitgenossen schildern sie als pragmatisch. Die großen Fragen stellte sie in ihren Romanen. Straub zitiert im Nachwort von „Figuren in Schwarz und Weiß“ aus einem Radiointerview Ebners: Oft habe ihr „die Frage vor Augen gestanden, ob es in diesem einsamen Spiel namens Leben nicht etwa einen großen, unsichtbaren Zuschauer‘ gebe. Der Roman sei eine Auseinandersetzung mit dieser Frage.“
Hinweis
Der Roman „Figuren in Schwarz und Weiß“ ist bei Edition Atelier erschienen, herausgegeben und mit einem Nachwort von Wolfgang Straub.
Im Verlag Manesse sind unter dem Titel „Die neue Penelope“ Erzählungen von Jeannie Ebner erschienen.











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