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Peter Stuiber, 3.2.2021

Thomas Bernhards Wiener Wohnorte

„Typisches Großstadtkind am Anfang“

In Thomas Bernhards Leben spielt Wien eine entscheidende Rolle. Zum 90. Geburtstag haben wir uns seine Wiener Wohnorte genauer angesehen: Zu sehen sind erstmals Innenaufnahmen des Ottakringer Zinshauses, in dem er als Kleinkind aufwuchs. Mit der Döblinger Adresse des späteren Schriftstellers  ist nicht nur der Roman „Frost“, sondern auch ein dunkles Kapitel der Geschichte verbunden. 

„…daß ich Wien hasse und daß es doch rührend ist, daß ich diese Menschen verfluche und doch lieben muß und daß ich dieses Wien hasse und doch lieben muß, und ich dachte, während ich schon durch die Innere Stadt lief, daß diese Stadt doch meine Stadt ist und immer meine Stadt sein wird…“ (Holzfällen, 1984)

Ohne Thomas Bernhard wäre die literarische Topografie Wiens bedeutend ärmer. Man könnte die Stadt stundenlang auf den Spuren des Schriftstellers abschreiten. Eine inspirierende Station könnte das Kunsthistorische Museum mit seinem „Weißbärtigen Mann“ von Tintoretto sein („Alte Meister“), eine andere der Wertheimsteinpark oder die ehemalige WÖK in der Döblinger Hauptstraße („Die Billigesser“). Es würde sich ein Besuch bei Kniže am Graben anbieten („Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen“) oder ein Tafelspitz im Astoria („Alte Meister“). Man könnte sich vor dem Burgtheater an den Misthaufen erinnern, der im November 1988 als Protest gegen „Heldenplatz“ abgeladen wurde, oder in der Gentzgasse an den Ohrensessel denken, in dem der Erzähler von „Holzfällen“ sich über die „Eheleute Auersberger“ und deren Gäste auslässt. Das Wittgenstein-Haus in der Kundmanngasse eignet sich als Ausgangspunkt für Reflexionen über Bernhards Roman „Korrektur“, mit einer Schnitzelsemmel als Stärkung kann man auf dem Kahlenberg à la Bernhard picknicken („Mit Claus Peymann und Hermann Beil auf der Sulzwiese“). Und wie wäre es, den Eichhörnchen am Steinhof zuzusehen und dabei an „Wittgensteins Neffe“ zu denken? Oder im Musikverein zu überprüfen, ob Wien tatsächlich noch immer die „ekelerregendsten Toiletten der Welt“ hat („Alte Meister“)?

Viele der erwähnten Orte sind in den „besseren“ Bezirken der Stadt angesiedelt. Weniger im öffentlichen Bewusstsein verankert ist, dass Bernhards erster Wohnort in Wien ein Arbeiterbezirk war: Geboren wurde Bernhard am 9. Februar 1931 in Heerlen (Niederlande). Herta Bernhard brachte ihr uneheliches Kind dann Anfang September 1931 nach Wien zu ihren Eltern, die in Ottakring lebten. Bernhards Großvater, der Schriftsteller Johannes Freumbichler, wurde bekanntlich zum ersten „Lebensmenschen“ des Dichters. Er war mit seiner späteren Frau Anna Bernhard bereits 1913 in die Hauptstadt gezogen, wo sie in bitterer Armut lebten: Während die Frau mit diversen Arbeiten (u.a. als Näherin) Geld verdiente, stürzte sich der schwermütige wie von seiner künstlerischen Mission besessene Schriftsteller Freumbichler von einem erfolglosen Romanprojekt ins nächste. Das Familienoberhaupt forderte die bedingungslose Unterstützung von seiner Lebensgefährtin und der Tochter ein – und bekam sie auch zeitlebens. 

Das Haus in der Wernhardtstraße 6, in dem die Familie Freumbichler/Bernhard ab 1916 lebte, wurde 1913 errichtet. Es ist ein typisches Zinshaus seiner Zeit. Wirklich bemerkenswert waren allerdings die Bauten auf der anderen Straßenseite: Die„Jubiläumshäuser“ mit „Volkswohnungen“ wurden 1900/1901 aus Mitteln des Kaiser-Franz-Joseph-I.-Jubiläumsfonds gebaut. Es handelt sich dabei um einen Vorläufer der Gemeindebauten mit günstigen Wohnungen für Arbeiter*innen, mit Innentoiletten, Gemeinschaftseinrichtungen und einem Ledigenheim für Männer und Frauen. Ein Teil des Wohnareals (jener gegenüber der Wernhardtstraße 6) wurde allerdings in den 1970er Jahren einem Immobilienprojekt geopfert. Eine historische Postkarte um 1905 vermittelt einen Eindruck davon, was man auch noch zu Bernhards Kinderzeiten in den 1930er Jahren sah, wenn man aus dem Wohnhaus des späteren Dichters trat.

In seinem autobiografischen Buch „Ein Kind“ erinnert sich Bernhard bruchstückhaft an seine Wiener Kindheitstage: „Aus dieser Zeit habe ich mir eine Reihe Bilder bewahrt. Ein Fenster mit dem Blick auf einen riesigen Akazienbaum, ein abschüssiges Straßenstück, über das ich auf einem Dreirad bergab rolle. Schlittenfahrten mit meinem Großvater unter der sogenannten Ameisbrücke.“ Ob das Kind nachts die Züge der nahen Vorortelinie hörte? Die folgende Fotoserie von Elodie Grethen, entstanden im Jänner 2020 fürs Wien Museum Magazin, zeigt erstmals das Innere des Zinshauses und führt uns vom Parterre hinauf in den dritten Stock, dann links in den Gang, wo die zweite Tür (Nr. 13) zur hofseitigen ehemaligen Bernhard-Wohnung gehört (die Tür davor ist das dazugehörige Klo am Gang).

Die explosive politische Stimmung der Zeit manifestiert sich in dem Buch in der Figur des Onkel Farald (eigentlich Rudolf Pichler, Bruder von Herta Bernhard), der als kommunistischer Aktivist die Familie stets in Gefahr gebracht haben soll: „Der Umgang mit meinem Onkel war immer der interessanteste, gleichzeitig aber auch der gefährlichste“, schreibt Bernhard in dem autobiografischen Band „Ein Kind“. In einem Interview mit dem Schriftsteller-Kollegen Peter Hamm erzählte er: „Mein Onkel war ein genialer Kerl, der in Wien diese ganzen Propagandageschichten für die Kommunisten, eben mit dem Ernst Fischer, gemacht hat, na ja der hat sie ausgeführt, der andere hat gesagt, wie man`s macht. Und so hat er halt Transparente aufgehängt in Wien und hat zwischen Transparenten und Gefängnis seine Existenz geführt.“

Bernhard-Biograf Manfred Mittermayer relativiert freilich diese Einschätzung des Autors, die Verbindungen des „Onkel Farald“ zu kommunistischen Organisationen dürften nicht so eng gewesen sein. Von der Arbeitsnot zeugt jedenfalls ein Inserat, das der Absolvent der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt im Jahr 1931 in der Zeitung „Der Abend“ aufgab.

Jedenfalls wird ein Freund von Onkel Farald bald ein enges Familienmitglied: Der Friseurlehrling Emil Fabjan lernt Herta Bernhard kennen, 1936 werden sie heiraten. Aber da ist die Familie nicht mehr in Wien, sondern bereits in Seekirchen am Wallersee. Die bittere Armut habe Wien zur Hölle gemacht, „in der es jeden Tag um alles ging“, so heißt es in „Ein Kind“. „Aus dieser Hölle wollte mein Großvater so schnell wie möglich heraus, selbst um den Preis, dahin zurückzukehren, woraus er dreißig Jahre vorher geflohen war.“ Im Jahr 1935, als Thomas Bernhard vier Jahre alt ist, endet also seine erste Zeit in Wien. In dem bereits erwähnten Interview mit Peter Hamm (dessen Veröffentlichung er zeitlebens erfolgreich verhinderte, weil er das Interview für „unmöglich“ hielt), meint Bernhard lapidar: „Dann [nach „Jahren“ am Meer; de facto waren es sieben Monate in Rotterdam, Anm. P.S.] bin ich im Waschkorb nach Wien gekommen mit meiner Mutter. Großgeworden bin ich in Wien. Typisches Großstadtkind am Anfang.“ 

Ein Refugium in Döbling

Erst in den 1950er Jahren werden die Anknüpfungen Bernhards an die Bundeshauptstadt wieder enger. Ein entscheidender Grund dafür ist der zweite Lebensmensch Bernhards, den dieser 1950 in der Lungenheilstätte Grafenhof in St. Veit/Pongau trifft: Hedwig Stavianicek (1894-1984). Die Witwe des hochrangigen Beamten Franz Stavianicek stammt aus einer wohlhabenden Wiener Familie und ist 36 Jahre älter als Bernhard. Die „Tante“, wie er sie bisweilen nennt, wird zur wichtigsten Förderin des jungen Mannes, der zu dieser Zeit zwar schon schreibt, zugleich aber noch immer eine Laufbahn als Sänger ins Auge fasst. Im Jahr 1957 erwirbt Stavianicek eine Drei-Zimmer-Wohnung in einem Neubau in der Obkirchergasse 3 in Oberdöbling. Dort wird Bernhard in den kommenden Jahrzehnten immer dann wohnen, wenn er in Wien weilt.
 

Die Obkirchergasse verbindet die Krottenbachstraße mit der Sieveringer Straße und ist vor allem als Einkaufsstraße mit Nahversorgern und kleinen Geschäften ein Begriff. Das Haus Obkirchergasse Nummer 3 ist wie seine benachbarten Bauten ein typischer 50er Jahre-Bau, denkbar unspektakulär. Doch in dem Gebäude, das zuvor an dieser Adresse gestanden war und kriegszerstört wurde, dürfte sich von 1942 bis 1945 ein Lager (oder eine lagerähnliche Unterkunft) für tschechische Zwangsarbeiter*innen befunden haben. Unbekannt ist, wieviele Menschen dort untergebracht worden waren und zu welchen Arbeiten sie gezwungen wurden.

Ob man darüber gesprochen hat, als Bernhard dort wohnte? Eher unwahrscheinlich. Der Schriftsteller, der das Nazi-Erbe Österreichs bis zu seinem Tod wie kein anderer gegeißelt hat, dürfte davon wohl nichts gewusst haben. 

Der Begriff „Zwangsarbeiterlager“ kann in diesem Zusammenhang vieles meinen, wie der Historiker Hermann Rafetseder anhand seiner Studien zu den Zwangsarbeiter*innen-Lagern in Wien dargestellt hat (die teilweise in Inhalte des Wien Geschichte Wiki eingeflossen sind): Baracken, umfunktionierte Schulen, Keller von Fabriken oder sonstige Unterkünfte, die nicht immer von außen sichtbar gewesen sein müssen. Allein dreißig solcher Unterkünfte sind für den 19. Bezirk verzeichnet, etliche davon zwischen Heiligenstädter Straße und Lände. Auch gleich um die Ecke der Obkirchergasse, in der Krottenbachstraße 18, ist ein solches Lager verzeichnet (in diesem Fall für spanische Zwangsarbeiter*innen). 

Die Wohnung in der Obkirchergasse markiert jedenfalls einen entscheidenden Wendepunkt im Leben Bernhards: Denn hier schreibt er zu großen Teilen den Roman „Frost“, mit dem er seinen literarischen Durchbruch schafft. Angetrieben von seinem Freund Wieland Schmied, der die Verbindung zum Insel Verlag herstellt, nutzt Bernhard den heißen Sommer 1962, um sich intensiv seinem Werk zu widmen. Frühmorgens sei er aufgestanden und habe gearbeitet, so der Dichter im Gespräch mit Peter Hamm. Dann am Vormittag sei er ins nahe „Krapfenwaldl“ gegangen: „Das Bad liegt so über Grinzing, man sieht über ganz Wien. Das herrliche Wasser dort, es waren kaum Leute da vor Mittag, ganz herrlich. Bin dann zu Mittag in die WÖK [in der Döblinger Hauptstraße 75, Anm. P.S.]  gegangen, das ist diese Wiener öffentliche Küche, da hat man für 7 Schilling 50 ein Menue gekriegt, und bin anschließend schräg gegenüber ins Caféhaus, Zeitungen lesen. Hab mich um 4 Uhr dann wieder hingesetzt und hab so bis um 10 Uhr abends geschrieben.“

Apropos Café: Das „Bräunerhof“ war ja bekanntermaßen später das Stammkaffeehaus des Schriftstellers, der „Literatencafés“ wie das Hawelka mied. Mit zunehmender Bekanntheit dürfte es Bernhard jedenfalls geschätzt haben, auch ungestört seinen Kaffee zu trinken und seiner Zeitungsleselust nachgehen zu können. Dabei war er keinesfalls so wählerisch, wie man vermuten könnte. So wurde er um 1980 regelmäßig in dem kleinen Café-Restaurant „Papageno“ in der Billrothstraße 83, gleich um die Ecke der Obkirchergasse, gesehen. Das Lokal war eher das, was man in Wien ein „Tschocherl“ nennt, das nicht nur Pensionist*innen, sondern auch Schüler*innen wegen der günstigen Preise anlockte. Das eher rustikale Interieur (der Tiroler Betreiber hatte für eine Holzvertäfelung gesorgt) störte Bernhard offenbar nicht, hier blieb er (fast) unerkannt. Heute befindet sich an dieser Stelle übrigens ein Asia-Restaurant. Ein weiteres Restaurant, das er häufig frequentierte, ist das nahe bürgerliche Restaurant Eckel in der Sieveringer Straße 46.

1984 starb Hedwig Stavianicek im Krankenhaus auf der Baumgartner Höhe, sie wurde am Grinzinger Friedhof im Grab ihres Mannes beigesetzt. Dorthin sollte ihr Bernhard im Februar 1989 folgen. Erst nach der Beerdigung wurde die Öffentlichkeit über den Tod des Schriftstellers informiert, wenige Wochen zuvor – am 4. November 1988 – war er anlässlich der „Skandal“-Premiere von „Heldenplatz“ das letzte Mal öffentlich zu sehen: auf der Bühne des Burgtheaters.

Übrigens ist es wahrscheinlich, dass Bernhard das Wien Museum (damals: Historisches Museum der Stadt Wien) besucht hat. Seine Begeisterung dürfte sich allerdings in Grenzen gehalten haben. Jedenfalls legt dies eine Stelle in „Alte Meister“ (1985) nahe, wo der Protagonist Reger folgendes erzählt: „Stellen Sie sich vor, meine Frau hat, vor unserer Verehelichung, eine biedermeierliche Stadtansicht von Wien, ich glaube von Gauermann, einer ihrer Nichten geschenkt. Als sie ein Jahr später einmal mehr aus Zufall denn aus Interesse daran, im Museum der Stadt Wien einen Rundgang machte, entdeckte sie in diesem Museum der Stadt Wien, das ja überhaupt nichts wert ist, wie ich meine, den der Nichte geschenkten Gauermann. Sie können sich vorstellen, daß das ein Schock für sie gewesen ist. Sie war sofort in die Direktion des Museums gegangen und hat dort in Erfahrung gebracht, daß ihre Nichte das Bild schon wenige Wochen, wenn nicht schon wenige Tage nachdem sie es von ihrer Tante, meiner späteren Frau, geschenkt bekommen hatte, für Zweihunderttausend an das Museum der Stadt Wien verkauft hat.“

Ob dieser Stelle im Buch eine wahre Begebenheit zugrunde liegt? Eine Wiener Stadtansicht von Gauermann befindet sich jedenfalls nicht in unserer Sammlung, der Künstler hat zudem fast ausschließlich ländliche Motive gemalt, davon finden sich wiederum etliche im Bestand des Museums. Zu vage Angaben jedenfalls, um mittels Ankaufsakten klären zu können, ob diese Wien Museum-Episode reale Hintergründe hat – oder ob sie Bernhard einfach erfunden hat.

Für Hinweise und Unterstützung bei der Recherche dankt der Autor Andreas Nierhaus, Hermann Rafetseder, Martin Vukovits, Vincent Weisl und Waltraud Zuleger. Besonderen Dank an Peter Fabjan (Thomas Bernhard Nachlassverwaltung) für die historischen Fotos von Thomas Bernhard.

Literaturhinweise:

Hans Höller: Thomas Bernhard. Reinbek bei Hamburg, 1993 
Manfred Mittermayer: Thomas Bernhard. Eine Biografie. Wien-Salzburg, 2015
Manfred Mittermayer (Hg.): Thomas Bernhard, Johannes Freumbichler, Hedwig Stavianicek. Bilder, Dokumente, Essays. Linz, 1999 (= Die Rampe, Extra)
Thomas Bernhard/Peter Hamm: „Sind Sie gern böse?“ Ein Nachtgespräch zwischen Thomas Bernhard und Peter Hamm. Berlin, 2011

Peter Stuiber, Studium der Geschichte und Germanistik in Wien und Paris. Leiter der Abteilung Publikationen und Digitales Museum im Wien Museum, redaktionsverantwortlich für Wien Museum Magazin. Diverse Ausstellungen und Bücher zur österreichischen Design- und Kulturgeschichte.

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Kommentare

Redaktion

Lieber Herr Mussil, danke für den Link! Sie waren Kameramann bei den Monologen auf Mallorca? Geniales Bildmaterial - und ein TV-Klassiker zu Thomas Bernhard! Chapeau!

Stephan Mussil

Zwar kein Wien-Bezug, aber dennoch interessant.
TB auf Mallorca 1980
http://stephanmussil.at/thb/