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Andreas Nierhaus, 11.11.2019

Bertel Thorvaldsens „Amor Vincitore“

Ein fast vergessenes Meisterwerk klassizistischer Skulptur

Am Fuß der Feststiege I im Wiener Rathaus stand seit mehr als 100 Jahren meist unbeachtet die Marmorstatue eines nackten Amorknaben mit Pfeil und Bogen. Immerhin wurde er bei Bällen mitunter in die Festdekoration einbezogen, zuletzt setzte man ihm den papierenen Bäckerhut einer Wiener Großbäckerei aufs Haupt – ein zwar respektloser, aber, wie sich zeigen wird, inhaltlich nicht unpassender Kopfschmuck. Jetzt ist die Skulptur aus der Sammlung des Wien Museums in Mailand zu sehen.

Ein wechselvolles Schicksal hatte dieses fast vergessene Meisterwerk klassizistischer Skulptur ins Rathaus geführt. Und die Zeit hatte ihre Spuren an der Statue hinterlassen. Als im Frühjahr 2019 die Anfrage aus Mailand kam, ob der „Amor Vincitore“ aus dem Besitz des Wien Museums für die spektakuläre Ausstellung „Canova | Thorvaldsen. La nascita della scultura moderna“ nach Mailand verliehen werden könne, ergab sich endlich die Gelegenheit, dieses bedeutende Werk des dänischen Bildhauers Bertel Thorvaldsen (1770-1844) einer umfassenden Restaurierung, Reinigung und Konservierung zu unterziehen. Nach seiner Rückkehr aus Italien im Frühjahr 2020 soll der Amor einen neuen, seiner Bedeutung angemessenen Standort finden. Wie aber kam der Amor Thorvaldsens, das einzige Werk des Künstlers in österreichischem Museumsbesitz, nach Wien, und warum ausgerechnet ins Wiener Rathaus?

Kurz nach 1800 wurde Wien mit einem Schlag zu einer Pilgerstätte moderner Kunst: Der Venezianer Antonio Canova (1757-1822), der bedeutendste Bildhauer seiner Zeit, errichtete in der Augustinerkirche das Grabmal für Erzherzogin Marie Christine, die Frau des Herzogs Albert von Sachsen-Teschen, das aufgrund seiner formal und inhaltlich ungewöhnlichen Gestaltung und meisterlichen Ausführung für großes Aufsehen in ganz Europa sorgte. 

Zeitgenössische Skulpturen zu sammeln, ja, einen Canova zu besitzen, wurde in der Wiener Aristokratie ein „must“. So kam es, dass Fürst Nikolaus II. Esterházy (1765-1833), einer der vermögendsten Adeligen seiner Zeit und bedeutender Mäzen, 1805 eine Sitzstatue seiner Tochter Leopoldine bei Canova in Auftrag gab, als der Bildhauer gerade zur Aufstellung des Grabmals in Wien weilte. Die Arbeiten zogen sich in die Länge, und erst 1817 konnte der Fürst das Bildnis seiner Tochter im Atelier des Künstlers in Rom in Augenschein nehmen. Bei diesem Aufenthalt kam es auch zum Kontakt zu Canovas jüngerem Konkurrenten, dem aus Kopenhagen gebürtigen Bertel Thorvaldsen (1770-1844). Bei diesem bestellte der Fürst drei Marmorwerke: seine eigene Porträtbüste, eine Tänzerin und „Amor Vincitore“, den römischen Liebesgott in Siegerpose nach einem bereits vorhandenen Gipsmodell. Für die Büste wurde ein Preis von 100 Dukaten, für die Skulpturen zusammen 4000 Scudi festgesetzt.

Beim adoleszenten Körper Amors orientierte sich Thorvaldsen am Torso des sogenannten Eros von Centocelle in den Vatikanischen Museen in Rom. Der geflügelte Liebesgott lehnt an einem Baumstumpf und ist im Begriff, die Spitze seines Pfeiles zu prüfen. In der linken Hand hält er den Bogen, um ihn herum sind weitere Attribute angeordnet: der Helm verweist auf den Kriegsgott Mars, der Donnerkeil auf Jupiter, das Löwenfell auf Herkules und die Lyra auf Apoll – der Macht Amors müssen sich selbst die Götter beugen.

(Eine ironische Ergänzung erfuhren diese Attribute im Jahr 2011, als das dänisch-norwegische Künstlerduo Elmgreen & Dragset der Gipsfassung des Amors im Thorvaldsen Museum in Kopenhagen ein Paar Sportschuhe auf die Schulter hängten.

Doch ehe die Skulpturen im Palais Esterházy in Mariahilf aufgestellt werden konnten, ereignete sich ein schweres Unglück: just zu dem Zeitpunkt, als sich Thorvaldsen 1820 bei Fürst Nikolaus II. in Wien aufhielt, erreichte ihn ein Brief seines Schülers Hermann Ernst Freund, der ihm vom Einsturz der Decke seines Ateliers in Rom und den schweren Schäden an den dort befindlichen Kunstwerken berichtete: „Amor hat den Kopf verloren, beide Flügel und den Arm, mit dem er den Pfeil hält, der andere Arm und der Bogen sind völlig intakt, was seltsam ist, da er so wenig Kraft hat, der Rücken dieser Figur ist zu sehen und es ist ungewiss, wie die Beine aussehen. Wir haben festgestellt, dass der Kopf des Amors unbeschädigt ist, außer dass er vom Körper getrennt und ein paar Locken beschädigt wurden.“ Der Brief enthielt auch eine Skizze des eingestürzten Ateliers. Auf dem Schutthaufen zu ebener Erde ist die Fundstätte des „Amor“ deutlich bezeichnet. (Dokumente zur Geschichte der Statue sind auf der Website des Thorvaldsen-Museums in Kopenhagen)

Die Statue wurde daraufhin von Mitarbeitern Thorvaldsens restauriert, der rechte Arm ergänzt und die Bruchstelle durch ein Band verdeckt. Die Statuen, die aufgrund der schlechten Straßenverhältnisse und ihres Gewichts auf dem Wasserweg von Rom aus rund um den italienischen Stiefel bis nach Triest und von dort weiter nach Norden transportiert werden mussten, sollten erst 1822 in Wien eintreffen. Im Jahr darauf beschrieb der Schriftsteller Josef von Hormayr den nun vollendeten Skulpturensaal im Palais des Fürsten als „Sanktuarium“ der Kunst und war von „Anmuth und Liebreiz“ der Skulpturen Thorvaldsens besonders angezogen.

Nach dem Tod des Fürsten, der durch seinen luxuriösen Lebensstil sein Majorat an den Rand des Bankrottes geführt hatte, wurde die Sammlung in alle Winde zerstreut; die Gemäldegalerie aus dem Wiener Palais bildete den Grundstock des Museums der bildenden Künste in Budapest. Der Amor gelangte in den Besitz des umtriebigen Unternehmers August Zang (1807-1888). Dieser hatte nicht nur das Perkussionsgewehr erfunden, sondern 1838 auch eine „Boulangerie Viennoise“ in Paris eröffnet, von wo aus das Wiener Kipferl als Croissant seinen Siegeszug um den Globus antrat. Mit dem Erlös des Brotgeschäfts in Paris gründete Zang 1848 die Zeitung „Die Presse“ und wurde zu einem der einflussreichsten Publizisten seiner Zeit. Später trat er als Grubenbesitzer in der Weststeiermark hervor, wo bis heute das Zangtal an sein erfolgreiches Engagement im Bergbau erinnert. Zangs Frau Ludovica, die als „Frau Gewerkin“ die Geschäfte bis ins 20. Jahrhundert weiterführte, schenkte den Amor Thorvaldsens nach dem Tod ihres Mannes bereits 1888 (und nicht erst 1895, wie oft zu lesen ist) der Stadt Wien – mit der Bedingung, ihn in den Festräumen des Rathauses aufzustellen.

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Hier blieb die Statue, bis sie im Frühjahr 2019 in das Atelier des Steinrestaurators Christian Gurtner gebracht wurde. Die Schäden waren gravierend: Neben der kaum vermeidbaren Verschmutzung unter nicht musealen Bedingungen hatte der eine oder andere Bürger das Bedürfnis, sich auf der Marmoroberfläche mit diversem Schreibzeug zu verewigen. Auch die zuvor beschriebenen Reparaturen aus der Entstehungszeit des Kunstwerks hielten der widrigen Aufstellungssituation nicht stand: die historischen Verklebungen der Brüche mit damals durchaus üblichen Gipsmassen und eisernen Armierungen hatten sich gelockert und waren über die Jahre schon mehrmals unsachgemäß und ästhetisch unbefriedigend repariert worden.

Glücklicher Weise stehen für restauratorische Zwecke heute eine Vielzahl an geeigneten Materialien und Methoden zur Verfügung. Mit Mikrodampfstrahl, organischen Lösemitteln und feinstem Bimsmehl konnte absolut substanzschonend die Brillanz des weißen Marmors wieder zurückgewonnen werden. Alterungs- und UV-beständige Kunstharze erlauben äußerst präzise Verklebungen, und korrosionsbeständige Armierungen aus Glasfaserstäben und Niro-Stahl gewährleisten zusätzliche Stabilität. Die ursprüngliche künstlerische Intention konnte damit wiederhergestellt werden, der offene Bruch am Hals erinnert an den schweren Sturz des geflügelten Gottes vor nunmehr fast 200 Jahren. Mit der Präsentation in Mailand hat dieses fast vergessene Meisterwerk aus der Sammlung des Wien Museums nun endlich die verdiente Aufmerksamkeit erhalten.

Die Ausstellung „Canova | Thorvaldsen. La nascita della scultura moderna“ ist noch bis zum 15. März 2020 in den Mailänder Gallerie d’Italia zu sehen. Danach fliegt Amor zurück nach Wien.

Verwendete Literatur:

Ausstellungskatalog Klassizismus in Wien. Architektur und Plastik, Historisches Museum der Stadt Wien, 1978, Kat.-Nr. 348.
Ingeborg Schemper-Sparholz: Fürst Nikolaus II. Esterházy als Liebhaber zeitgenössischer Skulptur, in: Wissenschaftliche Arbeiten aus dem Burgenland, 1997, S. 141-165. Stefan Körner: Nikolaus II. Esterházy und die Kunst. Biographie eines manischen Sammlers, Wien-Köln-Weimar 2013

Andreas Nierhaus, Kunsthistoriker und Kurator der Architektursammlung des Wien Museums. Forschungsschwerpunkte: Architektur des 19. und 20. Jahrhunderts, Medien der Architektur. Ausstellungen und Publikationen u.a. über Otto Wagner, die Wiener Ringstraße, die Wiener Werkbundsiedlung.

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