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Susanne Breuss, 10.6.2020

Berühmte Wiener Elefanten

Bubi, Mädi & Co.

In der Geschichte Wiens gab es immer wieder Elefanten, die es zu einiger Prominenz gebracht haben. Darunter auch der erste in Europa gezeugte und lebend geborene Babyelefant.

Elefanten in Wien

Die Geschichte der Wiener Elefanten zeugt nicht nur von einer großen Liebe zu diesen großen Tieren, sie macht auch deutlich, dass der Umgang mit ihnen stets den jeweiligen zeitgenössischen Vorstellungen über (exotische) Tiere entsprach. Traten die ersten Elefanten in Wien als Symbole fürstlicher Macht und Elemente höfischer Repräsentation in Erscheinung, so verlagerte sich im 19. Jahrhundert das Interesse zunehmend auf eine wissenschaftliche Ebene und um 1900 begannen auch Tierschutzideen eine Rolle zu spielen. Für das breite Publikum besaßen die Elefanten unabhängig davon aber immer auch einen enormen Schau- und Unterhaltungswert, egal, ob im Zirkus, in der Wandermenagerie, im Zoo oder als Dekorationsobjekt.

Die elefantischen Bewohner des Tiergartens Schönbrunn ebenso wie die in der Stadt stationierten Zirkus- und Wandermenagerietiere konnten sich der Anteilnahme der Öffentlichkeit und der medialen Berichterstattung stets gewiss sein – vor allem, wenn es sich um besonders eindrucksvolle Exemplare handelte.   

So unterzog die „Wiener Zeitschrift“ im Jahr 1829 anlässlich der Zurschaustellung eines „ausgezeichnet schönen und abgerichteten männlichen indischen Elephanten“ außerhalb des Wiener Rotenturmtors durch die Tierschaustellerin Madame Lecerf diese exotischen Tiere einer ausgiebigen Würdigung. Bis dahin hatte man noch nicht oft Gelegenheit gehabt, Elefanten in natura zu erleben, jedes einzelne Tier erregte daher große Aufmerksamkeit und der Informationsbedarf war hoch. Unter anderem erfuhren die Leser, dass speziell der indische Elefant zu den nützlichsten und lernfähigsten Tieren zählt, die der Mensch jemals gezähmt hat und er trotz seiner Größe und Stärke ein sanftes Tier ist, „das keineswegs zu schaden sucht“.

Der Lecerf’sche Elefant namens Baba galt als ein besonders gelehriges und virtuoses Tier, das auch das Wiener Publikum in Begeisterung versetzte. Unter anderem konnte er auf einer kleinen Trompete blasen und mit einer Pistole schießen.

Soliman oder Pepi – erster Elefant in Wien

Der erste Elefant, der jemals Wiener Boden betrat, war Soliman (auch Beppo bzw. Pepi genannt), ein indischer Elefantenbulle, geboren um 1540. Er traf im Frühling 1552 zusammen mit dem späteren Kaiser Maximilian II. und dessen Gattin Maria in Wien ein. Maximilian hatte das ursprünglich in portugiesischem Besitz befindliche Tier 1551 von seiner Cousine (und gleichzeitig Schwägerin) Johanna erhalten, welche ihn zuvor von ihrem zukünftigen Gemahl geschenkt bekommen hatte. Elefantengeschenke zählten damals durchaus zu den diplomatischen Gepflogenheiten unter den europäischen Herrschern, so wie überhaupt das Halten von Tieren Teil der fürstlichen Repräsentation war. Ein wertvolles exotisches Tier wie der riesige Elefant war bestens dazu geeignet, Macht anschaulich zu vermitteln.  

Im Gefolge von Maximilian startete im Winter 1551/52 Solimans Reise vom spanischen Valladolid nach Wien. Auf diesem langen Weg hinterließ er zahlreiche Spuren und sorgte allerorts für Aufregung, war man doch den Anblick solcher Tiere nicht gewöhnt. Auch in Wien war Soliman/Pepi ein Publikumsmagnet, wobei die Reaktionen zwischen Staunen, Begeisterung und Furcht vor dem riesigen „langnasigen Ungeheuer“ schwankten. Erstmals zu Gesicht bekam ihn das Volk anlässlich des feierlichen Einzugs von Maximilian in die Residenzstadt, wo er einen aufsehenerregenden Bestandteil der Zeremonie darstellte und den majestätischen Habitus des Habsburgers unterstrich. Der Weg führte wahrscheinlich vom Kärntner Tor über die Kärntner Straße auf den Graben und von dort über die Tuchlauben zur Burg.

Einer Legende zufolge fiel einer Mutter, die sich unter den Schaulustigen befand, das Kleinkind auf den Boden, direkt vor den Elefanten hin. Nun herrschte blankes Entsetzen, da man befürchtete, dass der Koloss das Kind zertreten würde. Er hob es aber mit seinem Rüssel behutsam auf und überreichte es der zu Tode erschrockenen Mutter.

Soliman/Pepi selbst überlebte nicht sehr lange: Ende 1553 starb er in der kaiserlichen Menagerie im Schloss Ebersdorf (Kaiserebersdorf), wohin er verbracht wurde, nachdem er in Wien vermutlich noch eine Zeit lang in einer Scheune am Wasserglacis zur Schau gestellt worden war. Nach seinem Tod wurde er zerlegt und unter anderem aus seinen Knochen ein Stuhl angefertigt, der sich heute in den Sammlungen des Stifts Kremsmünster befindet. Ein Präparat des Elefanten hielt sich bis zum Zweiten Weltkrieg. Von Solimans/Pepis Wiener Aufenthalt zeugten später mehrere Hausbezeichnungen, unter anderem das Elefantenhaus am Graben: Das an seiner Fassade aufgebrachte Fresko mit der Elefantendarstellung (welches auf ein früheres Sandsteinrelief folgte) wurde Ende des 18. Jahrhunderts übermalt, das Haus selbst im Jahr 1866 abgerissen. Der Name Pepi hielt sich noch lange für Wiener Elefanten – im Tiergarten Schönbrunn wurde er für männliche wie für weibliche Elefanten mehrfach vergeben, wobei vielfach einfach nur von „Schönbrunner Pepi“ gesprochen wurde.

Mädi – das erste Wiener Elefantenbaby

Am 14. Juli 1906 spielten sich im Tiergarten Schönbrunn außergewöhnliche Szenen ab, nachdem man aus dem Elefantenhaus anhaltende laute Trompetentöne vernommen hatte. Das „Neuigkeits-Welt-Blatt“ berichtete später darüber: „Als die Wärter nun Nachschau nach der Ursache des ungewohnten Lärms hielten, fanden sie sich einem fait accompli in Gestalt eines putzigen – Elefantenbabys gegenüber. Nach den für Elefanten üblichen 2 2/3 Jahren hatte ‚Mizzi‘ ihren ‚Pepi‘ mit einem Mädchen überrascht.“ Es herrschte nun „heller Jubel“ und „gerechter Stolz“ darüber, dass im Schönbrunner Tiergarten „ein Elefantenjunges zur Welt kam, das nicht im Mutterleib importiert wurde“. Tatsächlich war das neugeborene Tier eine Sensation, denn es handelte sich um den ersten in Europa gezeugten und lebend geborenen Elefanten. Das vielbestaunte Baby wurde Mädi genannt und es war, ohne Rüssel und Schwanz gemessen, exakt einen Meter lang, wie mehrere Tageszeitungen vermeldeten. Damit hätte es das ideale Modell für die von einer Werbeagentur im Auftrag der österreichischen Bundesregierung kreierte Maßeinheit „Babyelefant“ abgegeben, die im Frühling 2020 im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie propagiert wurde, um der Bevölkerung auf einprägsame Weise die Einhaltung eines Mindestabstands von einem Meter nahezubringen.

 

Berühmt wurde aber auch der Schönbrunner Babyelefant asiatischer Abstammung. Abgesehen davon, dass er eine zoologische Besonderheit darstellte, entzückte er die Tiergartenmitarbeiter ebenso wie die Medien und das Publikum. Das „Neuigkeits-Welt-Blatt“ bezeichnete ihn als eine „wertvolle und einzig dastehende Bereicherung“ des Tiergartens und brachte gerne „Szenen aus der Wochenstube im Elefantenhaus“. Der sorgsam um das Wohlergehen ihres Sprösslings besorgten Mutter verabreichte man in Form einer Reissuppe quasi eine Wöchnerinnensuppe. Das Baby selbst widmete sich „eifrig dem Sauggeschäft“ und machte „seine Kapriolen, wie nur irgendein kleines Kalb“: „Etwas unbeholfen ist es dabei, wie alle die jüngsten Erdenbürger, aber seine Mama bringt ihm mit Geschick ‚das Technische‘ bei.“ Das Baby entwickelte sich prächtig. Es war hübsch, zutraulich, drollig, fröhlich und ausgelassen, und es zählte bald zu den bevorzugten Lieblingen der Zoobesucher. Angeblich war ein Drittel aller in Wien damals verkauften und verschickten Ansichtskarten mit Bildern der Elefantenmutter und des Elefantenbabys versehen.  

Zu Mädis Geburtstagen erschienen immer wieder Medienberichte und im Tiergarten langte Glückwunschpost von den zahlreichen Fans ein. Letztere fand zielsicher den Empfänger, selbst wenn sie aus dem Ausland kam und lediglich mit "dem Elefantenbaby in Wien" adressiert war. Manche hätten als Geburtstagsgeschenk gerne ein paar Leckerbissen geschickt - das war freilich verboten, denn schon damals wurde auf eine artgerechte Ernährung geachtet (was Besucher leider nicht daran hinderte, dennoch untaugliches mitgebrachtes Futter zu verabreichen). In den 1920er Jahren wird über Mädis tägliches Menü folgendes berichtet: 100 Kilo Heu, 25 Kilo Gerstenschrot, 30 Kilo Rüben und 150 Liter Wasser. Gestorben ist Mädi im Jahr 1944 an Altersschwäche.  

Bubi – „zum Fressen gern“

Bubi war ein indischer Elefantenbulle der traditionsreichen Wiener Zirkusfamilie Rebernigg und im Wien der 1930er und 1940er Jahre äußerst populär. Er war damals der einzige dressierte Elefantenbulle Europas, glänzte durch seine Klugheit und Gelehrigkeit, zu seinen Kunststücken zählte das Telefonieren und Rechnen ebenso wie das Tanzen (unter anderem beherrschte er Jitterbug) und Drehorgelspielen. 1934 trat Bubi im Theater an der Wien in einer Operette auf und 1935 ging er unter die Filmschauspieler: Gemeinsam mit Hans Moser und Leo Slezak spielte er in dem Oskar Glück-Film „Zirkus Saran“ mit (sein Honorar bestand in einer größeren Anzahl knuspriger Semmeln). 1945 half er eifrig bei den Aufräumarbeiten im kriegszerstörten Wien mit. Später absolvierte er unter anderem einen Gastauftritt beim Volksstimme-Fest auf der Jesuitenwiese im Prater und er wurde für Gewinnspiele und Werbeaktionen von Zeitungen engagiert.

Für großes Vergnügen sorgte er, wenn er sich einen Schabernack erlaubte und zum Beispiel mit Hilfe seines Rüssels Semmeln oder Krauthäuptel aus Einkaufstaschen stibitzte. Dabei wurde er ohnehin bereitwilligst mit Leckerbissen versorgt, sogar in den Nachkriegsjahren, als viele Menschen selbst Hunger litten. Tatsächlich war aber auch Bubi in Gefahr, denn dank gekürzter Rationen litt er an Mangelerscheinungen wie Skorbut. Anfang 1946 war bereits Jumbo, die Elefantendame der Reberniggs, den Hungertod gestorben, dieses Schicksal wollte man Bubi dann doch ersparen. 1948 kommentierte „Das kleine Volksblatt“ die Großzügigkeit der im Hinblick auf die Ernährung ebenfalls darbenden Bevölkerung folgendermaßen: „Einmal im Jahr müßte man nur für einen Tag in Wien Elefant sein! Was das goldene Wienerherz so einem Dickhäuter freiwillig spendet, ist allerhand.“

Im Unterschied zum allseits beliebten Bubi hatte die ältere Jumbo einiges auf dem Kerbholz gehabt – so konnte sie Ponys nicht leiden und hatte mehrere von ihnen auf dem Gewissen. Allerdings sollte auch der brave Bubi böse enden. Am 19. Dezember 1949 wurde der bis dahin friedliche und für seine Wohlerzogenheit bekannte Star des Zirkus Rebernigg rabiat, als er sich in der kritischen Brunftzeit befand. Nachdem er sowohl den Direktor als auch den Dompteur attackiert hatte, musste er aus Sicherheitsgründen erschossen werden. Zuvor erhielt er noch eine „Henkersmahlzeit“, bestehend aus besonders saftigem Heu und seinem Lieblingsfutter. Die traurige „Hinrichtung“ vollstreckte die Polizei, der Schaden für den Zirkus war enorm.

Die rund 3.500 Kilo des riesigen Bubi erforderten bei der Zerlegung den Einsatz von mehreren Fleischhauern. Ein Teil des Fleisches wurde für die Tierfütterung verwendet, wovon unter anderem der letzte Löwe der Reberniggs profitierte. Nachdem Veterinärmediziner festgestellt hatten, dass nichts gegen den menschlichen Verzehr sprechen würde, gab man das Bubifleisch auch dafür frei. Anfänglich zeigte freilich kein Mensch Interesse. Und das, obwohl die nachkriegsbedingt prekäre Ernährungssituation speziell das Fleisch zu einem seltenen Gast auf dem Teller gemacht hatte und für das außertourlich angefallene Elefantenfleisch nicht einmal Lebensmittelmarken abgeliefert werden mussten. Am 28. Dezember schrieb der „Wiener Kurier“ noch: „Die Wiener scheinen auf Elefantenschnitzel nicht erpicht zu sein“, kein Fleischhauer und kein Gastwirt wollte Bubis Fleisch. Doch dann fasste ein Wirt in der Neustiftgasse Mut. Zum Ausprobieren orderte er vier Kilo Bubifleisch und ließ daraus verschiedene Gerichte wie Gulasch und gedünstete Schulter zubereiten. Die zögerlichen Stammgäste langten erst zu, nachdem sich ein waghalsiger Vorkoster voller Begeisterung geäußert hatte. Das Elefanterne war überhaupt nicht zäh, wie manche befürchteten, sondern im Gegenteil „wach wia Butter“ und schmeckte ähnlich wie ein gutes Rindfleisch.

Wider Erwarten herrschte hinsichtlich der geschmacklichen Qualitäten von Bubi also größte Zufriedenheit und so kaufte der Wirt auch noch die restlichen zur Verfügung stehenden 1.596 Kilo und ließ sich davon täglich einen Teil aus dem städtischen Kühlhaus in der Engerthstraße bringen, wo die Fleischberge eingelagert worden waren. Auf seiner Menütafel prangte in Kreideschrift die einladende Frage: „Wollen auch Sie ein Stück Bubi?“ Eine kleine Portion Elefantengulasch kostete anderthalb bis zwei Schilling, eine große drei bis vier. Gegenüber der Schank stand ein Bröckerl Elefantenfleisch zur Ansicht bereit und wurde von den Gästen aufmerksam begutachtet. Der große Erfolg der Aktion – die Bubispezialitäten fanden nach den anfänglichen Schwierigkeiten reißenden Absatz – war nicht nur der schlussendlich siegenden Neugier auf Exotisches geschuldet, sondern auch der im Jahr 1949 noch immer eingeschränkten Lebensmittelversorgung. In der Not isst der Wiener eben auch Elefanten. Aber im Grunde ist es wahrscheinlich nur konsequent, wenn die Liebe zum Elefanten – und Bubi zählte zu den mit Abstand beliebtesten Wiener Dickhäutern – auch durch den Magen geht.

Susanne Breuss studierte Europäische Ethnologie, Geschichte, Philosophie und Soziologie an der Universität Wien und an der TU Darmstadt und ist seit 2004 Kuratorin im Wien Museum. Sie unterrichtet an der Universität Wien und schreibt für die Wiener Zeitung. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen historische und gegenwärtige Alltagskulturen sowie museologische Fragen. 
 

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Asuncion Cabrera

Vielen Dank!