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Bettina Balàka und Linn Ritsch , 7.9.2023

Bettina Balàkas Roman über Carl von Reichenbach

Zwischen Geschichte und Fantasie

„Der Zauberer vom Cobenzl“ – so nennt sich der jüngste historische Roman der in Wien lebenden Autorin Bettina Balàka. Es geht darin um den experimentierfreudigen Naturforscher Carl von Reichenbach und seine Töchter. Für das Buch recherchierte die Autorin monatelang, unter anderem in Katalogen des Wien Museums. Historische Genauigkeit, aber auch Vorstellungskraft und Fantasie sind ihr wichtig. Ein Gespräch über historische Fakten und moderne Fiktion.

Der titelgebende Industrielle und Forscher Carl Ludwig Freiherr von Reichenbach (1788-1869) residierte ab 1835 im Schloss Cobenzl bei Wien und wurde wegen seiner dort durchgeführten Experimente von den Wienerinnen und Wienern als „Zauberer vom Cobenzl“ tituliert. Seine Liebe galt der Naturwissenschaft, nichts wünschte er sich sehnlicher als den Beweis seiner heute noch unter Esoteriker:innen verbreiteten These von der wahrhaftigen Existenz von Od: einer aus allen Dingen und Lebewesen entströmenden Kraft, die nur besonders empfängliche Menschen sehen können.

Linn Ritsch

In Ihrem jüngsten Roman geht es um einen Mann mit dem stattlichen Namen Carl Ludwig Friedrich Freiherr von Reichenbach. Zu seiner Zeit war er auch als der „Zauberer vom Cobenzl“ bekannt, heute erinnert sich kaum jemand an ihn. Wie sind Sie auf ihn gestoßen?

Bettina Balàka

Am Anfang stand ein Spaziergang mit meinem Hund am Wiener „Himmel“. Dort bin ich auf Baron von Sothen aufmerksam geworden, über den ich meinen letzten Roman geschrieben habe, „Die Tauben von Brünn“. Dieser Baron hat auch Schloss Cobenzl gekauft. Bei der Recherche für meinen Roman habe ich gesehen, dass dort noch ein sehr interessanter Mensch gelebt hat. „Der Zauberer vom Cobenzl“ ist also nicht das erste Buch, das aus meinem Spaziergang entstanden ist. Die Wienerwaldschlösser haben wunderbare Geschichten hervorgebracht!

LR

Ihre Bücher tragen jedenfalls dazu bei, diese Geschichten bekannt zu machen!

BB

Es hat mich erstaunt, dass der „Zauberer vom Cobenzl“ so vergessen wurde – Informationen über ihn findet man allenfalls in eher entlegenen Publikationen. So ist es auch mit dem Schloss: Viele Leute glauben, dass man im 19. Bezirk heute noch das originale Schloss Cobenzl sehen kann. Es wurde aber in den Sechzigerjahren abgerissen.

LR

Der Herr von Schloss Cobenzl ist zwar die Titelfigur, aber nicht die Hauptfigur des Romans…

BB

Anfangs stand tatsächlich dieser geschichtlich bedeutsame Mann im Vordergrund. Mich hat er interessiert, weil er im 19. Jahrhundert einer der Pioniere der Wissenschaft war, dann aber auf die esoterische Schiene geraten ist. Doch dann bin ich auf seine Töchter gestoßen – und war noch mehr fasziniert: Vor allem von der älteren, Hermine, die eine angesehene Botanikerin war, und das in einer Zeit, in der Frauen eigentlich kaum eine Chance hatten, in der Wissenschaft Fuß zu fassen. Natürlich ist das auch eine dramaturgische Frage: Es schien mir am zielführendsten, aus der Perspektive dieser unglaublich spannenden Frau zu schreiben, um das von Höhen und Tiefen geprägte Vater-Töchter Verhältnis besser darzustellen.

LR

Im Roman kommt es schlussendlich zum Zerwürfnis zwischen Vater und Tochter. Vor allem, weil er mit seiner Od-Theorie auf wissenschaftliche Abwege gerät. Die Frage nach der Trennung von Fakt und Fiktion ist ein wichtiges Thema im Buch…

BB

Ich finde diese Frage nach der Grenze zwischen Wissenschaft und Quacksalberei sehr spannend: Das Thema ist ja auch heute wieder aktuell, wie wir zum Beispiel während der Coronapandemie sehen konnten. Es gibt nach wie vor viele Menschen, die wissenschaftliche Erkenntnisse infrage stellen. In meinem Buch beschäftigen sich viele Charaktere damit, auch Hermine. Vor allem im Zusammenhang mit ihrem Vater. Immer wieder fragt sie sich: Driftet er mit seiner Od-Theorie ins Esoterische? Auch die Homöopathie kommt im Buch vor: Im Gegensatz zu seinen eigenen Forschungen hielt Carl Reichenbach diese ja für völligen Blödsinn.

LR

Auch beim Schreiben historischer Romane geht es um Fakt und Fiktion. Wie findet man die richtige Balance?

BB

Ich schreibe Romane, das steht auch auf dem Cover, also Fiktion. Wenn ich jedoch etwas dazu erfinde, ist es mir wichtig, dass es plausibel ist. In diesem Fall waren aber die realen Ereignisse so interessant, dass ich relativ wenig dazu erfinden wollte und auch gar nicht musste. Ich habe so viel gefunden! Um in die Atmosphäre einer Epoche hineinzukommen, lese ich möglichst viele Romane, Novellen und Erzählungen aus der Zeit. Über Jahre hinweg. Also für das 19. Jahrhundert natürlich Autor:innen wie Marie von Ebner-Eschenbach oder Theodor Fontane. Aber es gibt auch sehr viele vergessene Schriftsteller:innen, deren Werke ich verschlungen habe. Wie war der Alltag für die Menschen? Wie hat man miteinander gesprochen? Das sind Dinge, die ich verstehen will. Aus einem Gefühl dafür entwickeln sich meine Romane.

LR

Trotzdem klingt die Sprache in Ihren Büchern ziemlich modern.

BB

Ich historisiere die Sprache nicht. Es ist mir kein Anliegen, wie im 19. Jahrhundert zu schreiben und ich könnte es auch nicht. Das müsste man lernen wie eine Fremdsprache. Der historische Aspekt wird nur durch einzelne Phrasen und Wörter markiert. Interessanterweise ist es vor allem wichtig, was man weglässt. Ich habe in vielen Überarbeitungen Wörter, die es damals noch nicht gab, aus dem Text gestrichen. Das ist wie Spracharchäologie. Hier ein Beispiel: Ich hatte das Wort „entsorgt“ im Text benutzt. Und zwar im modernen Sinne von „wegwerfen“. Diesen Ausdruck hätte man aber um 1840 nicht verwendet. Er ist erst im Zuge unserer Abfallgesellschaft mit moderner Müllentsorgung entstanden.

LR

Wie kommen Sie an die Quellen, die Sie für die Recherche benötigen?

BB

Die Quellen zu Carl von Reichenbach konnte ich mir zum Glück leicht besorgen. Es gibt nicht besonders viel Material zu ihm, das war schnell erschöpft. Für solche Fälle habe ich immer etwas in Petto: Das Wien Museum hat vor ein paar Jahren seine alten Kataloge verkauft und da habe ich sofort zugeschlagen! Hin und wieder schmökere ich darin und stoße auf Dinge, die ich später verwenden kann. Oder ich suche konkret nach Informationen und werde oft auch fündig. Lesen, Lesen, Lesen, das ist die wichtigste Voraussetzung fürs Schreiben. Ich sehe mir auch sehr viele Bilder an aus der Zeit, über die ich schreibe. Auch dafür sind solche Kataloge wunderbar. Das Coverbild des neuen Romans ist zum Beispiel ein Stich aus den Beständen des Wien Museums. Wenn es geht, möchte ich auch die Orte sehen, über die ich schreibe. Ich bin zum Beispiel nach Mähren gefahren, um mir Schloss Blansko anzusehen, wo die Familie Reichenbach gelebt hat, bevor sie nach Wien gezogen ist. Es gibt dort auch eine Höhle, die noch heute Reichenbachhöhle heißt.

LR

Höhlenforschung ist nur eines der wissenschaftlichen Themen, die Sie in Ihrem Schreiben aufgreifen. Dazu müssen Sie moderne Sichtweisen teilweise außer Acht lassen und sich auf das Wissenschaftsverständnis des 19. Jahrhunderts einlassen…

BB

Auch hier halte ich mich an alte Bücher. Was antiquarische Werke betrifft, bin ich eine Jägerin verlorener Schätze. Ich bin sehr froh, dass es mittlerweile Antiquare gibt, die online gut vernetzt sind. Ich habe zum Beispiel die Beschreibungen eines der ersten Forscher gefunden, der die mährischen Höhlen erkundet hat, die in meinem Buch vorkommen. Mich hat interessiert, was die Gedanken der Menschen waren, die dort zum ersten Mal hineingegangen sind. Dadurch hat sich für mich eine weitere spannende Frage ergeben: Was zerstöre ich durch Beobachtung und Forschung? Anfangs hat man etwa die spektakulären Tropfsteine aus diesen Höhlen entfernt und als Dekoration für Schlösser oder für künstliche Höhlen verwendet. Man war sich noch nicht im Klaren darüber, wie lange es dauert, bis so etwas entstanden ist. Auch dieses Thema ist meiner Meinung nach bis heute aktuell: Nach wie vor wird zum Beispiel mit Schleppnetzen der Meeresboden abgeräumt, um herauszufinden, welche vom Aussterben bedrohte Schneckenart dort lebt… nur dass sie nach diesem Prozess wirklich ausgestorben ist.

LR

Sind es solche Themen, mit denen Sie einen Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart spannen, die sie am historischen Schreiben interessieren?

BB

Mich interessiert, wie es dazu gekommen ist, dass wir so leben, wie wir heute leben – und wie es davor war. Mein erster historischer Roman, „Eisflüstern“ spielt ja während des Ersten Weltkriegs. Ich wollte einfach wissen, was vor dem Zweiten Weltkrieg geschah. Über letzteren haben wir in der Schule ausführlich gesprochen. Wie es dazu gekommen ist, haben wir bei weitem nicht so genau gelernt. Dann habe ich mich immer weiter ins 19. Jahrhundert zurückgearbeitet. In dieser Zeit finde ich die Entwicklung von Industrialisierung und Kapitalismus sehr spannend. Sowohl Sothen als auch Reichenbach waren ja Self-Made Men, die sich aus einfachen Verhältnissen bis zur Nobilitierung hocharbeiteten. Das war etwas Neues, ursprünglich wurde man ja in eine bestimmte Schicht hineingeboren und konnte daran nichts ändern.

LR

Für solche Fragen interessieren sich derzeit viele Leser:innen, historische Romane sind wieder en vogue. Wie steht das Genre Ihrer Einschätzung nach heute da?

BB

Als ich „Eisflüstern“ schrieb, war das ein Genre, das man überwiegend mit Unterhaltungsliteratur assoziierte. Historische Romane hatten eine eskapistische Funktion. Mittlerweile hat sich das geändert. Grundsätzlich kann man sich der Gegenwart ja über die Ränder annähern, indem man über die Zukunft schreibt, also Science Fiction, oder über die Vergangenheit im historischen Roman – beides galt einmal als Trash. Auch Dystopien sind mittlerweile in der „ernsten“ Literatur angekommen. Was das historische Schreiben betrifft, denke ich, dass wir am Ende des Anthropozäns das Bedürfnis verspüren, zu rekapitulieren. Wo sind wir als Menschheit falsch abgebogen?

LR

Wie kann man sich den Entstehungsprozess eines Ihrer historischen Romane vorstellen? Ist die Recherchephase streng von der Schreibphase getrennt?

BB

Ich beginne mit einer sehr umfassenden Recherche. Ich lese und gehe in Museen. Neben dem Wien Museum bin ich zum Beispiel auch dem Naturhistorischen Museum sehr verbunden, es ist fast mein zweites Zuhause. Dort habe ich zum Beispiel über die Meteoriten und die Geschichte ihrer Erforschung recherchiert, die auch in meinem Roman eine wichtige Rolle spielen. Irgendwann ist diese erste Phase abgeschlossen und ich beginne zu schreiben. Natürlich schlage ich aber bis zum Schluss immer wieder etwas nach.

LR

Lesen Sie selbst historische Romane?

BB

Nein. Das würde mich zu sehr ärgern! Wahrscheinlich würde ich mich nur auf die Fehler darin konzentrieren. Historische Romane der Gegenwart würden mich außerdem komplett verwirren. Ich könnte nicht mehr unterscheiden, was aus der jeweiligen Zeit stammt, in der die Geschichte spielt, und was die Autorin oder der Autor dazuerfunden haben. Es ist wie mit dem wissenschaftlichen Arbeiten: Man sollte die ursprüngliche Quelle lesen und nicht Sekundärzitate. Ich meine damit aber nicht, dass es keine tollen historischen Romane gibt!

LR

Sollen Ihre Leser:innen unterscheiden können, was historisch korrekt ist und was Sie dazuerfunden haben?

BB

Ich glaube, das kann man unmöglich unterscheiden. Ich will auch auf nichts festgelegt werden, schließlich schreibe ich Romane, keine akademischen Abhandlungen. Vieles, was historisch eindeutig belegt ist, kann man leicht selbst nachlesen. Anderes aber ist durchaus unklar: So findet sich im Wikipedia-Eintrag über Reichenbach keine Tochter namens Ottone, sondern ein Sohn names Otto mit exakt denselben Geburtsdaten. Es gibt allerdings sehr genaue Schilderungen von Ottone, etwa bei der Historikerin Maria Habacher. In der Wienbibliothek gibt es einen Brief von Alfred Julius Becher, in dem er die Trennung von Ottone als „traurige Katastrophe“ bezeichnet. Hat möglicherweise der Verfasser des Wikipedia-Eintrags Ottone einfach in einen Otto verwandelt? Hier wären die Historiker:innen gefragt, die Wahrheit herauszufinden und gegebenenfalls den Eintrag richtig zu stellen. Eine besondere Herausforderung ist die Mischung aus Fakt und Fiktion im Roman für meine Lektor:innen. Etwa bei Namen: Die müssen natürlich immer auf die richtige Schreibweise geprüft werden – und dann gibt es zwischendurch Namen, die ich frei erfunden habe. Die kann man natürlich nicht googeln, das führt schon mal zu Verwirrungen.

Der Roman „Der Zauberer vom Cobenzl“ ist im Haymon Verlag erschienen und kostet 19,90 Euro.

Bettina Balàka lebt als freie Schriftstellerin in Wien. Zahlreiche Buchveröffentlichungen, Theaterstücke und Hörspiele. Vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Theodor-Körner-Preis (2004), dem Salzburger Lyrikpreis (2006) und dem Friedrich-Schiedel-Literaturpreis (2008). Buchpublikationen u.a.: „Eisflüstern“. Roman (2006), „Schaumschluchten“. Gedichte (2009), „Auf offenem Meer“. Erzählungen (2010), „Kassiopeia“. Roman (2012), „Unter Menschen“. Roman (2014) sowie „Die Prinzessin von Arborio“. Roman (2016), „Kaiser, Krieger, Heldinnen. Exkursionen in die Gegenwart der Vergangenheit” (2018), „Die Tauben von Brünn“. Roman (2019.

Linn Ritsch studierte Literaturwissenschaft in Wien, Tübingen, St. Andrews und Perpignan. Seit 2021 ist sie Chefredakteurin des anzeiger, des Magazins der Österreichischen Buchbranche. Sie schreibt außerdem für verschiedene andere Medien und gestaltet Beiträge für Ö1.

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