Website Suche (Nach dem Absenden werden Sie zur Suchergebnisseite weitergeleitet.)

Hauptinhalt

Martina Nußbaumer, 14.10.2019

Das Erinnerungsbuch des Richard Grünfeld

Verzettelte Spuren einer Biografie

Schülerkarten für das Städtische Donaubad, Stehplatzkarten für das Burgtheater, Sitzungskarten für die Galerie des Reichsrats – diese und unzählige weitere Dokumente finden sich eingeklebt in einem rund 200 Seiten dicken Buch, das der Wiener Mediziner Richard Grünfeld (1875 – 1914) um 1900 angelegt hat. Die Zettel erzählen nicht nur vom Alltag einer bürgerlichen Kindheit und Jugend, sondern führen auch auf eine Reise durch die Kulturgeschichte Wiens dieser Jahre.

Wer war Richard Grünfeld? Diese Frage stellte sich der Wiener Bankangestellte Peter Tomanek, als er im Frühjahr 2019 den Nachlass seines Vaters sortierte und dort ein schon leicht zerfleddertes, in schwarzes Leinen gebundenes Buch mit der Goldprägung „Richard Grünfeld / I.“ fand – ein Objekt, das offenbar noch aus dem Besitz seines Großvaters, des Verlegers Josef Maria Tomanek (1903 – 1964) stammte.

Da weder Vater noch Großvater je von Kontakten zu einer Familie Grünfeld erzählt hatten und das Objekt keinen familienhistorischen Wert besitzt, übergab Peter Tomanek das Buch als Schenkung an das Wien Museum. Als ausgebildetem Volkswirt, der selbst zur österreichischen Bankengeschichte forscht und publiziert, war ihm sofort aufgefallen, dass die Vielzahl der in diesem persönlichen Erinnerungsbuch versammelten Dokumente weit mehr als nur eine biografische Quelle darstellt.

Alltags-, Kultur- und Sozialgeschichte in hunderten Schnipseln

„1893 Juli 12 Matura – 1899 Juli 7 Freitag Promotion.“ Diese beiden groß auf einer Doppelseite handschriftlich hervorgehobenen Daten bilden gewissermaßen den Referenzrahmen für hunderte Erinnerungsschnipsel, die der 1875 in Wien geborene Richard Leo Grünfeld um 1900 in ein Buch mit leeren Seiten eingeklebt hat: Fahrscheine für Eisenbahn-, Tramway-, Droschken- und Schiffsfahrten im In- und Ausland, Eintrittskarten für Konzert-, Opern- und Theateraufführungen, Tanzkarten für Bälle, Mitgliedsausweise für städtische Bäder, Anmeldekarten für mikroskopische Übungen an der Universität Wien und vieles mehr.

Handschriftliche Notizen runden die Sammlung ab, die von kulturellen Vorlieben, Freizeitaktivitäten, Bildungswegen und sozialen Netzwerken erzählt und gleichsam eine persönliche Reise durch die Wiener Kultur- und Alltagsgeschichte des späten 19. Jahrhunderts ermöglicht.

Familienspuren

Die frühesten genau datierbaren Dokumente, die Eingang in das Buch fanden, stammen aus dem Jahr 1884; die spätesten – mit Ausnahme einiger Lebensmittelkarten aus dem Ersten Weltkrieg – aus der Zeit um 1900. Der zeitliche Fokus der gesammelten Zettel liegt damit auf der späten Volksschul-, Gymnasial- und Studienzeit des späteren Mediziners Richard Grünfeld, über den abseits seiner in genealogischen Datenbanken auffindbaren Lebensdaten wenig bekannt ist – im Gegensatz zu seinen wesentlich prominenteren Eltern.

Auch Vater Josef Grünfeld (1840 – 1910), der als Pionier der Endoskopie in Wien gilt, war bereits Mediziner; er taucht im Buch als Inhaber zweier Badesaisonkarten für die ganze Familie Grünfeld in der „Mineral-Bade- und Schwimmanstalt“ 1892 und 1893 auf.

Mutter Sofie Grünfeld (1856 – 1946) war als soziale Vereinsfunktionärin aktiv, die unter anderem Ferienheime für bedürftige jüdische (Waisen-)Kinder organisierte. Auch sie scheint namentlich auf mehreren Einladungen für Wohltätigkeitsveranstaltungen auf, die Eingang ins Erinnerungsbuch gefunden haben.

Richard Grünfeld dürfte durchaus Anteil an den Aktivitäten seiner Mutter genommen haben: Bei der Aufführung des Stücks „Ferienheimlichkeiten oder Maxl’s Verbannung“ im Haustheater des „Ferienheim“ im Jahr 1897 trat er, wie ein Programmzettel verrät, selbst als Schauspieler auf. 

Überspringe den Bilder Slider
1/5

Vorheriges Elementnächstes Element
2/5

Vorheriges Elementnächstes Element
3/5

Vorheriges Elementnächstes Element
4/5

Vorheriges Elementnächstes Element
5/5

Vorheriges Elementnächstes Element
Springe zum Anfang des Bilder Slider

Von „Hagenbeck’s Zoologischem Circus“ ins Burgtheater


Wann Richard Grünfeld sein Erinnerungsbuch genau angelegt hat und wie viele der Materialien, die dort dicht an dicht eingeklebt sind, noch von seinen Eltern stammen, die zweifellos viele seiner frühen Kultur- und Freizeitaktivitäten organisiert haben, ist unklar. Die Zusammenschau der nicht streng chronologisch geordneten Zettel lässt jedenfalls Rückschlüsse auf die sich verändernden Beschäftigungen und Interessen eines jungen Mannes aus offensichtlich gut situiertem Hause zu, die für seine Zeit und seine soziale Herkunft durchaus typisch waren. Für die Jahre bis um 1890 überwiegen noch Eintrittskarten in Zoologische Gärten in Wien, Hamburg und Berlin, Karten für Zirkusdarbietungen und das „Grand Panorama Wien“, Saisonbadekarten für städtische Bäder und Eintrittskarten für das bei Wanderern beliebte „Eiserne Thor“-Schutzhaus am Lindkogel.

Später dominieren Eintrittskarten und Programmzettel, die von einem hochfrequenten Besuch von Musik-, Theater- und Opernaufführungen zeugen. Ob „Götz von Berlichingen“ im Burgtheater, „Der Troubadour“ in der Hofoper oder Klavierdarbietungen seines berühmten Namensvetters Alfred Grünfeld im Großen Musikvereinssaal – der Oberstufengymnasiast und junge Student Richard Grünfeld verbrachte viel Freizeit an allen namhaften Konzert- und Theaterbühnen Wiens; viele von ihnen wie der Bösendorfer-Saal im Palais Liechtenstein oder das Carltheater in der Praterstraße sind heute längst Geschichte.

Grünfelds Lieblingsbühne dürfte eindeutig das Burgtheater gewesen sein: Ein im Buch handschriftlich angelegtes „Verzeichnis der im Burgtheater gesehenen Stücke“ weist allein für dieses Haus 35 Theaterbesuche zwischen 1888 und 1894 aus. Ähnliche Auflistungen existieren für die Hofoper und die Badener Arena, wo Hirschfeld allein im Sommer 1893 – nach bestandener Matura – 16 Stücke sah.

 

Das Theater als größte Leidenschaft

Die Vielzahl der Theater- und Konzertbesuche vor allem im Schulabschlussjahr, die Akribie, mit der Grünfeld handschriftlich Eintrittskarten und Programmzettel um persönliche Notizen ergänzte, die zahlreichen aus Zeitungen ausgeschnittenen Besetzungslisten – all das wirkt wie eine unmittelbare Illustration jener „Theatromanie“, die der Schriftsteller Stefan Zweig in seinem Buch „Die Welt von gestern“ (1944) als typisch für Gymnasiasten aus bürgerlichem Wiener Haus im späten 19. Jahrhundert beschrieb.

Der 1881 geborene Stefan Zweig und der sechs Jahre ältere Richard Grünfeld dürften sogar – wenn auch nicht unbedingt zeitgleich – die selbe Schule besucht haben; zumindest findet sich im Erinnerungsbuch Grünfelds eine undatierte, auf Schüler des k.k. Staatsgymnasiums im 9. Bezirk (das heutige Gymnasium Wasagasse) ausgestellte „Anweisung auf eine Badekarte zum ermäßigten Preise“ für das Städtische Donaubad. An anderer Stelle im Buch – einer Saisonkarte für den Eislaufplatz im Augarten für das Schuljahr 1891/92 – ist Richard Grünfeld wiederum namentlich als Schüler der 7. Klasse des Franz-Joseph-Gymnasiums, des heutigen Gymnasiums Stubenbastei, ausgewiesen.

Besuche auf der Galerie des Reichs- und Gemeinderats

Unabhängig von einer realen Begegnung mit Stefan Zweig: Dessen Befund, wonach sich Wiener Gymnasiasten im späten 19. Jahrhundert als Gegenpol zum „stumpfen, öden Lernen“ in der Schule zentrale Bildungsinhalte außerhalb der Schulmauern geholt hätten, wird im Erinnerungsbuch Richard Grünfelds auch durch rund 30 Sitzungskarten für die Galerie des Reichsrats und des Gemeinderats gestützt, die der Gymnasiast gemeinsam mit Anmerkungen über „daselbst gehörte Reden“ einklebte.

Zur Leidenschaft für Musik, Theater und Politik gesellten sich Interessen am zeitgenössischen Ausstellungsbetrieb: Im Buch spiegeln sich nicht nur alle Großausstellungen des späten 19. Jahrhunderts wider, die damals Stadtgespräch waren –  von der „Internationalen Ausstellung für Musik und Theaterwesen“ 1892 („sehr fesch!“ sei der dortige Auftritt der „Tiroler Concert- und Schuhplattler-Tänzergesellschaft Eder-Maikl“ gewesen) bis zum im Jahr 1895 eröffneten „Venedig in Wien“.

Mit einer Eintrittskarte für die „Grillparzer-Ausstellung“ des Historischen Museums der Stadt Wien im Wiener Rathaus gibt es sogar einen unmittelbaren Bezug zur Geschichte des Wien Museums. Nur in einem Bereich dürften die Freizeitinteressen von Richard Grünfeld erheblich von jenen Stefan Zweigs abgewichen sein: Im Gegensatz zum wenig sportinteressierten Zweig nahm Grünfeld offenbar auch gerne als Zuseher an den Wettrennen diverser Radfahrsportvereine teil.

Ein Duell als 19jähriger Präsenzdiener?

Nach absolvierter Matura immatrikulierte Richard Grünfeld im Herbst 1893 an der Universität Wien, um Medizin zu studieren, leistete aber, wie mehrere Dokumente im Buch belegen, im Jahr 1894 zunächst noch einen einjährig-freiwilligen Dienst in der Armee ab. Auffällig ist ein auf den ersten Blick unscheinbarer Zettel aus dieser Zeit, der lose im Buch liegt: Ein „Certificat“ der „1. Compagnie des k.u.k. Feldjäger-Bataillons“ in Bruck an der Leitha erlaubte Richard Grünfeld eine 24stündige „Absentierung für Wien“ am 22. Juni 1894.

War der Grund für die Kurzreise nach Wien tatsächlich ein „Duell mit Ludw.“ (der Rest des Namens ist schwer leserlich), Mitglied der „3. Comp.“, wie es die nachträglich angebrachte handschriftliche Notiz mit Bleistift am unteren Rand des Zettels vermuten lässt? Wie ging dieses Duell für den Kombattanten aus? Und ist die um einen Monat von der „Absentierung“ abweichende Datierung des Duells mit „22. Juli“ lediglich ein Verschreiber oder kamen hier die Zettel durcheinander?

Der Beginn einer kurzen medizinischen Karriere

Diese wie viele andere Fragen zur Biografie Richard Grünfelds bleiben offen. Die im letzten Drittel des Buches eingeklebten Zutrittskarten für Sezier-, Anatomie- und Pathologiekurse verweisen auf sein Medizinstudium in den 1890er Jahren, Mitgliedskarten und Ankündigungen von Generalversammlungen auf seine zunächst passive, später aktive Mitgliedschaft im „Verein zur Pflege kranker Studierender“ und im „Medizinischen Unterstützungsverein“. Mit diesen Dokumenten des Engagements Grünfelds in einschlägigen Berufsverbänden enden die Hinweise auf seinen beruflichen Werdegang.

Ob der spätere „k. u. k Oberarzt“, der laut Todesanzeige am 20. September 1914 im Alter von nur 39 Jahren „in Ausübung seiner militärischen Pflicht“ starb, ein ergänzendes zweites Buch mit Erinnerungsschnipseln für die Zeit bis zum Ersten Weltkrieg angelegt hat, bleibt ebenfalls offen; die Prägung „Richard Grünfeld / I.“ lässt zumindest auf den Plan eines Folgebands schließen. Doch auch mit dem ersten Erinnerungsbuch allein liegt ein faszinierendes Dokument vor, das nicht nur viel über Praktiken der Selbstdokumentation um 1900 und über Sammeln als „Fundament individueller Identität“ (Aleida Assmann) erzählt, sondern auch einen reichen Fundus für kultur- und alltagshistorische Forschungen bietet.

 

Martina Nußbaumer studierte Geschichte, Angewandte Kulturwissenschaften und Kulturmanagement in Graz und Edinburgh und ist seit 2008 Kuratorin im Wien Museum. Von 2000 bis 2008 war sie in Forschungsprojekten in Wien und Graz tätig; seit 2006 gestaltet sie als freie Autorin Beiträge für Radio Ö1. Sie forscht und publiziert zu Stadt- und Kulturgeschichte im 19., 20. und 21. Jahrhundert, Geschlechtergeschichte sowie zu Geschichts- und Identitätspolitik.

Kommentar schreiben

* Diese Felder sind erforderlich

Kommentare

Redaktion

Sehr geehrter Herr Lasslesberger! Vielen Dank für Ihr positives Feedback! Sie können sich vorstellen, dass wir im Museum extrem dankbar sind für so ein Objekt, mit dem sich Alltagsgeschichte wunderbar erzählen lässt! Herzliche Grüße aus dem Wien Museum.

Erwin Lasslesberger

Sehr ansprechend und interessant, wie Sie dieses Notizbuch aufbereitet und in den historischen Zusammenhang gestellt haben. Ich bin ein Freund von Peter Tomanek, er hat mir von dem Fund erzählt und den Link gesendet.