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Monika Ankele, 17.5.2021

Das Sanatorium Dr. Anton Loew

Ein letztes Löffelchen Kaviar

Eine Gedenktafel an einem Wohnhaus in der Mariannengasse 18-20 im 9. Bezirk erinnert heute an den Sterbeort des Komponisten Gustav Mahler (1860-1911). Zugleich verweist sie auf die einstige Nutzung dieses Gebäudes, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts das größte und nobelste Privatsanatorium Wiens beherbergte: das Sanatorium Dr. Anton Loew. 

Als Gustav Mahler am 12. Mai mit seiner Frau Alma, seinen Schwiegereltern sowie in Begleitung des Internisten Franz Chvostek jun. mit dem Orientexpress aus Paris nach Wien gelangte, war er bereits todkrank. Im Februar hatte Mahler noch ein letztes Konzert in New York dirigiert. Im April war er nach Europa gekommen, um sich in Paris einer Behandlung zu unterziehen, die den erwünschten Erfolg nicht mehr erbrachte. So kehrte er, ohne wirkliche Hoffnung auf Genesung, nach Wien zurück. Am Westbahnhof eingetroffen, wartete bereits ein „Krankenautomobil“ des Sanatoriums Löw, das als private Krankenanstalt zu den besten Adressen Wiens gehörte und wo das Ehepaar Mahler für die letzten Lebenstage des Komponisten zwei Gartenzimmer bezog.

Das öffentliche Interesse an Mahlers Erkrankung sowie die Anteilnahme von Freunden waren enorm. Die Zeitungen berichteten täglich über Mahlers Befinden, Verehrer schickten Blumen, Freunde wie der Opernsänger Leo Slezak hofften auf einen letzten Besuch, und das Telefon im Sanatorium klingelte unentwegt, wie die Presse zu berichten wusste. Der behandelnde Arzt Franz Chvostek veröffentlichte in kurzen Abständen Bulletins über den Krankheitszustand seines berühmten Patienten, die die Öffentlichkeit gleichsam an das Krankenbett Mahlers heranführten und sie über seine Herz- und Pulsfrequenz, seine Temperatur, seine Harnausscheidungen, seinen Speiseplan und seinen Schlaf informierten. Als Gustav Mahler am 18. Mai im Beisein seiner Ärzte und Angehörigen starb, berichtete die Tagespresse minutiös über diese letzten Stunden des gefeierten Komponisten.

So war zu lesen, dass Alma ihrem Mann, der jegliche Nahrungsaufnahme bereits verweigerte, am Sterbebett noch ein letztes Löffelchen Kaviar eingeflößt haben soll, das er instinktiv schluckte, bevor er in eine tiefe Bewußtlosigkeit fiel, aus der er nicht mehr erwachte. Jahre später wird Alma Mahler in eben jenem Sanatorium, in dem ihr erster Ehemann verstarb, den Sohn des Schriftstellers Franz Werfel zur Welt bringen – und der Architekt Walter Gropius, mit dem sie zu diesem Zeitpunkt (noch) verheiratet war, wird an diesem Ort von der Verbindung seiner Frau mit Werfel erfahren. 

 

Das Sanatorium Löw 

Die Geschichte des Sanatoriums Löw beginnt in der Leopoldstadt: Dort eröffnete der Arzt Heinrich Löw im Jahr 1859 eine private Heilanstalt in unmittelbarer Nachbarschaft zum Dianabad. In den Zeitungen annoncierte Löw seine Einrichtung als „Maison de Santé“ oder „Kurhaus ‚Maison Löw‘“. Die Anzeigen stellten in Aussicht, dass „Fremde, die nach Wien kommen, um sich unter der Leitung der berühmten Aerzte und Professoren der Wiener Hochschule einer Kur oder Operation zu unterziehen“ in diesem Kurhaus alles finden, „was ihnen die beste Pflege im eigenen Familenkreise zu bieten im Stande ist“. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts erlebten private Heilanstalten und Sanatorien einen immer größeren Zulauf: Wer über das nötige Geld verfügte, bestellte den Arzt nicht mehr nach Hause, sondern suchte hier Aufnahme, um seine Leiden zu lindern, ohne auf den gewohnten Komfort verzichten zu müssen. Die öffentlichen Krankenhäuser blieben hingegen (vorerst noch) den unteren sozialen Schichten vorbehalten. So konnte soziale Distinktion weiterhin gewahrt bleiben. Die Privat-Heilanstalt von Heinrich Löw, die 1863 zu einem „Consultations- und Ordinationshaus für Wiener praktische Aerzte“ erweitert wurde, prosperierte in diesen Jahren. Sein Sohn Anton, der 1871 in Wien zum Dr. med. promoviert und die Anstalt nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1873 übernommen hatte, beschloss daher die Verlegung des Hauses in den neunten Wiener Gemeindebezirk und damit in das medizinische Zentrum der Stadt, wo es in unmittelbarer Nähe zum Allgemeinen Krankenhaus, zum Kinderspital und zur Irrenheilanstalt am Brünnlfeld neu errichtet werden sollte. 
 

In der Mariannengasse 20 ließ Anton Löw in Zusammenarbeit mit dem Architekten Ludwig Schöne ein neues Gebäude für das Sanatorium bauen, das er im Mai 1882 mit drei Ärzten, die den internen Dienst versorgten, eröffnete. Die private Krankenanstalt war auf „[a]lle medizinisch-chirurgischen und gynäkologischen Fälle, Augenkrankheiten und äusserliche Krankheiten“ spezialisiert. Personen mit psychischen Erkrankungen und Infektionskrankheiten waren von der Aufnahme ausgeschlossen. Für den Operationssaal des Sanatoriums und dessen „nach den neuesten Erfahrungen durchgeführte antiseptische Einrichtung“ zeigte auch Königin Louise von Dänemark ein „lebhaftes Interesse“, als sie im Oktober 1882 das Sanatorium besuchte. Doch die vorhandenen Räumlichkeiten – 1891 zählte die Anstalt 40 Betten – erwiesen sich bald als zu begrenzt, und die Krankenzimmer und Behandlungsräume entsprachen nicht mehr den hygienischen Anforderungen der Zeit.

Eine maßgebliche Erweiterung des Sanatoriums erfolgte im Jahr 1896 auf dem Gelände von neun Häusern, die zu diesem Zweck abgerissen wurden. Der nach Plänen des Architekten Ludwig Richter neu errichtete Trakt wurde an das alte Haus angeschlossen, sodass das Sanatorium auf drei Stockwerken nun über 80 Krankenbetten, drei Operationssäle, einen großen Garten und Einrichtungen wie Lese-, Schreib-, Rauch- und Konversationszimmer verfügte. „Alles glänzt in weißer Farbe mit einem rosa Schimmer“, schrieb die Wiener Montagspost anlässlich der Eröffnung. Und die Zeitschrift „Der Bautechniker“ führte aus: „In den Krankenzimmern sind alle Ecken abgerundet und weisser Oelanstrich deckt die asphaltierten Wände, sodass keine Bakterien in die Wände eindringen können (...). Dadurch, dass diese Zimmer hygienische Musterräume sind, leidet der Comfort ihrer Einrichtung nicht (...). Alle Möbel sind weiss lackiert, somit leicht zu waschen: auch die Fussböden sind durch ein eigenes Verfahren aseptisch gemacht.“

Eine letzte Erweiterung des Sanatoriums auf 150 Betten erfolgte schließlich 1906 mit der Gründung der Frauenheilanstalt in der Pelikangasse 13-15, die an die Mariannengasse angrenzte. Wie der „Wiener Tag“ 1932 rückblickend festhielt, sei damit in Wien die Mode begründet worden, nicht mehr zu Hause, sondern im Sanatorium zu entbinden.
 

Patientinnen und Patienten des Sanatoriums: Das „who is who“

In Löws Sanatorium begegnete sich das „who is who“: Künstler, Filmstars, Industrielle, Aristokraten, Adelige suchten hier medizinische Behandlung. Es gehörte quasi zum „guten Ton, einmal Patient des Sanatoriums Löw gewesen zu sein“. Die Tagespresse berichtete über die illustren Gäste, die das Sanatorium aufsuchten, und mit Spannung verfolgte ihre Leserschaft das Leiden, Genesen oder Sterben der „oberen Zehntausend“, die von Gebrechen nicht ausgenommen waren. Im März 1906 bezog die Kaiser-Enkelin Elisabeth Marie Windisch-Grätz, die „rote Erzherzogin“, mit ihrer Dienerschaft sieben Zimmer des Sanatoriums, um sich bei Julius Hochenegg, Vorstand der II. chirurgischen Klinik der Universität Wien, einer Blinddarmoperation zu unterziehen. Während der Operation strömten „Pilgerzüge“ in Richtung des Sanatoriums, die der Fürstin ihre Anteilnahme zeigten und sich erst nach der Mitteilung vom guten Verlauf der Operation wieder auflösten.

Für großes Aufsehen sorgte vor allem der Besuch ihres Großvaters, Kaiser Franz Joseph. Die zahlreichen Blinddarmoperationen, die im Sanatorium Löw in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg durchgeführt wurden, bewegte die Arbeiter-Zeitung rückblickend noch zu Spekulationen: Hier hätten die „Frauen der Reichen, die keinen Paragraphen 144 (Schwangerschaftsabbruch, M.A.) zu fürchten brauchten, (...) ihre ‚Blinddarm‘-Operationen durchführen“ lassen.
 

Zwischenkriegszeit und Wirtschaftskrise

In der Zwischenkriegszeit konnte das Sanatorium an den Glanz früherer Jahrzehnte nicht mehr anschließen. Die Monarchie war Vergangenheit, das Geld war knapp, die Preise blieben hoch und die Patientinnen und Patienten zusehends aus. Nach dem Tod ihres Mannes übernahm 1924 die Tochter Anton Löws, Gertrude Felsövanyi, die Geschäftsleitung des Sanatoriums. Doch alle ihre Bemühungen, die Prosperität des Sanatoriums zu sichern, wurden durch die Weltwirtschaftskrise erschwert. Mit 1. Januar 1933 kündigte das Sanatorium sämtliche angestellte Ärzte und höhere Beamte, um günstigere Verträge mit ihnen schließen zu können. Die Wiener Gesellschaft spekulierte über das endgültige Aus der geschichtsträchtigen Einrichtung. Um das Sanatorium finanziell zu entlasten, wurde bereits 1929 die Frauenheilanstalt aufgelassen.

Das Gebäude in der Pelikangasse 15, in der sich heute die „Wiener Privatklinik“ befindet, erwarb die „S. Canning Childs Stiftung zur Erforschung und Behandlung innerer Krankheiten und des Krebses“ für die Einrichtung eines nach der Stiftung benannten Spitals. Das Gebäude in der Mariannengasse 22 wurde 1933 von der Pearson-Stiftung zur „Vorbeugung und Behandlung von Geschwulstkrankheiten“ erworben, und in dem ehemaligen Schwesternhaus ein Spital unter der Leitung des Physiologen Ernst Freund eingerichtet. Und auch das Haus in der Pelikangasse 5, das an das Hauptgebäude in der Mariannengasse 20 angrenzte, sollte Anfang der 1930er Jahre einem neuen Zweck zugeführt und als Wohnhaus adaptiert werden. Die 45 Krankenzimmer sollten zu Kleinwohnungen umgebaut werden.
 

Nationalsozialismus

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten besiegelte das Ende des Sanatoriums Löw: Im Juli 1938 musste Gertrude Felsövanyi das Sanatorium, in seiner Größe stark dezimiert, endgültig schließen und emigrierte über Belgien in die USA, wo sie 1964 verstarb. 1939 wurde die Einrichtung liquidiert und das Gebäude vom Reichsluftfahrtministerium übernommen. Ab 1960 bezogen die Österreichischen Bundesbahnen das einstige Hauptgebäude des Sanatoriums. Frederick Pearson hatte in London eine neue Forschungsstätte gegründet, und Ernst Freund gelang die Flucht dorthin. Das Childs Spital wurde vom Deutschen Reich eingezogen und in das „Eigentum der Stadt Wien“ eingewiesen. Im Januar 1941 wurde es an die neu gegründete „Wiener Privatklinik Ges.m.bH.“ verkauft. 1957 kam es infolge eines Rückstellungsverfahrens zu einem Vergleich zwischen der „Wiener Privatklinik Ges.m.b.H“ und der nach dem Zweiten Weltkrieg neu gegründeten Childs-Stiftung. 1987 eröffnete die „Neue Wiener Privatklinik Ges.m.b.H.“, die 1982 gegründet worden war, in dem Gebäude der ehemaligen Frauenheilanstalt des Sanatoriums ein Belegspital und knüpfte damit an die medizinhistorische Vergangenheit dieses Ortes an.

MedUni Campus

2025 wird mit der Eröffnung des 35.000 m2 großen „MedUni Campus Mariannengasse“ auch jene Gasse, die Anton Löw für die Errichtung seines Sanatoriums wählte, wieder zu einem Zentrum medizinischer Forschung und Lehre, wie sie es zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem Sanatorium Löw, dem Childs Spital, der Pearson Stiftung und der Allgemeinen Poliklinik bereits war, bevor der Nationalsozialismus auch hier eine tiefgreifende Zäsur zur Folge hatte.

Verwendete Literatur

Michael Hubenstorf, Kontinuität und Bruch in der Medizingeschichte. Medizin in Österreich 1938-1955, in: Friedrich Stadler (Hg.), Kontinuität und Bruch. 1938 – 1945 – 1955. Beiträge zur österreichischen Kultur- und Wissenschaftsgeschichte, Münster 2004, S. 299-332.

Alma Mahler, Mein Leben. Frankfurt a.M 1960.

Jakob Lehne et al., Die Frauenheilkunde in Wien von ihren Anfängen bis in die Jetztzeit, in: Speculum – Zeitschrift für Gynäkologie und Geburtshilfe 3 (2019) (Ausgabe für Österreich), S. 3-23.

„Doctors Lose Post When Gestapo Closes Hospital”, in: Jewish Telegraphic Agency, 8. Juli 1938 (Nr. 82). 

„Dr. Ernst Freund, Noted Jewish Cancer Research Specialist, Dies in London”, 9. Juni 1946.

Olga Kronsteiner, Causa Felsövanyi: Duftige Lyrik in der Leseecke, in: Der Standard, 18. Oktober 2013.

MedUni Campus Mariannengasse
 

Wikipedia und Geschichtewiki:

Wiener Sanatorium Dr. Anton Loew

Wiener Privatklinik

Ernst Freund

Gertrud Löw

Frauenheilanstalt des Sanatoriums Loews

S. Canning Childs Spital

 

Über ANNO – AustriaN Newspapers Online (Österreichische Nationalbibliothek):

„Mahler in Wien. Heimkehr eines Schwerkranken“, in: Die Zeit, 13. Mai 1911 (Nr. 3100), S. 4.

„Gustav Mahler“, in: Wiener Montags-Journal, 15. Mai 1911 (Nr. 1527), S. 5.

„Gustav Mahler. Eine kleine Verschlimmerung“, in: Neues Wiener Journal, 16. Mai 1911 (Nr. 6308), S. 8.

„Gustav Mahler †“, in: Illustrierte Kronen-Zeitung, 20. Mai 1911 (Nr. 4089), S. 2-3.

Anzeige „Maison de Santé“, in: Allgemeine Wiener medizinische Wochenschrift, 3. September 1861, S. 268.

„An die Herren praktische Aerzte P. T. in Wien“, in: Allgemeine Wiener medizinische Wochenschrift, 24. November 1863, S. 376.

„Eine moderne Heilanstalt“, in: Wiener Montagspost, 9. März 1896 (Nr. 118), S. 5.

„Das Sanatorium des Herrn Dr. Anton Loew in der Mariannengasse zu Wien“, in: Der Bautechniker. Centralorgan für das österreichische Bauwesen, 17. April 1896 (Nr. 16.), S. 293-294.

„Das Sanatorium des Herrn Dr. Anton Loew in der Mariannengasse zu Wien“, in: Der Bautechniker. Centralorgan für das österreichische Bauwesen, 24. April 1896 (Nr. 17), S. 313-314.

„Kleine Chronik“, in: Die Presse, 30. Oktober 1882 (Nr. 300), o. A.

„Fürstin Elisabeth Windisch-Grätz erkrankt“, in: Neues Wiener Journal, 9. März 1906 (Nr. 4445), S. 3

„Das Sanatorium Löw in einer schweren Krise“, in: Arbeiter-Zeitung, 6. Oktober 1932 (Nr. 277), S. 8.

„Das Ende des Sanatoriums Löw“, in: Der Wiener Tag, 6. Oktober 1932 (Nr. 3371), S. 5.

„Ein Trakt des Santoriums Löw wird ein Wohnhaus“, in: Der Wiener Tag, 12. Mai 1932 (Nr. 3226), S. 7.


Österreichische Mediathek:

Leo Slezak

Monika Ankele, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Organisationseinheit Sammlungen, Geschichte und Ethik der Medizin der MedUni Wien (Josephinum)

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Kommentare

Walter Obermaier

Wie die meisten Beiträge des Magazins sehr interessant. Im Sanatorium Löw starb 1910 auch der berühmte Schauspieler Josef Kainz.