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Michaela Lindinger und Peter Stuiber, 3.3.2021

Biografie Elisabeth Petznek

„Mit dem Kopf durch die Wand“

Michaela Lindinger, Kuratorin im Wien Museum und umtriebige Buchautorin, hat eine Biografie über Erzherzogin Elisabeth Marie geschrieben. Im Interview erzählt sie, wie aus der Skandalprinzessin eine Sozialdemokratin wurde und welche „Erzsi“-Mythen man besser begraben sollte.

Peter Stuiber

Erzherzogin Elisabeth Marie war das einzige Kind von Kronprinz Rudolf, dessen Selbstmord in Mayerling 1889 das Ende einer Epoche ankündigte. Du beginnst Dein Buch mit diesem Ereignis. Welche Rolle spielte Rudolf für „Erzsi“?

Michaela Lindinger

Als er sich das Leben nahm, war sie erst fünf Jahre alt. Natürlich wurde das zum traumatischen Erlebnis für sie, auch wenn man sich nicht vorstellen darf, dass eine Erzherzogin aufwächst wie ein „normales“ Kind. Sie war als Mädchen umgeben von Erzieherinnen und Pädagog*innen und sah ihren Vater vielleicht zwei Mal in der Woche zwei bis drei Stunden. Aber dann las er ihr Bücher vor oder zeigte ihr das „Türkische Zimmer“ mit den Dingen, die er von seiner Orientreise mitgebracht hatte. Oder sie spazierten durch die Parks von Schönbrunn oder Laxenburg und gingen zu den Tieren, die dort gehalten wurden. So begründete sich ihre persönliche Verbindung. Gärten und Tiere spielten bis zu ihrem Tod eine große Rolle, sie konnte jeden Vogelruf identifizieren, denn ihr Vater war ja auch anerkannter Ornithologe gewesen…

PS

Und die politische Dimension von Rudolf? 

ML

Sie hat erst in der Pubertät über Umwege erfahren, dass ihr Vater eine neue Art der fortschrittlichen Politik vertreten hatte – natürlich nur im Geheimen, denn er wurde ja ständig beschattet. Das wurde für sie zu einem wesentlichen Anknüpfungspunkt zu ihren eigenen Ideen. Vielleicht war ihr Vater auch deshalb für sie zeitlebens so wichtig, weil er gerade nicht da war. Übrigens beschreibe ich das Jahr 1889 im Prolog als Einschnitt, in der die Biografie von Erzsi vorgezeichnet ist: Denn in diesem Jahr fand der Gründungsparteitag der Sozialdemokratischen Partei statt, der sie 1919 beitreten wird – und es ist auch das Geburtsjahr von Adolf Hitler. Die NS-Zeit hat sie ja dann erschüttert, vor allem wegen der Internierung ihres späteren Mannes Leopold Petznek im KZ Dachau. Und einen Sohn hatte sie bereits zuvor an das Regime verloren…

PS

Neben dem Vater gab es noch eine andere wichtige Leitfigur im Leben der Erzherzogin: ihre Großmutter, die Kaiserin Elisabeth.

ML

Waren es bei Rudolf die politischen Ideen, so ist es im Falle der Kaiserin Elisabeth wohl deren Hang zum Esoterischen gewesen, der sie faszinierte. Auch wenn sie es selber nicht aus erster Hand miterlebt hat: Aber es wurde ja ständig darüber gesprochen, dass Kaiserin Elisabeth Kontakt mit Verstorbenen pflegte. Der Spiritismus wurde für ein Jahrzehnt ein ganz wichtiger Aspekt in Erzsis Leben.

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PS

In dem Buch wird dem Spiritismus auch als Zeitphänomen ausführlich nachgegangen. Was waren denn die wesentlichen Gründe für die Konjunktur derartiger Ideen?

ML

Nach dem Ersten Weltkrieg setzte ein riesiger Spiritismus-Boom ein, die Zeitungen waren voller Inserate. Das hatte einfach damit zu tun, dass viele Männer im Krieg umgekommen waren und die Frauen einen Weg gesucht haben, mit diesen Verlusten umzugehen. Man wollte mit jenen, denen man noch so viel zu sagen gehabt hätte, Kontakt aufnehmen. Es waren ja hauptsächlich Frauenkreise, die sich damit auseinandergesetzt haben. Der bayrische Arzt und Parapsychologe Albert von Schrenck-Notzing, der mit vielen Künstlern seiner Zeit in Kontakt und eine der zentralen Figuren in der Spiritismus-Szene war, spielte über Jahre eine wichtige Rolle in Erzsis Leben. Das war in der Zeit, als sie sich mit dem Schloss Schönau einen neuen Wohnsitz einrichtete, der bis heute als Spiritismus-Hotspot gilt. Erzsi selber ging es übrigens nicht um ihren Vater Rudolf, sondern darum, mit ihrem verstorbenen Geliebten zu reden, dem Linienschiffsleutnant Egon Lerch, der im Ersten Weltkrieg wohl aus übertriebenem Wagemut in einem U-Boot in der Adria umgekommen war.

PS

Diese spiritistische Phase deckt sich zeitlich mit der Hinwendung zur Sozialdemokratie. Aus heutiger Sicht eine eigenartige Kombination…

ML

Ja, weil man vergisst, dass es lange Zeit durchaus Überschneidungen gab. Es gab schon im 19. Jahrhundert vegetarische Lokale, in denen Esoteriker und radikale Sozialisten verkehrten. Aus heutiger Sicht mag Esoterik nicht fortschrittlich sein, damals war dies jedoch der Fall. Sie wurde als neuartige Naturwissenschaft angesehen, die noch viele ungelöste Rätsel birgt. Die fortschrittlichen Kreise waren eine Zeitlang eine gemeinsame Strömung, die sich aus unterschiedlichen Quellen zusammengesetzt hat. Auch jemand wie Sigmund Freud beschäftigte sich mit parapsychologischen Phänomenen und ein Adolf Loos setze in seiner Architektur esoterische Symbolik ein. Erzsis Hinwendung zur Sozialdemokratie war also keineswegs unvereinbar mit ihrem sonstigen Leben.

PS

Als „rote Erzherzogin“ ist Elisabeth eine Legende geworden, doch wie stark war ihre Verbindung zur Sozialdemokratie tatsächlich?

ML

Es gibt mehrere Erlebnisse oder Ereignisse, die sie zur Sozialdemokratie geführt haben. Erstmals erfuhr sie als etwa 15-Jährige durch eine Bekanntschaft mit einem Mädchen in Triest von Viktor Adlers Reportagen über die Lage der zugewanderten Arbeiter*innen in den Wienerberger Ziegelwerken. Sie ist daraufhin zu ihrem Großvater, Kaiser Franz Joseph, gegangen und wollte ihn dazu bringen, sich damit auseinanderzusetzen – woraufhin der sie hinauswarf mit den Worten „Du wirst wie Dein Vater, geh mir aus den Augen.“ Dann war es das Attentat des Sozialdemokraten Friedrich Adler auf den Ministerpräsidenten und Kriegstreiber Karl Stürgkh im Jahr 1916, das sie aufrüttelte. Und schließlich erlebte sie, die ja damals auf Schloss Schönau im Triestingtal wohnte, wie es in den umliegenden Rüstungswerken immer wieder zu Explosionen mit Verletzten und Toten kam. Dort arbeiteten fast nur noch Frauen. Und Erzsi hat sich im Auto hinbringen lassen und versuchte zu helfen, mit Lebensmitteln und Verbandszeug. Diese persönlichen Momente wurden für sie wichtig.

PS

Später heiratete sie ja dann sogar einen sozialdemokratischen Funktionär und hatte beste Kontakt zur führenden Politikern der SDAP.

ML

Julius Deutsch, der nach dem Krieg Staatssekretär für Heereswesen war, machte sie mit Leopold Petznek, einem Funktionär aus Mödling bekannt, der viel später Erzsis zweiter Ehemann wurde. Aber es ging ihr beim Kontakt zu Deutsch zunächst gar nicht um politische Motive. Der Hintergrund war, dass sie ihre erste, völlig zerrüttete Ehe mit Otto zu Windisch-Graetz auflösen wollte und um das Sorgerecht für die vier gemeinsamen Kinder kämpfte. Dabei war sie nicht zimperlich. Als Otto sein zugesprochenes Recht durchsetzen und zwei Kinder von Schloss Schönau abholen wollte, ließ sie mit Unterstützung Petzneks Arbeiterfunktionäre mit Schaufeln und Gewehren aufmarschieren. Dass sie schließlich trotz ihres Lebenswandels mit Liebhabern etc. ihre Kinder zugesprochen bekam, verdankte sie auch der Protektion durch den Bundespräsidenten Michael Hainisch. Einer normalen Frau wäre so etwas in dieser Zeit mit sehr patriarchalem Rechtsverständnis kaum gelungen.

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PS

Ihren aufwändigen Lebenswandel hat sie ja nie aufgegeben.

ML

Sie zog da eine strikte Trennlinie, sie war ja auch mit niemandem der Genoss*innen per Du. Sie wusste immer Distanz zu halten und lebte letztlich trotz allem sehr abgehoben. Dass sie im Herzen eine Sozialdemokratin gewesen ist, wie ihr Biograf Friedrich Weissensteiner einst gemeint hat, bezweifle ich jedenfalls sehr.

PS

Du hast Dich zwei Jahre lang für diese Biografie intensiv mit Erzsis Leben auseinandergesetzt. War es für Dich ernüchternd, dass diese unangepasste, energische Frau auch äußerst ungute Seiten hatte? Sie war ja sehr impulsiv, um nicht zu sagen herrisch…

ML

Es wurde mir immer wieder vorgeworfen, dass ich über Leute arbeite, die auch unsympathische Seiten haben. Zuletzt etwa bei meinem Buch über Hedy Lamarr. Aber erstens geben Menschen, die „immer positiv“ sind, wenig her für eine Biografie. Zweitens stellt sich auch erst im Laufe der Recherche heraus, dass manche Mythen nicht stimmen. Im Falle von Erzsi wurde erst dann deutlich, wie sehr sie ihre Umwelt für die eigenen Zwecke instrumentalisierte. Es ging ja in ihrem Leben lange Zeit alles nach ihrem Kopf. Und drittens: Wenn sich meine Perspektive auf die Person nicht ändert, brauch ich mich ja gar nicht damit zu befassen. Bei Biografien gilt ja ganz generell: Wir wissen es nicht! Man kann niemals die Gedanken der Personen darstellen. Mir geht es um die Entwicklung einer Person. Wie geht jemand mit etwas um, das er oder sie nicht beeinflussen kann? Wie kann Selbstermächtigung aussehen? Erzsi war ja auch geprägt von der Rolle, die man ihr als Frau aufzwingen wollte – und hat sich davon emanzipiert. Darin kann man in ihr wiederum ein Vorbild sehen. Zugleich hatte sie sicherlich ein extrem frustrierendes Leben. Und sie schaffte es nicht allein sein.

PS

Du schreibst, dass sie sich über eine Biografie nicht gefreut hätte. Warum?

ML

Ihr Grab ist bekanntlich ohne Namen. Das hat sie sich bei Kaiserin Elisabeth abgeschaut, diese hohe Kunst der Provokation. Ein letzter Gag, sozusagen. Sie notierte in ihren Tagebüchern gegen Ende des Lebens, dass sie von der Erde verschwinden wolle. Sie hat zuletzt permanent ihr Testament geändert und war von den vielen Streitereien mit ihren Kindern aufgerieben. Die durften die Villa in der Linzer Straße erst dann betreten, als sie nach ihrem Tod komplett geräumt worden war. Alle Kunstwerke vermachte sie dem Staat, weswegen sie jetzt auch im Kunsthistorischen Museum, in der Hofburg, im Hofmobiliendepot, in Schönbrunn und an anderen Orten zu sehen sind. Sie wollte, dass jeder diese Sachen sehen kann, dass sie öffentlich zugänglich sind und vor allem, dass sie nicht ins Ausland verkauft werden. Aber sie wollte nicht, dass sich jemand mit ihr als Person beschäftigt. Niemand sollte ihr Grab finden. Sie wollte ihr ganzes Leben lang mit dem Kopf durch die Wand.

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Michaela Lindingers neue Biografie „Elisabeth Petznek. Rote Erzherzogin, Spiritistin, Skandalprinzessin“ ist im Molden Verlag erschienen.

www.styriabooks.at/elisabeth-petznek

Michaela Lindinger, Kuratorin, Autorin. Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Politikwissenschaft, Ägyptologie und Ur- und Frühgeschichte an der Universität Wien. Seit 1995 kuratorische Assistentin, seit 2004 Kuratorin im Wien Museum. Ausstellungen und Publikationen zu biografischen und gesellschaftlichen Themen, Frauen- und Gender-Geschichte, Porträts, Wien-Geschichte, Tod und Memoria, Mode.
 

Peter Stuiber, Studium der Geschichte und Germanistik in Wien und Paris. Leiter der Abteilung Publikationen und Digitales Museum im Wien Museum, redaktionsverantwortlich für Wien Museum Magazin. Diverse Ausstellungen und Bücher zur österreichischen Design- und Kulturgeschichte.

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Kommentare

christian maryska

Auch der Österreichischen Nationalbibliothek hat Elisabeth etwas vermacht, nämlich rund ein Drittel der Bibliothek ihrer Großmutter Kaiserin Elisabeth:
https://www.onb.ac.at/forschung/forschungsblog/artikel/kaiserin-elisabeths-reisehandbuecher-oesterreich-ungarische-staedtefuehrer