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Lukas Ipirotis, 8.7.2021

Der Lyriker und Kunstsammler Max Roden

Die Tiefe des Gefühls

Ob Oskar Kokoschka, Franz Probst oder Egon Schiele: Max Roden, Lyriker und Journalist, hatte sie alle in seiner Kunstsammlung. Wie viele andere Juden und Jüdinnen wurde er im Zuge des „Anschlusses“ 1938 enteignet. Ein Porträt anlässlich des 140. Geburtstages.

Max Roden (ursprünglich: Rosenzweig) wird am 21. Juli 1881 als Sohn des jüdischen Kaufmanns Hans Rosenzweig und dessen Frau Maria Amalia Gruner in Wien geboren.  In seiner Kindheit verbringt er zunächst viel Zeit im Ausland, einen Großteil seiner Jugend zwischen 1886 bis 1897 sogar in China. Mit 18 Jahren zieht es ihn allerdings wieder zurück in seine Geburtsstadt, wo er an der Universität Wien inskribiert und an der Technischen Hochschule Bauingenieurwesen studiert. Mathematik, Chemie und technische Physik gehöhrten zu seinem Lehrplan. 

Doch der junge Roden merkt, dass ihm die Naturwissenschaften nicht liegen und schlägt bald eine völlig andere berufliche Richtung ein. Immer wieder schreibt er Gedichte, die in kleineren Zeitungen gedruckt werden, dann versucht er sich sogar als Lyrik-Kritiker. 1906 fängt er schließlich bei der „Österreichischen-Volkszeitung“ an, für die er die nächsten dreißig Jahre als Kunstkritiker und Redakteur tätig sein wird.

Im selben Jahr, in dem er seine journalistische Tätigkeit aufnimmt, veröffentlichte er auch seinen ersten Gedichtband, auf den viele folgen werden. Doch mit „Frühlingsgarten“ schafft er es noch nicht zu reüssieren. Von ,,einer kalten Hübschheit“ seien seine Gedichte ergriffen. Ein Künstler, der sich erst noch finden müsse. ,,Ob sich hier eine Jugend noch nicht zur Persönlichkeit entwickelt, ob die Persönlichkeit überhaupt fehlt, lässt sich nicht feststellen“ so eine Rezension des Bandes in der Wiener Zeitung im April 1906. In der Zwischenzeit arbeitet Roden auch als Übersetzer. Eine Leichtigkeit für den weltgewandten jungen Mann. Nichtsdestotrotz gibt er seine große Leidenschaft nicht auf. Schon mit seinem Nachfolgewerk „Aventüre“ landet er einen Erfolg: „Die Gedichte verraten die Fähigkeit, schön Empfundenes in schönen Worten zu sagen“, ja sie ,,fesseln geradezu durch die Tiefe des Gefühles.“ heißt es in einer Kritik in der Sonn- und Montagszeitung vom 10. Mai 1909.

Mit seinem neuen Status kommen auch neue Freunde. Während des Ersten Weltkrieges lernt Roden in der Armee den Kunstsammler Otto Kallir (geb. Nirenstein) kennen. Ein reger Briefwechsel, der ihr ganzes Leben lang andauern wird, zeugt jedoch schon bald von einer innigen Freundschaft. Gut möglich ist es, dass Otto Kallir, der 1923 die „Neue Galerie“ gründete, wohl auch Max Rodens Wunsch nach der eigenen Kunstsammlung noch konkreter werden lässt. Es war übrigens Roden, der Kallir mit dem Werk von Egon Schiele bekannt machte. Die beiden Kunstliebhaber beeinflussen sich gegenseitig, stellen einander neue Künstler vor, diskutieren, genießen. Rodens Sammlung nimmt über die Jahre zu. ,,Wenn ich kein Geld hab, mach ich einen Holzschnitt und geh zum Roden“ soll der Maler Otto Rudolf Schatz über die Kaufbereitschaft Rodens gesagt haben. Fast schon manisch häuft der Neuankömmling in der Künstlerszene Illustrationen, Ölgemälde und Kunstwerke aller Art an. Aquarelle von Oskar Kokoschka, Zeichnungen von Egon Schiele, auch ein Werk von Gustav Klimt sollen sich in seiner Sammlung befunden haben, die schließlich viele hunderte Werke umfasst.

Auch literarisch wirkt Roden weiter. Finanziell scheint es Roden dabei auch einigermaßen gut zu ergehen, anders ließe sich das Wachstum seiner Kunstsammlung nicht erklären. Und so zieht er 1937 in das Hochhaus in der Herrengasse I., wohin ihm schon bald seine neue Liebe, die Künstlerin Alexandrine „Sascha“ Kronburg, folgen wird.

Mit Alexandrine kann Max Roden nun endlich seine beiden großenLeidenschaften verbinden. Er verfasst neue Gedichtbände und Alexandrine stattet sie mit entsprechenden Illustrationen aus. ,,Ich kann das Schicksal nicht genuegend laut preisen, dass es mir sie als Gefaehrtin gegeben hat“, wird er später schreiben.

Doch mit dem „Anschluss“ im März 1938 sollte sich für ihn und viele Juden und Jüdinnen in Österreich alles ändern. Innerhalb kurzer Zeit wird Roden alles zurücklassen müssen, was er sich aufgebaut hat, allen voran seine Kunstsammlung, deren Wert aus heutiger Sicht enorm wäre.

Leid und Neuanfang

Max und Alexandrine erkennen das nahende Unheil vermutlich schon früh. Ihre Eheschließung am 11. März 1938 – also kurz vor dem Einmarsch der Hitler-Truppen – kann wohl als Schutzehe gewertet werden. Denn anders als Max Roden selbst, galt Alexandrine als ,,arisch“. Als Roden kurze Zeit später als Redakteur bei der Österreichischen-Volkszeitung fristlos gekündigt wird, fasst das Ehepaar den Entschluss zu fliehen, am besten in die USA. Doch Roden gelingt es lange Zeit nicht, die nötigen Ausreisepapiere zu erhalten.

In der Zwischenzeit ist er gezwungen, Werke seiner Sammlung zu Billigstpreisen an große Galerien und Auktionshäuser zu veräußern, die durch die ,,Arisierung“ an zahlreiche bedeutende und kostbare Werke kommen. Wie viel seiner Sammlung so verloren geht, ist nicht geklärt. Die Ausreisebewilligung zieht sich hin, erst im September 1939 schafft es das Ehepaar, in Antwerpen endlich ein Schiff Richtung Sicherheit zu besteigen. Roden und seine Frau kommen zwar mit dem Leben davon, müssen jedoch alles, was sie besitzen, aufgeben.  Er wird später über diese Zeit schreiben: ,,Auch wir haben viel Schwere erlebt; ins Exil wandern zu muessen, und es ist, physisch, psychisch und mental, oft kaum zu ertragen.“

„Jammerschade, aber unabänderlich“

Weil Roden den bedeutendsten Teil der Sammlung nicht mitführen kann, versucht er zumindest einen Teil davon bei Freunden in Stuttgart unterzubekommen. Doch eine mögliche Nachlieferung in die USA kommt nie zustande. Ausgerechnet amerikanische Fliegerbomben sollen den Hof zerstört haben, an dem ein Großteil seiner Ölbilder lagerte. Darunter vor allem Werke von Egon Schiele. ,,Es ist jammerschade, aber unabänderlich“, schreibt Roden resigniert.

In New York angekommen ist das Ehepaar zu einem Neuanfang gezwungen. Zunächst weitestgehend mittellos, verdingt sich der ehemalige Lyriker mit einfacher Arbeit. ,,Man kommt kaum zu sich, geschweige denn zu anderen“ schreibt er über die Stadt der Träume. Doch obwohl es Max Roden finanziell schlecht geht, ist er dankbar, ,,in einer schoenen Freiheit zu leben.“ Eine Freiheit, die er wohl auch durch seine Lyrik wiederfindet. So lässt er erneut Gedichtbände drucken und findet schlussendlich auch als Exilautor zum Journalismus zurück. Als Max Roden im Jahr 1968 in New York stirbt, hinterlässt er seiner Frau Alexandrine die geretteten Werke seiner Sammlung, die er im Handgepäck bei der Flucht hatte mitnehmen können. Darunter eine nicht zu unterschätzende Sammlung an Graphiken und Holzschnitte, die auf besonders leichtes Japanpapier gedruckt waren. Seine wohl bedeutendsten Ölgemälde waren dennoch verloren. 

Die Provenienzforschung und Restitution von Teilen seiner Sammlung wird bis heute noch von österreichischen Museen betrieben. Für Max Roden wog jedoch weniger der materielle Verlust, denn ,,was bedeutet dieser Verlust, setzt man ihn ins Verhaeltnis zu den weit groesseren und unsagbar schwereren Verlusten, die aus dem teuflischen Geschehen erwuchsen, das wir erleben mussten?!“ Das schrieb Roden an Arthur Roessler, den großen Förderer und Sammler Schieles, dessen Roessler-Porträt sich heute in der Sammlung des Wien Museums befindet.

Literatur und Quellen

Sophie Lillie, Was einmal war, Handbuch der enteigneten Kunstsammlungen Wiens, Wien 2002.
Sonja Niederacher, Dossier zu Egon Schiele, Bildnis Anton Peschka, 1911 - Leopold Museum Privatstiftung LM Inv. NR. 1381, 2. April 2015
Wilfried Daim, Meine Kunstabenteuer, Geschichte einer Sammlung, Wien 1997.
Korrespondenz im Nachlass Arthur Roessler in der Wienbibliothek
Korrespondenz Teilnachlaß Max Roden, Autogr. 734/1 bis 736/12 HAN MAG  in der Österreichischen Nationalbibliothek

Anm. d. Redaktion: Wir danken Jane Kallir für die wertvollen Informationen zum Verhältnis von Otto Kallir und Max Roden.

Lukas Ipirotis studiert Zeitgeschichte und Medien an der Universität Wien mit einem Interessenschwerpunkt auf Provenienzforschung und Wiener Geschichte. Als Redakteur und durch die Vorrecherche zu seiner Masterarbeit beschäftigt er sich viel mit den Archiven der Stadt Wien.

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Kommentare

Monika Mayer

Sehr schöner Beitrag zu einem der vielen vertriebenen und vergessenen Kunstsammler. Hinzuweisen ist auf die erfolgte Restitution eines Wiegele Porträts aus der Österreichischen Galerie Belvedere 2009 an die Rechtsnachfolger_innen nach Max Roden.
Siehe https://www.provenienzforschung.gv.at/beiratsbeschluesse/Roden_Max_2007-06-01.pdf