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Susanne Winkler, 16.7.2021

Der Stadtfotograf August Stauda

Dem Charakteristischen auf der Spur

Wie kein anderer Fotograf dokumentierte August Stauda (1861-1928) das verschwindende Wien um 1900. Zum 160. Geburtstag am 19. Juli: Porträt eines Meisters in seinem Metier.

Wien 6, Barnabitengasse 11–13, von der Mariahilfer Straße aus gesehen: Die Fotografie August Staudas (siehe Titelbild) zeigt eine topografische Situation, wie sie in Wien in der Zeit um 1900 wohl sehr häufig anzutreffen war: ein niedriges Vorstadthaus aus dem Spätbarock oder Biedermeier, schon ein wenig schief, mit leicht eingedrücktem Dach, und dahinter ein hoch aufragendes, direkt daran angebautes neues Mietshaus, wie es für die späte Gründerzeit typisch war. Die neue und die alte Stadt im unmittelbaren Aufeinandertreffen. Im Vordergrund der Fotos sind Momente eines vorstädtischen Alltags- und Straßenlebens überliefert. In der Bildmitte blicken vier Kinder in die Kamera. Eines von ihnen hat das Objektiv nur schemenhaft festhalten können. Das Kind war unruhig. Zwei größere Buben lehnen hingegen lässig aneinander und stützen sich an der Hauswand ab. Hinter ihnen steht ein kleines Mädchen mit weißem Sommerkleid und großem Sonnenhut, vor ihnen ein kleiner, scheckiger Hund, der sich zur Kamera dreht.

Über der Tür hinter ihnen das Geschäftsschild eines Milchladens („Milch-Depot“). Aus einer weiteren, halb geöffneten Tür wirft ein Mann einen Blick auf die Szene. Im Bildhintergrund, bei der Biegung der Barnabitengasse, ist ein Mann mit Stock zu sehen. Er gehört offenbar nicht zur Gruppe, ist ein Passant, vielleicht auch ein Helfer des Fotografen. Von der Sonne hell beleuchtet, kleben auf einer Holztafel an der Fassade mehrere Plakate. Sie werben für Kunerol (Pflanzenfett aus Kokosnüssen), ein Militärkonzert in Hietzing oder für Mineralwasser der Marke Guber-Quelle aus Srebrenica in Bosnien. Es handelt sich um „Natürliches Arsen-Eisen-Wasser“, das als „Kräftigungsmittel für Rekonvaleszente, Blutarme und nervöse Individuen“ empfohlen wurde. Über der Plakattafel hängt das Schild eines Kohlenhändlers. Ein paar Schritte weiter in Richtung des Fotografen ist eine Gaslaterne zu sehen und davor ein Marktstand, bei dem vermutlich Andenken- und Heiligenbilder verkauft wurden. Wir befinden uns direkt neben der Mariahilfer Kirche. Es ist später Vormittag.

August Staudas eigentliches Metier waren „Alt-Wiener Architekturen“, wie es 1909 im Ausstellungskatalog der Österreichischen Sonderausstellung der Internationalen photographischen Ausstellung in Dresden heißt. Wie hier in Mariahilf waren seine Helden die alten Vorstadtviertel, die den rasanten baulichen Veränderungen gerade noch zu trotzen scheinen. Mit dem Fokus auf das unmittelbare Aufeinandertreffen von Alt und Neu betonte Stauda, dass diese Teile der Stadt mit ihren rückständigen, ärmlichen Grätzeln, verwinkelten Gassen und oft schäbigen Wohnhäusern der modernen Zeit nicht mehr lange standhalten würden. Mit großer Ausdauer ging er über zwanzig Jahre lang Straßenzug um Straßenzug dieser Viertel ab und hielt auf seinen Fotografien Häuser, Fassaden, Portale, Innenhöfe und vor diesem Hintergrund Szenen wie die oben beschriebene fest.  Er zeigte eine in dieser Form nur wenig bekannte Welt, eine Welt „dazwischen“,  sowohl im zeitlichen wie im räumlichen Sinn, und überlieferte dabei scheinbar eher beiläufig zahlreiche Motive für foto- und stadthistorische Fragen: zu Wohnverhältnissen und Arbeitsleben, Bauweise und baulichem Zustand der Häuser, Straßen- und Verbauungsdichte, Stadtmöblierung, Verkehr oder Infrastruktur. Wie der Architektur- und Landschaftsfotograf August Stauda auch das Straßenleben, die BewohnerInnen der Vorstädte in seine Bilder holte und dabei durchaus originelle Zugänge fand, muss vor dem Hintergrund seines Auftrags und der um 1900 regen Alt-Wien-Diskurse gesehen werden.

Alt-Wiener Architekturen

Staudas Interesse war in seiner Zeit nicht ungewöhnlich, „Alt-Wien“ faszinierte viele MalerInnen und Fotografen, wie etwa Josef Mutterer, Friedrich Strauß oder Reinhold Entzmann,  aber schon quantitativ sticht Staudas Werk mit circa 3.000 erhaltenen Bildern deutlich hervor. 1902 bis 1917 verkaufte er die Abzüge in kleinen Konvoluten dem Historischen Museum der Stadt Wien (heute Wien Museum), in dessen topografischer Sammlung sie sich heute noch befinden.  In seinem Umfang und seiner topografischen Genauigkeit lässt sich bei Staudas Werk von einer Art Inventarisierungsleistung sprechen, die er den vom Verschwinden unmittelbar bedrohten Stadtteilen widmete, jenem „Alt-Wien“, zu dem Karl Kraus 1911 in Richtung Nostalgiker ironisch bemerken sollte, dass es auch einmal neu gewesen sei. 

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Tatsächlich entstand Staudas Werk in unmittelbarer Verbindung zur damals regen und populären Heimat- und Denkmalschutzbewegung, in der sich um 1900 unterschiedliche stadt- und lebensreformerische Interessengruppen trafen.  Staudas Auftraggeber war der aus Galizien stammende polnische Graf Karl Lanckoroński-Brzezie (1848-1933), ein führender Exponent dieser Bewegung, dem es weniger um kunsthistorisch wertvolle Bauwerke als um die Bewahrung des „Charakters“ von Wien ging.  So beschwor er etwa die „köstlichen Stadtbilder von Alt-Wien“ und befürchtete, dass „vom eigenartigen Wesen der Stadt bald nichts mehr übrigbleiben würde“.  Die Heimatschutzbewegung operierte nicht nur mit deutlichen Worten, sondern bediente sich bei ihrer Öffentlichkeitsarbeit vermehrt auch des neuen Mediums der Fotografie. So kam Stauda ins Spiel.

Sein Interesse galt in erster Linie einzelnen Häusern bzw. Ensembles, deren Adressen er minutiös auf einen schwarzen Textbalken am unteren Bildrand einkopierte. Die Bilder besitzen so über das sentimentale Interesse hinaus einen hohen dokumentarischen Wert, lassen sich aber auch gut im Kontext des zeitgenössisch regen Interesses an Physiognomik lesen, mit der aus Oberflächen das Charakteristische abzuleiten versucht wird. Die Fotografien zeigen Architekturen aus verschiedenen Epochen, wobei die Faszination eindeutig auf dem historisch Gewachsenen und Einzigartigen sowie deren komplexen sozialen Nutzungen liegt. Sie zeigen Geschäftsschilder und Aufschriften, die auf Läden, Gaststätten und Handwerksbetriebe hinweisen, Plakate, die an Fassaden bzw. Holztafeln kleben und auf Produkte, Konzerte und Theateraufführungen aufmerksam machen.

Es ist die Zeit, in der mit dem Beginn der Massenproduktion von Konsumgütern die „Reklame“, wie es zeitgenössisch heißt, das Stadtbild deutlich zu prägen beginnt. In der industriellen Ökonomie des späten 19. Jahrhunderts geht es weniger darum, die Nachfrage zu bedienen, als diese mit den neuen Werbemethoden zu stimulieren. Wie die Fotos von Stauda zeigen, dominieren in Wien um 1900 anders als in Metropolen wie London oder Paris noch die monochromen Schriftplakate. Das moderne, mehrfärbige und großflächige Bildplakat sollte sich erst in den Nullerjahren des 20. Jahrhunderts durchsetzen.  Das Interesse Staudas an den dicht beklebten Plakatwänden ist vermutlich auch seinen Auftraggebern aus dem Kreis der Heimatschützer geschuldet. Diesen war die rasch wachsende Verbreitung der Plakate und deren weitgehend ungeregelte Affichierung ein Dorn im Auge, wofür sie unter anderem den Begriff der „Reklameseuche“ kreierten. 

Belebte Bilder

Von Stauda selbst gibt es kaum Selbstzeugnisse über seine Tätigkeit als Fotograf, allerdings eine für die Frage nach dem Straßenleben auf seinen Alt-Wien-Fotos nicht unbedeutende Aussage. 1907 bekannte er in der Österreichischen Photographenzeitung, dass sein Bestreben als Architektur- und Landschaftsfotograf auf die Wiedergabe des „Charakteristischen“ gerichtet sei. Dazu gehörten, so Stauda, auch Menschen, sofern sie in einer Beziehung zur „Landschaft“ stehen, nicht posieren und so das Bild beleben.  Diese ‚belebten‘ Bilder können wohl auch am ehesten als Staudas persönliche Handschrift als Fotograf gesehen werden, denn Zufälliges und Beiläufiges des alltäglichen Lebens werden von ihm weit weniger ausgeblendet als von vielen seiner Berufskollegen. In Hinblick auf dieses Selbstzeugnis spricht vieles dafür, dass Stauda die Menschen und das Straßenleben auf seinen Fotografien als unmittelbaren Teil der sie umgebenden Alt-Wiener Architekturen vermitteln wollte, zeigen wollte, dass sie in diesen Häusern auch tatsächlich arbeiteten (als Fuhrwerker, Kohlenhändler, Fleischer, Gastwirte) oder wohnten. Zumindest im Fall der ‚Fenstergucker‘ auf seinen Bildern trifft das wohl mit Sicherheit zu. Vermutlich wurde ihnen allen auch zum ersten Mal lichtbildnerische Beachtung und Wertschätzung entgegengebracht. Besonders auffällig sind die den Fotografen neugierig beobachtenden Kinder, die die Szenen ‚beleben‘ und die mit Stauda als Teil des „Charakteristischen“ bezeichnet werden könnten, als „Alt-WienerInnen“, die wie ihre Häuser der modernen Zeit noch zu trotzen scheinen.

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Über Staudas Leben sind kaum mehr als Eckdaten bekannt. Geboren 1861 bei Königinhof in Böhmen, übersiedelte er 1882 nach Wien, um bei seinem Onkel Johann Evangelista Stauda das Handwerk der Fotografie zu lernen. 1886 eröffnete er sein erstes eigenes Atelier in der Schleifmühlgasse 5.

Stauda zog dreimal um, blieb jedoch zeitlebens im vierten Wiener Gemeindebezirk beheimatet. Stauda arbeitete allein, sein Atelier war an die Wohnung angeschlossen. Im damaligen Wiener Adressbuch wird er als „Fotograf“ und ab 1898 als „Spezialist in Aufnahmen von Architekturen, Häusern, Villen, Schlössern und Interieurs, Plänen, Zeichnungen, Musterkarten, Maschinen, Möbeln, Gewerblichen und Kunstgewerblichen Objekten“ geführt. Ab 1913 gibt es den Zusatz „beeideter Sachverständiger und Schätzmeister, Bürger von Wien“.  Stauda war verheiratet, blieb aber kinderlos. 1923 legte er sein Gewerbe zurück. Stauda starb 1928 im Alter von 66 Jahren und liegt am Wiener Zentralfriedhof begraben.

 

Dieser Text stammt aus dem neuen Begleitband zur Ausstellung „Augenblick! Straßenfotografie aus Wien“, die 2022 im Wien Museum MUSA gezeigt wird.

Literaturhinweise:

Sándor Békési: Alt-Wien oder die Vergänglichkeit der Stadt. Zur Entstehung einer urbanen Erinnerungskultur vor 1848, in: Kos, Rapp, Alt-Wien, S. 29-39.

Karl Anton Graf Lanckoronski-Brzezie: Die Zerstörung Wiens, Wien 1909, in: Arnold Klaffenböck (Hg.): Sehnsucht nach Alt-Wien. Texte zur Stadt, die niemals war, Wien 2005, S. 99-103.

Michael Ponstingl: Straßenleben in Wien. Fotografien von 1861 bis 1913 (Beiträge zur Geschichte der Fotografie in Österreich, Bd. 2), Wien 2005, S. 31ff.

Werner Michael Schwarz: Kein Entrinnen! Plakate in Österreich, in: Matthias Karmasin, Christian Oggolder (Hg.): Österreichische Mediengeschichte, Bd. 2: Von Massenmedien zu sozialen Medien (1918 bis heute), Wiesbaden 2019, S. 125-150.

August Stauda: Landschaftsfotografie, in: Österreichische Photographenzeitung 4 (1907) 8, S. 119.

Isabel Termini: Von Verhunzungen und Entschandelungen. Alt-Wien als „geheiligtes Bild“ der Heimatschützer, in: Kos, Rapp, Alt-Wien, S. 208-215.

Susanne Winkler (Hg.): August Stauda. Ein Dokumentarist des alten Wien, Wien 2004.

Susanne Winkler: Die 3000 Wien-Ansichten des August Stauda.Ein Wiener „Alt-Stadt“-Dokumentarist um 1900, in: Wolfgang Kos, Christian Rapp (Hg.): Alt-Wien. Die Stadt, die niemals war (Ausstellungskatalog Wien Museum), Wien 2004, S. 109-117.

Susanne Winkler, Historikerin, Kuratorin am Wien Museum. Publikationen und Ausstellungen mit Schwerpunkt Stadt- und Fotografiegeschichte.

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Kommentare

Redaktion

Liebe Frau Bierbauer,
vielen Dank für Ihre Rückmeldung! Und ja, die Fotos führen eindrucksvoll vor Augen, dass es eine romantische Verklärung von Wien um 1900 absolut an der Realität vorbei geht!
Herzliche Grüße, Peter Stuiber (Wien Museum Magazin)

Alexandra Bierbauer

Danke!

Habe seinerzeit die Ausstellung "Wien, die Stadt, die niemals war" gesehen, mit vielen Fotos von August Stauda. Erschütternd und nicht zu ertragen, die Armut damals.
Danke für Ihren Artikel!