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Martina Nußbaumer, 24.2.2020

Der Wiener Fasching 1939 als NS-Propaganda-Ereignis

„Großkampftage im Vergnügen“

Am 19. Februar 1939 inszenierten die NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ und der Wiener Verkehrsverein den größten Faschingsumzug, den die Wiener Innenstadt je erlebt hat. Das propagandistisch hoch aufgeladene Massenereignis, das „Altreich“ und „Ostmark“ in der gemeinsamen Freude am Karneval verschmelzen sollte, hat auch Spuren in der Sammlung des Wien Museums hinterlassen.

„Wien tanzt“ lautete das Motto der ersten Wiener Faschings, den die Stadt nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Februar 1939 feierte. 20 Tage lang fanden täglich Bälle, Feste und Narrenabende statt. Den Höhepunkt des vom neuen Regime zum „ersten echten Volksfasching“ stilisierten Festreigens sollte der von Wiener Künstlern gestaltete „Große Wiener Karnevalszug“ am Faschingssonntag bilden, für den im Vorfeld die gesamte Innenstadt aufgeputzt wurde: Straßenkreuzungen wurden mit Szenen aus dem Straßenleben geschmückt, die ‚humorvoll‘ an die Einhaltung der neu eingeführten „Deutschen Straßenverkehrsordnung“ gemahnen sollten, die Wien unter anderem die Umstellung auf Rechtsverkehr gebracht hatte. Zuschauertribünen wurden entlang der Umzugsstrecke aufgebaut, Hausbesitzer dazu angehalten, ihre Häuser zu beflaggen. Die SA verteilte mehr als 10.000 Faschingswappenschilder zur zusätzlichen Dekoration der Häuser. 

Ausgehend vom Heldenplatz zogen „punkt 13 Uhr“ am 19. Februar 1939 schließlich 29 Karnevalswägen, rund 20 kostümierte Musikkapellen und hunderte Narren und Possenreißer auf einer Strecke von sechs Kilometern quer durch die Wiener Innenstadt. Tausende Schaulustige verfolgten das Ereignis, 8000 eigens für das Spektakel abgestellte Mitglieder der Hitlerjugend und des Bundes deutscher Mädel sollten für Stimmung sorgen. „Fünf Viertelstunden“ habe es gedauert, bis der ganze Festzug vorbeigezogen sei, schrieb der „Völkische Beobachter“ in seinem „Bericht“ tags darauf und resümierte zufrieden: „Wien, die wiedererstandene Stadt des Frohsinns, begeht den ersten Fasching nach Jahren schwersten Alpdrucks mit jener leichtbeschwingten Fröhlichkeit, die man als wienerisch bezeichnet.“ 

Verordnete Freude über die „Heimkehr ins Reich“

Der „Völkische Beobachter“ hatte schon zum Auftakt der Wiener Faschingsfeiern 1939 die offizielle Lesart des NS-Narrentreibens vorgegeben: „Nach den leider nur allzu dürftigen Faschingsfesten in den Jahren des schwarzen Systems“, schrieb das Parteiorgan der NSDAP am 4. Februar, „kann Wien heuer endlich unter Beweis stellen, wie ein Fasching der Volksgemeinschaft aussieht, der, nicht mehr durch fremdrassige Eindringlinge getrübt, einzig und allein der deutschen Volksgemeinschaft gehört und von ihr so froh und ungezwungen gefeiert werden kann wie dies im Altreich schon seit so vielen Jahren der Fall ist.“ 

Der Wiener Fasching und insbesondere der Umzug 1939 fungierten damit, wie Ruth Mateus-Berr in ihrer Studie „Fasching und Faschismus“ (Wien 2007) schreibt, gleichsam als rituelle Verabschiedung des Ständestaats und „Initiation in die deutsche Volksgemeinschaft“. Ihren sichtbarsten Ausdruck, so die an der Universität für Angewandte Kunst tätige Wissenschaftlerin und Künstlerin, fand die verordnete Euphorie über den „Anschluss“ in der Gestaltung des Umzugswagens „Vater Rhein und das Donauweibchen“: Vater Rhein scheint sich hier dem Donauweibchen zunächst gewaltsam zu nähern. Doch was wie ein Angriff aussieht, endet letztlich in zärtlicher Umarmung der beiden Flussfiguren

Hetze gegen Juden, Kommunisten und „schwarze Dunkelmänner“ 

Unmissverständlich machte der Umzug auch klar, wer im neuen, nationalsozialistischen „Groß-Wien“ nicht mehr erwünscht war: „Raunzer“ und „Meckerer“ wurden verspottet, ehemalige Politiker des Ständestaats als „Leuchten des Systems“ parodistisch vorgeführt und jüdische Maler, Musiker und Schriftsteller als „entartete Künstler“ verhöhnt. Seinen propagandistischen Höhepunkt, so Ruth Mateus-Berrr, fand der Umzug in der Aufmarschgruppe „Die neue Zeit“: Begleitet von der Gruppe „Fröhliche Jugend“ und der Gruppe „Der brave Storch von Wien“, die die Wienerinnen und Wiener zu mehr Nachwuchs animieren sollte, schritt die als „junge, kraftvolle Gestalt“ personifizierte „neue Zeit“ über den Rücken von sich am Boden krümmenden „Juden, Kommunisten und schwarzen Dunkelmännern“ (Völkischer Beobachter, 20.2.1939) hinweg.

Die Erfindung einer „germanischen“ Tradition

Der Wiener Faschingsumzug 1939 war nicht nur im Hinblick auf die Intensität seiner politischen Funktionalisierung ein neues Phänomen, sondern auch formal. Seit im 17. und 18. Jahrhundert das Maskentreiben auf den Straßen Wiens aus Gründen der Sicherheit, der Gesundheit und der Religion schrittweise unterbunden worden war, hatte sich der Fasching von der Straße in geschlossene Räume verlagert. Vereinzelt gab es im 18. und 19. Jahrhundert zwar Faschingsumzüge in den heutigen Wiener Randbezirken. Traditionell wurde in Wien die Faschingszeit jedoch in Form von Bällen und Tanzfesten gefeiert. 

Dass das nationalsozialistische Regime 1939 erstmals einen Faschingsumzug mitten durch das Herz der Stadt führte, war laut Ruth Mateus-Berr ein eindeutiger Import von Karnevalsvorbildern aus dem Deutschen Reich. Wie im „Altreich“ sollte auch hier der Karneval als „volksgemeinschaftliches Fest“ mit germanischen Wurzeln etabliert werden und jegliche Verbindung zwischen dem Fasching und der christlichen Fastenzeit gekappt werden. Als Nebeneffekt sollte das neue Spektakel den Wiener Tourismus ankurbeln, weshalb auch dem Wiener Verkehrsverein eine zentrale Rolle bei der Organisation zukam.

Der Makart-Festzug als künstlerisches Vorbild 

Mit der künstlerischen Gestaltung des Wiener Karnevalszugs wurde eine Arbeitsgemeinschaft aus 30 jungen Malern, Bildhauern und Bühnenkünstlern der Abteilung „Szenische Kunst“ der Akademie und 60 Mitgliedern des Bundes deutscher Mädel und der Hitlerjugend beauftragt. Sie arbeitete unter der Leitung des Malers und Bühnenbildners Remigius Geyling, des Malers Oswald Roux und des Architekten Franz Wilfert, die in ihren Entwürfen für die Umzugswägen und Kostüme deutlich Anleihen bei großen historischen Festzügen in Wien nahmen: dem Makart-Festzug 1879, dem Kaiser-Huldigungs-Festzug 1908 und dem großen Umzug anlässlich des Deutschen Sängerbundesfests 1928 – ein Ereignis, bei dem bereits in republikanischen Zeiten 200.000 Sänger den Gedanken der „deutschen Volkseinheit“ beschworen hatten. Sowohl Geyling als auch Roux, so Ruth-Mateus-Berr, hatten bereits Wagen für den Kaiser-Huldigungs-Festzug entworfen; Geyling und Wilfert waren federführend an der Gestaltung des Festzugs für das Sängerbundesfest beteiligt gewesen; Roux hatte darüber hinaus schon 1938 eine Gschnasrevue in der Secession mit dem Titel „Entartete Kunst“ gestaltet und damit einschlägige antisemitische Propagandaerfahrung. 

Vordergründige Harmlosigkeit

Neben Fotografien, Postkarten und einem Album mit Aufnahmen von den Modellen der Festzugswagen sind auch einige der Originalentwürfe für den „Großen Karnevalszug“ 1939 in der Sammlung des Wien Museums erhalten: Im Jahr 1940 erwarb das Museum – nachdem es 1939 schon das offizielle Faschingsprogramm vom Kulturamt „überwiesen“ bekommen hatte – 20 Handzeichnungen direkt von Remigius Geyling. Dieser hatte für den Umzug sechs Gruppen (mit)gestaltet: die „Vindobona“, die „Amazonen“, die „Straßengrottenbahn“, das „Wiener Burgtheater“, die Gruppe „Der alte und der neue Amtsschimmel“ und die Abschlussgruppe „Kehraus“. Vordergründig wirken seine Entwürfe „harmloser“ und weniger ideologisch aufgeladen als etwa die Wagen „Die entartete Kunst“ oder „Die neue Zeit“. Setzt man die Entwürfe in den Kontext der übrigen Bild-, Text- und Filmdokumente, die vom Faschingsumzug 1939 in Wiener Sammlungen erhalten sind, zeigt sich jedoch, dass die Gestalter sehr gezielt NS-Propaganda mit bunten, fröhlichen bis grotesken Karnevalsfiguren und Figuren aus dem Repertoire nostalgischer „Alt Wien“-Erzählungen mischten, die die Wienerinnen und Wiener bei ihrem Lokalpatriotismus abholen sollten.

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Von Wagengruppe zu Wagengruppe wurde dabei die Dosis der expliziten NS-Propaganda gesteigert: Die erste Gruppe, die unter dem Titel „Wiener Bilder“ die Personifizierung der Vindobona, den lieben Augustin, Figuren aus der Biedermeierzeit und die Wiener Fiaker des 19. Jahrhunderts aufmarschieren ließ, arbeitete noch fast ausschließlich mit bewährten Figuren aus dem „Wiener Typen“-Fundus. Die zweite Aufmarschgruppe „Allerlei Ulk“ ließ zwar auch vertraute Wiener Figuren wie den Calafatti aus dem Wiener Prater oder den „Strauß der Sträuße“ aufmarschieren, wurde aber mit einzelnen Wagen wie einer „Marsüberfallsrakete“, die sich über die US-amerikanische Rüstungsindustrie lustig machte, bereits politisch expliziter. Die dritte Aufmarschgruppe „Überholte Staatskunst“ und die vierte Aufmarschgruppe „Die neue Zeit“ ließen schließlich keinen Zweifel mehr am eigentlichen Ziel des Faschingsumzugs: der Verankerung der völkischen Ideologie des neuen Regimes.

Kein Zeichen karnevalesken Widerstands

Umso irritierender erscheint es auf den ersten Blick, dass gerade in dieser letzten Gruppe auch ein hoher Funktionär des neuen Regimes verspottet wurde: Gauleiter Josef Bürckel – selbst unter den Ehrengästen des Umzugs – wurde im Wagen „Das Maria Theresien-Denkmal in neuer Form“ auf einem Podest thronend als österreichische Kaiserin dargestellt. Im Vergleich zu den Karnevalsumzügen im übrigen Deutschen Reich war diese Verhöhnung einmalig, schreibt Ruth Mateus-Berr: Niemand hätte sich dort getraut, einen hohen Parteifunktionär derart zu veräppeln. Als Akt des Widerstands gegen das Regime dürfe man diese Darstellung dennoch nicht lesen: Sie gehe vielmehr auf interne Rivalitäten zwischen deutschen und österreichischen Nationalsozialisten zurück. Gerade unter Wiener Nationalsozialisten war der aus dem Saarland stammende Bürckel, der „reichsdeutschen“ Parteimitgliedern bei der Besetzung wichtiger Funktionen den Vorrang gegeben hatte, alles andere als beliebt. 

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Ein betrunkener Mönch als antiklerikale Karikatur beim Wiener Faschingsumzug 1939, Postkarte (Fotografie: H. Schuhmann), Sammlung Wien Museum

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Wagen aus der Gruppe „Der brave Storch von Wien“ beim Wiener Faschingsumzug 1939, Postkarte (Fotografie: H. Schuhmann), Sammlung Wien Museum

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Groteskfiguren beim Wiener Faschingsumzug 1939, im Hintergrund rechts der Wagen „Das Maria Theresien-Denkmal in neuer Form“, der Gauleiter Bürckel verspottete, Postkarte (Fotografie: H. Schuhmann), Sammlung Wien Museum

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Wagen „Ruhetag des Kalafatti“ beim Wiener Faschingsumzug 1939, Fotografie, Sammlung Wien Museum

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Ein einmaliges Phänomen

Für die Gestalter des „Maria Theresien-Denkmals“ aus Pappmaché hatte die kleine Affäre keine Folgen. Auch nach 1945 sollte die federführende Beteiligung an den „Großkampftagen im Vergnügen“ („Völkischer Beobachter“, 19.2.1939) kein Karrierehindernis sein, schreibt Ruth Mateus-Berr: Der Maler Oswald Roux etwa wurde in den 1960er Jahren mit dem Ehrenpreis der Stadt Wien und dem Österreichischen Staatspreis ausgezeichnet. Zum politisch üblichen „Vergessen“ nach 1945 trug wohl auch bei, dass der Wiener Faschingsumzug von 1939 ein singuläres Ereignis blieb. Dem Versuch, hier eine neue Tradition zu etablieren, schob der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges einen Riegel vor: Umzüge wurden ab 1940 verboten, jegliches öffentliches Narrentreiben kam damit zum Erliegen. Erst 1983 sollte zum ersten Mal wieder ein Faschingsumzug über die Wiener Ringstraße ziehen, organisiert von der Wiener Wirtschaft. Eine Tradition konnte aber auch er nicht begründen.

Literatur:

Ruth Mateus-Berr: Fasching und Faschismus, Wien: Praesens Verlag 2007.
Fasching in WienWien Geschichte Wiki 

Martina Nußbaumer studierte Geschichte, Angewandte Kulturwissenschaften und Kulturmanagement in Graz und Edinburgh und ist seit 2008 Kuratorin im Wien Museum. Von 2000 bis 2008 war sie in Forschungsprojekten in Wien und Graz tätig; seit 2006 gestaltet sie als freie Autorin Beiträge für Radio Ö1. Sie forscht und publiziert zu Stadt- und Kulturgeschichte im 19., 20. und 21. Jahrhundert, Geschlechtergeschichte sowie zu Geschichts- und Identitätspolitik.

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