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Christoph Freyer, 26.7.2020

Der Wiener Gürtel als Erholungsraum

Naherholung noch näher

Mit dem Projekt „Gürtelfrische WEST“ schaffen die dichtbebauten Bezirke Rudolfsheim-Fünfhaus und Neubau gemeinsam eine temporäre Erholungsfläche beim Westbahnhof. Und greift damit auf eine Wiener Tradition zurück, die besonders im „Roten Wien“ forciert wurde.

Der Kreuzungsbereich zwischen den beiden Fahrbahnen des Neubaugürtels auf Höhe der Felberstraße und Stollgasse wird im August für den Verkehr gesperrt und zu einer zentralen, urbanen Erholungszone. Das Projekt „Gürtelfrische WEST“ bildet damit eine Erweiterung des Grünareals zwischen Europaplatz und Emil-Maurer-Platz. Hauptelemente stellen ein zum Pool umfunktionierter Fracht-Container, ein Grünkonzept mit Pflanztrögen und Liegemobiliar, eine künstlerisch gestaltete, multifunktionale Holzbühne, ein ausrangierter Autobus der Wiener Linien für Workshops sowie ein Gastro-Kiosk dar.

Täglich von 10 bis 22 Uhr soll hier eine unentgeltliche Möglichkeit zum Relaxen und Planschen, für unterschiedlichste kulturelle Veranstaltungen wie Konzerte oder Filmvorführungen sowie sportliche Betätigung geboten werden. Auch eigene Schwimmzeiten für Kinder und Senioren sind geplant, ebenso wie eine Abkühlungsmöglichkeit abseits des Pools, mittels der neuen Wassersprühsysteme.

Die Grundintention dieses Projekts ist nicht neu, diente doch das „Zwischenfahrbahn-Grün“ bereits in früheren Zeiten zur Erholung. Wie auf alten Postkarten ersichtlich, war der Bereich zwischen den Gürtelfahrbahnen schon Anfang des 20. Jahrhunderts als begehbares und zum Ausspannen einladendes Stadtgrün mit Wegen und Bänken als Ruheplätzen gestaltet. Einen markanten Punkt am Areal vor dem Westbahnhof bildete seinerzeit das 1909 errichtete Hesser-Denkmal, das im Laufe der Zeit mehrfach verlegt wurde. Das vom Bildhauer Josef Tuch und dem Architekten Karl Badstieber gestaltete Monument, ein Pylon, bei dem der einfache Soldat im Mittelpunkt steht, entstand anlässlich der 100-jährigen Wiederkehr des Sieges über das napoleonische Heer in der Schwarzlackenau. Ursprünglich gegenüber der Lazaristenkirche (heutiger Bereich der U6 Station) situiert, befindet es sich nun nach einigen Ortswechseln am Emil-Maurer-Platz. Es stellt somit den Beginn der weitläufigen Erholungszone zwischen Europaplatz und Urban-Loritz-Platz dar.

Dieser vielfältige Stadtraum reicht vom einfachen Grünraum über einen Spielplatz bis hin zur gut frequentierten Skateanlage beim Urban-Loritz-Platz. Auch in der anderen Richtung – gegen die Mariahilfer Straße – wird das Areal zwischen den Gürtelfahrbahnen als Erholungsraum genutzt. Der Bereich um den Ballspielplatz, der sich bis zur Straßenbahnschleife vor dem Westbahnhof erstreckt, wurde im Juni dieses Jahres nach dem ehemaligen Sophienspital vis-à-vis des Bahnhofs benannt. Der Sophienpark, der neue temporäre Erholungsraum „Gürtelfrische WEST“ sowie der Emil-Maurer-Park verschmelzen somit im August zu einer durchgehend nutzbaren Erholungsfläche von etwa 1,5 Hektar.

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Ein weiterer Blick in die Geschichte zeigt noch eine andere, langjährige Nutzung dieses vielseitigen Ortes. So wurde just am Areal des heutigen Sophienparks, seinerzeit ein von Bäumen umsäumter, parkähnlich gestalteter Grünraum, im Jahr 1930 ein Kinderfreibad der Gemeinde Wien errichtet. Wie auf den beiden historischen Fotografien Fritz Sauers zu erkennen, sind im Hintergrund die Lazaristenkirche beziehungsweise die Mauer zum Sophienspital zu sehen, wodurch sich die Lage des Bades exakt verorten lässt. Dem Ruf nach Licht, Luft und Sonne – eine der wesentlichsten Forderungen der 1920er-Jahre – folgend, hatte die Stadt zahlreiche solcher Bäder geschaffen. Ziel war es, mit diesem Bädertyp schulpflichtigen Kindern zwischen sechs und vierzehn Jahren unentgeltlich das sichere Spielen, Baden und Planschen in ihrer unmittelbaren Umgebung zu ermöglichen. Sie sollten durch Bewegung an der frischen Luft und in der Sonne gesundheitlich gestärkt werden.

Die Kinderfreibäder verfügten meist über ein etwa 60 cm tiefes Planschbecken, das in einigen Bädern, wie hier am Neubaugürtel, eine Springbrunnenplastik zum Gaudium der Kinder aufwies. Die multifunktionalen Gebäude der Bäder mit ihrem charakteristischen kubischen Wasserreservoir am Dach enthielten nach Geschlechtern getrennte Garderoben sowie Sanitär- und Technikräume. Als besonders rationell und hygienisch galt der An- und Auskleidebereich in separaten Räumen, bei dem die Kinder ihre Kleidung an einem Schalter ähnlich einer Theatergarderobe zur Aufbewahrung abgeben mussten.

Das Wien Museum hat im Rahmen seiner Ausstellung zum Roten Wien 2019 auf die soziale und international beispielgebende Einrichtung der Kinderfreibäder des Roten Wien hingewiesen.

Nach dem Ersten Weltkrieg waren in Parkanlagen der dichtbebauten Wiener Stadtgebiete zahlreiche solcher Kinderfreibäder entstanden. Anfangs mit einfachen, provisorischen Baracken neben Zierteichen eher noch „Notlösungen“, war der Siegeszug der ab 1926 errichteten, markanten Umkleidegebäude nicht mehr aufzuhalten. Diese Kleinode der Freude und des unbeschwerten Spielens im Freien wurden von Architekten des Stadtbauamtes der Gemeinde Wien geplant. Einige dieser Bäder sind heute noch erhalten wie jenes im Augarten, im Kongreßpark oder im Hartäckerpark. Eines der ersten Bäder mit festem Gebäude befand sich am Margaretengürtel, direkt vor der damaligen Stadtbahnstation. Auch hier – gegenüber der ersten großen Gemeindebauten – diente der parkähnliche Grünstreifen gemeinsam mit dem angrenzenden Haydnpark den Wienerinnen und Wienern als „Naherholungsgebiet“.

Dass der Wiener Gürtel mit seinen Grünräumen seit über 100 Jahren auch einen Erholungsraum für die Bevölkerung der dichtbebauten Stadtteile darstellt, wird häufig übersehen. Mit dem temporären Projekt „Gürtelfrische WEST“ knüpft die Stadt einerseits an diese Tradition an, andererseits bildet es die Möglichkeit zukünftige Gestaltungsideen und Kommunikationsräume zu entwickeln.

Christoph FreyerStudium der Kunstgeschichte an der Universität Wien, seit 2018 im Karl Schwanzer Archiv des Wien Museums tätig, Publikationen u.a. zum Roten Wien, Margarete Schütte-Lihotzky sowie Raimund Abraham.

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