Website Suche (Nach dem Absenden werden Sie zur Suchergebnisseite weitergeleitet.)

Hauptinhalt

Hans W. Bousska, 9.3.2020

Die Anfänge des Kinos in Wien

„Lebende Bilder, ununterbrochen zu sehen“

Der diesjährige Tag der Wiener Bezirksmuseen steht ganz im Zeichen von Kino, Theater und Varieté in Wien. Die ersten „echten“ Kinos boomten ab 1900, in den späten 1920er Jahren gab es bereits 170 Kinos mit fast 70.000 Plätzen. Ein Überblick bis zum Beginn des Tonfilms.    

Der Beginn der Kinematographie in Österreich ist untrennbar mit dem Physiker und Zauberkünstler Ludwig Döbler (1801–1865) verbunden. Er hatte in England Vorführungen optischer Bilder kennengelernt. Am 14. Jänner 1874 führte er erstmals „bewegliche Zauberbilder“ im Josefstädter Theater vor. „Ohne Einfluss der Mechanik, bloß mit Hülfe des Lichtes“ zeigte er dem erstaunten Publikum mithilfe einer „Laterna magica“ optische Bilder. Es sollte jedoch noch etwas mehr als 20 Jahre dauern bis die Brüder Auguste und Louis Lumière aus Lyon im „Grand Café“ am Boulevard des Capucines in Paris die ersten öffentlichen Filmvorführungen veranstalteten. 1896 führte Monsignore Eugene Dupont, ein Bevollmächtigter der Brüder Lumière, im Projektionssaal der Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie und Reproduktionsverfahren, Wien 1., Kärntner Straße 45, mit dem Lumière’schen Kinematographen die ersten Filme vor. Auch Kaiser Franz Joseph I. besuchte eine der Vorführungen. Auf dem Programm standen kurze Szenen mit Titeln wie „Fällen eines Baumes“, „Taubenfüttern“, „Erschießung eines Spions im türkisch-griechischen Krieg“ oder „Ein unheimlicher Traum“, die jeweils nur wenige Minuten dauerten.

Die ersten auf österreichischem Boden entstandenen Kurzfilme hießen u. a. „Ausfahrt der Fiaker“, „Die Deutschmeisterkapelle“, „Das Riesenrad“ oder „Der Stephansdom“. Kinematographen fanden sich ab dieser Zeit zumeist bei Schaustellern und auf Jahrmärkten. Die ersten nur zum Zweck eines Kinobetriebes eingerichteten Räumlichkeiten etablierten sich ab 1900. Sie befanden sich in der Inneren Stadt, im Prater und in Mariahilf, 6. Bezirk. Es waren einfache Räume in Zelten, Eckgasthöfen, sogenannte Ladenkinos, und Höfen.

Innerhalb von wenigen Jahren breiteten sich die Vorführstätten in ganz Wien aus. 1909 gab es bereits 74 Kinos, 1915 existierten 150. Ab 1914 fand das Homes-Fey-Theater unter dem Namen Kohlmarktkino, Wien 1., Kohlmarkt 10, ausschließlich als Kino Verwendung. Über dem Eingang befand sich eine Tafel mit der Aufschrift: „Kinomatographen-Theater. Lebende Bilder. Ununterbrochen zu sehen.“ Da es sich aber auch um ein Varieté handelte, fand sich noch der Hinweis „Weltpanorama/Abnormitäten/Illusionen“ darauf.

Der Siegeszug der Kinematographen

Der Film als neue Attraktion wurde in das Programm der bestehenden Unterhaltungsstätten integriert. Damit gehörte der Film zum ständigen Repertoire der Varietés. 1907 eröffnete das Wiener Bioskop, das spätere Krugerkino, Wien 1., Krugerstraße 5, mit qualitativ hochwertigen Filmen und einer stilvollen Einrichtung. Das 1906 gegründete Schäffer-Haushofer-Kino in der Mariahilfer Straße verfügte bereits über Logen und eine Galerie. 1909 wurde das Urania-Gebäude errichtete, ein Mehrzweckbau, in dem sich neben dem Kino eine Sternwarte und eine Bildungsanstalt befinden. Kinematographen kamen auch in verschiedenen Etablissements wie dem Ronacher zum Einsatz.

Der Wiener Prater konnte auf eine lange Tradition von „Laterna magica“-Vorführungen, Panoramen, Dioramen und Ähnlichem zurückblicken. Die neue Technik fand hier daher fruchtbaren Boden. Von 1904 bis 1905 entstanden fünf Vorführstätten, die sich aus Vorgängerbauten zu frei stehenden Lichtspieltheatern entwickelten. Von 1911 bis 1914 entstanden 102 neue Kinos in Wien.

Tonfilme? Noch zu teuer!

1912 wurde die erste Kinematographenverordnung beschlossen. Damit waren die Gründung und der Betrieb eines Kinos mit einer Konzession verbunden. Im selben Jahr fand in Wien der Internationale Kinematographenkongress sowie eine Internationale Kinoausstellung statt. Die ersten Tonfilme wurden in Wien bereits 1913 mit einem Edison-Kinetophon vorgeführt, u. a. in den Sophiensälen. Diese Tonfilme konnten sich jedoch wegen der hohen Materialkosten noch nicht durchsetzen. Die Stummfilmzeit sollte noch bis 1933 dauern. Die Filme wurden von Kino-Orchestern oder zumindest von einem Pianisten, dem „Tappeur“, begleitet.

1910 gründete Alexander Joseph „Sascha“ Graf Kolowrat-Krakowsky die Sascha-Film-Fabrik und ein Filmlaboratorium im Schloss Groß Meierhöfen (Velké Dvorce, Ostböhmen) in Pfraumberg (Přimda). 1912 übersiedelte er nach Wien und gründete im Jahr 1913 die Sascha-Filmfabrik in Wien-Brigittenau, 20., Pappenheimgasse 2/Ecke Treustraße. Eine seiner ersten Produktionen war „Die Gewinnung des Erzes am steirischen Erzberg in Eisenerz“. 1915 übernahm er die Filmexpositur des k.u.k. Kriegspressequartiers in Wien und beteiligte sich in den Jahren des Ersten Weltkriegs auch an der Produktion von Propagandafilmen.

Sodom und Gomorrha am Laaer Berg

Kolowrat-Krakowsky entdeckte zahlreiche Schauspieler für den Film, u. a. Willi Forst und Marlene Dietrich. Höhepunkte seiner künstlerischen Arbeit waren die Produktionen von Monumentalstreifen der Stummfilmzeit auf dem Wiener Laaer Berg, z. B. Sodom und Gomorrha, 1922. 1916 ließ er in Sievering das erste Großatelier Österreichs erbauen. Die Filmfabrik des bekanntesten Filmpioniers der Wiener Kinogeschichte bestand bis 1933.

Der Erste Weltkrieg brachte eine wesentliche Zäsur in der Entwicklungsgeschichte des Kinos mit sich. Der Film und somit das Kino wurde erstmals als Sprachrohr staatlicher Propaganda und Politik eingesetzt. Diese Jahre zählten zu den einnahmenreichsten, nicht zuletzt wegen der Kriegsberichte. Nach Kriegsende und nach der Normalisierung der Versorgungslage entstanden weitere Kinobetriebe. Nicht nur im 1. Bezirk, auch im Prater, Mariahilf, Neubau, Ottakring und Hernals wurden neue Kinos eröffnet und Ladenkinos ausgebaut.

Aus Kinos werden Filmpaläste

Aus ehemaligen Theatern und Varietés entstanden Filmpaläste. So wurde z. B. das Apollotheater und Varieté, Wien 6., Gumpendorfer Straße 63, oder das ehemalige Johann-Strauß-Theater, Wien 4., Favoritenstraße 8, ab der Eröffnung Scala, zum Kino umgebaut. 1922 bestanden in Ottakring 13 Lichtspieltheater. Es folgten Wien-Landstraße, Neubau und Leopoldstadt mit zwölf Kinos, zusätzlich gab es im Prater zu dieser Zeit acht Kinos, in Favoriten, Meidling und der Inneren Stadt je elf Kinos. Insgesamt waren es 1927 170 Kinos  mit 67.000 Sitz- und Stehplätzen.

Ab 1930 begann das Tonfilm-Zeitalter. Die meisten Stummfilmkinos wurden zu Tonfilmkinos umgebaut. Die ersten Kinos, die auf Tonfilm umstellten, waren 1929 die Kinos „Ufa Ton Kino“, Taborstraße 8a, „Burg Kino“, Opernring 9, und das „Opern Kino“, Friedrichstraße 4. Der Anteil der Tonfilme an der Gesamtzahl der gezeigten Filme stieg sprunghaft an. 1930 kletterte sie von 158 Filmen auf 569. Ab 1933 wurden in den Wiener Kinos keine Stummfilme mehr gezeigt. Leider überstanden viele der Grätzelkinos aus finanziellen Gründen die Einführung der Tonfilme nicht. Besser situierte Kinos nutzten die Umstellung für Umbauten sowie Verschönerungen der Portale, Eingangs- und Kassenhallen, der Zuschauerräume und der technischen Einrichtung.

 

Dieser Text ist die gekürzte Fassung der Einleitung zum Buch „Kinos, Theater und Varietés in Wien“ von Hans Werner Bousska, das soeben im Sutton Verlag erschienen ist.

Hans W. Bousska, Prof., Studium an der Universität Wien, Volksskunde, Völkerkunde, Kunstgeschichte, Geschichte.  Pädagoge, Kustos im Bezirksmuseum Meidling, Schwerpunkt: Regionalgeschichte im Kontext der Geschichte Wiens und Österreichs. Zuständig für die Internetseite www.bezirksmuseum.at. Erstellung von Radio- und Mitarbeit bei Fernsehsendungen, Autor zahlreicher Bücher, Redakteur der Zeitschrift „Meidling, Blätter des Bezirksmuseums“, Vorträge über geschichtliche Themen in Zusammenarbeit mit Bezirksmuseum/Volkshochschule. Seit 2008 zuständig für die Gestaltung des Tages der Wiener Bezirksmuseen und die jeweils erscheinenden begleitenden Publikationen.

Kommentar schreiben

* Diese Felder sind erforderlich

Kommentare

Redaktion

Sehr geehrte Frau Schermann, da haben Sie natürlich vollkommen recht - vielen Dank für den Hinweis, ist schon korrigiert! Herzliche Grüße, Peter Stuiber (Wien Museum Magazin)

Susanne Schermann

Sehr interessanter Artikel, danke!

Erlauben Sie mir, auf einen kleinen Fehler hinzuweisen.
Abschnitt „Sodom und Gomorrha am Laaerberg“: „Der Erste Weltkrieg brachte eine wesentliche Zensur in der Entwicklungsgeschichte…“
Nicht „Zensur“, sondern „Zäsur“.
Mit freundlichen Grüßen

Conny Stahl

Sehr interessanter Artikel, eine wunderbare Ergänzung, da ich heute die Ausstellung zur Geschichte der Wiener Kinos im Metro-Kino gesehen habe (letzter Tag).
Gern weitere Informationen zur Meidlinger Geschichte, da ich dort wohnhaft bin (erst seit zehn Jahren).
Vielen Dank vorab.
Freundliche Grüße
Cornelia Stahl