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Michael Hagemeister, 23.2.2021

Die Protokolle der Weisen von Zion

Der Mythos der jüdischen Weltverschwörung

Vor hundert Jahren verbreiteten sich die „Protokolle der Weisen von Zion“ – von Russland ausgehend – rasant in der westlichen Welt. Dass das „Dokument“ einer „jüdisch-freimaurerischen Weltverschwörung“ authentisch sei, bezweifelte sogar Goebbels. Dennoch befeuerte es wie keine andere Schrift den modernen Antisemitismus – bis heute.

Im Januar 1917, nur wenige Wochen vor dem Sturz der Monarchie in dem von revolutionären Unruhen erschütterten Russland, erschien im Verlag des berühmten Dreifaltigkeitsklosters in Sergiev Posad unweit von Moskau ein Buch mit dem apokalyptisch-visionären Titel ´„Es ist nahe vor der Tür.“ Über das, was man nicht glauben will und was doch so nahe ist`. Verfasst hatte es Sergej Nilus (1862–1929), ein ehemaliger Gutsbesitzer, der lange in russischen Klöstern gelebt und sich einen Namen als konservativer Publizist und religiöser Schriftsteller gemacht hatte.

Das Buch erzählt von Asketen und Heiligen, ihren Prophezeiungen über das Ende der Welt und ihrem Kampf gegen die Mächte der Finsternis. Vor allem aber berichtet es von der Verschwörung der „Synagoge des Satans“, der „jüdischen Freimaurerei“, gegen das heilige Russland und die gesamte Christenheit und von den allenthalben sich mehrenden Vorzeichen, die auf die baldige Ankunft des falschen Messias der Juden, des Antichrists, deuteten. Eingefügt in dieses Buch war eine fremde Schrift, die zu beweisen schien, dass all dies Unheil einem teuflischen Plan entsprang, den die Juden im Jahre 1897 in Basel beraten und beschlossen hatten – die Protokolle der Weisen von Zion. Bis dahin hatte diese Schrift, obwohl schon mehrmals veröffentlicht, nur geringe Beachtung gefunden und war außerhalb Russlands ganz unbekannt geblieben. Niemand konnte ahnen, dass sie nur wenige Jahre später in alle Weltsprachen übersetzt und millionenfach verbreitet zum einflussreichsten Text des modernen Antisemitismus und zum „zentralen Referenzdokument“ 1 der Legende von der jüdisch-freimaurerischen Weltverschwörung werden würde.
 

Der Inhalt der Protokolle

Die Protokolle der Weisen von Zion (auch Geheimnisse der Weisen von Zion, Zionistische Protokolle, Protokolle Zions) geben vor, eine weltumspannende Verschwörung jüdisch-freimaurerischer Mächte zu belegen. 2 Das fiktive „Dokument“ – ein Text von etwa 60 bis 80 Seiten, der in 24 Abschnitte („Protokolle“) gegliedert ist – gibt anscheinend eine Rede wörtlich wieder, die ein anonymer jüdischer Sprecher vor einer nicht näher gekennzeichneten Zuhörerschaft an einem ungenannten Ort zu einem ungenannten Zeitpunkt gehalten hat. In dieser Rede werden – gleichsam als ungeschütztes Selbstbekenntnis – die geheimen Methoden und Ziele einer angeblich jahrhundertealten jüdisch-freimaurerischen Verschwörung gegen die gesamte nichtjüdische Welt dargelegt. Mit zynischer Offenheit beschreibt der Redner Strategie und Taktik, mit der die angeblichen Verschwörer sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens unterwandern und ihren Zielen unterwerfen wollen, wobei sie sich der internationalen Gemeinschaft der Freimaurer bedienen. So sollen die Völker durch Parteienhader und Klassenkämpfe, Kriege und Revolutionen, Hungersnöte und Seuchen zermürbt, durch die „Macht des Goldes“ und durch Spekulationsgeschäfte wirtschaftlich ruiniert, mit dem „tödlichen Gift“ des Liberalismus infiziert sowie durch Rationalismus, Materialismus und Atheismus – genannt werden die Lehren von Darwin, Marx und Nietzsche – moralisch zersetzt werden. Auf diese Weise in Anarchie und Elend getrieben, würden die Nichtjuden aus Sehnsucht nach Sicherheit und Frieden „den Juden“ schließlich die gesamte Macht anbieten.
 

Auf den Trümmern der alten Ordnung werde die jüdische Weltregierung sodann mit dem „Recht des Stärkeren“, wenn auch unter dem Schein der Legalität, eine perfekt organisierte zentralistische und patriarchalische Diktatur errichten mit einem König aus dem Hause David an der Spitze. Dieser von den „Weisen“ auserwählte Weltherrscher wird als eine charismatische Gestalt beschrieben, ein Vorbild an Tugend, Selbstbeherrschung und Verstand: „Der König der Juden darf sich nicht von seinen Leidenschaften treiben lassen. [...] [Er] muß alle persönlichen Freuden dem Wohle seines Volkes und der Menschheit zum Opfer bringen. Unser Weltherrscher darf sich in sittlicher Hinsicht keinerlei Blößen geben; er muß ein leuchtendes Beispiel für Alle sein.“ 3 Vom Volk – Juden wie Nichtjuden – als treu sorgender, liebevoller und gutherziger Vater verehrt und vergöttert, werde der jüdische König „mit festem Willen und unbeugsamer Macht“ über eine befriedete, geeinte und hierarchisch geordnete Welt herrschen. In ihr werde es weder sittenverderbenden Luxus noch würdelose Trunksucht geben, stattdessen Arbeit für alle – nicht nur als Recht, sondern auch als Pflicht. Willkür, Korruption und Amtsmissbrauch würden streng bestraft werden; die dazu nötigen Gesetze würden kurz, klar und unabänderlich sein. 

Die dumpfe Masse im „Reich der Vernunft“

Mit den Worten des Redners, der sich und seine Mitverschworenen als „Wohltäter der Menschheit“ bezeichnet: „Ein Jeder, der unsere Gesetze achtet, wird sich der Segnungen des Friedens und der Ordnung erfreuen können. [...] Unsere festgefügte Macht wird die Zügel der Regierung straff in der Hand halten [...]. Sie wird völlige Ruhe und Ordnung verbürgen, worin überhaupt das ganze Glück der Menschen besteht.“ 4 Das Ziel der Verschwörung, wie es die Protokolle ausführlich schildern, ist also keine Tyrannei des Schreckens, sondern ein konfliktloses „Reich der Vernunft“, in dem die als „blind“ und zur Herrschaft unfähig beschriebenen „Massen“, durch staatliche Fürsorge und Kontrolle vollständig manipuliert, dafür aber ohne die Zumutung der Freiheit in dumpfer Zufriedenheit ihr Dasein fristen werden. 

Der „Siegeszug“ der Protokolle 

Erstmals veröffentlicht wurden die Protokolle im Sommer 1903 in einer obskuren rechtsextremen Petersburger Zeitung. Weitere Ausgaben erschienen im Revolutionsjahr 1905 und in den folgenden Jahren in Moskau, Petersburg und in der russischen Provinz, wobei nicht nur die Zahl der „Protokolle“ und ihr Inhalt, sondern auch die Angaben zu Alter und Herkunft erheblich divergierten. Im vorrevolutionären Russland fand die Schrift indes nur schwache Resonanz – zumal sie auch keines der traditionellen christlich-antijudaistischen Stereotype bedient –, und es gibt keine Hinweise, dass sie unmittelbar zur Anstachelung antisemitischer Gewalt benutzt wurde. Oft zitierte Berichte über die Verlesung der Protokolle in allen Moskauer Kirchen oder über kritische Äußerungen des Zaren zu dieser Schrift gehören ins Reich der Legenden. 5 

Einfache Erklärungen in Krisenzeiten

Erst die Erschütterungen des Weltkriegs, der Zusammenbruch der Monarchien, der Umsturz der Bolschewiki in Russland, die Gründung der Kommunistischen Internationale mit dem Ziel einer „Weltrevolution“, die Wirtschaftskrisen und sozialen Unruhen weckten das Bedürfnis nach einfachen Erklärungen und Schuldzuweisungen, das die Protokolle auf geradezu ideale Weise bedienen. Das Streben der Juden nach globaler Herrschaft schien der Schlüssel zum Verständnis des aktuellen Weltgeschehens zu sein. Selbst Gegensätze wie Bolschewismus und internationale Hochfinanz wurden als Phänomene der jüdischen Verschwörung ausgegeben. Nachdem die Nilus-Ausgabe von russischen Emigranten 1918/19 nach Westeuropa und in die USA gebracht worden war, um vor der „jüdisch-bolschewistischen Gefahr“ zu warnen, traten die Protokolle ihren internationalen „Siegeszug“ an. In Großbritannien kursierten die Protokolle zu Beginn der 1920er Jahre unter Kabinettsmitgliedern und einflussreichen Persönlichkeiten, und ein Teil der bürgerlichen Presse war geneigt, ihre Echtheit anzuerkennen. In Frankreich propagierten Angehörige der antirepublikanischen „Action française“ sowie katholische Traditionalisten die Protokolle im Kampf gegen die „Judéo-maçonnerie“, die „Gegen-Kirche Satans“. 
 

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In den Vereinigten Staaten bemühte sich der Großindustrielle Henry Ford (1863–1947) um eine Verbreitung der Schrift. Seine auflagenstarke Zeitung „The Dearborn Independent“druckte 1920 eine adaptierte Fassung als Artikelserie ab. Unter dem Titel „The International Jew“ erschien diese auch als Buch, das, in 16 Sprachen übersetzt, zu einem internationalen Bestseller wurde. In Deutschland waren es völkische und nationalsozialistische Kreise, die sich der Kommentierung und Verbreitung der Protokolle annahmen.

Insgesamt aber war die Haltung der Nationalsozialisten zu den Protokollen uneinheitlich. Adolf Hitler (1889–1945) erwähnte die „Weisen von Zion“ in den frühen 1920er Jahren gelegentlich in seinen Reden und widmete den Protokollen 1924 in Mein Kampf eine längere Bemerkung. Auch später bediente er sich des Mythos der jüdischen Weltverschwörung als Propagandawaffe, doch bezog er sich dabei nie öffentlich auf die Protokolle. Joseph Goebbels (1897–1945), der bis zuletzt den Kampf gegen die „jüdische Weltherrschaft“ predigte, äußerte sich nur sporadisch und dann stets skeptisch zu den Protokollen. 1924 hielt er sie für eine Fälschung 6 , 1943 ließ er offen, ob sie echt oder „von einem genialen Zeitkritiker erfunden worden“ seien. 7 Zwar wurden die Protokolle in immer neuen Ausgaben verbreitet, doch vermied die nationalsozialistische Propaganda, sich auf die Diskussion um die Echtheit des Textes einzulassen und berief sich auf dessen „innere Wahrheit“. 8 Für den Glauben an die Verschwörung war die Frage, ob es sich bei den Protokollen um ein authentisches Dokument handele, letztlich belanglos. Entscheidend war, dass der Gang der Geschichte in Übereinstimmung mit ihren vermeintlichen Vorhersagen zu verlaufen und damit den Plan der Verschwörer zu bestätigen schien. 

Die „Weisen“ als Modell für die Nazis?

Nach 1939 wurden die Protokolle im nationalsozialistischen Deutschland nicht mehr publiziert. Vielleicht, so haben Zeitgenossen vermutet, fürchteten die Machthaber den Vergleich ihrer eigenen Herrschaftspraktiken und -ziele mit denen der angeblichen jüdischen Weltverschwörer. Bereits in den 1930er Jahren hatten Kritiker des Regimes wiederholt auf die Verwandtschaft der in den Protokollen niedergelegten Beschlüsse mit den Maßnahmen des „Dritten Reiches“ hingewiesen und Hitler einen „Schüler der Weisen von Zion“ genannt. 9 Nach dem Krieg hob die Philosophin Hannah Arendt (1906–1975) die „eigentümlich modernen Elemente“ der Protokolle hervor und bemerkte: „Die Nazis begannen mit der ideologischen Fiktion einer Weltverschwörung und organisierten sich mehr oder weniger bewußt nach dem Modell der fiktiven Geheimgesellschaft der Weisen von Zion“ 10

Der Ursprung der Protokolle

Lange war die Forschung, zweifelhaften „Zeugen“ folgend, überzeugt, die Protokolle seien zur Zeit der Dreyfus-Affäre (1894–1899) von namentlich bekannten Agenten der Auslandsagentur der zarischen Geheimpolizei („Ochrana“) in Paris auf Französisch verfasst und dann nach Russland geschickt worden, um die Modernisierungs- und Industrialisierungspolitik des russischen Finanzministers Sergej Witte (1849–1915) zu bekämpfen. Neuere Forschung bestreitet hingegen die Existenz eines französischen Urtextes wie auch jegliche Beteiligung der Geheimpolizei und versucht nachzuweisen, dass die Protokolle das Ergebnis vielfältiger Bearbeitungen eines Textes seien, der zwischen 1902 und 1903 als Parodie auf Theodor Herzls (1860–1904) Manifest des modernen Zionismus Der Judenstaat (1896) und mit Bezug auf den Fünften Zionistenkongress (1901) in Russland verfasst worden sei, um die zionistische Bewegung zu diskreditieren. 11 Bis heute ist die Frage, wer der oder die Verfasser waren und welche Absichten dabei verfolgt wurden, ungeklärt – und löst gerade deshalb weitreichende Spekulationen aus. 12

Ein Prozess in Bern

Die Frage der „Echtheit“ der Protokolle war sogar Gegenstand eines Prozesses, der zwischen 1933 und 1937 unter weltweiter Beachtung in Bern stattfand. Gestützt auf Zeugenaussagen und Dokumente suchten die jüdischen Kläger die Herkunft des Textes aus der Pariser Fälscherwerkstatt der zarischen Geheimpolizei zu belegen und damit seine Wirkung zu entkräften, doch hält die in Bern präsentierte scheinbar lückenlose Entstehungsgeschichte der Protokolle, die damals gleichsam kanonisiert und fortan nur noch tradiert wurde, einer kritischen Überprüfung nicht stand. 13 Mehr noch: Im erstinstanzlichen Urteil wurden die Protokolle zwar als Plagiat und Fälschung bezeichnet und ihre Verbreiter verurteilt, doch konnten weder das Gerichtsurteil noch die Aufdeckung der literarischen Quellen ihre öffentliche Karriere beenden. Der Vorwurf des Plagiats ist zweifellos berechtigt. Bereits Anfang der 1920er Jahre war der Nachweis erbracht worden, dass es sich bei den Protokollen in weiten Teilen um eine Zusammenstellung literarischer und publizistischer Texte handelt. Als Hauptquelle diente den unbekannten Plagiatoren das von dem französischen Anwalt Maurice Joly (1829–1878) verfasste und 1864 zunächst anonym in Brüssel veröffentlichte Werk „Dialogue aux enfers entre Machiavel et Montesquieu, ou la politique de Machiavel au XIX e siècle“, eine geistreiche Streitschrift gegen die autoritäre Herrschaft Napoleons III. (amt. 1852–1870), die keinerlei Anspielungen auf Juden, wohl aber auf den „Machiavellismus“ der Jesuiten enthält.

Eine weitere Quelle bildete die in mehrere Sprachen übersetzte „Rede des Rabbiners“, die auf ein Kapitel in Herrmann Goedsches (1815–1878) Sensationsroman „Biarritz“ (1868) zurückgeht. 14 Zudem wurden Entlehnungen aus Werken der französischen und russischen Trivialliteratur des 19. Jahrhunderts sowie aus Romanen Fjodor Dostojewskis (1821–1881) nachgewiesen.

Eine Fälschung sind die Protokolle hingegen streng genommen nicht, da sie sich weder auf ein Original noch auf reale Personen oder Gegebenheiten beziehen. Irreführend ist allerdings der Faktizität suggerierende – nachträglich hinzugefügte – Titel „Protokolle“ oder die Bezeichnung als „Sitzungsberichte der Weisen von Zion“, da der Text selbst keine Angaben über Zeit und Ort der Versammlung sowie über den Redner und sein Publikum enthält. Angaben zur angeblichen Herkunft finden sich nur in den erheblich divergierenden und einander oftmals widersprechenden Paratexten (Vor- und Nachworte, Titel, Zwischentitel, Anmerkungen) der diversen Herausgeber und Kommentatoren. Der als Protokolle bezeichnete Text selbst ist eine reine Fiktion, auch wenn er nicht als solche markiert ist.

Die Protokolle als Anti-Utopie und Apokalypse

Damit aber ist der Text im Grunde offen für verschiedene Interpretationen. So können die Protokolle auch als satirische Zeitkritik oder als (Anti-)Utopie gelesen werden, antizipieren sie doch mit ihrer Vision einer Fürsorgediktatur, die gekennzeichnet ist durch Führerkult, Massenpropaganda, Denunziantentum, Manipulation der Presse, straffe Organisation und das Streben nach Weltherrschaft, wesentliche Merkmale der großen totalitären Bewegungen des 20. Jahrhunderts. Und schließlich gibt es eine Lesart, die für die Rezeption gerade in Russland bestimmend war und ist: die Protokolle als Apokalypse, als „Enthüllung“ eines spirituellen Geheimnisses, einer kosmischen Konspiration satanischer Mächte im Kampf um die Weltherrschaft. 15 Den Anhängern der alten Ordnung gelten zumeist Juden und Freimaurer – Förderer und Nutznießer des Fortschritts und der Aufklärung – als Wegbereiter des Antichrists, ja werden oftmals mit ihm identifiziert. Der jüdische König, der in den Protokollen ausführlich charakterisiert wird, trägt denn auch die klassischen Züge des Antichrists: Er ist der „Sohn des Verderbens“, vor dem die Bibel warnt, der seine Bosheit hinter der Maske des Wohltäters verbirgt. Der Erfolg der jüdischen Verschwörer, die sich selbst als „Wohltäter der Menschheit“ bezeichnen, beruht auf dem Versprechen von Frieden und Sicherheit. „Friede und Sicherheit“ aber ist nach Paulus (1 Thess 5,3) die Losung des Antichrists. Und das konfliktfreie jüdische Weltreich, das die „Weisen von Zion“ erstreben, ist nichts anderes als eine teuflische Nachäffung des Gottesreichs. Glaubte bereits der prominenteste Herausgeber der Protokolle, Sergej Nilus, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in dem Text die „Charta des Antichrists“ zu erkennen, so folgen ihm darin heute russisch-orthodoxe Fundamentalisten, aber auch amerikanische Evangelikale oder radikale Islamisten, die in den USA den „Dajjâl“, den „falschen Messias“, erblicken, gegen den die Rettergestalt des „Mahdî“, ein Nachkomme des Propheten Mohammed, zu Felde ziehen wird. 

Kulturpessimistische und sozialkonservative Modernisierungsgegner sehen hingegen in den jüdischen Verschwörern die übermächtigen Repräsentanten und Agenten der Moderne. Sie finden in den Protokollen Bestätigung für ihre Furcht vor Industrialisierung, Globalisierung und allumfassender Überwachung. Gegenwärtig werden die Protokolle in einem bislang ungekannten Maße weltweit in immer neuen Ausgaben verbreitet und von den unterschiedlichsten Gruppen in jeweils adaptierter Form zu Agitationszwecken benutzt. Längst ist ihre Verbreitung nicht mehr auf Europa, Nordamerika und die islamische Welt beschränkt, auch in Lateinamerika und sogar in Japan finden sie ihre Leser. 16 Dabei dürfte es weniger der konkrete, bisweilen auch widersprüchliche Inhalt sein, dem die Schrift ihre anhaltende Wirkung verdankt, als vielmehr die Verführungskraft des Mythos der Verschwörung, scheinen die Protokolle doch die Existenz eines geheimen Planes zu belegen, nach dem allmächtige Akteure das Weltgeschehen manipulieren und auf ein als bedrohlich empfundenes Endziel hinlenken. Wie andere „große Erzählungen“ befriedigt auch der Mythos der Verschwörung das Bedürfnis nach allumfassender Welterklärung und Orientierung, indem er die unendliche und verwirrende Wirklichkeit radikal vereinfacht und die undurchsichtigen Verhältnisse und anonymen Strukturen personifiziert zu anschaulichen, greifbaren Subjekten des Heils und des Verderbens.

Dieser Text erschien in dem Katalog zur Ausstellung „Verschwörungstheorien – früher und heute“, die 2019/2020 von der Stiftung Kloster Dalheim. LWL-Landesmuseum für Klosterkultur gezeigt wurde.

Website Stiftung Kloster Dalheim
 
Wir danken dem Autor und der Stiftung Kloster Dalheim.LWL-Landesmuseum für Klosterkultur für die freundliche Genehmigung zur Verwendung des Beitrags!

Quellen und Literatur 

Anonym 1864
Anonym [d. i. Maurice Joly]: Dialogue aux enfers entre Machiavel et Montesquieu, ou la politique de Machiavel au XIXe siècle, Brüssel 1864.
Arendt 1955
Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Frankfurt a.M. 1955.
Benz 2017
Wolfgang Benz: Die Protokolle der Weisen von Zion. Die Legende von der jüdischen Weltverschwörung, München 32017.
Bytwerk 2015
Randall L. Bytwerk: Believing in „Inner Truth“: The Protocols of the Elders of Zion in Nazi Propaganda, 1933–1945, in: Holocaust and Genocide Studies 29 (2015), S. 212–229.
Cohn 1998
Norman Cohn: „Die Protokolle der Weisen von Zion.“ Der Mythos der jüdischen Weltverschwörung, Baden-Baden/Zürich 1998.
De Michelis 2004
Cesare G. De Michelis: The Non-Existent Manuscript: A Study of the „Protocols of the Sages of Zion”, Lincoln/London 2004.
Goebbels 1993
Joseph Goebbels: Die Tagebücher von Joseph Goebbels, hg. von Elke Fröhlich, Teil II: Diktate 1941–1945, Bd. 8: April – Juni 1943, München u. a. 1993
Goebbels 2004
Joseph Goebbels: Die Tagebücher von Joseph Goebbels, hg. von Elke Fröhlich, Teil I: Aufzeichnungen 1923–1941, Bd. 1/I: Oktober 1923 – November 1925, München u. a. 2004.
Hagemeister 2008
Michael Hagemeister: The „Protocols of the Elders of Zion”: Between History and Fiction, in: New German Critique 35 (2008), S. 83–95.
Hagemeister 2012 a
Michael Hagemeister: “The Antichrist as an Imminent Political Possibility”. Sergei Nilus and the Apocalyptical Reading of “The Protocols of the Elders of Zion”, in: Richard Landes, Steven T. Katz (Hg.): The Paranoid Apocalypse: A Hundred-Year Retrospective on “The Protocols of the Elders of Zion”, New York 2012, S. 79–91.
Hagemeister 2012 b
Michael Hagemeister: Zur Frühgeschichte der „Protokolle der Weisen von Zion“ I: Im Reich der Legenden, in: Eva Horn, Michael Hagemeister (Hg.): Die Fiktion von der jüdischen Weltverschwörung. Zu Text und Kontext der „Protokolle der Weisen von Zion“, Göttingen 2012, S. 140–160.
Hagemeister 2015
Michael Hagemeister: „Geheimnisse des Judentums“ und ihre „Enthüllungen“. Von Biarritz zu den Protokollen der Weisen von Zion, in: Philipp Mettauer, Barbara Staudinger (Hg.): „Ostjuden“ – Geschichte und Mythos (= Schriftenreihe des Instituts für jüdische Geschichte Österreichs 1), Innsbruck 2015, S. 173–191.
Hagemeister 2017
Michael Hagemeister: Die „Protokolle der Weisen von Zion“ vor Gericht. Der Berner Prozess 1933–1937 und die „antisemitische Internationale“ (= Veröffentlichungen des Archivs für Zeitgeschichte der ETH Zürich 10), Zürich 2017.
Horn/Hagemeister 2012
Eva Horn, Michael Hagemeister (Hg.): Die Fiktion von der jüdischen Weltverschwörung. Zu Text und Kontext der „Protokolle der Weisen von Zion“, Göttingen 2012.
Nilus 1917
Sergej Nilus: „Bliz est’, pri dverech.“ O tom, čemu ne želajut verit’ i čto tak blizko, Sergiev Posad 1917.
Retcliffe 1868
John Retcliffe [d. i. Herrmann Goedsche]: Biarritz. Historisch-politischer Roman, Berlin 1868.
Sammons 2011
Jeffrey L. Sammons (Hg.): Die Protokolle der Weisen von Zion. Die Grundlage des modernen Antisemitismus – eine Fälschung. Text und Kommentar, Göttingen 2011 (6. Auf.).
Stein 1936
Alexander Stein [d. i. Alexander Rubinstein]: Adolf Hitler, Schüler der „Weisen von Zion“, Freiburg i. Br. 2011 [Erstausg. 1936].
Taguieff 2004
Pierre-André Taguieff: Les „Protocoles des Sages de Sion“. Faux et usages d’un faux, Paris 2004.
Webman 2011
Esther Webman (Hg.): The Global Impact of The Protocols of the Elders of Zion: A Century-Old Myth, London 2011.

 

1  Benz 2017, S. 109.
2  Grundlegend De Michelis 2004. Zur Rezeption und Wirkungsgeschichte auch Benz 2017; Taguieff 2004. Inzwischen klassisch, wenn auch teilweise überholt, Cohn 1998. Zum aktuellen Diskussions- und Forschungsstand Horn/Hagemeister 2012.
3 Sammons 2011, S. 113.
4  Ebd., S. 109.
5  Vgl. Hagemeister 2012 b.
6  Goebbels 2004, S. 120.
7  Ders. 1993, S. 287.
8  Bytwerk 2015. Der Verfasser gelangt zu dem Ergebnis „The Protocols had a limited role in Nazi mass propaganda“, S. 213.
9  Stein 1936.
10  Arendt 1955, S. 569, 595.
11 Vgl. De Michelis 2004.
12  Vgl. Hagemeister 2008.
13  Vgl. ders. 2017.
14  Vgl. ders. 2015.
15  Vgl. ders. 2012 a.
16  Vgl. Webman 2011.

Michael Hagemeister, Jahrgang 1951, ist Historiker und Slawist mit Schwerpunkt auf russischer Philosophie und Geistesgeschichte, Antisemitismus und Okkultismus und den Protokollen der Weisen von Zion. Er studierte Geschichte, Slawistik, Germanistik und Philosophie an den Universitäten Basel und Marburg an der Lahn. Nach der Promotion 1989 arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter, Gastdozent und Lehrbeauftragter an den Universitäten Marburg, Innsbruck, Bochum, Frankfurt an der Oder und Basel. Von 2009 bis 2011 vertrat Hagemeister die Professur für Osteuropäische Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München und 2011 sowie von 2013 bis 2014 an der Europa Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. Bis 2018 war er an der Ruhr-Universität Bochum als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte tätig.

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