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Susanne Breuss, 8.4.2020

Geschichte des Osterhasen

Saisonarbeiter mit vielen Talenten

Pünktlich zur Osterzeit sind sie wieder da: Hasen mit allerlei ungewöhnlichen Fähigkeiten. Die einen gehen im eleganten Frack spazieren, die anderen tragen bequeme Arbeitskleidung. Sie bemalen Eier in bunten Farben und verstecken sie im Garten. Ihr Fell besteht aus Pappmaché oder Kunststoff, Blech oder Porzellan, Schokolade oder Germteig. Die Rede ist von den Osterhasen. Wir werfen hier einen Blick auf ihre Geschichte.

Dass Hasen – wiewohl Säugetiere – Eier „legen“ und diese den Menschen zum christlichen Osterfest als Gaben überbringen, ist eine Vorstellung, die schon für das späte 17. Jahrhundert nachweisbar ist. Entsprechende Bräuche haben sich aber vor allem ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert und verstärkt im Lauf des 19. Jahrhunderts herausgebildet – zunächst in verschiedenen deutschsprachigen Gegenden. 

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Eier spielen im Zusammenhang mit Ostern allerdings schon länger eine Rolle, nämlich mindestens seit dem Mittelalter. Erklärungen dafür verweisen auf die generelle Bedeutung von Eiern als Symbole des Lebens: Im Sinnbild des Eis verschmelzen christlicher Auferstehungsglaube und christliches Erlösungsmysterium mit vorchristlichen Naturkulten. Während die Ostereier für die Katholiken als Symbol für den auferstandenen Jesus galten, wurden sie von evangelischen Christen zunächst abgelehnt – was ihre spätere Einführung in säkularisierter Form auch bei ihnen freilich nicht verhindern konnte.    

Der Osterhase selbst hat hingegen mit dem christlichen Glauben nur insofern zu tun, als sich dieser säkulare Brauch rund um das Osterfest herausgebildet hat. Es handelt sich also um eine rein weltliche Inszenierung eines kirchlichen Festes, die zunächst fast ausschließlich im städtischen Bereich bekannt war – erst nach dem Ersten Weltkrieg konnte das Osterhasenbrauchtum auch in ländlichen Gebieten verstärkt Fuß fassen. Bei den Kirchenvätern war der Hase generell sogar regelrecht verpönt, da er aufgrund seiner Fruchtbarkeit und seines Paarungsverhaltens als Symbol für Sinnlichkeit galt – man sollte ihn deswegen auch nicht verspeisen. 
 

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Warum gerade ein Hase zu Ostern die Eier bringt, ist nicht geklärt, aber es gibt eine Reihe von Verdachtsmomenten. So sind seine symbolischen Bedeutungen eng mit jenen des Eis verwandt: Der Hase steht für Fruchtbarkeit, Auferstehung und Wiedergeburt und damit auch für den Frühling. Manche meinen, dass irgendwann das Osterlamm mit einem Hasen verwechselt worden ist. Die im Frühling vermehrt herumspringenden und sehr präsenten Feldhasen dürften ebenfalls einiges dazu beigetragen haben, dass sich der Hase als österlicher Eierbringer durchsetzen konnte – zumal er seinen ei- oder kugelförmigen Kot in Form nestartiger Ansammlungen hinterlässt. In manchen Regionen Deutschlands, Österreichs, der Schweiz und Böhmens erfüllten übrigens andere Tiere wie Storch, Hahn, Henne, Kuckuck oder Fuchs die Aufgabe des Eierbringens, und vereinzelt sogar der Nikolaus oder der liebe Gott.
 

Im 19. Jahrhundert nahm die Karriere des Osterhasen rasant an Fahrt auf. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen wurde Rübenzucker durch seine industrielle Herstellung und durch die Mechanisierung des Rübenanbaus deutlich billiger und alltäglicher. Das bescherte Süßwaren aller Art einen enormen Aufschwung, so auch den Hasenfiguren aus Zuckermasse oder Schokolade. Das 19. Jahrhundert war aber auch jene Zeit, in der durch die Herausbildung des bürgerlichen Familienmodells und einer neuen Vorstellung von Kindheit bestimmte Bräuche an Bedeutung gewinnen beziehungsweise sich als Familien- und Kinderfeste entwickeln konnten. Sie wurden vor allem im Familienkreis zelebriert und sie waren häufig mit kleineren oder größeren Geschenken verbunden, mit denen man die emotionale Verbundenheit zum Ausdruck brachte. 

Geschenke für Kinder wurden dabei gerne auch durch nicht real greifbare Stellvertreter der Erwachsenen überreicht: Die Figur des Osterhasen ist ein Beispiel dafür, jene des Christkinds ein anderes. Der Hintergrund: Eltern und andere Verwandte blieben auf diese Weise als Finanziers der Geschenke unsichtbar und statt materieller Aspekte konnte der Zauber des Festes in den Mittelpunkt rücken. Zudem erleichterte der geheimnisvolle Gabenbringer die Einseitigkeit des Schenkaktes – von den Kindern wurde als Gegenleistung „nur“ artiges Benehmen erwartet. 

Zur Bekanntheit und Beliebtheit des Osterhasen trug weiters der im 19. Jahrhundert einsetzende Boom an Post- und Glückwunschkarten bei. So wurde es auch üblich, zu Ostern Glückwünsche zu versenden, wobei der Osterhase als Motiv bald zu den Lieblingssujets der Osterkarten zählte. Ebenso erfolgreich entwickelte sich die Sparte Kinderbuch und auch hier gewannen vermenschlichte Hasen an Bedeutung, konnte in erzählter und gezeichneter Form doch wunderbar detailliert über das geheime Leben der Osterhasen berichtet werden.

Auch wenn die Kinder als Beschenkte stets im Vordergrund standen: Die wachsende Popularität des Osterhasen machte vor den Erwachsenen nicht Halt. Dafür sorgte ein steigendes und sich stark ausdifferenzierendes Angebot an einschlägigen Konsumgütern ebenso wie die intensive Kommerzialisierung des Brauchs seit dem 20. Jahrhundert. Die parallel dazu gestiegenen Haushaltseinkommen ermöglichten bald sämtlichen Bevölkerungsschichten eine Teilhabe.

Osterhasen zum Verzehr, zur Dekoration, als Reklamefigur und als Geschenkartikel in mannigfaltigsten Formen erlebten eine massenhafte Verbreitung – und mit der zunehmenden Säkularisierung der Gesellschaft überlagerten sie vielfach die christliche Bedeutung des Osterfests. Trotz ihres inflationären Auftretens scheint die Beliebtheit der Osterhasen ungebrochen, wie man jährlich aufs Neue feststellen kann. 

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Und als Alternative zum Kaufen gilt heute wie früher: Selbermachen. So etwa auch in der Jugendkunstklasse des berühmten Kunstpädagogen Franz Čižek (1865–1946), in der Osterhasen als saisonales Thema immer wieder erarbeitet wurden – zahlreiche Zeugnisse davon finden sich in den Sammlungen des Wien Museums.

Um eine umweltfreundlichere Alternative zum heute üblichen Kunstgras für das Osternest herzustellen, lohnt sich vielleicht ein Blick in ein Frauenmagazin aus dem Jahr 1890: Es empfahl, dem Osterhasen ein grünes Beet aus zehn Tage lang gekeimten Roggen-, Gersten- oder Haferkörnern zu bereiten. Normale Grassamen bieten sich natürlich ebenso an.  

Susanne Breuss studierte Europäische Ethnologie, Geschichte, Philosophie und Soziologie an der Universität Wien und an der TU Darmstadt und ist seit 2004 Kuratorin im Wien Museum. Sie unterrichtet an der Universität Wien und schreibt für die Wiener Zeitung. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen historische und gegenwärtige Alltagskulturen sowie museologische Fragen. 
 

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