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Susanne Breuss, 10.2.2020

Geschichte des Taschentuchs

Ein gefährliches Ding: Das Taschentuch

Greifen Sie gerade zu einem Taschentuch? Besteht es aus Papier? Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie beide Fragen mit Ja beantworten, ist mitten in der Erkältungs- und Grippesaison hoch. Papiertaschentuch? Was sonst, werden Sie da möglicherweise entgegnen. Sind wir es doch gewohnt, dieses um wenig Geld erhältliche Wegwerfprodukt ganzjährig und nicht nur zum krankheitsbedingten Naseputzen vorrätig zu halten.

Dass uns Papiertaschentücher in allen Lebenslagen begleiten, ist ein historisch noch relativ junges Phänomen – zumindest in unseren Breitengraden, denn im alten Japan und China putzte man die Nasen bereits mit papierenen Tüchern und verbrannte diese nach Gebrauch. Taschentücher aus Stoff sind wesentlich älter und die Geschichte dieser scheinbar so banalen Gebrauchsgegenstände erweist sich als erstaunlich facettenreich. 

Apropos Gebrauchsgegenstände: So heißt auch eine Sammlungskategorie des Wien Museums und innerhalb dieser werden unter anderem verschiedene Arten von Taschentüchern gesammelt. Sie finden sich außerdem in den Sammlungsbereichen Mode, Kunst und Erinnerungsgegenstände. Die Bandbreite reicht vom Taschentuch als Memorialobjekt prominenter Persönlichkeiten über das Taschentuch als modisches Accessoire, Werbeträger oder als Spielzeug bis hin zum Taschentuch als Material und Thema der Kunst. 
 

Gebrauchsweisen

Nasensekret mit Hilfe eines Taschentuchs zu entfernen, erscheint uns heute als selbstverständlich. Dabei ist das keineswegs die einzig mögliche Methode, wie ein Blick in andere Kulturen oder in die Vergangenheit zeigt. Und umgekehrt war das Taschentuch nicht automatisch zum Schnäuzen bestimmt. Während der alte Begriff Schnäuztuch direkt auf diese Körperausscheidung verweist, ist der Begriff Taschentuch allgemeiner gehalten und bezieht sich lediglich auf einen verbreiteten Aufbewahrungsort. 

Historisch sind Vielfalt und Gebrauchsweisen von kleinen Tüchern, die man in der Tasche, in der Hand oder an der Kleidung mit sich führt, jedenfalls recht groß: Mit ihnen wurde der Mund oder der Schweiß abgewischt, sie dienten der Dekoration oder liturgischen Zwecken und sie wurden für die nonverbale Kommunikation eingesetzt. Wenn man sie überhaupt zum Schnäuzen verwendete, so war dies nur eine Funktion unter vielen. 

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Und sie waren lange den oberen gesellschaftlichen Schichten vorbehalten. Das Volk schnäuzte sich in oder durch die Finger und wischte diese dann zum Beispiel an der Kleidung ab. Es hätte sich die oft aufwendig verzierten Luxusartikel auch gar nicht leisten können. In der ständischen Gesellschaft war ihm das fallweise sogar per Kleiderverordnung untersagt. Allgemein gebräuchlich und zum billigen Massenprodukt wurde das Taschentuch erst mit der fortschreitenden Industrialisierung und später dann mit der Etablierung des Papiertaschentuchs. 
 

Eine wichtige Rolle spielte dabei die zunehmende Privatisierung und Intimisierung körperlicher Verrichtungen. So nannte der Soziologe Norbert Elias den historischen Prozess, in dem bestimmte Körperfunktionen tabuisiert und unsichtbar wurden. Die Beseitigung von Nasensekret sollte nun dezent und für andere möglichst nicht wahrnehmbar erfolgen – alles andere galt als unzivilisiert und unfein. 

Symbolträger 

Insbesondere in Antike, Mittelalter und Früher Neuzeit kam dem Taschentuch eine wichtige symbolische Funktion zu und es diente auch als Requisit für verschiedene Zeremonien. Den Angehörigen der oberen Gesellschaftsschichten war es Modeaccessoire und Standeszeichen, das man demonstrativ präsentierte. Häufig waren diese Tücher mit einem wohlriechenden Duft versehen – ein willkommener Ausgleich zu den oft üblen starken Körpergerüchen. 
 

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Als Liebespfand spielte das Taschentuch vor allem im mittelalterlichen Minnedienst eine Rolle: In den Kampf mitgenommen diente es einem ritterlichen Liebhaber als Treue- und Tapferkeitspfand. Stammte es von einer verheirateten Herrin, konnte es für den Ritter allerdings tödlich enden, wenn die Besitzerin identifiziert wurde. Ausdruck von Liebe waren auch die von Müttern, Gattinnen und Schwestern selbstgefertigten Taschentücher, die sie ihren Liebsten als Geschenk oder zur Erinnerung überreichten. Diese Handarbeitspraxis war noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein verbreitet, kaum eine Frauenzeitschrift kam ohne einschlägige Anleitungen aus.

Im 18. Jahrhundert verschwand allmählich das als wertvolles Modeaccessoire zur Schau gestellte Tuch. Stattdessen wurden dank des in Mode gekommenen Schnupftabaks sogenannte  Schnupf- oder Nastücher gebräuchlich. Sie waren größer und dunkelfarbiger als die früheren, meist weißen Ziertücher, damit die Tabakflecken nicht so auffielen. Diese Tücher wurden vorrangig von Männern verwendet und in einer Gewandtasche aufbewahrt. Die Frauen begannen ihre Tücher teilweise ebenfalls in einer – meist unter dem Oberrock separat angebrachten – Tasche zu verstauen, oder aber in einem in der Hand getragenen Textilbeutelchen. Der Begriff Taschentuch wurde dann allerdings erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts üblich. 
 

Man konnte das Taschentuch auf vielfältige Weise „sprechen“ lassen. Ähnlich wie der Fächer oder der Handschuh kam es etwa zum Einsatz, wenn eine Dame einem Herrn eine nonverbale Mitteilung machen wollte. So ließ sie es etwa wie unabsichtlich fallen, in der Hoffnung, dass er dies zum Anlass für eine solcherart gesellschaftlich legitimierte Kontaktaufnahme nutzen würde. Oder sie tupfte sich damit tatsächliche oder vorgetäuschte Tränen aus den Augen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen – eine Taktik, die in Zeiten strenger Etikette-Regeln weniger verfänglich war, als das direkte Ansprechen einer Angelegenheit oder eines Wunsches.   

Auf eine bis ins 17. Jahrhundert zurückreichende Tradition können Taschentücher als Werbemittel zurückblicken. Zunächst wurden vor allem politische Botschaften oder Karikaturen aufgedruckt, im 20. Jahrhundert verstärkt Reklamebotschaften von Firmen. Außerdem wurden sie als Souvenirartikel gestaltet, die man vom Ferienort oder von einer Veranstaltung mitbringen konnte.
 

Gefahrenquelle

Gefährlich war das Taschentuch in gewisser Weise ja schon, wenn es zur Anbahnung außerehelicher Affären oder für die wirkungsvolle Inszenierung von Krokodilstränen verwendet wurde. So richtig gefährlich wurde es dann aber im späten 19. Jahrhundert. Ausschlaggebend dafür war der rasante Aufstieg einer neuen Wissenschaft, der Bakteriologie. Sie brachte neue Erkenntnisse über die Entstehung und Verbreitung der damals grassierenden und für viele Menschen tödlichen Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Cholera oder Syphilis. Fortan galt der Vermeidung von Ansteckung durch die mit freiem Auge unsichtbaren Krankheitserreger größte Aufmerksamkeit. Das bekam auch das Taschentuch zu spüren, denn speziell im Hinblick auf die Tuberkulose wurde es als ganz besonderer Übeltäter ausgemacht.

Konsultieren wir dazu eine zeitgenössische Expertin: Frau Dr. Hope Bridges Adams Lehmann, eine Britin, die 1880 in Deutschland als erste Frau ein Medizinstudium mit dem Staatsexamen abgeschlossen hatte und später Münchens erste praktische Ärztin und Gynäkologin wurde. Bekanntheit erlangte sie durch ihre engagierte Vermittlung von modernem Gesundheitswissen, ihre Ratgeber und Zeitungsartikel waren im gesamten deutschen Sprachraum populär. Die Taschentuch-Problematik resümierte sie 1895 so: „Das Taschentuch ist der gefährlichste aller Gegenstände, welche sich im täglichen Gebrauch befinden“.
 

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Ihre Begründung: „Alle Infectionsstoffe, welche von der erkrankten Oberfläche von Auge, Nase, Mund, Rachen, Kehlkopf, Lunge, mitunter auch vom Magen geliefert werden, welche von beschmutzten Händen und vielfach von anderen erkrankten oder beschmutzten Theilen der Körperoberfläche herrühren, gelangen in das Taschentuch und werden durch seinen Gebrauch weiter verbreitet, d.h. Eitercoccen, Trippercoccen, Tuberkelbacillen, Influenzabacillen, Diphteriebacillen, Rotzbacillen, die Krankheitserreger des Schnupfens, der Syphilis, des Krebses, vieler Hautkrankheiten und jedenfalls auch noch unbekannte Krankheitserreger einer Reihe von anderen Krankheiten.“ 

Angesichts dieses beunruhigenden Szenarios stellte sich die Frage: Was tun? Adams Lehmann musste noch darauf hoffen, dass die Zukunft einen hygienischeren Ersatz für das Stofftaschentuch bringen werde. Vorderhand konnte sie nur appellieren, seinen praktischen Gebrauch unschädlicher zu machen. Oberste Regel: Das Taschentuch allerhöchstens einen Tag lang verwenden, denn Krankheitserreger können sich auch in einem noch sauber wirkenden Tuch tummeln. Außerdem benutze man niemals das Taschentuch einer anderen Person und verleihe sein eigenes nicht an andere.
 

Ihr spezielles Missfallen erregte die verbreitete Angewohnheit von Müttern, mit ihrem eigenen Taschentuch den Kindern Nase, Mund oder Hände zu putzen. Kinder sollten vielmehr von Beginn an ihre persönlichen Taschentücher besitzen. Den Kindern selbst, da noch unverständig und „unglaubliche kleine Ferkel“, war das Spielen mit dem Taschentuch streng zu verbieten und frühzeitig der hygienisch richtige Gebrauch beizubringen: „Sie nehmen ein schmutziges Taschentuch, reißen es auseinander und wickeln Kuchen darein, oder machen Knoten hinein, um sich gegenseitig zu schlagen, im besten Fall gebrauchen sie es zu seinem legitimen Zweck, bis von der ursprünglichen Farbe nichts mehr zu entdecken ist.“ 

Wegwerfprodukt

Das Stofftaschentuch als ein auf Dauer angelegter Gebrauchsgegenstand geriet mit den Erkenntnissen der Bakteriologie also schwer in Verruf – zumal damals so gut wie niemand eine Waschmaschine besaß, mit der man die Tücher schnell und einfach hätte reinigen können. In Krankenhäusern und Sanatorien ging man daher schon Ende des 19. Jahrhunderts dazu über, etwa Tuberkulosekranke Verbandsmull oder Papiertücher verwenden zu lassen, welche man nach einmaligem Gebrauch vernichtete. 
 

Als im Ersten Weltkrieg Textilien knapp wurden, erlebten die ersatzweise aus Papier hergestellten Taschentücher erstmals auch im Alltagsleben einige Verbreitung. In den Nachkriegsjahren versuchte man dann aus der zunächst noch anhaltenden Materialnot eine hygienische Tugend zu machen. Nachdem in den USA bereits 1924 „Kleenex“ auf den Markt gekommen war, wurde 1929 in Deutschland die aus Zellstoff hergestellte Einweg-Alternative zum traditionellen Stofftaschentuch präsentiert: „Tempo“. Der Markenname verweist auf das damals wichtig gewordene Thema der Beschleunigung und Rationalisierung – die Abkehr vom Textil versprach die Einsparung von Wascharbeit.    

Ab den 1970er Jahren setzte sich das Papiertaschentuch endgültig durch, es entsprach im Hinblick auf Hygiene sowie Wegwerf- beziehungsweise Zeitspar-Mentalität dem herrschenden Zeitgeist. Anfang der 1990er Jahre prophezeite die Modehistorikerin Ingrid Loschek, dass es angesichts wachsender Müllberge zu einer Reaktivierung des Stofftaschentuchs kommen werde. Und tatsächlich lässt sich gegenwärtig vor allem in der auf Ressourcenschonung und Müllvermeidung bedachten Zero Waste-Szene ein neu erwachtes Interesse an den langlebigen Textiltüchern beobachten. 

Susanne Breuss studierte Europäische Ethnologie, Geschichte, Philosophie und Soziologie an der Universität Wien und an der TU Darmstadt und ist seit 2004 Kuratorin im Wien Museum. Sie unterrichtet an der Universität Wien und schreibt für die Wiener Zeitung. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen historische und gegenwärtige Alltagskulturen sowie museologische Fragen. 
 

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Gerhard Ungersböck

Der Beitrag weckt Lust auf den Ausstellungsbesuch!