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Susanne Breuss, 29.5.2020

Heiraten im Jahr 1910

Ein Album für Verlobte

Verliebt, verlobt, verheiratet – diese sprichwörtlich gewordene Abfolge ist heute nicht mehr die Norm. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war sie es noch. Ein „Album der Verlobten“ aus dieser Zeit ermöglicht einen Einblick in die damaligen Rituale und Abläufe rund um eine Hochzeit.  

Das Album: Erinnerungsbuch und Ratgeber

Ähnlich wie heute die Wedding Planner halfen früher – vor allem in ländlichen Gebieten – sogenannte Hochzeitslader bei der Vorbereitung einer Heirat. Auch das 1909 in Wien herausgegebene „Album der Verlobten“ sieht sich in dieser Tradition und verspricht Unterstützung für das Brautpaar. Das sorgfältig gestaltete und als Hardcover gebundene Buch präsentiert sich als eine Mischung aus Ratgeber, Lesebuch, Werbemedium und persönlichem Erinnerungsbuch rund um Verlobung und Hochzeitsfeier. Laut Vorwort will es als dokumentarisches Hilfsmittel, als ein „Register, ein Archiv, eine Sammlung der schönsten, zahlreichen, buntesten, reichsten, frohesten Erinnerungen an alle Liebe, die man am schönsten Tage des Lebens ersehen hat“ dienen. Zu diesem Zweck enthält es mehrere Blätter, die zum Ausfüllen durch das Brautpaar gedacht sind. Die Rubriken reichen vom Tag des Kennenlernens, über die geladenen Hochzeitsgäste und die Trauzeugen bis hin zur Hochzeitsreise und zu wichtigen Familienereignissen. Dazwischen finden sich literarische Texte und Ratschläge zu Liebe, Ehe- und Familienleben.  

Wie die Titelseite vermerkt, handelt es sich bei dem Album um ein „Geschenk hervorragender Kaufleute“. Wenig überraschend also enthalten die meisten der rund 150 nicht paginierten Seiten Werbeanzeigen verschiedener Hersteller, Händler und Dienstleistungsbetriebe. Die Auswahl ist ganz auf die Bedürfnisse und Interessen eines Brautpaares abgestimmt und mit wenigen Ausnahmen sind die Inserierenden von Wiener Provenienz. Die Händler- und Herstellerhinweise sollen sowohl dem Brautpaar bei der Planung der Hochzeitsfeierlichkeit und bei der Hausstandgründung als auch Verwandten, Freunden und Gästen bei der Auswahl von Geschenken behilflich sein. So verweisen etliche Inserate auf ein großes Sortiment an Brautausstattungen, kompletten Wohnungseinrichtungen oder Geschenksartikel im Angebot der jeweiligen Firma. Das adressierte Publikum, so geht es aus den Texten und Annoncen des Albums mehr indirekt als explizit hervor, war in erster Linie ein bürgerliches und kleinbürgerliches.  

Die Hochzeit: Zwischen Liebe und Geschäft

Ein Teil des Albums ist mit handschriftlichen Einträgen der Braut- und späteren Eheleute versehen. Das erste dieser Blätter trägt die Überschrift „Souvenir“ und vermerkt den Tag des Kennenlernens (19. November 1907), die Ausrufstage (30. Jänner, 2. und 6. Februar 1910) und den Tag der Trauung (6. März 1910, ein Sonntag). Das Paar war eines von 18.713 Paaren, die 1910 in Wien die Ehe schlossen und es zählte damit zu jenen 32 Prozent der Wiener Bevölkerung, die sich in diesem Jahr im verheirateten Familienstand befanden. Nicht zuletzt wegen den sehr beschränkten beruflichen Möglichkeiten bedeutete die Verehelichung für bürgerliche Frauen damals eine der wenigen Versorgungsmöglichkeiten, entsprechend wichtig waren gesellschaftlicher Status, Einkommens- und Vermögensverhältnisse bei der Wahl eines Ehemannes. Bei der Frau galten sittliche und moralische Untadeligkeit sowie Schönheit als wichtige Faktoren. 

Hatte man die diversen ökonomischen, kirchlichen, gesetzlichen und gesellschaftlichen Ehehürden – die im frühen 20. Jahrhundert noch eine weitaus größere Rolle spielten als heute – einmal gemeistert, so stellte dann die Hochzeit selbst einen gravierenden biografischen Einschnitt und eine Weichenstellung für den Rest des Lebens dar, denn eine Scheidung kam nur in Ausnahmefällen in Frage. Es kann angenommen werden, dass unser Paar zur Bekanntmachung dieser wichtigen Angelegenheit Verlobungs- und Vermählungsanzeigen verschickte – das Album enthält mehrere Inserate von Firmen, die auf einen einschlägigen Service aufmerksam machen. Weitere Annoncen bewarben Feierlokalitäten oder den passenden Wein. 

Ebenso boten etliche Firmen Hochzeitsgeschenke und Hochzeitstische in verschiedenen Preisklassen und teilweise auf Abzahlung an. So empfahl sich das Modewarenhaus Gerngross auf der Mariahilferstraße als „modernstes, weltstädtisches Etablissement“ und „angenehmste und billigste Einkaufsquelle für Geschenke und Mode-Artikel im Wiener Geschmack“. Die Werkstätte für Silber- und Metallarbeiten von Otto Wertheimer, ebenfalls in der Mariahilferstraße, bot „Samovare, Mocca-, Tee-, Likör- und Rauchservice, Champagnerkübel, Luxusbestecke, Serviertassen. Palmen- und Blumentöpfe u. moderne Tischdekorationen. Aschenschalen und Feuerzeuge, Schreibtischgarnituren. Elektrische Lampen“ an und betonte: „Sehr geeignet für Geschenke aller Art, speziell für Hochzeitsgeschenke“. Was unser Brautpaar an Geschenken erhielt, ist nicht überliefert – die entsprechende Rubrik des Albums blieb leer.

Die Hochzeitsreise: Zweisamkeit in guter Gesellschaft

Eine eigene Albumseite ist der Hochzeitsreise gewidmet, ihre Einträge erlauben einige Rückschlüsse auf die sozialen Verhältnisse des Brautpaares. Hochzeitsreisen sind seit dem 19. Jahrhundert dokumentiert, im Jahr 1910 waren sie – in jenen Gesellschaftsschichten, die sie sich leisten konnten – schon relativ weit verbreitet. So heißt es auch in „Dillinger’s Reisezeitung“ aus diesem Jahr: „Eine Hochzeitsreise nach Italien oder je nach der Jahreszeit auch nach Skandinavien oder in die Alpen ist heutzutage schon nichts Besonderes mehr, ja sogar eine Reise nach dem Nahen Osten oder nach Aegypten kann sich der begüterte Mittelstand schon mit Leichtigkeit leisten.“ Reise-, Salon- und Gesellschaftsblätter berichteten damals ausführlich über die ausgedehnten und extravaganten Hochzeitsreisen von Adeligen und Millionären, sie vermerkten aber auch, wenn in einem Ort oder in einem Hotel ein Paar von etwas weniger prominentem Status im Rahmen seiner Hochzeitsreise eintraf. 

Unser frisch vermähltes Ehepaar gab es vergleichsweise bescheiden, aber dennoch standesgemäß: Noch am Abend des Hochzeitstages, um 21 Uhr, brach es „nach dem Semmering“ auf und verweilte dort eine Woche. Aus medizinischer Sicht galt diese Wahl als klug: Wenige Wochen zuvor hatte die Hygiene-Seite einer Tageszeitung die Unvernunft beklagt, mit der manche Frischvermählte strapaziöse Fernreisen mit umfassendem Sightseeing-Programm absolvieren und dabei vor allem den weiblichen Teil kräftemäßig überfordern und schwächen. Stattdessen sollte man die Hochzeitsreise besser dafür nutzen, fernab der neugierigen Blicke und der Einmischung der Verwandtschaft sowie abseits sonstiger Verpflichtungen, sich besser kennenzulernen und sich in aller Ruhe an das neue Leben zu zweit zu gewöhnen. Anders als heute war es damals kaum möglich, bereits vor der Eheschließung intensivere oder gar intime Kontakte zu pflegen, da diese zumindest in den bürgerlichen und adeligen Kreisen strengen Reglements unterlagen und überwacht wurden.

Wie das Paar anreiste, wo es logierte und was genau es am Semmering unternahm, verrät das Album nicht. Ob es sich in der medizinisch empfohlenen ruhigen Zweisamkeit übte, ist daher nicht bekannt. An Unternehmungs- und Ablenkungsmöglichkeiten hätte es jedenfalls nicht gemangelt, auch wenn die Wintersaison schon zu Ende ging. Der Semmering war um die Jahrhundertwende nicht nur ein äußerst beliebter und frequentierter Kur-, Sport- und Erholungsort, sondern auch eine Art Außenstelle des Wiener Gesellschaftslebens. Am Abend bevor die Flitterwöchner eintrafen, fand beispielsweise im Südbahnhotel das Semmeringer Karnevalsfest statt, für das laut einer Fremdenverkehrszeitung zahlreiche Wiener Künstler und Personen aus den „sonstigen Gesellschaftskreisen der Residenz“ ihr Erscheinen angekündigt hatten. Am Sonntag zog dann ein großes Wintersportmeeting mit Bob- und Rodelrennen ebenfalls viel Publikum an. Zu den Freunden des Semmerings zählte unter anderem der Wiener Bürgermeister Karl Lueger. Er stieg regelmäßig im Hotel Panhans ab und hatte dort zuletzt auch die Weihnachtsferien verbracht. An diesem Wochenende hütete er allerdings, bereits von schwerer Krankheit gezeichnet, das Bett und hatte nur noch wenige Tage zu leben.  

Das Ehe- und Familienleben: Arbeit am häuslichen Glück 

Breiten Raum nehmen in diesem Album die Normen hinsichtlich geschlechtsspezifischer Aufgaben und Rollen ein. Nachdem sich in den gut hundert Jahren zuvor die modernen bürgerlichen Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit herausgebildet und gefestigt hatten, treten sie auch hier in aller Deutlichkeit in Erscheinung. Vor allem in den redaktionellen Texten gibt sich das Album programmatisch. Zum Beispiel im Hinblick auf das – auch rechtlich abgesicherte – Machtgefälle zwischen Mann und Frau. Im Kapitel „An den Bräutigam“ heißt es: „Die Frau von achtzehn Jahren wird willig die gelehrige Gattin eines Mannes von achtundzwanzig oder dreissig Jahren. Sie glaubt und begehrt ein durchaus neues Leben anzufangen, das mit dem alten in keiner Beziehung steht. Sie will mit ihm, durch ihn wiedergeboren werden.“ Dem Mann obliege es, seine Frau – die auch sein Kind sei – umzubilden, neuzugestalten und zu schaffen: „Ihr einziges Glück ist der Gedanke, dass sie von nun an in deiner Hand ist.“ 

Die erste Doppelseite gleich nach dem Vorwort thematisiert die weibliche Schönheit: Sie enthält eine umfangreiche Werbeeinschaltung für kosmetische Produkte der Amerikanischen Porzellanpuder-Aktiengesellschaft mit Niederlassung in Wien, in der ein Dermatologe die Braut direkt anspricht und nicht nur die Vorzüge dieser Mittel, sondern auch die Bedeutung der weiblichen Schönheit für das zukünftige „häusliche Glück“ erläutert – zu erreichen in diesem Fall mit einer speziellen Pudermischung und einem Vibrationsapparat zur Vorbeugung gegen Falten. Ähnlich, wenn auch nicht mit solch unmittelbaren Verkaufsabsichten, argumentierten um 1900 praktisch alle Frauen- und Eheratgeber. 

Einen wesentlichen Beitrag zum häuslichen Glück hatte die Gattin auch als Hausfrau zu leisten. In den bürgerlichen Schichten war für die körperlich anstrengenden und schmutzigen Arbeiten zwar Dienstpersonal vorhanden, doch auskennen musste sich die Hausherrin in allen haushälterischen Belangen, oblag ihr doch in jedem Fall die Aufsicht und die Planung. Im Kapitel „Dein Haus, ihr Reich. Über Wohnung und Einrichtung“ erinnert das Album die außer Haus ihren Geschäften nachgehenden Ehemänner daran, dass währenddessen „eure Frau allein zu Hause sitzt. Euer Reich ist die ganze Welt, ihres nur die Wohnung, das Nest, das ihr ihr eingerichtet habt.“ Daher möge der Mann seine Gattin auswählen lassen, was sie an Ausstattung für ihren ureigensten Wirkungsbereich brauche. Unter den in dieser Passage angeführten Beispielen findet sich ein Hinweis auf die Bedeutung gut gestalteter Stühle, garniert mit einer recht unverblümten Aussage zur Fixierung der Frau auf die häusliche Privatsphäre: „Die Frau, welche viel sitzt, muss wenigstens die Stellung bei der Arbeit verändern können; das sind die Freiheiten einer freiwillig Gefangenen.“ 

Da die Einrichtung der ehelichen Wohnung und der dafür notwendige Hausrat einen ganz wesentlichen Aspekt der Hausstandsgründung ausmachten, bezieht sich ein großer Teil der im Album abgedruckten Annoncen auf diese Bereiche. Damals zogen Brautpaare grundsätzlich erst nach der Hochzeit in einen gemeinsamen Haushalt. Insofern ist nachvollziehbar, dass es ein starkes Interesse gab, ganze Garnituren zu erwerben und die Möbelhersteller zur Besichtigung häufig „vollständig eingerichtete Interieurs“ anboten – wie das Möbelhaus Gustav Wallis, das eindrucksvolle „300 Zimmer“ von 280 bis 3.000 Kronen vorrätig hielt und komplette Wohnungs- und Villeneinrichtungen anbot. Zudem entsprach der einheitliche Stil dem Geschmack der Zeit. Auch andere zeitgenössische Moden werden in den Werbeanzeigen sichtbar, etwa die Vorliebe für historisierende Möblierung. So verweist der Tischler und Tapezierer Josef Koblitz in der Siebensterngasse auf sein „Grosses Lager in altdeutschen Speise- und Schlaf-Zimmern, sowie Salon-Garnituren“. Beliebt war außerdem Exotisches, wie zum Beispiel „orientalische“ Herrenzimmer, Chinoiserien oder Perserteppiche. An Modernem gab es das, was heute als Jugendstil bekannt ist. 

Während Sexualität in diesem Album kaum in direkter Form angesprochen wird, geht es umso mehr um die erfolgreich erledigte Familiengründung. Die Fortpflanzung galt damals als eine zentrale Aufgabe der Ehe, die Mutterschaft als Lebensziel der Frau, und so ist auch eines der Albumblätter für persönliche Notizen dem Nachwuchs gewidmet. Im Unterschied zu den anderen Einträgen finden sich hier auch die meisten Details. Diesen entnehmen wir, dass am 25. Februar 1911, „gerade am Faschingssamstag“, ein Mädchen geboren wurde. Den ersten Zahn bekam es am 11. Dezember desselben Jahres, die ersten Gehversuche fanden im darauffolgenden Mai statt. Dokumentiert ist weiter, wann das Kind das erste Mal im eigenen Bettchen schlief und wann es zu plaudern begann. Mehrere der Annoncen werben für Kinderprodukte wie Kleidung, spezielle Nahrungsmittel oder Kinderwagen.  
 

Susanne Breuss studierte Europäische Ethnologie, Geschichte, Philosophie und Soziologie an der Universität Wien und an der TU Darmstadt und ist seit 2004 Kuratorin im Wien Museum. Sie unterrichtet an der Universität Wien und schreibt für die Wiener Zeitung. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen historische und gegenwärtige Alltagskulturen sowie museologische Fragen. 
 

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