Website Suche (Nach dem Absenden werden Sie zur Suchergebnisseite weitergeleitet.)

Hauptinhalt

Michaela Lindinger, 13.3.2022

Kaiserin Elisabeth und Heinrich Heine

Dem Meister sein Standbild

Kaiserin Elisabeths Lieblingsbildhauer Ernst Herter schuf die Statue „Hermes als Wächter“ im Lainzer Tiergarten. Die Hobbydichterin wollte den deutschen Künstler auch mit einer Skulptur des von ihr hochgeschätzten „Meisters“ Heinrich Heine beauftragen. Sie geriet dadurch in die Frontlinien der antisemitisch geführten Auseinandersetzungen um den Dichter aus Düsseldorf.

Im Geburtsjahr der späteren Kaiserin Elisabeth, 1837, schrieb Heinrich Heine an seinen Bruder: „Ich werde wahrscheinlich die Zahl jener edelsten und größten Männer Deutschlands vermehren, die mit gebrochenem Herzen und zerrissenem Rock ins Grab steigen. In Düsseldorf wird mir dann wohl ein Monument gesetzt werden.“

Es sollte ein steiniger Weg werden.

Elisabeth kannte die Werke Heines bereits seit ihrer Kindheit, denn ihr Vater war ein großer Verehrer des Poeten gewesen. Der unkonventionelle Adelige aus Bayern hatte kaum höfische Verpflichtungen, lieber trug er Heine-Gedichte vor. Die Obsorge für die zahlreichen Sprösslinge überließ er seiner Frau Ludovika, der Tante des österreichischen Kaisers. Am erzkonservativen Wiener Kaiserhof galt Heine als höchstrevolutionär und damit als sehr gefährlich. Der Dichter war geradezu verfemt und wurde nicht zuletzt aus diesem Grund von Elisabeth glühend verehrt.

Im Jahr 1867 kamen in Hamburg „Heinrich Heines Sämmtliche Werke“ heraus, die sich Elisabeth sofort zulegte. Die Heine-Bibliothek begleitete sie auf allen ihren Reisen. Signifikant war auch, dass sie die Bücher später der Tochter des Kronprinzen Rudolf vermachte. Diese Enkelin Sisis, Elisabeth Petznek, trat 1919 der Sozialdemokratischen Partei bei.

Dass Elisabeth selbst anfing zu dichten hatte mit ihrer Amtskollegin, der Königin von Rumänien, zu tun. Diese einstmals deutsche Prinzessin ist bis heute unter ihrem Dichterinnennamen Carmen Sylva in Rumänien sehr bekannt. Sie sagte bei einem Treffen in Budapest zu Sisi, bei „Melancholie“, wie man Depressionen damals nannte, sei das Dichten ein probates Ventil. Sisi nahm es sich zu Herzen. Sie hatte ein bestmögliches Vorbild – Heinrich Heine, „den Meister“. Wie ihre Tochter Marie Valerie in ihrem Tagebuch berichtet, hatte Elisabeth angeblich eine spiritistische Erscheinung des Dichters. Sie behauptete, dies sei eine beglückende Bestätigung dafür, dass der „Meister“ den Umgang ihrer Seele mit der seinen gestatte. Franz Joseph bezeichnete den „eingebildeten Seelenverkehr“ seiner Frau mit dem toten Dichter als „den höheren Rappel“.

Als Heine in Paris starb, war Elisabeth gerade einmal 18 Jahre alt, zweifache Mutter und Kaiserin von Österreich. Carmen Sylva verstand Elisabeths Wesen gut. Sie schrieb: „Feenkind lässt sich nicht einsperren, bändigen und knechten. Was zu viel da ist, muss sich in Reiten und Gehen, Reisen und Schreiben Luft machen. Alles soviel wie irgend möglich.“ Marie Valerie charakterisierte ihre Mutter so: „Die Gegenwart ist ihr ein wesenloses Schattenbild, ihr größter Stolz, dass niemand ahnt, dass sie eine Dichterin ist.“

Dass sie dichtete, war zu ihren Lebzeiten kaum jemandem bekannt. Elisabeths Gedichte sind vom germanistischen oder künstlerischen Standpunkt nicht bedeutend. Über ihre Repräsentationspflichten sagte sie zu Carmen Sylva: „Ich bin nicht schüchtern, es langweilt mich nur! Da hängt man mir schöne Kleider um und Schmuck, doch dann eile ich schon zurück in mein Zimmer, reiße das ab und Heine diktiert mir.“ Sie war sich sicher, Heine erscheine ihr im Traum und führe ihr die Feder. Lange Passagen aus Heines Werken konnte sie auswendig aufsagen und sie befasste sich auch mit allen Details aus Heines Leben.

Das 19. Jahrhundert war eine Epoche der Denkmäler. Dementsprechend wurde 1887 anlässlich des 90. Geburtstags des Dichters Heinrich Heine in seiner Heimatstadt Düsseldorf ein Komitee für eine Denkmalserrichtung zu seinen Ehren gegründet. Sogleich traten die Antisemiten und andere Reaktionäre auf den Plan. Sie wetterten gegen die Anhänger Heines, die „diesem Juden, dem Autor schändlicher und verwerflicher Schriften“, auch noch ein Denkmal setzen wollten. Die großdeutsche Presse wütete ganz besonders: „Hier seht Ihr, wie der Jude denkt, wie das ganze Judenthum für ihn eintritt, wie die Lärmtrommel für ihn gerührt wird, und wie leider auch Deutsche dem Klange dieser jüdischen Trommel nachlaufen.“

Auch in Frankreich, wo Heine im Exil gelebt hatte und gestorben war, zählte man Elisabeth von Österreich zu den „Knechten der Juden“, wie es hieß: „Staatsmänner und hohe Herrschaften (gemeint war Elisabeth, Anm.) sind voller Liebe für die Juden. Sie lieben die, die sie verspotten.“ Das Engagement der Kaiserin in der Heine-Sache führte zu diplomatischen Verwicklungen. Bismarck fühlte sich von Elisabeth beschämt und schrieb offiziell eine Note an den österreichischen Außenminister. Es ginge nicht an, dass sich Kaiserin Elisabeth für einen „antideutschen Poeten“ einsetze. Sie beleidige das preußische Kaiserhaus.

Elisabeth hielt zunächst durch. Sie verfasste ihren „Aufruf“, um die Denkmalspläne zu unterstützen, im September 1887 in Bad Ischl, wenige Monate vor ihrem 50. Geburtstag. Einige Auszüge:

Es zieht ein leises Rauschen durch die Linden,
Die auf den weiten deutschen Gauen steh'n.
»Wir wollen«, flüstern sie, »uns jetzt verbinden
Und mahnend in die deutschen Herzen weh'n;

Doch ob wir deren heute wohl auch finden,
Die unsre Blütensprache noch versteh'n?
Und dennoch werden wir nicht eher schweigen,
Bis auf ein Marmorbildnis wir uns neigen.«

(…)

Dem Meister wird sein Standbild nun gesetzt,
Dem Dichter all des Lieblichen und Schönen,
Das heute noch des Menschen Herz ergötzt. –
Es will die Nachwelt Ihm den Dank nun geben,
Ihm, dessen goldne Lieder ewig leben.

Sie unterstützte außerdem die Stadt Düsseldorf aus ihrer eigenen Schatulle mit beachtlichen 12 950 Mark. Das war etwa die Hälfte der veranschlagten Summe für das Denkmal. Als ausführenden Bildhauer forcierte sie Ernst Herter. Von Herter ist der Ausspruch überliefert, Elisabeth wolle „den ganzen Heine“, keine allegorischen Figuren wie etwa die von einigen ins Spiel gebrachte Loreley. Elisabeth werde sich „nicht mit einem Kompromiss abspeisen“ lassen.

In der Folge wurde jedoch einem „weniger offensiven“ Loreley-Brunnen der Vorzug gegeben, da ein solcher kein Porträt des Dichters beinhalten musste. Man wollte so den antisemitischen Sturm der Empörung beruhigen. Da dieser jedoch nicht enden wollte, gab die Düsseldorfer Stadtregierung schließlich klein bei und stieg aus dem Denkmalplan aus. Nach zweijährigen Bemühungen stellte Elisabeth – nicht zuletzt aufgrund der Ereignisse in Mayerling – ihr Engagement für Heine, das als Eintreten gegen Deutschnationalismus, Antisemitismus und Engstirnigkeit gewertet werden kann, im Jahr 1889 ein. Der familiäre und staatspolitische Schlag ließ sie ermüdet und maßlos enttäuscht zurück.

Elisabeth schrieb an Kaiser Franz Joseph, der zwar kein Antisemit, aber aus realpolitischen Gründen gegen das Denkmal eingetreten war:

Dass meinem Aufruf Du nicht Lob geschenkt,
ja, dass Du ihn sogar sehr schlecht gefunden.

Es hat mich wahrhaft nicht gekränkt
Ich hab des Tadels Stachel nicht empfunden.

In seiner Seele hätt ich mich zu tief versenkt
Und zu begeistert ihm den Kranz gewunden?

Der solche Kritik über mich verhängt,
der Arme bellt mir gut mit andern Hunden.

1929 traf Kurt Tucholsky folgende Aussage: „Die Zahl der deutschen Kriegerdenkmäler zur Zahl der deutschen Heine-Denkmäler verhält sich hierzulande wie die Macht zum Geist.“

Hoch über dem Meer errichtete Elisabeth 1892 in Korfu ihren persönlichen Heine-Tempel. Ihre Wahl fiel auf einen Entwurf des Dänen Louis Hasselrijs, von dem auch Heines Grabbüste auf dem Pariser Friedhof Montmartre stammt.

Im Jahr 1907 verkaufte Elisabeths älteste Tochter Gisela das von ihr geerbte Achilleion an den deutschen Kaiser Wilhelm II., der die Statue des verhassten Revolutionärs Heinrich Heine entfernen ließ. Das „gute Werk“ der Statuen-Entfernung wurde bekannt gemacht, der heimatliche Boulevard applaudierte begeistert.

Doch was passierte mit der Hasselrijs-Statue auf Korfu, die Elisabeth so gemocht hatte? Sie sagte zu ihrem griechischen Vorleser: „Heine selbst würde mit diesem Platz zufrieden sein. Denn hier ist alles, was er liebte. Die schöne Natur, der lachende Himmel über sich, die prächtige Umgebung, dort die Gebirge und hier unten das Meer, das er so liebte. Diesen einzigen, labungsvollen Frieden.“

Es sollte ein trügerischer Frieden werden.   

Um 10.000 Mark ging die Figur an Heinrich Julius Campe, den Sohn des Verlegers der Werke Heines. Campes Plan war, das Denkmal der Stadt Hamburg zum Geschenk zu machen. Doch dort lehnte man dankend ab. Der verhinderte Schenker war geschieden – Skandal! – und den „vaterlandsfeindlichen“ Dichter benötigte man nicht einmal geschenkt. Unnötig zu erwähnen, dass auch die Antisemiten wieder auf den Plan getreten waren. So kam die Statue in den Hof des Verlagshauses in Hamburg. Nachdem Campe 1909 gestorben war musste das Denkmal sogar in einen Bretterverschlag, es wurde quasi eingemauert, weil es weiterhin Schimpf und Schande ausgesetzt war.
 

Von Hamburg nach Toulon

Erst nach dem Ende des Kaiserreiches kam es in einen Park nach Altona, der zum Städtischen Museum gehörte. 1933 wurde das Museum geschlossen und im zweiten Weltkrieg durch Bomben zerstört. Die Statue war im „Dritten Reich“ unerwünschter denn je, kein Käufer fand sich. Campes Tochter Olivia war mit einem Südfranzosen aus Toulon verheiratet und erbarmte sich der alten Statue. 1939 übersiedelte das Ehepaar nach Toulon, denn Olivia Campes Ehemann besaß dort ein Theater. Die Statue reiste mit den Besitztümern des Paares nach Marseille. Von dort ging es mit dem LKW nach Toulon, wo die Figur schließlich der Stadt zum Geschenk gemacht wurde. In Heines Wahlheimat wurde das Präsent auch angenommen. Doch 1939 begann der Krieg und man vergaß auf die Transportkiste aus Deutschland, in der sich die Statue noch immer befand.     

Erst 1956, der 100. Todestag Heines nahte, erinnerte man sich in Hamburg an die Statue und erkundigte sich nach deren Verbleib. Ob Heine zurück nach Hamburg wolle? Doch der Bürgermeister von Toulon beschied, seine Stadt sei Eigentümer von Elisabeths Heine und wolle dies auch bleiben. Am 24. November 1956 wurde das Denkmal im Botanischen Garten Le Mourillon aufgestellt. Französische und deutsche Fahnen wehten.

Und Ernst Herters Projekt? Ende des 19. Jahrhunderts interessierten sich Auslandsdeutsche in Amerika für den Düsseldorfer Jubilar und so wurde Herter mit einem Loreley-Brunnen aus weißem Tiroler Marmor beauftragt. Im Jahr 1899 wurde der Brunnen fertig. Er steht bis heute in der Bronx in New York.

Literatur:

Carl Clausberg: Hamburgs Heine-Zukunft – nächstliegend: 3D-Denkmaldruck, Manuskript, 2021.

Elisabeth von Österreich. Einsamkeit, Macht und Freiheit, Ausstellungskatalog Hermesvilla, 1986.

Manfred Flügge: Die Odyssee von Sisis Heine-Denkmal, in FAZ, 8.12.2007, S.Z4.

Brigitte Hamann (Hg.): Kaiserin Elisabeth. Das poetische Tagebuch, Wien 1997.

Brigitte Hamann: Elisabeth. Kaiserin wider Willen, München 1998.

Kaiserin Elisabeth: „Keine Thränen wird man weinen…“, Ausstellungskatalog Hermesvilla 1998.

Christian Liedtke: Überall und nirgends. Heinrich Heines Denkmäler. Mit unbekannten Dokumenten zum Düsseldorfer Denkmalprojekt, in: Düsseldorfer Jahrbuch, Band 87, 2017, S. 77-100.

Marie Valerie von Österreich: Das Tagebuch der Lieblingstochter von Kaiserin Elisabeth, München, 2007.

Dietrich Schubert: „… ein verirrter Fremdling“. Das Heinrich-Heine-Denkmal der Kaiserin Elisabeth von Österreich von Louis Hasselriis (1891): Korfu – Hamburg – Toulon, in: kritische berichte 3/88, S. 33-46.

Johannes Thiele: Elisabeth. Das Buch ihres Lebens, Berlin 2002.

Michaela Lindinger, Kuratorin, Autorin. Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Politikwissenschaft, Ägyptologie und Ur- und Frühgeschichte an der Universität Wien. Seit 1995 kuratorische Assistentin, seit 2004 Kuratorin im Wien Museum. Ausstellungen und Publikationen zu biografischen und gesellschaftlichen Themen, Frauen- und Gender-Geschichte, Porträts, Wien-Geschichte, Tod und Memoria, Mode.
 

Kommentar schreiben

* Diese Felder sind erforderlich

Kommentare

Karin Junker

Ein wundervoller, leider auch erschuetternder, Beitrag ~ vielen Dank aus Canada!