Website Suche (Nach dem Absenden werden Sie zur Suchergebnisseite weitergeleitet.)

Hauptinhalt

Evelyn Steinthaler, 10.2.2026

Margit und Erich Lessing

Gekündigt und verfolgt

Das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands hat die Geschichte der Wiener Gemeindebauten in den Jahren 1933/34 bis 1945 erforscht und dazu einen Sammelband herausgegeben, in dem auch Schicksale von verfolgten Bewohner:innen erzählt werden. Ein Beispiel: Der spätere Fotograf Erich Lessing und seine Mutter Margit.

Der Wiener Architekt Cesar Poppovits schuf für das Rote Wien zwei Gemeindebauten, die sich beide in der Josefstadt (8. Bezirk) befinden. Der erste der beiden Poppovits-Bauten ist der Ludo-Hartmann-Hof in der Albertgasse, der in den Jahren 1924/25 entstand und vor allem für Beamte des Wiener Rathauses errichtet wurde. Namensgeber war Ludo Hartmann, ein vielgestaltig politisch engagierter Sozialdemokrat. In Erinnerung geblieben ist Hartmann vor allem als großer Volksbildner, der die Bildung der breiten Masse als demokratiepolitische Notwendigkeit verstand. So rief er etwa 1895 an der Universität Wien die „volkstümlichen Universitätsvorträge“ ins Leben, die allen Menschen zugänglich waren, auch jenen, die nicht zu Universitätsstudien zugelassen wurden. Von März 1919 bis November 1920 war Hartmann Abgeordneter der Konstituierenden Nationalversammlung, von Dezember 1920 bis zu seinem Tod am 14. November 1924 gehörte er dem österreichischen Bundesrat an.

Bis 1938 wohnte die Familie Lessing im Ludo-Hartmann-Hof auf Stiege 2: Der 1891 in Stanislau geborene Zahnarzt Dr. Heinrich Lessing, seine 1895 in Wien geborene Ehefrau Margit (geb. Schwarz), die Konzertpianistin war und bei Béla Bartók studiert hatte, und der gemeinsame Sohn Erich, der am 13. Juli 1923 zur Welt gekommen war. Die Familie war aus der Porzellangasse dorthin gezogen. Heinrich Lessing fungierte als Vertrauensarzt für die Mieter:innen im Gemeindebau. Er starb bereits 1933 an einer schweren Krankheit, Witwe und Sohn blieben weiter in der Gemeindewohnung wohnhaft.

Der junge Erich begann seine Schullaufbahn in unmittelbarer Nachbarschaft: Erst besuchte er die progressive Freie Schule, die sich im heutigen Haus der Wiener Kinderfreunde befand. Auch später sollte sein Schulweg nicht aus der Albertgasse hinausführen, besuchte er doch das dem Gemeindebau gegenüberliegende Gymnasium.

Nach dem „Anschluss“ im März 1938 änderte sich alles im Leben der jüdischen Familie Lessing. So durfte der knapp 15-jährige Erich nicht mehr gemeinsam mit nichtjüdischen Kindern unterrichtet werden. Die NS-Machthaber hatten beschlossen, dass es nichtjüdischen Lehrer:innen nicht „zugemutet“ werden konnte, jüdische Kinder zu unterrichten. Man schuf „Judenschulen“, und in einer ganzen Reihe von Wiener Gymnasien wurden eigene „Judenklassen“ eingerichtet, wo jüdische Lehrer:innen jüdische Kinder unterrichteten. Da es zu wenige solcher Schulklassen gab, waren diese bald überfüllt, was zur Folge hatte, dass nicht wenige jüdische Kinder den Schulbesuch abbrachen. Auch im Gymnasium in der Albertgasse gab es eine so genannte „Judenklasse“. Zwar änderte sich der Schulweg für Erich damit nicht, aber er durfte nun nicht mehr seine bisherige Klasse besuchen. Am 30. April 1938 kündigte Margit Lessing die Gemeindewohnung, die zwei Wochen später geräumt wurde. Über die Hintergründe dieses Schrittes ist nichts bekannt, feststeht aber, dass im Juni 1938 – aufgrund der jüdischen Herkunft von Margit Lessing – ohnehin eine Kündigung durch das Wohnungsamt erfolgt wäre. Mutter und Sohn fanden danach gleich nebenan in der Albertgasse 19 eine neue Unterkunft.

Überspringe den Bilder Slider
Springe zum Anfang des Bilder Slider

Erich Lessing war in Wien Angehöriger der Jugend-Alija, die sich für die Einwanderung jüdischer Jugendlicher nach Palästina einsetzte. 1939 meldete das renommierte Technion, die älteste Hochschuleinrichtung in Haifa, an die Jewish Agency in der Schweiz, dass es Platz für sechs Schüler gäbe, die durch gesicherte Schulplätze aus Europa gerettet werden könnten. Ohne diese Schulplätze und die entsprechende Versorgung von jüdischen Ausreisewilligen war es 1939 nahezu unmöglich, in das britische Mandatsgebiet Palästina einzureisen, da die zuständigen britischen Behörden mit Kriegsbeginn die Einwanderungsregelungen für europäische Jüdinnen und Juden verschärft hatten. Aus Wien wurden an die Jewish Agency mehrere Namen jüdischer Buben gemeldet, darunter Erich Lessing. Dass ein Bruder seines Vaters bereits in Tel Aviv lebte, erleichterte diese Entscheidung. Da die für die Ausreise notwendigen Unterlagen nicht binnen kürzester Zeit eintrafen, benötigte Lessing gefälschte Papiere. Dabei war ihm der spätere Bürgermeister von Jerusalem Teddy Kollek behilflich, wie Lessing Jahrzehnte später in einem Interview erzählte. Der 16-jährige Erich verließ Wien im Dezember 1939 und studierte dann am Technion in Haifa Radiotechnik.

Margit Lessing blieb bis in den Spätherbst 1941 in der Albertgasse wohnen. Dann erreichte sie ein Bescheid, der sie dazu zwang, am 12. November 1941 in jenen Teil des 2. Bezirks umzuziehen, der sich mit den zahlreichen Sammelwohnungen zu einem Ghetto entwickelt hatte. Margit Lessing musste gemeinsam mit ihrer Mutter Mali Schwarz, die bereits 69 Jahre alt war, in der Lilienbrunngasse 11 übersiedeln, wo mindestens 84 weitere Personen in Sammelwohnungen zusammengepfercht untergebracht waren. Aus dem Juli 1942 datiert der letzte bekannte briefliche Kontakt zwischen Mutter Margit und Sohn Erich. Die Post wurde durch das Internationale Rote Kreuz organisiert. Die schrecklichen Zustände in Wien fanden in diesem Schreiben keinen Platz, da man mit Sicherheit davon ausgehen konnte, dass von den nationalsozialistischen Machthabern mitgelesen wurde.
 

Nach Theresienstadt und Auschwitz

Am 1. Oktober 1942 wurde die damals 47-jährige Margit Lessing gemeinsam mit ihrer Mutter in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Die Nationalsozialisten hatten das Ghetto in der vormaligen Festungsstadt untergebracht, die im 18. Jahrhundert nach Kaiserin Maria Theresia benannt worden war. Theresienstadt fungierte zum einen als Durchgangslager nach Auschwitz und in die Vernichtungslager im Osten, aber auch als Lager für prominente und ältere Jüdinnen und Juden. Es wurde zu Propagandazwecken benutzt, indem ein Film gedreht wurde, der der deutschen Bevölkerung mit dem Werbeslogan „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ vorspiegeln sollte, dass die nach Theresienstadt deportierten Jüdinnen und Juden an ihrem neuen Wohnort ein gutes Leben führten, dass also die vermeintlichen „Schauermärchen“ über die Deportationen keinen tatsächlichen Grund hatten. Gleichzeitig diente dieser Film auch dazu, in der Bevölkerung weiter antijüdische Ressentiments zu schüren, sah man doch in den inszenierten Szenen, dass die Deportierten ein scheinbar gutes Leben führten, während die „deutsche Volksgemeinschaft“ unter den kriegsbedingten Entbehrungen litt. Die Realität sah allerdings anders aus: Theresienstadt war ein tödliches, potemkinsches Dorf. Am 18. August 1944 starb Erichs Großmutter Mali Schwarz im 72. Lebensjahr in Theresienstadt. Ihre Tochter Margit wurde am 6. Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Der junge Erich wusste vom Tod seiner Mutter und Großmutter nichts. Er war zwar im Mandatsgebiet Palästina in Sicherheit, aber in Ungewissheit über das Schicksal seiner Familie.

Noch in Wien hatte Erich zu seiner Bar Mitzwa von seiner Mutter eine Kamera geschenkt bekommen. Im Mandatsgebiet widmete er sich nun seiner frühen Leidenschaft für Fotografie. Nachdem er kurze Zeit in einem Kibbuz gelebt und gearbeitet hatte und als Taxifahrer den ebenfalls emigrierten Gerhard Bronner zu Auftritten chauffierte, begann Erich professionell zu fotografieren. Er übernahm Fotoaufträge von der britischen Armee, für die er auch als Chauffeur arbeitete. 1947 kehrte Erich Lessing über Italien nach Wien zurück, nachdem sein Plan, an der Filmakademie in Paris zu studieren, wegen der strengen Visa-Politik Frankreichs unmöglich geworden war. Lessing wurde zu einem der bedeutendsten österreichischen Fotografen. 

Er arbeitete für große internationale Magazine, war Mitglied der Associated Press und der legendären Fotoagentur Magnum Photos. Das Foto Leopold Figls bei der Präsentation des Staatsvertrags im Mai 1955 auf dem Balkon von Schloss Belvedere gehört zu den berühmtesten Arbeiten von Erich Lessing. 1956 fotografierte er in Ungarn zur Zeit des Volksaufstands. Lessings Oeuvre wurde in rund 70 Fotobänden veröffentlicht, und er erhielt zahlreiche internationale Auszeichnungen. Aus seiner Ehe mit der Journalistin Gertraud („Traudl“) Wiglitzky, die als Korrespondentin des Time Magazine tätig war, gingen drei Kinder hervor: Daniela, Adam und Hannah. Im fortgeschrittenen Alter besuchte Erich Lessing sein ehemaliges Gymnasium in der Albertgasse, um den dortigen Schüler:innen aus seiner Jugend zu erzählen. Er starb 95-jährig am 29. August 2018 in Wien.

Hinweis:

Dieser Text stammt aus dem Buch „Licht, Luft und Schatten“ – Widerstand und Verfolgung in Wiener Gemeindebauten (Hg. v. Claudia Kuretsidis-Haider), das vor kurzem im Böhlau Verlag erschienen ist. Der Band bietet einen Überblick zur Geschichte des Gemeindebaus in Wien in den Jahren 1933/34 bis 1945, erzählt von personellen Brüchen und Kontinuitäten zwischen den beiden Diktaturen und widmet sich etlichen Schicksalen der dort lebenden Menschen, die als Juden/Jüdinnen gekündigt und verfolgt bzw. aufgrund ihres widerständigen Verhaltens Opfer polizeilichen und juristischen Unrechts wurden. Der Band ist das Ergebnis eines Forschungsprojektes des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands im Auftrag von Wiener Wohnen. 

Quellen:

Wilhelm Filla/Michaela Judy/Ursula Knittler-Lux (Hrsg.): Aufklärer und Organisator. Der Wissenschaftler, Volksbildner und Politiker Ludo Moritz Hartmann, Wien 1992.

DÖW 51945, Kündigungsakt von Margit Lessing, Schreiben von Margit Lessing an die MA 21, 30.4.1938.

Danielle Spera, Die großen Klassiker waren alle Juden, in: nu. Jüdisches Magazin für Politik und Kultur, 4.7.2014, online abrufbar unter: nunu.at/artikel/die-grossen-klassiker-waren-alle-juden/ [5.2.2026].

Erich Lessing: „Das Getöse der Welt dringt selten herein“. Interview mit Michael Völker, in: Der Standard, 15.5.2015.

Österreichischer Fotograf Erich Lessing gestorben, in: Die Presse, 29.8.2018.

Evelyn Steinthaler, 1971 in Klagenfurt/Celovec geboren. Diplomstudium der Publizistik und Kommunikationswissenschaften an der Universität Wien. Autorin, Hörbuchproduzentin, Uni-Lektorin, Übersetzerin, Biografin und in der politischen Bildung tätig. Lebt und arbeitet in Wien.

Kommentar schreiben

Kommentar schreiben

* Diese Felder sind erforderlich

Kommentare

Keine Kommentare