
Bibliothek der Wiener Mechitaristen Kongregation, 2025, Foto: Klaus Pichler, Wien Museum
Hauptinhalt
Eine kurze Geschichte der Armenier:innen in Wien
Vienna Hay
„Vienna Hay”, so nennen sich die Armenier:innen in Wien selbst. Zahlenmäßig sind sie zwar keine sehr große Gemeinschaft, dafür sind sie aber umso aktiver. Als Gemeinschaft verfügen sie über zwei Kirchen, die apostolische Kirche der heiligen Hripsime und die katholische Mechitaristenkirche (Kirche Maria Schutz), eine Samstagsschule mit rund 200 Schüler:innen sowie über kulturelle und sportliche Initiativen. Die armenische Gemeinschaft lebt seit Jahrhunderten in der Diaspora – sie ist geübt darin, sich schnell zu organisieren und in Aufnahmegesellschaften einzubringen. In Wien ist das nicht anders.

Lange Nacht der Kirchen, 2025, Foto: Klaus Pichler, Wien Museum

Sportfest der Wiener armenischen Community, 2025, Foto: Klaus Pichler, Wien Museum

Sportfest der Wiener armenischen Community, 2025, Foto: Klaus Pichler, Wien Museum

Schulfest der Wiener armenischen Community, 2025, Foto: Klaus Pichler, Wien Museum
Doch Armenier:innen sind keine Neuankömmlinge in Wien. Das zeigt nicht zuletzt eine Geschichte, die im kollektiven Gedächtnis der Wiener:innen oft erinnert wird: Johannes Diodato (Hovhannes Astvatsaturyan, um 1640–1725) war ein armenischer Händler aus Konstantinopel – und er soll im späten 17. Jahrhundert das erste Kaffeehaus Wiens in der heutigen Rotenturmstraße gegründet haben.
Unter dem Schah Abbas I. (1571–1629) wurden Armenier:innen in das persische Reich zwangsumgesiedelt – Armenien war über Jahrhunderte ein Spielball zwischen angrenzenden Großmächten, aber dazu später mehr. Abbas transferierte diese Gruppe also in seine neue Hauptstadt Isfahan und deren Umgebung und gewährte ihr gleichzeitig umfangreiche Privilegien. Innerhalb weniger Jahre gelangte so ein Großteil des Binnenhandels Persiens und fast der gesamte Außenhandel in armenische Hände.
Obwohl wir von Händlern sprechen, waren die armenischen Kaufleute nach heutigen Vorstellungen eher Geschäftsmänner. Sie waren nicht nur am Warenverkauf beteiligt, sondern führten auch diplomatische Tätigkeiten aus, investierten in Handelshäuser, gründeten Werkstätten, unterstützten kulturelle Institutionen und gründeten eben Cafés.

Die Geschichte der armenischen Diaspora ist eine lange und komplexe. So kam die armenische Community auch in Wien in Wellen an. Einen Zuzug in den letzten Jahren gab es zum Beispiel von Armenier:innen aus der Ukraine. Eine kleine historische Reise kann erklären, warum von den zehn Millionen Armeniern und Armenierinnen heute nur etwa 30 Prozent in Armenien leben.
Wer sind die Armenier:innen?
Das Volk der Armenier:innen hat sich im armenischen Hochland gebildet, das heute innerhalb der Grenzen der Republik Armenien und ihrer Nachbarstaaten liegt, und zählt zu den indogermanischen Kulturen. Daher finden sich auch bis heute Worte im Deutschen und Armenischen, die auf denselben Wortstamm zurückgehen. Zum Beispiel hat das deutsche „Mutter“ denselben Ursprung wie das Armenische „mayr“. Die meisten Worte haben im Laufe der Zeit unterschiedliche Aussprachen entwickelt, das Pronomen „du” klingt aber bis heute in beiden Sprachen genau gleich.
Um den Ursprung des armenischen Volkes ranken sich mehrere Legenden. Eine davon wurde vom mittelalterlichen Geschichtsschreiber Moses von Choren aufgezeichnet: Der Stammvater Hayk will sich um keinen Preis dem babylonischen Herrscher Bel unterwerfen, nimmt seine Familie und zieht mit ihr in das „Land von Ararat“, wo sich seine Nachkommen vermehren und somit den Beginn des armenischen Volks bilden.
Dass der Antagonist Hayks in dieser Legende aus Babylon kommt, der Stadt, in der sich der Bibel zufolge die Sprachen trennten, ist keineswegs zufällig. Die armenische Identität ist in vielerlei Hinsicht fest mit Christentum und dessen Überlieferungen verbunden. Auch in der biblischen Erzählung der Sintflut, kommt die Arche Noah vor dem heiligen Berg der Armenier:innen, dem Ararat, zum Stillstand.
Zwar nahmen die Armenier:innen das Christentum erst zu Beginn des 4. Jahrhunderts (traditionell 301) als Religion an und wurden damit der erste christliche Staat, doch laut anderen Quellen gehen die Beziehungen zwischen den Armenier:innen und dem Christentum bis ins 1. Jahrhundert zurück. Der Überlieferung zufolge begannen die Apostel Thaddäus und Bartholomäus damit, das Christentum in Armenien zu verkünden – daher auch die Bezeichnung armenische apostolische Kirche.
Bis heute ist die Kirche für Armenier:innen rund um den Globus ein zentraler Ort der Gemeinschaft. Sie ist mehr als ein Ort des Gottesdienstes. In Wien befindet sich die St. Hripsime armenisch-apostolische Kirche im 3. Bezirk und bildet dort einen Dreh- und Angelpunkt für die Community: Es gibt armenische Filmabende, die Theatergruppe Urartu widmet sich Stücken von armenischen Autor:innen und die Hovhannes Schiraz Schule inkludiert armenischen Tanz und Gesang in den Stundenplan ihrer Schüler:innen.
Vielfalt in der Diaspora
Diaspora bedeutet zwar Gemeinschaft in der Verstreuung, aber diese Gemeinschaft ist nicht unbedingt homogen. Zum Beispiel finden sich Unterschiede in der regionalen Küche, oder russische oder persische Worte mischen sich in das lokale Armenisch. In Wien treffen unterschiedliche armenische Kulturen und Sprachvarianten aufeinander. So verwenden westliche Armenier:innen, die nie unter russischer Herrschaft gelebt haben, in Wien viele russische Wörter, die sie von Armenier:innen aus postsowjetischen Ländern übernommen haben, die ebenfalls hier leben.
Grob unterteilt sich die armenische Diaspora in Ost- und Westarmenier:innen. Innerhalb dieser Gruppen gibt es wiederum Untergruppen, wie die persischen Armenier:innen unter den Ostarmen:ierinnen.

Seit Anfängen Armeniens war es ein umkämpftes Gebiet und Wellen von Flucht und Migration prägen die Geschichte seiner Bewohner:innen: Im 1. Jahrhundert v. Chr. gründete der König Tigran der Große (ca. 140–55 v. Chr.) den bis dahin größten armenischen Staat. Unter der Herrschaft seines Sohnes Artawasd II. († 34 v. Chr.) befand sich Armenien zwischen zwei mächtigen Nachbarn: Rom und Parthien. Während die beiden Großmächte über die Jahrhunderte verschiedene Wandlungen durchliefen – das Römische Reich etwa zunächst vom Byzantinischen Reich und später vom Osmanischen Reich abgelöst wurde –, blieben die Armenier:innen zwischen ihnen eingeklemmt.
Nicht selten wurden Kriege zwischen den beiden Mächten auf armenischem Gebiet ausgefochten. Um den Armeen des Gegners zu schaden, wurden auf armenischem Boden Lebensmittel und Ressourcen zerstört. Endete ein Krieg, versuchten die Großmächte Einfluss zu nehmen und Verbündete auf den armenischen Thron zu befördern, oder sie teilten das Gebiet untereinander auf. Letzteres geschah zum ersten Mal im 4. Jahrhundert: Ostarmenien geriet unter persischen und Westarmenien unter byzantinischen Einfluss. Diese Teilung setzte sich auch später fort.
Ab dem 16. Jahrhundert war Armenien größtenteils zwischen dem Osmanischen Reich und dem Safawidenreich des Iran aufgeteilt. Ab dem 18. Jahrhundert nahm der Einfluss Russlands in der Region zu. Im 19. Jahrhundert kam es zu mehreren russisch-türkischen und russisch-persischen Kriegen. Russland konnte Persien besiegen und den Großteil Ostarmeniens seinem Herrschaftsgebiet anschließen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gründeten die Armenier:innen auf dem Gebiet des von Russland übernommenen Ostarmeniens schließlich die Erste Republik Armenien, die später wiederum Teil der Sowjetunion wurde. Seit 1991 ist Armenien wieder ein unabhängiger Staat. Das Schicksal der Westarmenier war jedoch ein anderes.
Genozid
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts töteten oder vertrieben die türkischen Behörden die meisten Armenier:innen aus Westarmenien. Einige überlebten, indem sie ihre Religion wechselten, andere wurden von Nachbarn versteckt. Die Nachkommen dieser Armenier:innen lebten lange Zeit, ohne ihre armenischen Wurzeln offen zu zeigen. In den letzten Jahren hat sich dies ein wenig geändert. Viele sprechen nun über ihre Herkunft und wollen eine Verbindung zur armenischen Welt herstellen. An der Hovhannes-Shiraz-Schule in Wien gibt es beispielsweise Kinder, deren Eltern nur Türkisch sprechen, ihren Kindern aber auch den armenischen Spracherwerb ermöglichen wollen.
Den Genozid von 1915 überleben konnten fast ausschließlich diejenigen, die es schafften, ihre historische Heimat zu verlassen. Einige konnten während des Ersten Weltkriegs mit den zurückweichenden russischen Truppen fliehen und so nach Ostarmenien gelangen. Andere wiederum konnten auf französischen Schiffen Hilfe finden, wie es Franz Werfel in seinem Buch „Die vierzig Tage des Musa Dagh” beschreibt. Eine große Zahl an Armenier:innen wurde von türkischen Behörden in Todesmärschen in die Kozentrationslager von Deir ez-Zor in der syrischen Wüste deportiert. Nachkommen Überlebender sind heute vor allem in Syrien und im Libanon zuhause.

Armenien und die Schrift
Seit der Schaffung des armenischen Alphabets im 5. Jahrhundert war Schrift und Literatur ein zentraler Bestandteil der armenischen Kultur. Obwohl die Anfertigung von Handschriften sehr kostspielig war, ließen viele Armenier:innen insbesondere Evangeliare anfertigen und gaben sie als heilige Reliquien von Generation zu Generation weiter. Während des Genozids nahmen Armenier:innen, sofern sie irgendeine Möglichkeit zur Flucht hatten, Handschriften mit. So wurde beispielsweise das heute größte bekannte armenische Manuskript, das „Msho Charrentir“ (28 Kilo schwer und 600 Seiten lang!), in zwei Teile geteilt, um es während der Tage des Völkermords zu retten. In ähnlicher Weise wurden während des Arzach-Krieges 2020 mehr als 100 Handschriften aus den Handschriftensammlungen Arzachs evakuiert.
Eine der größten Sammlungen armenischer Handschriften wird im Mechitharistenorden in Wien aufbewahrt. Mit 2.600 kostbaren armenischen Handschriften, deren älteste aus dem 9. Jahrhundert stammt, weiters etwa 120.000 Werken in armenischer Sprache und zusätzlichen 15.000 fremdsprachigen Werken zur Geschichte, Sprache und Entwicklung Armeniens, zählt die Sammlung zu den bedeutendsten der Welt.

Im Gegensatz zu Handschriften konnten jedoch nicht alle Kulturgüter gerettet oder verlegt werden. Insbesondere unbewegliche Kulturgüter wie architektonische Zeugnisse – etwa Kirchen, Klöster, Friedhöfe und andere sakrale Bauten – waren der Zerstörung, Vernachlässigung oder bewussten Auslöschung ausgesetzt und konnten den historischen Umbrüchen oft nicht standhalten.

Hinweis:
Die Ausstellung „Vienna Hay. Armenisches Leben in Wien“ ist noch bis zum 8. Februar 2026 im Wien Museum am Karlsplatz zu sehen. Eintritt frei.
Literatur:
Moses (of Khoren): History of the Armenians. Harvard University Press, 1978.
Armenische Geschichte (Auf Armenisch). Vol. 1–4. Jerewan: INSTITUT FÜR GESCHICHTE DER NAS RA, 2008.
Razmik Tamrazian-Hartunian: „Armenische Gemeinde in Österreich.” https://austria.mfa.am/de/community-overview-at.
Karl Teply: Die Einführung des Kaffees in Wien: Georg Franz Koltschitzky, Johannes Diodato, Isaak de Luca. Verein für Geschichte der Stadt Wien, 1980.
Franz Werfel: Die vierzig Tage des Musa Dagh, 1933.
Weiterführende Informationen:
Website der armenisch-apostolischen Kirchengemeinde in Österreich: https://aakg.at/
Website der Wiener Mechitaristen-Kongregation: https://mechitharisten.org/de/





Kommentar schreiben
Kommentar schreiben
Kommentare
Keine Kommentare