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Marcela Torres Heredia und Andrea Ruscher, 10.3.2026

Flucht von Chile nach Wien

„Macondo-City“

Nach dem Militärputsch in Chile 1973 mussten zehntausende Menschen fliehen. Nicht wenige wählten Wien als Zufluchtsort. Im Interview erzählt Marcela Torres Heredia, wie der Sozialismus die beiden weit entfernten Orte verband und welche surrealen Assoziationen Simmering bei den Ankommenden weckte.

Andrea Ruscher

Mein persönlicher Eindruck ist, dass die Geschichte Lateinamerikas in Österreich und Wien relativ wenig Thema ist. Siehst du eine allgemeine Wissenslücke?

Marcela Torres Heredia

Die Geschichte Lateinamerikas und die politischen Ereignisse der Zeit sind in Österreich vor allem durch Solidaritätsbewegungen bekannt geworden. Menschen aus Wien und Ankommende aus Lateinamerika haben sich gemeinsam organisiert und sind gegen diktatorische Regime auf die Straße gegangen. So wurde viel Wissen generiert und verbreitet. Aber generell glaube ich, dass Lateinamerika großteils unsichtbar bleibt in Österreich. Ich bin selbst auch an der Universität Wien im Feld der Lateinamerika-Studien tätig und beobachte, wie das Angebot schrumpft. Das Thema braucht ganz bestimmt mehr Raum. Unsere Ausstellung „Viena Latina“ soll dazu einen Beitrag leisten! 

AR

Okay, dann schließen wir gleich an diesen Vorsatz an: Kannst du kurz zusammenfassen, was in Chile 1973 passiert ist?

MTH

Am 11. September 1973 führte General Augusto Pinochet einen zivil-militärischen Putsch an und stürzte damit die demokratisch gewählte Regierung von Salvador Allende. Allende selbst kam ums Leben. Pinochet richtete eine Militärdiktatur ein und alle, die in irgendeiner Form mit Allendes Regierung in Verbindung gestanden hatten, wurden fortan systematisch verfolgt. Zehntausende Menschen wurden gefoltert, gefangen genommen oder sind verschwunden. Wer konnte, floh. Das ist der Grund, warum in kurzer Zeit eine große Zahl an Chilen:innen ins Exil ging.

AR

Und davon kamen viele auch in Wien an?

MTH

Die meisten Menschen sind zuerst aus Chile in benachbarte Länder geflohen, zum Beispiel nach Argentinien. Aber auch dort setzte bald eine brutale Militärdiktatur ein. Außerdem startete die „Operation Condor“. Dabei schlossen sich die Geheimdienste von rechtsgerichteten Regierungen Lateinamerikas zusammen und verfolgten linksorientierte Meschen über Landesgrenzen hinweg. Das war der Zeitpunkt, an dem viele der geflohene Chilen:innen neue Zufluchtsorte auf anderen Kontinenten suchten.

AR

Wie kann man sich das vorstellen? Hatten sie Zugang zu einem Visum und konnten sie per Flugzeug einfach aus- und einreisen?

MTH

Im Fall von Chile wurde die Flucht unter anderem über die UNO-Flüchtlingshilfe oder das Internationale Rote Kreuz organisiert. Länder der internationalen Gemeinschaft boten ein gewisses Kontingent an Plätzen an und nahmen Menschen auf. Ein Beweggrund innerhalb des Programms nach Österreich zu kommen, war für viele die Regierung Bruno Kreiskys, die damals im Amt war. Die Sozialistische Internationale bildete ein starkes Band. 

AR

Hat das ihr Ankommen erleichtert?

MTH

Auf jeden Fall. Chilen:innen hatten relativ günstige Bedingungen in Österreich: Der Staat und UNHCR stellten Unterkünfte bereit und die Menschen bekamen schnell Zugang zum Arbeitsmarkt. Viele begannen in Wiener Volkshochschulen, in der Pflege oder in Fabriken zu arbeiten. Leicht waren die Flucht und das Ankommen natürlich trotzdem keineswegs.

AR

Ich könnte mir vorstellen, dass neben Job- und Wohnungsmarkt gerade auch das Klima in Mitteleuropa eine Hürde darstellt.

MTH

Das war der erste Schock. Der Putsch fand im September statt. Menschen, die sofort fliehen konnten, kamen in Wien und Umgebung also im Dezember an. Während zu dieser Zeit in Chile Sommer herrscht, lag in Wien Schnee. Der erste Eindruck der winterlichen Dunkelheit war prägend, viele Exil-Chilen:innen haben mir das erzählt. Die bestimmende Farbe der Stadt war grau. Die Wiener:innen glichen einer dunklen Masse, alle eingehüllt in ihre riesigen Wintermäntel.

AR

Konnten sich die Menschen aus Chile schlussendlich ein Leben in Wien einrichten, mit dem sie zufrieden waren?

MTH

Anfangs waren die meisten Exil-Chilen:innen überzeugt, dass die Diktatur von Pinochet nicht lange andauern würde. Ihre Koffer waren nie ganz ausgepackt, sie waren immer bereit, wieder abzureisen und ihr altes Leben in Chile fortzusetzen. Aber irgendwann im Laufe der Exilerfahrung mussten sie feststellen, dass dem nicht so ist – die Diktatur wurde erst 1990 durch ein Plebiszit abgesetzt. Für viele war diese schmerzliche Einsicht ein entscheidender Wendepunkt. Mittlerweile zählen wir vier Generationen von Chilen:innen in Wien. Im Projekt „Viena Chilena“ haben wir mit allen zusammengearbeitet und ihre unterschiedlichen Perspektiven gesammelt.

AR

Gibt es Regionen in Wien, wo sich Chilen:innen mehrheitlich niedergelassen haben?

MTH

Chilenische Personen sind in allen Teilen der Stadt, in verschiedensten Berufen und Institutionen präsent. Dennoch gibt es ein paar besonders erinnerungswürdige Orte. Einer davon ist „Macondo City“ in Simmering, ein Gebäudekomplex zwischen der Zinnergasse und der Margetinstraße. Das ist kein offizieller Name, sondern eine Metapher, die Chilen:innen aus dem Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel García Márquez übernommen haben. Darin heißt ein Dorf Macondo und dort gehen surreale Dinge vor sich. Beim Simmeringer „Macondo“ handelt es sich um eine Siedlung, in der viele Flüchtlinge nach einer ersten Zeit in Flüchtlingslagern permanente Unterkünfte finden konnten – von Chilen:innen über Menschen aus Ungarn, Vietnam oder später Syrien und Afghanistan. Die Parallele zur fiktiven Geschichte von Marquez hat den Menschen aus Chile geholfen, die fremde Siedlung zu verstehen und anzukommen.

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AR

Während Chilen:innen im sozialdemokratischen Wien nun langsam ihr Zuhause fanden, wurde in Chile Wirtschaftspolitik à la Chicago Boys gefahren. Der freie Markt hatte in der Diktatur Pinochets also oberste Priorität und sozialstaatliche Errungenschaften seines Vorgängers mussten den Weg räumen. Entstand dadurch eine Kluft zwischen den Chilen:innen im Exil und ihrem Heimatland?

MTH

Diejenigen, die ab 1973 ins Exil gegangen sind, haben ein Chile vor der Diktatur in Erinnerung behalten. Als sie nach 1990 wieder einreisen konnten, fanden sie dort ein anderes Land vor, geprägt von neoliberalen Maßnahmen. Der Widerspruch zwischen Vorstellung und Wirklichkeit war riesig. Genauso wie der Kontrast zum Leben in Österreich. In Wien konnte man beispielsweise gratis studieren, in Chile waren Universitäten mittlerweile privatisiert und dadurch einer wohlhabenden Oberschicht vorbehalten. 

AR

Und wie hat sich Wien in diesem Zeitraum durch den Einfluss der Exil-Chilen:innen entwickelt? Was haben die Menschen aus Chile nach Wien mitgebracht? 

MTH

Musik ist zentral für alle lateinamerikanischen Communities. In den späten 1970ern eröffneten zwei chilenische Lokale im sechsten Bezirk: das „America Latina“ und das „Andino“, das heute „Mi Barrio“ heißt. Dort gab es Tanzabende, Panflötenkonzerte, Protestlieder wurden gesungen, Empanadas serviert und bei all dem wurde viel über Politik diskutiert. Die Lokale waren aber keine reinen Community-Treffs der Chilen:innen, sondern es mischten sich auch andere Menschen aus Wien dazu. Die Lokale wurden zu wichtigen Orten für die alternative Kultur, nicht zuletzt kam hier auch die Hausbesetzer-Szene zusammen. In der chilenischen Community kursiert das Gerücht, dass Lokale in Wien vor ihrer Zeit nur bis elf Uhr nachts geöffnet hatten. Die Chilen:innen wären es dann gewesen, die mit ihren eigenen Lokalen die Uhrzeiten für Nachtschwärmer bis weit nach Mitternacht ausgedehnt hätten. Ich bin eher der Meinung, dass die Lokale einfach zur richtigen Zeit aufpoppten, als eine protestierende Jugend neue Räume suchte und diese bei den Chilen:innen – ohne Sperrstunde – fand.

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AR

Protest zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Chilen:innen in Wien, oder? 

MTH

Ich denke, dass die Community einen wichtigen Beitrag in Sachen Protestkultur geleistet hat. In den 1970ern und -80ern waren es ihre Protestlieder, die Chilen:innen auf Demonstrationen in Wien eingebracht haben. Heute sind es vor allem feministische Impulse, die aus der lateinamerikanischen Welt und der Karibik kommen. Zum Beispiel wurde der Begriff der Femi(ni)zide seit den 2000ern stark von lateinamerikanischen Feminist:innen gepusht und verankerte sich so auch im deutschen Sprachgebrauch. Genauso hat es die Performance „Ein Vergewaltiger auf deinem Weg“ vom chilenischen Kollektiv „Las Tesis“ zu weltweiter Beachtung gebracht, sie wurde auch in Wien mehrmals aufgeführt. In einem Autor:innenkollektiv haben wir über genau diesen aktivistischen Wissenstransfer ein Buch geschrieben (Biwi Kefempom: Femi(ni)zide. kollektiv Patriarchale Gewalt bekämpfen, 2023). 

AR

Kamen nach der Einwanderungswelle der 1970er weiterhin Menschen aus Chile nach Wien?

MTH

Zwischen Österreich und lateinamerikanischen Ländern gibt es immer wieder Arbeitsabkommen, im Fall von Chile ist das aktuell das „Working Holiday Programm“ (WHP), in dem Personen aus Chile zwischen sechs und zwölf Monaten eine Aufenthaltsgenehmigung in Österreich bekommen und Gelegenheitsjobs vor allem in der Gastronomie, dem Tourismus und Dienstleistungssektor übernehmen. Im Unterschied zu anderen lateinamerikanischen Communities tritt die chilenische aber bis heute als geeinte Gruppe auf. Ich würde sagen, ihr Nationalfeiertag ist das größte Lateinamerika-Fest in Wien. Menschen aller Generationen treffen sich zum Feiern – unter anderem an Volkshochschulen, die bis heute zentrale Treffpunkte geblieben sind. Jeden 11. September gedenkt die Community außerdem dem Putsch von 1973 und kommt dafür bei der Büste Salvador Allendes im Donaupark zusammen.

AR

Ist das politische Erbe Allendes nach mehr als 50 Jahren noch nachvollziehbar für Chilen:innen in Wien? Mittlerweile ist die Mehrheit von ihnen in Wien geboren, oder war beim Ankommen in den 1970ern im Kindesalter.

MTH

Für die erste Generation steht es außer Frage, dass Allende ein herausragender Politiker war und sein Projekt des demokratischen Weges zum Sozialismus nur durch Militärgewalt unterbrochen wurde. Für nachkommende Generationen ist dieses Erbe teilweise konfliktbehaftet. In Gesprächen haben mir Chilen:innen der zweiten Generation erzählt, dass die Flucht für sie vordergründig mit Verlust behaftet war. Die Sichtweise ihrer Eltern konnte sich ihnen nur schwer vermitteln. Ihnen wurde eher das Gefühl einer großen, undefinierbaren Last weitergegeben. Sie gedenken am 11. September neben dem Tod von Allende deshalb auch dem Einfluss, den dieses Ereignis auf ihren eigenen Lebensweg hatte.

Hinweise

Die Ausstellung „Viena Latina. Leben zwischen den Welten“ ist vom 5. März bis zum 31. Mai 2026 in der Community Gallery im Wien Museum zu sehen. Eintritt frei. 

Im Projekt „Alltagsgeschichten (ver)orten / Mapas Parlantes“ wurden bedeutende Orte der chilenischen Community in Wien erkundet und festgehalten

Zum 50-jährigen Gedenken des Putsches in Chile wurde 2023 eine virtuelle Ausstellung und ein Online-Archiv unter dem Titel „Viena Chilena 73/23“ erstellt. 

Marcela Torres Heredia (Bogotá–Wien) ist Doktorandin der Sozial- und Kulturanthropologie an der Universität Wien sowie Forscherin und Vermittlerin. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in der Lateinamerikaforschung mit Fokus auf Feminismen, Wissensproduktion, Ressourcenpolitik und Friedensprozesse. In den letzten Jahren hat sie sich an kollektiven Projekten zur Erinnerungskultur lateinamerikanischer Communities in Wien beteiligt, darunter Viena Chilena (2023) , Alltagsgeschichten (ver)orten / Mapas Parlantes (2025), Viena Latina (2024–2026). 

Andrea Ruscher ist Teil der Abteilung Publikationen und Digitales Museum im Wien Museum. Sie studierte Globalgeschichte und war zuvor am Österreichischen Kulturforum Kairo und in der C3-Bibliothek für Entwicklungspolitik tätig. 

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