
Kulturstadträtin Gertrude Fröhlich-Sandner bei der Eröffnung der Wiener Festwochen am Rathausplatz, 24. Mai 1975, APA-Images / brandstaetter images / Votava
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Zum 100. Geburtstag von Gertrude Fröhlich-Sandner
„Der größte Fehler in der Demokratie ist: nichts zu tun.“
Die Dienstagabende ihrer Kindheit hat Gertrude Fröhlich-Sandner (die am 25. April 1926 in Wien geboren wurde) zeit ihres Lebens nie vergessen. Damals hieß sie noch Kastner mit Nachnamen und lebt mit ihren Eltern in einer kleinen Wohnung in Wien-Währing. Ihr Vater, Anton Kastner, stammt aus ärmlichsten Verhältnissen und ist mit drei Jahren Vollwaise. Trotz diesem schwierigen Start ins Leben baut er sich Schritt für Schritt eine Existenz auf – absolviert eine kaufmännische Lehre, findet Arbeit in einer Konsum-Filiale in Wien Meidling und spätestens als er zum ersten Mal die Arbeiter-Zeitung in die Hände bekommt, wird diese Lektüre für ihn die Brücke zur Sozialdemokratischen Partei, der er 1917 beitritt. Aufgrund seines sozialen Engagements wird Kastner in seinem Wohnviertel zum sogenannten Fürsorgerat bestellt, also zur Anlaufstelle für hilfsbedürftige Menschen. Seine Sprechstunden finden immer Dienstagabend statt und es stellte sich nie die Frage, aus welcher gesellschaftlichen Schicht oder politischen Gruppierung die Hilfsbedürftigen kamen. In Gertrudes Erinnerung versuchte er immer, möglichst unbürokratisch zu helfen, manchmal konnten Gutscheine für 5 kg Erdäpfel oder 10 kg Gaskoks ausgegeben werden. Für jene, die Hunger hatten und kaum Geld für ein Stück Brot, kochte Gertrudes Mutter eingebrannte Erdäpfel. Gelegentlich wurden in der kleinen Wohnung bis zu 16 Personen verköstigt.
Im Herbst 1932 tritt Getrude Kastner in die erste Klasse Volksschule in der Leitermayergasse im 18. Bezirk ein. Danach besucht sie die Hauptschule in der Schulgasse, wenngleich sie aufgrund ihrer guten Noten lieber aufs Gymnasium gegangen wäre, was aus Kostengründen aber nicht möglich war. Bald kristallisiert sich ihr erstes Berufsziel heraus: Lehrerin. Also wechselt sie in die Lehrerbildungsanstalt in der Hofzeile, wo sie ihre Reifeprüfung ablegt. Im Februar 1945, zum Zeitpunkt ihrer Abschlussprüfungen, ereignet sich während der letzten Teilprüfungen ein Bombenangriff, alle Anwesenden flüchten in den Keller und werden verschüttet. Seit diesem Zeitpunkt kennt sie klaustrophobische Beklemmungen – das ist auch der Grund, weshalb sie später als Politikerin Flugreisen zu vermeiden versucht.
Zwei Jahre zuvor, noch mitten im Zweiten Weltkrieg, lernt die damals Siebzehnjährige den rund neun Jahre älteren Soldaten Helmut Sandner kennen. Er stammt aus Kärnten, ist Student an der Hochschule für Bodenkultur und gerade auf Genesungsurlaub in Wien, zumal er an der Kriegsfront in Griechenland verwundet wurde. Aus dieser Begegnung entwickelt sich eine Verbundenheit, die wenig später, als Sandner wieder einrücken muss, zu einer „Fernpostliebe“ wird. Trotz behördlicher und militärpolitischer Barrieren reicht Sandner ein Jahr später um Heiratsurlaub ein. Die Hochzeit findet am 20. Dezember 1944 in Villach statt, noch vor Jahreswechsel muss er zu seiner Einheit zurück. Dies sollte zugleich die letzte Begegnung der beiden sein. Helmut Sandner kehrt nicht aus dem Krieg zurück. Die Suche nach ihm wird noch bis 1957 dauern, erst dann erhält Gertrude die amtliche Todeserklärung.
Auftakt ins Berufsleben
Im September 1947 startet Gertrude Sandner ihr Berufsleben als Junglehrerin in einer Volksschule in der Dorotheergasse im 1. Bezirk. Innerhalb weniger Tage richtet sie dort eine kindergerechte Bibliothek ein und initiiert zusätzlichen Musikunterricht. Sie selbst spielt Geige, Klavier und Harmonika. Ihr Credo: Jedem Kind sollen bildungsmäßig die gleichen Chancen offenstehen. In dieser Zeit beginnt auch ihr Engagement bei den Kinderfreunden, wo auch die Wurzeln ihrer politischen Laufbahn liegen.
Auf Wunsch des damaligen Wiener Bürgermeisters Franz Jonas wird sie 1959 auf die Kandidatenliste der Wiener Gemeinderatswahlen gesetzt und erhält auf Anhieb ein Gemeinderatsmandat im Bezirk Mariahilf. Noch bevor sie ihre erste Rede hält, besorgt sie sich ein kleines Tonbandgerät und übt in Eigenregie ihre geplanten Stellungnahmen, die sich hauptsächlich um bildungspolitische Themen drehen. Markenzeichen – auch für ihre späteren Reden – ist, dass sie sich vorab immer nur einige wenige Stichworte notiert und stets „frei“ spricht.
Typisch für Sandner ist auch ihr kulturelles Interesse. Aktiv am Wiener Kulturleben teilnehmend, kommt sie in Kontakt mit vielen Künstlerinnen und Künstlern. Sie bezieht auch klar Stellung zu Helmut Qualtinger, als nach der Erstaufführung des „Herrn Karl“ heftige Kontroversen entflammen. In ihren Augen setzen Qualtinger und Merz mit dem „Herrn Karl“ ein historisches Denkmal in der Aufarbeitung österreichischer Zeitgeschichte. Auch mit Oskar Kokoschka entwickelt sich eine langjährige Freundschaft.
Kulturstadträtin Sandner: „In Wien wird kein Theater geschlossen“
Als Bruno Marek Wiener Bürgermeister wird, ist dies mit einer politischen Neuordnung verbunden, die auch Gertrude Sandner betrifft. Ab Dezember 1965 wird sie – als Nachfolgerin von Hans Mandl – amtsführende Stadträtin für Kultur, Volksbildung und Schulverwaltung. Mit dieser Berufung einhergehend, ist sie u.a. auch Präsidentin der Wiener Festwochen, der Wiener Symphoniker, Vorsitzende des Aufsichtsrates des Theaters an der Wien sowie Präsidentin des Fremdenverkehrsverbandes.
Gleich zum Auftakt als Kulturstadträtin wird sie mit der sogenannten Ökonomisierung der Theaterszene konfrontiert. Im Klartext bedeutet das: Immer mehr Stimmen werden laut, die einige Wiener Theater schließen wollen, um die Gebäude zukünftig lukrativeren Zwecken zuzuführen. Bereits Jahre zuvor hat sie als junge Lehrerin ihre persönliche Betroffenheit bekundet, als die Scala Wien 1956 geschlossen wurde. Dem Wiener Theatersterben fielen in der Folge u.a. das Wiener Stadttheater in der Skodagasse, das Bürgertheater in der Vorderen Zollamtsstraße sowie rund 20 weitere Kleinbühnen zum Opfer. Vor diesem Hintergrund nimmt Sandner in der Öffentlichkeit konkret Stellung und verspricht, dass in Wien kein Theater geschlossen wird, solange sie diese Funktion innehat.
„Die Wallgasse ist nicht die Wall Street.“
Postwendend wird dieser Vorsatz auf die Probe gestellt. Das Raimundtheater steht zum Verkauf und soll gewinnbringend umfunktioniert werden. Direktor Rudolf Marik informiert das Ensemble über diese schwierige Lage. „Die Hofloge“ von Karl Farkas und Hans Lang sollte das letzte Stück sein, das in der Wallgasse über die Bühne geht. Bei der Premiere am 24. Februar 1966 ist das Haus ausverkauft und die Nervosität der Künstler hoch, zumal sie um die Existenz ihres Theaters kämpfen möchten. Eigens für diesen Abend, an dem auch Bürgermeister Marek und Kulturstadträtin Sandner anwesend sind, schrieb Farkas für Hans Olden ein Extra-Couplet, das mit der Strophe endet: „Ist das Haus vom Raimund hin, dann ist der Leumund hin von der guten Theaterstadt Wien. Die Wallgasse ist nicht die Wall Street.“ Danach gibt es minutenlange Standing Ovations und Künstler wie Publikum wenden sich der „Hofloge“ zu, in der Marek und Sandner sitzen. Beide geben mit einer Geste zu verstehen, dass das letzte Wort in Sachen Verkauf noch nicht gesprochen ist. Anschließend werden in einem Kaffeehaus verschiedene Überlegungen zur Rettung des Theaters diskutiert.
Auch in den folgenden Wochen lässt Sandner das Argument „es ist kein Geld da“ nicht kampflos gelten. Tatkräftige Unterstützung erfährt sie in dieser Situation, wie Walter Göhring in seiner Fröhlich-Sandner-Biographie schreibt, von einem langjährigen Gefährten aus der Kinderfreunde-Bewegung: Kurt Biak, Verlagsdirektor des damals florierenden Verlages „Jugend und Volk“. Mit vereinten Kräften werden letztlich Mittel und Wege gefunden, das Fortbestehen des Raimundtheaters zu sichern.
Nach Jahren der Theaterschließungen folgen nun Neugründungen wie beispielsweise das Schauspielhaus im ehemaligen Heimatkino, das PupoDrom am Wallensteinplatz oder die Freie Bühne Wieden. Ebenfalls erwähnenswert ist die Gründung des Dramatischen Zentrums Wien, die dazu beitrug, die Entwicklung der experimentellen freien Wiener Theaterszene voranzutreiben. Laut magistratsinternen Aufzeichnungen konnten in den Jahren zwischen 1965 bis 1977 insgesamt rund 1300 neue Theatersitzplätze geschaffen werden – das entspricht in etwa dem Fassungsraum des Burgtheaters.
Mitunter in ihrem Umfeld nicht immer unumstritten, treffen bei der Kulturstadträtin auch gewagte Initiativen auf offene Ohren. In Diskussionen gibt sie immer wieder unmissverständlich zu verstehen, dass Kulturarbeit nicht einfach nur mit dem Rechenstift geleistet werden kann oder nur einer bestimmten Bevölkerungsschicht zugute kommen darf. Ihrer Auffassung nach soll Kultur vielfältig und lebendig sein und möglichst allen Menschen zugänglich gemacht werden.
Erste Vizebürgermeisterin Wiens
Sandners Einflussradius vergrößert sich abermals, als sie 1969 zur ersten Vizebürgermeisterin Wiens gewählt wird – selbst wenn es damals diese Bezeichnung im offiziellen Amtsjargon noch nicht gibt und Sandner als Frau Vizebürgermeister und Landeshauptmannstellvertreter Wiens angelobt wird. In dieser Funktion leitete sie bis 1978 das Kulturamt, das Wiener Stadt- und Landesarchiv, die Wiener Stadtbibliothek, die Museen der Stadt Wien und die Städtische Schulverwaltung.
In kultureller Hinsicht tat sich in diesen Jahren viel – auch was Sandners Ansinnen betrifft, ein Kulturangebot für möglichst alle Menschen zu schaffen. So erfährt das Volkstheater in den Außenbezirken einen Aufschwung, die Veranstaltungsdichte der Bezirksfestwochen wird erhöht sowie das Bildungszentrum „Haus des Buches“ in der Skodagasse geschaffen. Ebenfalls in ein neues Licht gerückt werden die damaligen sogenannten Heimatmuseen, die ehrenamtlich betreut wurden und in denen sich so manche ungehobenen Schätze der Wiener Kulturgeschichte befanden. Um diese Depots besser zugänglich zu machen, werden sie systematisch in Bezirksmuseen umstrukturiert, organisatorisch und inhaltlich weiterentwickelt. Außerdem wurden in den Bezirken, die noch kein eigenes Bezirksmuseum hatten, ein solches eingerichtet: Innere Stadt, Margareten, Neubau, Rudolfsheim-Fünfhaus und Donaustadt.
Als Präsidentin der Wiener Symphoniker stand auf ihrer Agenda, die nationale und internationale Reputation dieses Orchesters aufzuwerten. Ein Lichtblick für die Literaturlandschaft Wiens war wiederum, dass erstmals im Kulturressort ein Literatur-Referat installiert und 1975, auf Anregung von Reinhard Urbach, das Literarische Quartier in der Alten Schmiede eröffnet wurde.
Rot-schwarze Eheschließung
Keine Angst vor unkonventionellen Entscheidungen zeigt Sandner auch in ihrem Privatleben. Als sie am 10. Februar 1971 den ÖVP-Gemeinderat Josef Fröhlich heiratet, sorgt das für Furore bzw. vor allem innerhalb der ÖVP für Unverständnis. Wie Walter Göhring in seiner Fröhlich-Sandner-Biografie anmerkt, gab es auch innerhalb der SPÖ Skeptiker gegen eine „rot-schwarze“ Ehe. Diese Diskussionen beendete jedoch der damalige Finanzminister Hannes Androsch, indem er erklärte: „Privat ist privat, Politik ist Politik, wir haben uns nicht in das Privatleben zweier Menschen einzumischen.“ Somit treffen nach der Hochzeit seitens der SPÖ Glückwunschtelegramme u.a. von Bundespräsident Jonas, Bundeskanzler Kreisky, Leopold Gratz, Hertha Firnberg, Fred Sinowatz und ÖGB-Präsident Anton Benya ein. Von ÖVP-Seite erhält Fröhlich-Sandner u.a. Glückwünsche vom Vizepräsidenten des Wiener Stadtschulrates, Markus Bittner.
Josef Fröhlich, der wenige Tage vor der Hochzeit sein Mandat zurücklegte, erhält vonseiten der ÖVP keine Glückwünsche. Erst die jüngere Generation rund um Erhard Busek zeigt sich in diesem Punkt aufgeschlossener. Über ihre Ehe äußert sich Gertrude Fröhlich-Sandner rückblickend: „Wir machten nie den Versuch, die politische Einstellung des anderen zu ändern. Wir sind Partner mit unterschiedlichen, aber auch gemeinsamen Interessen.“ Gemeinsamkeiten gab es speziell in kultureller Hinsicht. Josef Fröhlich, der 1950 von seinen Eltern das Gasthaus „Zum Annaberg“ in der Breite Gasse übernahm, galt als erster „Theaterwirt“ Wiens, da in diesem Lokal die Bühnengrößen der damaligen Zeit verkehrten. Auch seine zweite Gaststätte in der Burggasse, die er, inspiriert von Gustav Mankers Volkstheaterproduktion, „Zu ebener Erde und erster Stock“ nennt, wird zum Szenetreff. Hier lernte Gertrude Fröhlich-Sander übrigens neben Helmut Qualtinger auch viele andere Künstlerinnen und Künstlern persönlich kennen und schätzen.
„Heißer Sommer“ 1976 – Die Arena-Besetzung
Größter Härtetest ihrer Zeit als Kulturstadträtin war der „heiße Sommer“ 1976 – oder anders gesagt: die Arena-Besetzung. Kurz zur Vorgeschichte: 1976 sollte der alte Schlachthof St. Marx abgerissen und stattdessen ein Modehaus der Firma Schöps errichtet werden. Bis es soweit war, nutzten die Wiener Festwochen die Räumlichkeiten für ihre experimentelle Programmschiene „Arena“, die 1970 ins Leben gerufen wurde und mit unorthodoxen Veranstaltungsformaten neue Publikumsschichten ansprechen wollte. Die Aufführungen sind ein Erfolg, vor allem junge Menschen pilgern auf das Arena-Gelände im dritten Bezirk. Endlich scheint der ideale Platz für alternative Kulturveranstaltungen gefunden. Doch mit der Zeit gesellt sich zur Begeisterung immer größer werdender Protest gegen die Abrisspläne.
Es ist der 27. Juni 1976, als sich eine Theatervorstellung in ein spontanes Happening verwandelt. Hunderte junge Menschen weigern sich, nach Hause zu gehen. Sie fordern einen Stopp der Abrisspläne und die Schaffung eines ganzjährigen Kulturzentrums auf dem Gelände des sogenannten Auslandsschlachthofes. Dies ist der Auftakt der bis in den Herbst dauernden Arena-Besetzung. Nun ist die Politik gefordert, namentlich Fröhlich-Sandner, die den Ball von Bürgermeister Gratz zugespielt bekommt. Die Erwartungshaltung lautet, möglichst rasch durchzugreifen. „Wir hatten auch im Rathaus Diskussionen über die Problemlösung“, erinnert sich Fröhlich-Sandner, „Wasser und Strom abzustellen, war eine der vorgeschlagenen Strategien“. Als politisch Verantwortliche setzt sie allerdings auf Dialog und sucht den direkten Kontakt mit den „Arenauten“. Denn die Arena-Besetzung ist ihrer Einschätzung nach kein isoliertes Problem der Stadt Wien, sondern eine grundsätzliche Problematik, mit der auch Städte wie Amsterdam, Hamburg und Berlin zu kämpfen haben, wo es bei illegalen Besetzungen zu teilweise gewaltsamen Szenen kam.
Fröhlich-Sandner will eine Lösung, keine Eskalation. Um sich ein Bild von der Lage zu machen, begibt sie sich aufs Gelände der Arena-Besetzer. Viele Jahre später erinnert Kulturjournalistin Barbara Rett in ihrer Laudatio, die sie 1993 anlässlich der Verleihung des Volksbildungspreises an Fröhlich-Sandner hielt, an diese Situation: „Sie war damals von der Politik die einzige, die sich ,getraut’ hat, zu kommen. Ohne Beamte, ohne Begleiter kam sie beim Tor hinein, setzte sich zu uns auf eine improvisierte Bank und sprach mit uns. Auch wenn die stundenlangen Diskussionen an diesem Abend zu keinem Ergebnis führten, haben wir uns verstanden gefühlt und ihr das hoch angerechnet.“
Trotz aller Spannungen versucht Fröhlich-Sandner auch die möglichen positiven Effekte der Arena-Bewegung zu erkennen: nämlich ein neues Kulturmodell aufzubauen, das eine „geistige Durchlüftung“ und Bereicherung des zukünftigen Wiener Kulturlebens darstellen könnte. Dass sie dadurch zur Zielscheibe für Kritik wird, nimmt sie in Kauf.
Nach wochenlangem Ringen aller Beteiligten kommt es schließlich zur Einigung: Der Abriss konnte zwar nicht verhindert werden, aber als Alternativlösung wird der ebenfalls auf diesem Gelände befindliche Inlandsschlachthof als neues Arena-Zentrum akzeptiert. Rückblickend bezeichnet Fröhlich-Sandner die Arena-Besetzung als „Lernprozess – auch für die Stadt Wien, da es in der Vergangenheit offensichtlich nur möglich war, einen Teil des schöpferischen und kommunikativen Potenzials unserer Stadt in Begegnungszentren zu leiten“.

Jugend muss wild sein dürfen
Als Vizebürgermeisterin Fröhlich-Sandner ab 1979 die Agenden für Bildung und außerschulische Jugendarbeit übernimmt, kann dies in gewisser Weise als Fortführung der Arena-Erfahrungen gesehen werden. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Mit den Kulturzentren Amerlinghaus und Gassergasse (das allerdings 1983 geräumt und abgerissen wurde) werden weitere Signale in Richtung sozial- und bildungspolitischer Kulturarbeit gesetzt. „Jugend muss“, so Fröhlich-Sandner, „rebellisch, engagiert, aufmüpfig und aktionsbereit sein. Sie muss den Mut haben, sich zu einer Sache zu bekennen, für sie einzutreten. Wir, die Etablierten, haben die Aufgabe, diesen Aufmüpfigen, gesellschaftspolitisch Aktiven, Raum für Demokratie-Erfahrungen in jede Richtung zu ermöglichen. Auch dann, wenn es für beide Teile schmerzlich ist, wenn Lösungen nur schwer oder gar nicht zu finden sind.“ Denn, und dies ist wohl der Schlüsselsatz ihres politischen Credos, „der größte Fehler in der Demokratie ist: nichts zu tun“.
Dementsprechend folgt sie auch im September 1984 dem Ruf von Bundeskanzler Fred Sinowatz als Bundesministerin für Familie, Jugend und Konsumentenschutz in die rot-blaue Bundesregierung, der sie bis zum Ende der folgenden Bundesregierung (Vranitzky I, Jänner 1987) angehörte.
Auch nach ihrem Rückzug aus der Politik bleibt Fröhlich-Sandner aktiv und rückt u.a. als erste Präsidentin des Verbandes österreichischer Volkshochschulen das Thema Erwachsenenbildung in den Fokus medialer und politischer Aufmerksamkeit. Ihr Stehsatz, es könne nicht sein, dass für den Bau einer Schule mehr Geld aufgewendet werde, als für die gesamte Erwachsenenbildung, führt im Laufe der Jahre dazu, dass die Subventionen für die Wiener Volkshochschulen von rund 3 auf 88 Millionen Schilling aufgestockt wurden.
Am 13. Juni 2008 stirbt Gertrude Fröhlich-Sandner im Alter von 82 Jahren. Sie wird in einem Ehrengrab der Stadt Wien beigesetzt. Als Zeichen der Wertschätzung ihres lebenslangen bildungspolitischen Wirkens wird 2010 im Nordbahnviertel der Gertrude-Fröhlich-Sandner-Bildungscampus nach ihr benannt sowie im Quartier Belvedere die Gertrude-Fröhlich-Sandner-Straße.
Literatur
Walter Göhring: Gertrude Fröhlich-Sandner. 25 Jahre politische Arbeit für Wien und Österreich, Eisenstadt, 2009
Kulturamt der Stadt Wien: Die Kulturarbeit der Stadt Wien 1965-1977, Wien 1978.












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