
Jun Yang als Bub vor dem elterlichen Lokal „Tien Tsin“, um 1984, privat
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Geschichte der China-Restaurants in Wien – Teil 3
Coming Home
In der Sammlung des Wien Museums befindet sich Ihre Arbeit „Coming Home – Daily Structures of Life”. Sie macht das China-Restaurant zum Thema. Können Sie uns darüber erzählen?
Es handelt sich um eine Installation bestehend aus einem Tisch, vier Stühlen und darüber einer Zimmerdecke, die relativ niedrig hängt, es soll ein Raumgefühl entstehen. Die Decke ist mit goldenen Drachen und Phönixen auf blau-weiß-rotem Hintergrund verziert, wie es in China-Restaurants der 80er Jahre typisch war. Auf einem Bildschirm läuft ein Video. Es beginnt mit einem Telefongespräch zwischen meiner Mutter und mir. Ich war zu dem Zeitpunkt in LA, sie in Wien. Ich frage sie, was mein Vater gearbeitet hat, bevor er nach Österreich gekommen ist. Allerdings tue ich mir schwer, sie zu verstehen. Einerseits weil sie Mandarin spricht und andererseits, weil ich den Kontext überhaupt nicht kenne, also wie das Leben im kommunistischen China ausgesehen hat und welche Berufe es dort gab. Am Ende des Telefonats verabschiedet sie sich von mir mit „Iss mehr“. Davon ausgehend reflektiere ich darüber, wie meine Eltern aus China nach Wien gekommen sind und wie ich im China-Restaurant aufgewachsen bin. Seit meiner Kindheit habe ich China, Familie, Essen und Beruf miteinander verbunden, das war eine Einheit für mich. Es hatte so eine Natürlichkeit in meiner Wahrnehmung: Andere Menschen hatten verschiedene Jobs, aber alle Chinesen hatten Restaurants.
Was sind Ihre Gedanken zu der Ästhetik, an die Sie mit ihrer Installation erinnern?
Sie ist chinesischer als China. Sie ist in der Zeit stehengeblieben. Diese Ästhetik gibt es nicht nur in Wien, sondern sie hat sich weltweit verbreitet. Auswander:innen der 1970er haben sie geprägt und Neuankömmlinge der 1980er kopierten sie und den Erfolg, den sie damit erzielen konnten. Mein Bruder und ich haben 2002 unser eigenes Restaurant eröffnet, wir wollten damit aus diesem Klischee ausbrechen.
Können wir Ihre Geschichte vom Anfang her aufrollen? Wie ist Ihre Familie nach Österreich gekommen?
Ich komme aus der Stadt Qingtian, in der Provinz Zhejiang. Die Chines:innen, die ihr in Europa kennt, sind hauptsächlich aus Qingtian und der nur sechzig Kilometer entfernten Stadt Wenzhou. Die Gegend ist wirtschaftlich sehr aktiv und Auswanderung hat Tradition. Väterlicherseits ist meine Familie teilweise schon in den 1920er Jahren nach Europa gekommen, in den 1960ern sind einige Verwandte nach Belgien ausgewandert. Meine Eltern haben sich in der Zeit der Kulturrevolution zum Auswandern entschieden. Sie wollten den Verwandten nach Belgien folgen. Dort haben sie aber kein Visum bekommen und sich deshalb umgehört, welches europäische Land Visumsanträge zuließe. Damals hat das auf Österreich zugetroffen. Für meine Eltern war der Zielort austauschbar, die Wahl war eher Zufall. Hätten sie gleich das belgische Visum bekommen, hätte ich Flämisch statt Deutsch gelernt, wäre in der Nordsee schwimmen gegangen, statt Ski zu fahren, hätte Moule-frites statt Schnitzel gegessen. Jetzt ist die österreichische Kultur Teil meiner Identität, aber es könnte auch ganz anders aussehen.
Und wie ist Ihre Familie in die Gastronomie eingestiegen?
Mein Vater ist im Jahr 1979 zuerst allein in Wien angekommen, ein halbes Jahr später sind meine Mutter, mein Bruder und ich nachgekommen. Ich war damals vier Jahre alt, wir sind mit dem Flugzeug via Bukarest angereist, selbst habe ich keine Erinnerungen daran. Damals haben sich chinesische Familien in Wien gekannt und man hat sich gegenseitig geholfen, eine Existenz zu gründen, denn unterstützende Einrichtungen hat es nicht gegeben. So sind meine Eltern zu dem China-Restaurant „Tien Tsin“ in der Ramperstorffergasse 47 gekommen. Ursprünglich ist es von einem Paar geführt worden, das Anfang der 70er Jahre aus Taiwan eingewandert ist. Es war unter den ersten China-Restaurants der Stadt und hatte noch keine „typische“ Dekoration, es hat eher wie ein Wirtshaus ausgesehen. Mein Vater hat hier zuerst als Koch gelernt und das Lokal dann übernommen. Andere Jobs gab es für die Community nicht.

Das Restaurant war im Erdgeschoß und Sie haben darüber gewohnt, richtig?
Genau, der Eingang war auf der Castelligasse. Über dem Restaurant war eine sehr einfache Wohnung, Toiletten am Gang, Kohle-Briketts zum Heizen. Wir haben oft im Restaurant gegessen, weil es oben keine funktionierende Küche gegeben hat. 1982 kam es dann zu einem einschneidenden Ereignis: Mein Bruder war neun Jahre alt, ich sieben. Es war ein Sonntag im Juni, noch sehr früh am Morgen. Meine Eltern haben geschlafen und mein Bruder wollte Frühstück für uns machen – in einem Wok mit Frittieröl. Daraus hat sich ein riesiger Brand entwickelt. Flammen sind uns entgegenschlagen, wir sind durch die Rauchschwaden nach oben gelaufen, um die Eltern aufzuwecken. Währenddessen haben Nachbarn im zweiten Stock schon die Feuerwehr gerufen. Sie hat den Brand gelöscht, das Haus hat keinen Schaden genommen, aber das Lokal war innen total zerstört. Die Presse hat das aufgeschnappt und in der Kronenzeitung gab es einen Bericht. Damals schrieb die Kronenzeitung noch in charmanter Weise über diese „Lausbuben-Geschichte“. Mitte der 90er Jahre wäre die Headline sicher eine andere gewesen. Irgendetwas mit Triaden oder Versicherungsbetrug.
Können Sie diese Veränderung zwischen der Stimmung in den 1980ern und -90ern näher beschreiben?
Als die Zahl der Chines:innen noch geringer war, wurden wir als „friendly alien“ wahrgenommen. Also sehrwohl als Fremde, aber wohlwollend beobachtet. Als die Einwanderungszahlen angestiegen sind und gleichzeitig die FPÖ unter Jörg Haider Fahrt aufgenommen hat, hat die Diskriminierung zugenommen und es ist zu absurden Anschuldigungen gekommen.
Zurück zum Brand. Das war nicht das Ende der gastronomischen Karriere Ihrer Familie.
Mit der Versicherungssumme konnten meine Eltern das Restaurant renovieren. Sie haben Plastikteile aus Taiwan bestellt und zusammengebastelt. Handwerklich begabte Freunde haben geholfen. Der kitschige China-Traum hat Form angenommen.

Machen wir einen Zeitsprung in die 2000er Jahre: 2002 haben Sie und Ihr Bruder das „ra’mien“ in der Gumpendorfer Straße eröffnet.
Mein Bruder Tie und ich hatten immer die Idee, selbst ein Lokal aufzumachen. Er war schon länger in der Gastronomie tätig. Ich war ab 1999 in LA mit dem „Schindler Stipendium“ und habe mit Sophie Thalbauer im „Schindler Haus“ gewohnt. Gemeinsam mit ihr habe ich die Architektur für unser Lokal entworfen. Als ich 2001 zurück nach Wien gekommen bin, haben mein Bruder und ich mit den Umbauarbeiten in der Gumpendorfer Straße begonnen.
Was war Ihr architektonisches Konzept?
Das Lokal besteht aus zwei Teilen: Im Erdgeschoß klare Architektur, reduziertes Design von der Raumgestaltung bis hin zum Geschirr. Im Keller eine Bar mit recyceltem Kitsch aus den späten 90er Jahren. In der Zeit hat man andere Materialien verwendet als in den 80ern, es gibt mehr Glas, braune Hölzer und gedeckte Farben statt dem grellen Blau und Rot. Wir haben bewusst auf stereotype Formsprache verzichtet beziehungsweise alte Elemente in neue Kontexte gesetzt, denn wir wollten ein Restaurant schaffen, in dem wir uns selbst wohlfühlen. Würde unser Lokal klischeehaft aussehen, dann würden die Gäste Acht-Schätze bestellen, sie würden wahrscheinlich blöde Witze über Reis mit „L“ reißen, und erwarten, dass ihnen Pflaumenwein zum Abschluss angeboten wird. Mich würden sie als einen Chinesen sehen, der im China-Restaurant arbeitet. Als nichts mehr. Wenn ich aber im „ra’mien“ stehe, sehen die Gäste mich einfach als jungen Typ, der ein Lokal eröffnet hat. Viele Chines:innen der zweiten und dritten Generation wollten lieber im „ra’mien“ arbeiten als im Lokal ihrer Eltern, weil sie das „Schlitzaugen“-Stereotyp hinter sich lassen wollten. Das war für mich das wichtigste an dem Projekt. Im Kern war das Lokal für mich ein Kunstprojekt, das Identitätsmechanismen entlarvt.

Keine Acht-Schätze mehr, so viel ist klar. Aber welches kulinarische Konzept haben Sie für das „ra’mien“ entworfen?
Wir essen gerne Nudeln. Deshalb haben wir beschlossen, dem Ursprung der chinesischen Nudeln nachzugehen. Mein Bruder, unser Freund Dong Ngo und ich sind gemeinsam nach China gereist. Dort haben wir Lamian, eine Art chinesischer Weizennudeln, gegessen und Dong war sofort überzeugt, das muss er lernen. Außerdem hatten wir einen thailändischen Koch an Board, der sogar nach der Pensionierung noch bei uns im „ra’mien“ geblieben ist. Unsere Karte war reduziert und spezifisch.
Seither sind mehr als zwanzig Jahre vergangen. Was ist in dieser Zeit Ihrer Wahrnehmung nach passiert?
Anfangs ist das „ra’mien“ eingeschlagen wie eine Bombe. Es gab gute Rezensionen für die Kulinarik, die Architektur, die Kultur im Lokal. Die Gumpendorfer Straße war damals noch eine „Nicht-Gasse“, sie war ausgestorben. Etwa zeitgleich hat aber das Museumsquartier aufgemacht, die Secession war sehr aktiv, in der Eschenbachgasse haben sich Galerien angesiedelt, mit denen wir dann auch viele Partys veranstaltet haben. Es ist eine Art eigener Bezirk in der Gegend entstanden. Heute gibt es viele beliebte Lokale in der Straße. Abgesehen davon kann man festhalten, dass Chines:innen sehr pragmatisch sind und schnell reagieren. Bald wurden überall Thai-Curries und Nudelsuppen angeboten und wir konnten viele tolle Beispiele reduzierter Architektur sehen. Auch das „ra’mien“ hat sich weiterentwickelt und heute würde das Konzept seiner Anfangszeit nicht mehr genauso funktionieren. Zeiten und Kontexte ändern sich, unsere visuelle Welt ist heute wieder eine andere als vor zwanzig Jahren.








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