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Jakob Lehne und Andrea Ruscher, 8.4.2026

Geschichte der China-Restaurants in Wien – Teil 1

Chinesisches Erdäpfelgulasch

Keine europäische Stadt kommt heute ohne China-Restaurants aus. Auch aus dem Wiener Stadtbild sind sie nicht wegzudenken. Doch seit wann gibt es sie eigentlich und was wissen wir über die Leute, die sie betrieben? Eine Spurensuche zwischen Geopolitik und Familiengeschichte, Erdäpfelgulasch und Seeschwalbennestern.

In den großen Hauptstädten Europas beginnt die Geschichte chinesischer Restaurants im frühen 20. Jahrhundert. Die instabilen Verhältnisse in China selbst und der Erste Weltkrieg bringen in den 1910er Jahren tausende Chines:innen nach Europa, vor allem nach Frankreich, Großbritannien und Deutschland (vergl. Flemming, 2003, und Thunø, 1996). Auch die Wiener Zeitungen der damaligen Zeit berichten hie und da über ein chinesisches „Ausländerrestaurant“ in Berlin (Illustrirtes Wiener Extrablatt, 24.7.1923, S. 4–5) oder den Trend „mit zwei Holzstäbchen zu essen“ in der „fashionablen Londoner Gesellschaft“ (Dillinger’s Reisezeitung, 1.1.1911, S. 7). Aber in Wien scheint sich vor den 1930er Jahren wenig zu tun.

Dann setzt sich allerdings einiges in Bewegung. Zahlreiche Zeitungen schreiben vom Besuch einer großen Delegation chinesischer Polizeischüler, aber auch über eine „chinesische Kolonie“ in Hütteldorf und auf der Schmelz. Bis zu 600 Menschen sollen sich in den 1930er Jahren in Wien angesiedelt haben. Orte wie das Café Bohmann in der Hütteldorferstraße oder das Café Kerndler am Akkonplatz werden zu Treffpunkten der chinesischen Community. Auch H.C. Artmann (1921–2000) erinnert sich in seinen Memoiren an das „Chinatown von Breitensee“ und an die Chines:innen, die nur der Fleischhauer Killmeyer verstehen hätte können, und die mit dem Verkauf ihrer Vasen und anderem Kunsthandwerk zu überleben suchten (Horowitz, 2001).

Einer der Neuankömmlinge aus China in der Zwischenkriegszeit ist ein Mann namens Yeh Jon Tchen. Oder Yek You Tscheng. Oder doch Jon Tchen Jeh. Die Wiener Medien sind sich über Schreibweisen chinesischer Namen definitiv uneinig. Mehr Übereinstimmung finden sie in der Angabe, dass er Vorstandsmitglied eines der ersten Vereine chinesischer Bürger:innen in Wien ist und auch ein – oder das erste – chinesische Restaurant Wiens eröffnet und das schon in der Zwischenkriegszeit.

Tchen kommt aus der Provinz Zhejiang am ostchinesischen Meer. Damit ist er kein Sonderfall, denn der weitaus größte Teil chinesischer Einwanderung nach Europa kommt aus dieser Region, insbesondere aus der Stadt Qingtian. Das gilt sowohl für erste Migrationswellen vor rund 300 Jahren als auch für die 1980er, als Menschen nicht mehr über den Landweg nach Europa kommen, sondern per Flugzeug in Paris, Brüssel oder Wien landen (vergl. Thunø, 1996).

Dass Tchen vor dem Zweiten Weltkrieg nach Wien gekommen ist und nach dessen Ende immer noch hier lebt und sein eigenes Unternehmen führt, ist keinesfalls selbstverständlich. Ausgrenzung, Misstrauen und Spott gehören in der Zwischenkriegszeit zum Alltag der chinesischen Community. Kaum ein Bericht über sie kommt ohne eine herabwürdigende Bemerkung über ein „R“, das wie ein „L“ ausgesprochen würde, aus. Auch H.C. Artmann erinnert sich an die gängige Drohung: „Wanns’d schlimm bist, kommst zu die Chineser.“ (Horowitz, 2001) Um ein Vielfaches steigert sich die Feindseligkeit im Nationalsozialismus. Chines:innen werden vertrieben, verfolgt und ermordet. Die Zeitung Neues Österreich berichtet 1947, dass von den ursprünglich hunderten Chines:innen nur noch 57 in Wien zu zählen seien. 

Das Interesse an den von ihnen geführten Lokalen scheint zu diesem Zeitpunkt aber rasant zu steigen. Gleich mehrere Artikel widmen sich in den späten 1940er Jahren der chinesischen Gastronomie in Wien. Sie berichten über ein Restaurant am Neubaugürtel, das von Chang Ting Fa geführt wird, Fotos oder genauere Beschreibungen sucht man allerdings vergeblich. Ausführlicher wird über Tchens „Shanghai Speisehaus“ in der Meidlinger Hauptstraße berichtet: Der Fotograf Johann Strof erstellt sogar eine ganze Bildserie des Lokals für die Zeitschrift „Radio Wien“. Darauf ist die Straßenansicht mit Geschäftsschild zu sehen, genauso wie Kinder, die im Lokal lernen und spielen, und eine Frau, die das Essen mit Stäbchen demonstriert. 

Die Inneneinrichtung und auch das kulinarische Angebot sind nicht abgebildet. Laut Berichten dürften sie sich aber nicht dramatisch von anderen Wiener Gasthäusern unterschieden haben. Von goldenen Drachen, Aquarien und geschnitzten Pagoden ist (noch) keine Rede. Gekocht wird hauptsächlich für chinesische Gäste, wobei die angebotenen Speisen mit den in Wien vorhandenen Produkten auskommen müssen: das Angebot war tendenziell begrenzt auf „mit Bohnen und Erbsen gefüllte Teller“ (Welt am Abend, 1948) oder ein „auf chinesische Art zubereitetes Erdäpfelgulasch“ (Neues Österreich, 11.4.1947, S. 3).

Um 1950 kommt neue Bewegung in die chinesische Gastro-Szene. Das schon zu Ende des Krieges von einem Bombentreffer in Mitleidenschaft gezogene Gebäude des „Shanghai“ in der Meidlinger Hauptstraße muss abgerissen werden. Tchen schließt sein Lokal und zieht in die Porzellangasse, um dort neu anzufangen. Für sein Restaurant „China“ schaltet er Inserate in Zeitungen und wendet sich damit bewusst an ein breiteres Publikum, als nur an die eigene Community. 

Die Neugier, aber auch Skepsis gegenüber der „exotischen“ Küche ist groß. Der Wiener Kurier kündigt an: „Die Stäbchen für die Reisgerichte sind schon vorbereitet, ob man aber auch gebackene Haifischflossen, Seeschwalbennester oder Eier älteren Datums vorgesetzt bekommen wird, ist noch ungewiss.“ (Wiener Kurier, 30.11.1950, S. 3) Die Zeitung Neues Österreich berichtet von einer „pikanten gemischten Suppe für vier Personen um 12 Schilling, gebratenen Nudeln mit diversen Leckerbissen um 8 Schilling, einem chinesischen Schweinsgulasch für drei Personen um 24 Schilling“. (Neues Österreich, 5.12.1950, S.3–4) Das chinesische Gulasch bewährt sich anscheinend als Konstante. 

Fast zeitgleich mit Tchens Umzug und Neuausrichtung kommt eine weitere Protagonistin ins Spiel: Maria Du (oder Tu) eröffnet den „China Pavillon“ in der Winckelmannstraße. Im Gegensatz zu Tchen kommt sie nicht aus Zhejiang, sondern aus Wien und ist vor der nationalsozialistischen Verfolgung nach Shanghai geflüchtet. Dort lernt sie ihren Ehemann kennen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrt sie nach Wien zurück. Sie bringt nicht nur ihren Gatten mit, sondern auch kulinarische Eindrücke aus China und eine Geschäftsidee: ein chinesisches Restaurant zu eröffnen, mit gehobener Küche unter anderem für diplomatische Kreise. (vergl. Kaminski, 2011)

Mit der damals neugegründeten Volksrepublik wollen diese wenig zu tun haben und auch die Restaurants selber positionieren sich in enger Verbindung zum heutigen Taiwan. Tchen wirbt damit, den ehemaligen Chefkoch von Chiang Kai-Shek, dem Präsidenten der Republik China (Taiwan), zu beschäftigen. Herr Shen soll in dessen Privatküche tätig gewesen sein. Damit ist er aber nicht allein. Auch im „China Pavillon“ steht mit Chia Chai Wu ein Profi hinterm Herd, der vor seiner Ankunft in Wien für einen General aus Chiang Kai-Sheks Riege im Einsatz gewesen sein soll.

Chia Chai Wu bleibt allerdings nicht lange hinter den Kulissen. Er kündigt in Maria Dus „China Pavillon“ und übernimmt später Tchens Restaurant in die Porzellangasse. Was ihn von seinen Vorgänger:innen unterscheidet, ist sein Verständnis für Publicity. Sein „Chinesischer Drache“ wird in Wien einschlagen, die High Society verköstigen und Maßstäbe für chinesische Restaurants im Rest der Stadt setzen. Mehr dazu in Teil 2 der Serie. 

Literatur und Quellen:

Christiansen Flemming: Chinatown, Europe. An Exploration of Overseas Chinese Identity in the 1990s, London : Routledge Curzon, 2003.

Gerd Kaminski: Von Österreichern und anderen Chinesen, Wien: Löcker, 2011.

Michael Horowitz: H. C. Artmann. Eine Annäherung an den Schriftsteller & Sprachspieler, Wien: Carl Ueberreuter Verlag, 2001.

Mette Thunø: Chinese Emigration to Europe. Combining European and Chinese Sources, in: Revue Européenne Des Migrations Internationales 12, no. 2 (1996): 275–96, https://doi.org/10.3406/remi.1996.1077.

Arbeiter Zeitung, 27.2.1951, S. 6

Das kleine Volksblatt, 15.4.1947, S. 5

Die Weltpresse, 15.4.1947, S. 4 & 8

Dillinger’s Reisezeitung, 1.1.1911, S. 7

Illustrirtes Wiener Extrablatt, 24.7.1923, S. 4-5

Neues Österreich, 11.4.1947, S. 3

Neues Österreich, 5.12.1950, S.3-4

Neues Wiener Journal, 17.1.1926, S. 9-10

Wiener Kurier, 30.11.1950, S. 3 & 7

Wiener Kurier, 12.3.1951, S.3

Wiener Kurier, 27.3.1951, S.3

Wiener Morgenblatt, 19.7.1937, S. 6

Jakob Lehne hat in London und Berlin studiert und am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz in Geschichte promoviert. Er forscht und publiziert zu unterschiedlichen Themen in der Geistes-, Medizin- und Kulturgeschichte und ist seit 2023 Kurator am Wien Museum.

Andrea Ruscher ist Teil der Abteilung Publikationen und Digitales Museum im Wien Museum. Sie studierte Globalgeschichte und war zuvor am Österreichischen Kulturforum Kairo und in der C3-Bibliothek für Entwicklungspolitik tätig. 

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