
Marie Neurath: The Wonder World of Birds, London 1953, Otto and Marie Neurath Isotype Collection, University of Reading (Ausschnitt)
Hauptinhalt
Marie Neuraths Isotype-Kinderbücher
Bunte Bilder, große Themen
Marie Neurath arbeitete von den 1940er Jahren bis in die frühen 1970er Jahre an Büchern für junge Leser:innen, darunter die Reihen „Visual Science“ (1950–1960), „Wonders of the Modern World“ (1948–1961), „The Wonder World of Nature“ (1952–1962) und „They Lived Like This“ (1964–1971). Insgesamt entstanden über 80 Bände in englischer Sprache. Bis in die späten 1960er Jahre wurden sie in Großbritannien von Max Parrish verlegt, danach kamen acht Bände bei Macdonald Educational heraus.
Schon bei ihrer Arbeit in Wien in den 1920er Jahren hatten Otto Neurath und Marie Reidemeister (wie sie damals noch hieß, bevor sie Otto Neuraths dritte Ehefrau wurde) Wert darauf gelegt, die Ausstellungen im Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum auch Kindern zugänglich zu machen. Sie besuchten Schulen und arbeiteten mit Lehrkräften zusammen, um die Verständlichkeit und Umsetzbarkeit ihrer neu entwickelten Methode der Präsentation von Informationen auf Schautafeln und Diagrammen zu testen. Kinder hatten Spaß daran, Piktogramme zu erkennen und zu zählen. Und auch Verleger zeigten bereits Interesse an der bildhaften Informationsvermittlung.


Einer dieser Verleger war wohl Wolfgang Foges, der die Book-Packager-Firma Adprint gründete, mit Walter Neurath (nicht verwandt mit Otto Neurath) als seinem Produktionsleiter. Foges erkannte das Potenzial von Isotype für die Bebilderung von Sachbüchern. 1940 erreichten die Marie und Otto auf ihrer Flucht vor dem Faschismus Großbritannien. Sie gründeten in Oxford das Isotype Institute und schlugen Wolfgang Foges und Walter Neurath, die ebenfalls emigriert waren, die Produktion von Kindersachbüchern vor, um die Bildpädagogik in Schulen zu fördern. Zuerst gemeinsam und nach Otto Neuraths Tod 1945 alleine, entwickelte Marie Neurath in den 1940ern die ersten Serien – die für ihren Einsatz von Farbe und ihre Klarheit umgehend gute Rezensionen bekamen.
Railways Under London wurde 1949 von der British Book League zu einem der besten 50 Bücher des Jahres gewählt. So viel Lob bestärkte Max Parrish, der früher Lektor bei Adprint gewesen war und die Verantwortung für die Isotype-Bücher übernommen hatte, nachdem Foges 1948 zurückgetreten war. Und er wollte „mehr und mehr Bücher“.
Die Kooperation von Adprint und dem Isotype Institute unter der Leitung von Marie Neurath war der Schlüssel zum Erfolg der Bücher. Obwohl fast alle Bücher Marie Neurath als Autorin anführten, wurden sie – ähnlich wie ehemals die Schautafeln in Wien – im Team konzipiert, gestaltet und produziert. An der Planung, Gestaltung, Illustration und Produktion der Bücher am Isotype Institute wirkten unter der Leitung von Marie Neurath unter anderen Dennis Young, Barbara Young, Ilse Reichenbach, Evelyn Warboys, John Ellis und Katherine Cook mit. Marie Neurath holte sich Rat von Fachleuten und Wissenschaftlern, denen sie oft Texte oder Abbildungen vorlegte, um sie auf Korrektheit überprüfen zu lassen.
Marie Neurath war in alle Aspekte des Gestaltungs- und Produktionsprozesses involviert und setzte ihre Arbeit als Transformatorin maßgeblich fort. Sie destillierte aus den verbalen und bildlichen Informationen, die ihre Zuarbeiter:innen zusammengetragen hatten, eine vereinfachte visuelle Form, die den Bedürfnissen ihrer jungen Leser und Leserinnen entsprach. Dabei hielt sie sich an zwei wichtige Grundsätze von Otto Neuraths Vorstellung von Bildpädagogik: dass man mit Kindern nicht von oben herab sprechen dürfe und dass es das Verständnis erleichtere, wenn die Erklärungen auf Dinge Bezug nehmen, die den Kindern bereits vertraut sind.
Die Kinderbücher weisen eine große Bandbreite von Zeichenstilen auf, die normalerweise nicht mit den grafischen Eigenheiten von Isotype in Verbindung gebracht werden. Ihr Design ist aber eine Erweiterung der Prinzipien und Richtlinien von Isotype. Sie veranschaulichen den kombinierten Bild-Text-Stil, den Otto Neurath in Modern Man in the Making (1939) eingeführt hat, um die enge Verbindung und wechselseitige Ergänzung von Bild und Text zu zeigen, und auf den sich Marie Neurath 1974 bezieht, wenn sie schreibt, wie sehr ihre Arbeit an Modern Man ihre späteren Buchprojekte beeinflusst hat, einschließlich der Verwendung des „Bild-Text-Stils“ auf einer Doppelseite, um Vergleiche zu ermöglichen. Marie Neurath erläuterte beharrlich, wie der Bild-Text-Stil von Isotype das Leseverhalten beeinflusse, zum Beispiel in der Werbebroschüre für Visual Science: „Es geht nicht darum, eine schnelle Präsentation abzuliefern, und ein oberflächlicher Blick reicht nicht aus. Es braucht genauso lange, ein Schaubild ganz zu lesen, wie fünf bis zehn gedruckte Seiten zu lesen. In vielen Fällen wird man ein Schaubild erst dann ganz verstehen, wenn man den Text oder die Fragen durchgearbeitet hat.“

Marie Neurath erkannte, dass die Verwendung von Piktogrammen in Kinderbüchern ihre Einsatzmöglichkeiten weit über die Präsentation von statistischem Material ausdehnte. Mit Bezug auf Visual History schreibt sie: „Wir konnten diese Geschichten mit Symbolen erzählen, wie wir sie in unseren Bildstatistiken und Organisationsschemata verwendet haben, zum Teil in einer freieren Anordnung als Abfolge kleiner Szenen – zum Beispiel, wenn wir zeigten, wie Feuer gemacht wird und wie in früheren Zeiten große Tiere gejagt wurden.“
Die schematische Darstellung von Personen ist ein wesentliches Merkmal von Isotype, und solche Piktogramme wurden auch in den Kinderbüchern verwendet, oft mit Anpassungen, um Bewegung oder Aktivität zu zeigen. Ab den späten 1950er Jahren wurden die Personenbilder variantenreicher, sie wurden realistischer, behielten aber durch das Fehlen von Schattierungen und die Beschränkung auf Grundfarben ihre schematische Eigenheit. Die frühen Ausgaben von Visual History of Mankind verwendeten Piktogramme als „Führungsbilder“, meist in Grau gedruckt, damit sie eine visuelle Hintergrundinformation bildeten und den Hauptinhalt der Tafel nicht überlagerten. Die Führungsbilder in Visual History kennzeichneten anhand von Architekturelementen, Modestilen oder Verkehrsmitteln Zeitabschnitte – und manchmal auch Veränderungen innerhalb eines Zeitabschnitts.
Auch wenn die Kinderbücher inhaltlich sehr unterschiedlich sind, gibt es gewisse Gemeinsamkeiten bei der bildlichen Aufbereitung der Informationen. Viele der Tafeln in der Visual History zum Beispiel weisen für Isotype typische grafische Merkmale auf, einschließlich Säulen- und Balkendiagrammen und flächentreuer Kartenprojektionen. In anderen Kinderbuchreihen wurde eine Vielzahl weiterer grafischer Mittel eingeführt, darunter Vergrößerungen, Wiederholungen eines Basisbildes, Querschnitte oder Entfernen der Seite eines Gegenstands, um das Innere zu zeigen.
Das Werbematerial von Max Parrish pries die Farbigkeit der Bücher mit Schlagworten wie „Farbe für Kinder“, „einfach und farbenfroh“ und „farbkräftig“ an: Das trifft vor allem auf die markanten Buchumschläge zu. Im Inneren ist der Einsatz von Farbe nicht ganz so klar. Farbe wurde eingesetzt, um Wichtiges hervorzuheben und die Lesenden zu fesseln. Die drei Bücher der Visual History- Reihe folgten den Regeln, die in International Picture Language für den Einsatz von Farbe aufgestellt wurden, und anfänglich konnten sich die Neuraths auch bei Foges und anderen bei Adprint mit ihrer Forderung durchsetzen, dass ganze acht Farben auf den Bildseiten verwendet wurden. Dieses Druckverfahren war allerdings teuer, und Max Parrish und Maurice Chandler führten Beschränkungen ein. Die späteren Ausgaben von Visual History wurden beispielsweise mit weniger Farben gedruckt, was aber auch dazu führte, dass die Bildtafeln weit weniger wirksam waren.


Otto Neurath hatte in seiner Vision der Kinderbücher eine weltweite Reichweite vorgesehen. Marie Neurath trieb dieses Ziel voran. Im Prospekt Max Parrish Books for Schools von 1961 heißt es: „Sie [die Max Parrish Bilderbücher] sind auf Französisch, Italienisch, Deutsch und Dänisch erschienen und werden demnächst auf Spanisch, Norwegisch und Schwedisch publiziert.“ Manche der übersetzten Ausgaben folgen dem originalen Layout, zum Beispiel die des französischen Verlags Gautier-Languereau,. Die deutschsprachigen Ausgaben, die im Wiener Schönbrunn-Verlag unter dem Titel Wunder der Welt erschienen sind, haben neu gestaltete Einbände, und die Bilder und dazugehörigen Texte im Inneren bewahren zwar die ursprüngliche Anordnung der englischen Ausgaben, die Typografie wurde aber durch die Verwendung einer anderen Schrift und eines größeren Zeilenabstands verbessert. Die italienische Piccola Enciclopedia, die in den späten 1950er Jahren in über 20 Bänden bei Fratelli Fabbri Editori erschienen ist, führt zwar M. Neurath als Autorin an, hat aber ein völlig anderes Aussehen als die Originale, auf denen sie beruht: Viele Bilder wurden neu gezeichnet, um repräsentativer zu sein.

Marie Neuraths Arbeit an den Kinderbüchern spiegelt ihre Begabung wider, sich in Inhalt, Sprache und Bildaufbereitung auf die Bedürfnisse junger Leser und Leserinnen einzustellen. Viele der Erklärungen in den Kinderbüchern sind nach wie vor innovativ, relevant und verständlich und darüber hinaus Beispiele für exzellentes Grafikdesign.
Hinweise:
Bei diesem Text handelt es sich um eine gekürzte Version von Sue Walkers Beitrag in dem Sammelband „Wissen für alle. ISOTYPE – die Bildsprache aus Wien“, herausgegeben von Günther Sandner, Werner Michael Schwarz und Susanne Winkler.
Ein weiterer Beitrag aus dem Sammelband ist im Magazin verfügbar: Vielseitig ist eine Untertreibung. Otto Neurath und die Wiener Methode der Bildstatistik
Die Publikation ist im Hirmer Verlag erschienen. Sie ist im Shop des Wien Museums sowie im Buchhandel erhältlich.
Die Ausstellung „Wissen für alle. ISOTYPE – die Bildsprache aus Wien“ ist vom 6. November 2025 bis zum 5. April 2026 im Wien Museum am Karlsplatz zu sehen.
Literatur:
Christopher Burke, Günther Sandner: History and Legacy of Isotype, London 2024, S. 11–31.
David Lambert: Wolfgang Foges and the New Illustrated Book, in Britain: Adprint, Rathbone Books, and Aldus Books, in: Modern Typography in Britain: Graphic Design, Politics and Society, Typography Papers 8 (2009), S. 113–128.
Marie Neurath: Isotype, in: Instructional Science 3 (1974), S. 145.
Marie Neurath: Report on the Last Years of the Isotype Work, in: Synthese 8 (1950) 1/2, S. 24.
Marie Neurath: Wie es zu den Isotype Kinderbüchern kam, in: Bulletin Jugend und Literatur (Oktober 1972), S. 68–72.
Marie Neurath an Kenneth James, 9. Februar 1949, in: Otto and Marie Neurath Isotype Collection (Department of Typography & Graphic Communication, University of Reading) 1/21.
Marie Neurath Picturing Science, www.marieneurath.org (7.6.2025).
Otto Neurath: Isotype books for children. Beilage zu einem Brief an Walter Neurath, 30. April 1944, in: Otto and Marie Neurath Isotype Collection (Department of Typography & Graphic Communication, University of Reading) 1/32.
Otto Neurath an Wolfgang Foges, 23. März 1944, in: Otto and Marie Neurath Isotype Collection (Department of Typography & Graphic Communication, University of Reading) 1/31.
Friedrich Stadler, Elisabeth Nemeth (Hg.): Encyclopedia and Utopia. The Life and Work of Otto Neurath (1882–1945), Amsterdam 1996, S. 257.
Broschüre Max Parrish Colour Books for Schools, 1961, S. 10, in: Otto and Marie Neurath Isotype Collection (Department of Typography & Graphic Communication, University of Reading) 8.2/40.
Werbebroschüre für Visual Science, in: Otto and Marie Neurath Isotype Collection (Department of Typography & Graphic Communication, University of Reading) 8.2/39.
Dank an die Wiener Kreis Gesellschaft für die Fotos von Marie Reidemeister/Neurath. In der Publikation „Wissen für alle” findet sich ein Beitrag von Friedrich Stadler zu Erinnerungen an Marie Neurath und Gerd Anrtz mit diesen und weiteren Abbildungen.














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