
Catalog von Marianne Bendl, K.U.K. Priv. Busenschützer-Fabrik Wien, 1893, Rückseite, Universitätsbibliothek der Universität Wien
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Marianne Bendl und ihr Reform-BH
„...das Mieder ist der Feind der Gesundheit des Weibes“
51 cm lautete die magische Zahl. Wespentaille war angesagt und Kaiserin Elisabeth fungierte mit ihren Modelmaßen sozusagen als oberste Modebotschafterin Österreichs. Wenngleich für das Gros der Frauen unerreichbar, versuchte man diesem Schönheitsideal zumindest so nahe wie möglich zu kommen. Stand am Abend ein Ballbesuch oder ein anderer festlicher Anlass auf dem Programm, wurde bereits am Vormittag mit dem Korsettschnüren begonnen. Alle zwei Stunden wurde dieser Vorgang wiederholt, um die Taille so zierlich wie möglich erscheinen zu lassen. Bis zu 15 cm konnten auf diese Weise weggeschnürt werden, wie Michaela Lindinger, Modekuratorin des Wien Museums, berichtet. Praktisch alle Frauen – egal aus welcher Gesellschaftsschicht – folgten diesem Modediktat. Sich ohne Korsett in der Öffentlichkeit blicken zu lassen, war in den 1880er-, 1890er Jahren undenkbar.
Dass Korsettschnüren längst nicht nur adeligen oder gutbürgerlichen Kreisen vorbehalten war, ist auch in den Lebenserinnerungen von Adelheid Popp, der Begründerin der proletarischen Frauenbewegung, nachzulesen, wie Lindinger erzählt: „Adelheid Popp war Arbeiterin, hatte kaum Geld und hätte alles getan, damit sie die Kaiserintaille erreicht. Im Gegensatz zu den maßgeschneiderten Korsetts der Kaiserin schnürte sie sich mit einer alten Schürze, was natürlich schmerzhaft war und zu Schnürfurchen führte. Aber es wurde eben alles versucht, um sich an das elegante Aussehen der oberen Gesellschaftsschichten heranzutasten.“
Korsett – historische Rückschau
Ein kurzer Blick zurück in der Geschichte des Korsetts: Die Idee, den Körper zu stützen und zu formen, entstand mit dem Aufkommen der Miederwaren zu Beginn der Renaissance. Um das 16. Jahrhundert breitete sich, ausgehend von Frankreich auf andere europäische Höfe, eine Kleidermode aus, die mehrere übereinander geschichtete Röcke und Unterröcke vorsah und zur Stütze ein festeres, meist aus Fischbeinen gestärktes Oberteil notwendig machte – das sogenannte Mieder bzw. Korsett. Anfang des 19. Jahrhunderts bis zur Zeit des Wiener Kongresses verschwand im Habsburgerreich das geschnürte Mieder wieder aus der Damenmode, um in den 1820er, 1830er Jahren, als die Wespentaille modern wurde, erneut Einzug in die Modewelt zu nehmen.
Typisch für das späte 19. Jahrhundert waren relativ langgezogene trägerlose Korsetts, die von oberhalb der Brust bis über die Hüften reichten. Meist aus mehreren Paneelen gefertigt, wurden sie vorwiegend an der Vorderseite mit Haken geschlossen und an der Rückseite geschnürt. Zusätzlicher unpraktischer Nebeneffekt dieses unbequemen und darüber hinaus die Bewegungsfreiheit einschränkenden Kleidungsstücks: Man konnte sich nicht alleine ankleiden, sondern benötigte für die Schnürung Hilfe von einer anderen Person.
Erfinderin des k.k. privilegierten Busenschützers
Vor dem Hintergrund dieser gesellschaftlichen Moderichtlinien ist die Erfindung einer in Wien ansässigen Kleidermacherin und Unternehmerin umso erstaunlicher. Marianne Bendl meldete am 7. Oktober 1892 das k.k. Patent des sogenannten „Busenschützers“ an und setzte damit gewissermaßen einen Kontrapunkt zum Wespentaille-Diktat. Ihre Erfindung sollte die Frauen von ihren „Panzerkorsetts“ befreien, ihnen ausreichend Bewegungsfreiheit und Tragekomfort bieten.
Laut Marianne Bendls Erzählung über die Entstehung des Busenschützers in ihrem Webekatalog von 1893 fällt dessen Entwicklung in die Jahre zwischen 1885 und 1892. Ein Prozess, der, so die Erfinderin, ein „sechsjähriges Studium“ erforderte. Zur ursprünglichen Idee heißt es im Vorwort:
„Auf die Erfindung selbst kam ich durch einen Zufall. Nach einer schweren Krankheit, welche ich mir durch das Schnüren [von Miedern] zugezogen hatte, hielt ich mich vor einigen Jahren in Karlsbad zur Cur auf. Eines Nachmittags, zum Zeitvertreib mit Stricken beschäftigt, hielt ich einen Stern in Händen, der nahezu die Form einer Halbkugel angenommen hatte; mich fragend, wozu ich denselben verwenden könnte, spannte ich den Stern unwillkürlich in Gedanken über meine Brust. – Bekanntlich macht Leiden erfinderisch – es tauchte in mir zum ersten Male der Gedanke auf, zwei solche gewölbte Sterne zu stricken und dann zu einem Leibchen zu vervollständigen. Nach langer Zeit und vieler Mühe ist es mir endlich gelungen, ein derartiges Leibchen fertig zu bringen und an mir auszuproben. Von dem außerordentlichen Erfolg überrascht und von meinen Bekannten aufgemuntert – ja bestürmt, entschloss ich mich, mit meiner Erfindung in die Öffentlichkeit zu treten.“
Statt einzelner Paneele, die längs zu einem, die Taille und Hüfte umschließenden, trägerlosen Mieder vernäht wurden, ähnelt der Busenschützer eher der Form heute gebräuchlicher Sport-BHs. Bendls Produkt weist demnach zwei Hauptbestandteile auf: das eigentliche „Leibchen“, gestrickt aus unterschiedlichen Materialien, und einen Gummigürtel, der laut Katalog aus Seidengummi gefertigt wurde. Im direkten Vergleich mit einem Korsett ersetzte dieser Gummigürtel somit die Schnürung am Rücken wie auch die Form gebenden Fischbein-Einsätze.
Marianne Bendl – Erfinderin und Unternehmerin
Abgesehen davon, dass Marianne Bendl eine Erfinderin und tüchtige Geschäftsfrau war – was wissen wir sonst noch über diese Frau? Die meisten Informationen über ihr Leben und berufliches Schaffen hat Veronika Dornhofer im Zuge ihrer Masterarbeit „Marianne Bendl (1857-1904). Erfinderin des k.k. privilegierten Busenschützers. Eine Spurensuche in Wien um 1900“ recherchiert.
Marianne Bendl wurde am 2. September 1857 in Luditz, im Bezirk Eger in Böhmen als Maria Anna Ebert geboren. Ihr Vater, Anton Ebert, war Seilermeister und seit 1848 mit ihrer Mutter Agatha verheiratet. Wann genau Marianne Ebert nach Wien kam, konnte bisher noch nicht genau eruiert werden. Erster behördlich festgehaltener Anhaltspunkt ist die Geburtseintragung ihres ersten Sohnes Wilhelm am 21. November 1879 in Wien. Hinsichtlich ihrer Migration nach Wien kann ihre Biografie als typisches Beispiel ihrer Zeit bezeichnet werden. Als Residenzstadt der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn war Wien ein wichtiges kulturelles und wirtschaftliches Zentrum. Viele Menschen erhofften sich hier bessere Erwerbschancen als in anderen Teilen der Monarchie.

Der nächste Hinweis zu Marianne Eberts Leben in Wien ist der Eintrag im Taufbuch St. Josef ob der Laimgrube (Bezirk Mariahilf) zur Geburt und Taufe ihres zweiten Sohnes Anton Alexander am 4. Juni 1881. Als Wohnadresse ist hier „Gumpendorferstraße 42“ im 6. Bezirk angeführt sowie als Berufsbezeichnung Kleidermacherin. So wie viele ledige Frauen zu dieser Zeit bezog sie Einkünfte aus einer handwerklichen Tätigkeit in der Textilindustrie. Wie Veronika Dornhofer in ihrer Masterarbeit ausführt, „ist es statistisch gesehen wahrscheinlich, dass Bendl den Beruf der Kleidermacherin in selbstständigem Erwerb ausübte. Dies untermauert beispielsweise eine von Bandhauer-Schöffmann zitierte Studie über Erwerbstätigkeit österreichischer Frauen im Jahr 1910, die zeigt, dass die Zahl der selbstständig tätigen Frauen (28, 5%) gegenüber jener der Arbeiterinnen oder Taglöhnerinnen (19,6 % und 5,5 %) deutlich überwog.“

Wenige Wochen nach der Geburt ihres zweiten Sohnes heiratete sie am 5. Juli 1881 den 26-jährigen Ledergalanteriearbeiter Anton Bendl, der zum damaligen Zeitpunkt bereits todkrank war und fünf Tage nach der Eheschließung an Lungentuberkulose verstarb. Als Witwe und nunmehr alleinerziehende Mutter von zwei minderjährigen Söhnen war es sicherlich nicht einfach, sich mit Schneiderei- und Näharbeiten den Lebensunterhalt zu verdienen. Aufzeichnungen zufolge wechselte sie mehrmals den Wohnsitz – blieb aber stets in den Bezirken Mariahilf und Neubau ansässig – dem damaligen Zentrum des Textilgewerbes.
Nach Anmeldung ihres Patents des „Busenschützers“ dürfte sich ihr Leben grundlegend geändert haben. Ab diesem Zeitpunkt trat sie als Person und Mitglied der Pariser Erfinder-Akademie aktiv in die Öffentlichkeit. Sie inserierte ihr Produkt in Zeitungen und ließ Werbekataloge drucken. Im Vergleich zu anderen Miederherstellern waren ihre Reform-BHs eher im mittleren und oberen Preissegment angesiedelt.
1893, im Gründungsjahr des Allgemeinen Österreichischen Frauenvereins, findet sich in der „Allgemeinen Frauen-Zeitung“, der Vereinszeitung der österreichisch-ungarischen Frauenvereine, ein längerer Artikel über dieses neuartige Produkt aus Wien. Mathilde Korn, Mitherausgeberin dieser Zeitung, schrieb: „Das Mieder ist der Feind der Gesundheit des Weibes, die Aerzte und Tausende von Frauen wissen davon zu erzählen und doch ist es bis heute nicht möglich gewesen, diesem Feinde seine Opfer zu entreißen. […] Einer Frau war es vorbehalten, dem Feinde ihres Geschlechts ein Paroli zu bieten. Frau Marianne Bendl, die Erfinderin des patentierten Busenschützers […].“
Mode für Radfahrerinnen
Marianne Bendl war eine Vertreterin der kleinen Riege an Frauen, die im Zuge des ab 1880 beginnenden Kleiderreformdiskurses sogenannte Reformkleider trug. Kritiker und Kritikerinnen bezeichneten diese gerade geschnittenen, lose fallenden Hemdkleider als „sackförmig“ und somit war man auch der Pflicht entbunden, darunter eng geschnürte Korsetts zu tragen.
Bendls Reform-BH ging zeitlich auch einher mit der Tatsache, dass sich immer mehr Frauen für das Fahrradfahren begeisterten. Speziell junge Frauen suchten kleidungsmäßig nach bequemen Alternativen. Während allen voran die Beinkleidung – also die Hosenfrage – debattiert wurde, war auch die Frage des Korsetts durchaus ein Thema. Bendls Erfindung schloss hier eine Marktlücke, die sie auch aktiv in Anzeigen propagierte. Signifikant in diesem Zusammenhang ist ein Inserat vom Mai 1897, das damit wirbt, dass „in Folge der äusserst sinnreichen Construction [des Busenschützers] kein Schweiss an die Oberkleider [tritt], wodurch jede Verkühlung ausgeschlossen ist.“ Dass Bendl ihr Produkt hier mit der Überschrift „Für Radfahrerinnen!“ anpreist, unterstreicht ihr Bemühen, ihre Erfindung am Puls der Zeit zu bewerben und sich damit klar zu positionieren.

Hygienediskussion

Mindestens ebenso zentral wie das Erkämpfen gleichgestellter Bewegungsfreiheit war im Kleiderreformdiskurs das Argument der Frauengesundheit bzw. der Hygiene. Korsetts konnte man im Grunde nur auslüften und nicht waschen. Somit avancierte das Thema Hygiene zu einem weiteren werbewirksamen Schlagwort für Bendls Reform-BH und unterstreicht einmal mehr ihr Talent, zeitgenössische Diskurse aufzugreifen und werbewirksam zu nutzen. Durch Abnehmen des Gummigürtels ließ sich der Busenschützer waschen und konnte somit als modernes hygienisches Produkt angepriesen werden.
Inwiefern Korsetts tatsächlich auch gesundheitliche Schäden nach sich zogen, ist bis heute eher umstritten. Reformärzte stellten damals die These auf, dass durch die enge Schnürung die inneren Organe geschädigt bzw. es zu einer Organverlagerung kommen könnte – bewiesen ist dies allerdings nicht, wenngleich bisweilen Horrormeldungen kursierten, dass beispielsweise eine Frau gestorben sei, weil sich ein Fischbein aus dem Korsett in die Rippe gebohrt hätte. Diese Gefahren – ob real oder erfunden – existierten bei Bendls Reform-BHs jedenfalls nicht.
Fabriksverkauf und Versandhandel
Ab 1893/94 lautete Bendls Geschäfts- und Wohnadresse „Gumpendorfer Straße 8“. Es ist anzunehmen, dass in ihrer Fabrik auch Strick- bzw. Wirkmaschinen zum Einsatz kamen. Ebenfalls bezeichnend für ihr Unternehmen war, dass sie für alle Tätigkeitsbereiche ausschließlich Frauen beschäftigte, was zugleich als zusätzliches Verkaufsargument bei der weiblichen Kundschaft genutzt wurde. So ist beispielsweise im Katalog zu lesen: „Nachdem mein sämmtliches Personal sowohl im Bureau als auch im Verkauf ausschliesslich aus Damen besteht, können sich die Damen in jeder Angelegenheit vertrauensvoll an mein Haus wenden.“
Der Verkauf der hergestellten Ware erfolgte über drei Schienen. Neben dem direkten Fabriksverkauf in der Zentrale in der Gumpendorfer Straße, die mit „Probesalons“ ausgestattet war, und dem von dort geführten Versandhandel, gab es eine, von Bendl betriebene, Filiale in Budapest. Für den Versandhandel wurde ein sogenanntes „Correspondenz-Bureau“ eingerichtet mit „Kundenverkehr in allen Sprachen“. Bereits in Annoncen im ersten Geschäftsjahr ist zu lesen, dass der Reform-BH auch in Deutschland, England und Frankreich verkauft wurde und dort auch patentiert war.
Anzeige wegen öffentlichen Sittlichkeitsverstoßes
Aufgrund ihrer progressiven Werbelinie sah sich Bendl im Jahr 1893 auch gleich mit gerichtlichen Vorladungen konfrontiert. Die Staatsanwaltschaft Wien reichte gegen die Unternehmerin eine Anzeige wegen öffentlichen Sittlichkeitsverstoßes ein. Anlass waren Werbeplakate bzw. Abbildungen im Katalog, die als „Verletzung der Sittlichkeit oder Schamhaftigkeit“ eingestuft wurden und als extrem anstößig empfunden wurden. Was war auf diesen Abbildungen zu sehen? In Bendls Katalogen waren nicht nur die verschiedenen Wäschestücke abgebildet, sondern diese wurden auch von Frauen getragen, wobei, wie Michaela Lindinger konstatiert, das Styling dieser Damen als anstößig empfunden wurde: „Manche dieser Frauen trugen ihr langes Haar offen, was zur damaligen Zeit mit einer einzigen Assoziation verknüpft war – mit Sexarbeit. Ein Mädchen, das in die Pubertät kam, musste ab dem 12., 13. Lebensjahr die Haare aufstecken. Offene Haare sah man ausschließlich in der Sexarbeiterinnenszene. Dass eine Frau dargestellt wird mit BH und offenem Haar wirkte damals wie eine Anzeige für ein Bordell.“ Fazit: Der entsprechende Katalog bzw. ähnliche Werbeplakate wurden beschlagnahmt und vernichtet. Wenige Wochen später setzte Bendl ihre Werbemaßnahmen bereits wieder fort – wenngleich mit weniger gewagten Sujets.


Frauen mit offenem Haar im „Catalog von Marianne Bendl“ sorgten zur damaligen Zeit für viel Aufregung, Universitätsbibliothek der Universität Wien
Tragisches Lebensende
Dass einem trotz beruflicher Erfolge und eines mutigen Lebensweges als Privatperson der Lebensmut abhanden kommen kann, dürfte offensichtlich auch Marianne Bendl passiert sein. Bis heute sind die genauen Hintergründe unbekannt, weshalb sie ihrem Leben im Juni 1904 durch Ertrinken in der Ybbs ein Ende setzte. Diversen Zeitungsmeldungen aus Wien und Niederösterreich ist zu entnehmen, dass ihr Leichnam am 7. Juni in Winklarn (Bez. Amstetten/Niederösterreich) aus dem Wasser gezogen und am Friedhof Amstetten beigesetzt wurde. Das Sterbebuch Amstetten führt als Todesart „Selbstmord in Folge von Geistesstörung“ an. Aus den Zeitungsmeldungen über Marianne Bendls Tod geht weiters hervor, dass sie davor einige Zeit in der Nervenheilanstalt Lainz bei Wien aufgrund einer „acuten Psychose (Malancholie)“ behandelt wurde und nach Amstetten gereist war, um „eine Verwandte“ zu besuchen. Zwei der Zeitungsmeldungen über Marianne Bendls Tod erwähnen, dass „ein schweres nervöses Leiden, das Frau Bendl in den letzten Jahren heimsuchte“, sie dazu zwang „sich vom Geschäfte zurückzuziehen und zur Ruhe zu setzen.“ Sie hinterließ einen Abschiedsbrief mit genauen testamentarischen Anweisungen.
Wie aus ihrer Verlassenschaft ersichtlich, zählte sie dank ihres unternehmerischen Geschicks zu den eher wohlhabenden Zeitgenossinnen und darf zweifelsohne als Pionierin bezeichnet werden – speziell was die Vermarktungsstrategien ihrer Reform-BHs betrifft.


Marianne Bendls Patent für den Busenschützer, 1893, Europäisches Patentamt
Ende des Korsetts
Rückblickend betrachtet, sollte es aber trotzdem noch rund zwei Jahrzehnte dauern, bis sich die Reform-BHs gegenüber dem Korsett durchsetzten. Wie Michaela Lindinger erläutert, hat das Ende des Korsettschnürens in Europa nur sehr wenig mit der Kleiderreformbewegung zu tun. Primär ausschlaggebend war der Erste Weltkrieg. Die Männer mussten in den Krieg ziehen, die Frauen in den Fabriken arbeiten. Man hatte ganz andere Sorgen, als sich über Mode Gedanken zu machen. Nach 1918 war in Österreich dann auch der Adel Geschichte. Österreich war plötzlich ein kleines Land, Repräsentationsflächen, wie z. B. die Hofoper, wo sich die Adeligen sehen ließen und die Mode vorgegeben haben, waren nicht mehr vorhanden.
Dieses abrupte Ende der langen Kleider und engen Korsetts führte auch dazu, dass es in der Öffentlichkeit zu keinen filmreifen Ohnmachtsanfällen mehr kam. Denn, wie Lindinger erzählt, waren die Ohnmachtsanfälle der Damen, die zumeist auf Bällen oder in der Oper passierten, zu 90 Prozent fingiert: „Frauen konnten damals ja nicht zeigen, dass sie sich für einen Mann interessieren, das galt als unanständig. Um die Aufmerksamkeit von jemanden auf sich zu ziehen, ist man elegant in Ohnmacht gefallen. Das haben die jungen Mädchen von ihren Müttern gelernt und diese wiederum von ihren Großmüttern.“ Kurzum: Mit dem Ende des Korsettschnürens und der langsam in Fahrt kommenden Frauenbewegung war diese schwindelerregende „Dating-Methode“ zum Glück Geschichte.

Literatur:
Harriet Anderson: Vision und Leidenschaft. Die Frauenbewegung im Fin de Siécle Wiens, Wien 1994.
Gerda Buxbaum: Mode aus Wien. 1815-1938, Salzburg 1986.
Veronika Dornhofer: Marianne Bendl (1857-1904). Erfinderin des k.k. privilegierten Busenschützers. Eine Spurensuche in Wien um 1900, Masterarbeit: Universität Wien 2022.
Annemarie Steidl: Auf nach Wien! Die Mobilität des mitteleuropäischen Handwerks im 18. und 19. Jahrhundert am Beispiel der Haupt- und Residenzstadt, Wien 2003.








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Danke
Sehr ausführlicher Beitrag