
Chia Chai Wu (rechts) mit seinen Köchen, um 1970, Familie Wu
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Geschichte der China-Restaurants in Wien – Teil 2
Trendsetter mit Essstäbchen
„Mein Vater ist allein geflüchtet. Er hat nie wirklich darüber gesprochen. Er hat nur gesagt, dass er gelaufen ist, solange er konnte. Und tagsüber hat er sich versteckt, wenn er etwas gehört hat. Immer in Richtung Meer, um ein Schiff zu erreichen. Neben ihm sind drei weitere gelaufen. Sie wurden erschossen.“ Das erzählt Daniel Wu über seinen Vater Chia Chai Wu bei einem Interview im Restaurant „Goldener Drache“. Aktuell verpachtet wirkt es wie eines von vielen chinesischen Lokalen in Wien. Auf den ersten Blick ist nicht ersichtlich, dass es einst ein Vorreiter war, eine Sensation in der Wiener Gastro-Szene.

Die Familiengeschichte besagt, dass Chia Chai Wu vom Festland auf die Insel Taiwan flüchtete und als Koch im Regiment von Chiang Kai-Shek zu arbeiten begann. Auf Umwegen kam er nach Österreich, kochte im „China Pavillon“, der von Maria Tu in der Winckelmanngasse geführt wurde, und lernte eine junge Österreicherin kennen. Die Kremserin war wie er neu in Wien und es dürfte gleich gefunkt haben. „Meine Mutter sagte, sie war so beeindruckt, denn er war ein Gentleman. Zwanzig Jahre älter als sie, er verdiente gut, fuhr ein Auto – einen VW Käfer –, trug Maßanzug und behandelte sie wie eine Lady. Sie kannte so ein Verhalten nicht von den Männern aus ihrem Ort“, so der gemeinsame Sohn Daniel.
1963 übernahm Wu das Restaurant „China“ in der Porzellangasse (das etwa ein Jahrzehnt früher von Yeh Jon Tchen gegründet wurde) und begann eine Reihe von Veränderungen umzusetzen. Erstens gab es einen neuen Namen, in den folgenden Jahren sollte das Restaurant zuerst „Chinesischer“, „Grüner“ und schließlich „Goldener Drache“ heißen. Außerdem wollte Wu sich nicht mehr mit einheimischen Ersatzprodukten zufriedengeben, wie es seine Vorgänger:innen notgedrungener Maßen getan hatten. Er baute neben dem Lokal seinen eigenen Import-Handel auf, an den sich sein Sohn noch heute lebhaft erinnert: „Wir hatten ein Lager, das fast genauso groß war wie das Lokal. Es war bis an die Decke voll mit Waren. Sojasauce, Bambus, Morcheln – all das konntest du damals nicht einfach am Naschmarkt einkaufen. Es war ein Vermögen wert.“

Allerdings wurde bei Weitem nicht alles importiert oder auf die Speisekarte gesetzt, was in China grundsätzlich gerne gegessen wird. Viele Gerichte beruhen auf Frischware, die einen interkontinentalen Transport nicht überstanden hätte, andere Speisen schätzte man als potenziell „zu exotisch“ ein. Es galt einen Spagat zu schaffen. Die Gäste erwarteten ein „authentisches“ Erlebnis aus dem „fernen Osten“, die Speisen durften sich aber gleichzeitig nicht zu weit wegbewegen von gewohnten Geschmackseindrücken. So ist es nicht verwunderlich, dass Authentizität oft nur Illusion war – ein Dilemma, vor dem viele Gastronom:innen teilweise bis heute stehen (vergl. Lu, Fine, 1995).

Beim Navigieren dieses schmalen Grats kam einem Küchenchef zugute, dass man eigentlich überhaupt nicht von einer nationalen chinesischen Küche sprechen kann. Lokale Zutaten, Gewürze und Zubereitungsarten variieren stark zwischen den Regionen Chinas. Was gut zum Geschmack des örtlichen Publikums passte, wurde nicht selten zum Klassiker. In den USA waren es beispielsweise die Kreation „Chop Suey“ und die Hunan Küche, die in den 1970er und -80er Jahren zu Stellvertreterinnen der Kulinarik Chinas heranwuchsen (vergl. Liu, 2015). Im „Goldenen Drachen“ in Wien fand man zeitgleich Ente nach Pekinger oder Sichuan Art auf der Speisekarte.
Eine letzte, entscheidende Hürde auf dem Weg zum Erfolg des „Goldenen Drachen“ war, das skeptische Publikum in das neue Lokal zu locken. Bei den Wiener:innen musste das Interesse erst geweckt werden. Wu hatte dafür sein ganz eigenes Rezept. Er schaffte es, nach und nach die „Seitenblicke-Gesellschaft“ zu sich ins Restaurant zu holen und startete damit einen Trend. Regionale und manchmal sogar internationale Prominenz wurden in Wus Lokal abgelichtet. Besondere Feste waren die legendären Neujahrsfeiern, die Medieninteresse und öffentliche Aufmerksamkeit erregten. Es wurde schick, (mehr oder weniger) gekonnt mit Essstäbchen zu hantieren und knusprig-gebackene Frühlingsrollen oder Hühnchen süß-sauer zu genießen.
Die China-Restaurants, die langsam in allen Bezirken auftauchten, konnten bald auf eine breite Wiener Stammkundschaft zählen. Viele Wiener:innen gingen nun Sonntagmittags mit der Familie zum chinesischen Buffet statt Schnitzel und Backhendl im Wirtshaus zu bestellen. In der Tat füllten die chinesischen Lokale eine Lücke, die sich durch das Wirtshaussterben ab den 1960er Jahren in der Stadt aufgetan hatte (vergl. Stuiber, 2007). Im leerstehenden Beisl um die Ecke wurden gold-rote Wandpaneele und Aquarien ergänzt und schon war ein neuer „Chinese“ im Grätzl geboren und eine Lücke in der gastronomischen Versorgung geschlossen. Die kitschige Inneneinrichtung wurde zum neuen Standard und Erkennungsmerkmal der Lokale.

Für Neuankömmlinge aus China wiederum bot die Gastronomie eine Möglichkeit, sich ein Einkommen zu sichern. Anfangs war es noch ein recht kleines Netzwerk von Chines:innen, die sich gegenseitig unterstützten. Wu lud regelmäßig zu Treffen in den „Goldenen Drachen“ ein. Der erfahrene Restaurateur – zeitweise führte die Familie drei Lokale gleichzeitig – gab Tipps und half beim Aufbau anderer China-Restaurants, wie sein Sohn erzählt. Junge Chines:innen, die zum Studium in Wien waren, gingen im „Goldenen Drachen“ ein und aus und schnitzten Pagoden und Holzfiguren, die teilweise bis heute die Räume in der Porzellangasse zieren.
Bis weit in die 1970er Jahre konnte ein großer Teil der „China-Restaurants“ in Wien Taiwan-freundlichen Eigentümer:innen zugeordnet werden. Auch in Wus Restaurant wurden dahingehende Veranstaltungen abgehalten. Die Volksrepublik China etablierte sich erst ab ihrer offiziellen Anerkennung bei der UNO 1971 und der drauffolgenden wirtschaftlichen Öffnung als Player in dem Feld, das heute als „Gastro-Diplomacy“ bezeichnet wird. Das größte Aushängeschild staatlich finanzierter chinesischer Softpower sollte das „Sichuan“ werden, das 1989 – nicht zufällig – neben der UNO-City im Donaupark eröffnete. Bei der Dekoration dachte man weit über den Innenraum hinaus.

Das „China Sichuan Restaurant“ im Donaupark, 2026, Foto: Jakob Lehne

Gemeinsam mit dem wachsenden Erfolg der China-Restaurants in Wien, stieg auch die Feindseligkeit gegenüber Chines:innen. Neben leidlichen Witzen und herabwürdigenden Bemerkungen, die vielen alltäglich entgegenschlugen, unterstellten Medien ihnen immer wieder eine Nähe zu der chinesischen Mafia der Triaden. Sie schürten damit hartnäckige Gerüchte über kriminelle Verstrickungen. Wu erinnert sich, dass sein Vater bei einem Streit mit einem Mitarbeiter schwer verletzt wurde, „aber die Polizeibeamten haben sich geweigert zu ermitteln. Die Menschen hatten damals riesige Angst vor den Triaden. Sie wollten nicht in Streitigkeiten zwischen Chinesen involviert werden.“
Anfeindungen und Vorurteilen zum Trotz setzten üppig dekorierte China-Restaurants bis Anfang der 2000er Jahre ihren Erfolgskurs fort. Mit wachsendem Reichtum in der Mittelschicht und leistbaren Fernreisen, änderte sich aber die Nachfrage der Wiener:innen. Ihr Anspruch an die „Authentizität“ asiatischer Restaurants wurde ein anderer. Was zuvor befremdlich oder geschmacklich zu weit außerhalb der eigenen Komfortzone gelegen hatte, war nun gefragt. Eine Trendwende kündigte sich an.
Chia Chai Wu war zu diesem Zeitpunkt aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr im Geschäft, dafür eine neue Generation chinesisch-stämmiger Unternehmer:innen. Unter ihnen die Brüder Jun und Tie Yang. Sie brachten ein neues Selbstverständnis in die Szene und lösten damit eine Welle der Veränderung aus. In Teil 3 der Serie erzählt der Künstler und Architekt Jun Yang im Interview über die Anfänge ihres Restaurants „ra’mien“ in der Gumpendorfer Straße.

Großes Dankeschön an Daniel Wu für das Gespräch und die Einblicke in die Familiengeschichte.
Teil 1 unserer Reihe zur Geschichte der China-Restaurants in Wien lesen Sie hier.
Literatur und Quellen:
Interview mit Daniel Wu am 13.01.2024
Christiansen Flemming: Chinatown, Europe. An Exploration of Overseas Chinese Identity in the 1990s, London : RoutledgeCurzon, 2003.
Gerd Kaminski: Von Österreichern und anderen Chinesen, Wien: Löcker, 2011.
Haiming Liu: From Canton Restaurant to Panda Express. A History of Chinese Food in the United States. New Brunswick, NJ : Rutgers University Press, 2015.
Shun Lu, Gary Alan Fine: The Presentation of Ethnic Authenticity. Chinese Food as a Social Accomplishment, in: The Sociological Quarterly, 36, Nr. 3 (1995), S. 535-553
Peter Stuiber: Als Wien die Beisln entdeckte und ein Nachtleben erhielt. Die „Beislrenaissance“ der späten 1970er-Jahre, in: Wolfgang Kos, Wolfgang Freitag, Ulrike Spring: Im Wirtshaus : eine Geschichte der Wiener Geselligkeit, Wien: Czernin, 2007.







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Kommentare
Ein tolles und viel zu selten bespieltes Thema, spannend erzählt! Ich erinnere mich noch an den "Goldenen Drachen", obwohl ich kein Kind der Haute Volee war ;-) Das chinesische Essen in Wien ist in den "normalen" Chinarestaurants über die Jahre viel besser geworden, anfangs war es mehr wie Katzenfutter.
Jetzt freue ich mich schon auf den 3. Teil des Artikels. Vielen Dank und liebe Grüße - Susanne