
Gartenansicht der Villa Beer, 1930, Foto: Julius Scherb
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Die Menschen der Villa Beer
„Es hat alles so gut ausgesehen …“
Die Informationslage über das Zustandekommen der Villa Beer und das Schicksal der Erbauerfamilie ist dürftig. Nur wenige Dokumente wurden bislang aufgefunden. Vieles stützt sich auf mündliche Auskünfte von Nachfahren. Ebenso sind keine Details über die konkreten Umstände überliefert, wie es dazu kam, dass das Ehepaar Beer zum Auftraggeber eines der meistbeachteten Wiener Wohnhäuser dieser Zeit wurde. Sogar aus dem Ausland war das Interesse daran groß, erfahren wir aus einem Brief, den Architekt Josef Frank im Juli 1930 an Dagmar Grill, die Cousine seiner Frau Anna, schrieb: „Gegenwärtig aber ist es meine Hauptbeschäftigung Amerikanern das Haus Beer zu zeigen“, berichtete er, noch bevor die Villa vollendet war.
Die Villa Beer trägt nicht nur die Handschrift ihrer Architekten Josef Frank und Oskar Wlach, sondern ist auch Ausdruck des Status und des Kulturverständnisses ihrer Bauherrschaft. Julius Beer und seine Frau Margarethe erwarben im Juli 1929 drei bis dahin unbebaute Parzellen zwischen der Wenzgasse und der Lainzer Straße im damals noch locker bebauten Villenviertel von Wiens vornehmem Bezirk Hietzing. Nahe gelegen war der vormalige Wohnsitz der Beers in einer Mietvilla in der Kupelwiesergasse. Einen Block weiter, an der Ecke von Eitelbergergasse und Neue-Welt-Gasse, wurde wenig später die Hietzinger Synagoge fertiggestellt. Der von Arthur Grünberger und Adolf Jelletz geplante Tempel war der letzte größere jüdische Kultbau in Wien, dessen Zustandekommen Julius Beer finanziell unterstützt hatte. Während der Novemberpogrome 1938 wurde er von den Nazis niedergebrannt.
Ebenso in nächster Nähe entstand 1930/31 der Erweiterungsbau des Mädchen-Realgymnasiums in der Wenzgasse 7 von Theiss & Jaksch. Es ist einer der herausragendsten Schulbauten der Zwischenkriegszeit in Wien. Mit seinen lichtdurchfluteten Räumen, den zarten Stahlfenstern und den Dachterrassen zum Genuss von Luft und Sonne weist er einige Parallelen zur Villa Beer auf.
Ein modernes Haus für eine moderne Familie
Bauherrin Margarethe (Grete, 1891–1978) war die Tochter von Alexander Blitz, Gemeindearzt in Fischamend, und eine ausgezeichnete Pianistin, die am Wiener Musikkonservatorium studiert hatte. Im April 1909 verlobte sie sich mit Julius Beer (1884–1941), Gesellschafter der Firma Sigmund Beer & Söhne, knapp ein Jahr später wurden sie in Wien getraut.
Julius entstammt einer aus Bisenz (Bzenec) in Südmähren nach Wien zugewanderten Kaufmannsfamilie. 1904 gründete sein Vater Sigmund (1850–1912) mit ihm und seinem Bruder Robert (1881–1946) die Handelsfirma Sigmund Beer & Söhne. Ab 1910 vertrieb die Firma Gummisohlen unter dem Markennamen Berson. Die Sohlen aus Naturkautschuk aus Übersee waren eine Novität. Sie sorgten für ein weicheres Auftreten, konnten mit einem tiefen, rutschfesten Profil versehen werden und waren haltbarer und billiger als Ledersohlen. Produziert wurden die Berson-Sohlen von der Gummifabrik Josef Reithoffers Söhne in Wimpassing im Schwarzatal. Palma, die zweite Gummisohlenmarke, wurde bei Semperit in Traiskirchen hergestellt. Um den Markt vor Konkurrenz zu schützen, wurde 1920 das Unternehmen der Beers inklusive der Markenrechte in die Berson Kautschuk GmbH eingebracht. Die Brüder Beer waren Alleingeschäftsführer und hielten einen kleinen Gesellschaftsanteil samt Umsatzbeteiligung, die weiteren Gesellschafter waren die größten Kautschukproduzenten der ehemaligen Österreichisch-Ungarischen Monarchie.
Ein Haus als gesellschaftliches Statement
Im September 1930 bezogen Grete und Julius Beer das Haus mit ihren Kindern Elisabeth (Liesl, 1913–1942) und Hans (1920–1973). Die Älteste, Helene (Lene, 1910–1985), war bereits mit dem Lederwarenfabrikanten Rudolf Sternschein verheiratet und führte einen eigenen Haushalt.
Das repräsentative Haus, das das kunstsinnige Ehepaar Beer aus dem liberalen Judentum bei Josef Frank und Oskar Wlach in Auftrag gab, sollte der größte private Auftrag für die beiden Architekten bleiben. Mit ihrer Einrichtungsfirma Haus & Garten lieferten sie auch die – heute nur noch in geringem Ausmaß erhaltene – Innenausstattung. Fünf Jahre zuvor hatten sich bereits der Bruder Robert Beer und seine Frau Elisabeth von diesem bevorzugten Ausstattungsunternehmen der Intellektuellen und Wohlhabenden ihre Wohnung am Schwarzenbergplatz einrichten lassen.
Mit dem Bau der Villa Beer in Hietzing wurde schon drei Monate nach Erwerb des Grundstücks begonnen. Ob die Planungszeit tatsächlich so kurz war oder wann Frank und Wlach konkret beauftragt wurden, ließ sich bislang nicht klären. Allerdings geht aus den vorhandenen Bauakten hervor, dass die Behörde mangels Vorliegens von Einreichunterlagen und der fehlenden Baugenehmigung im Oktober 1929 den Bau einstellte. Kurz darauf wurde der Plan zur Erbauung einer Villa für Herrn Julius Beer und Margarete Beer aus dem Atelier der Architekten Josef Frank und Oskar Wlach nachgereicht. Erst Anfang Mai 1930 lag die offizielle Baubewilligung vor und schon am 20. August 1930 die Benutzungsbewilligung. Dazwischen wurde noch der Einreichplan ausgewechselt. Der Druck, das Haus fertigzustellen, scheint groß gewesen zu sein. In der Hektik lief wohl nicht alles in der geordneten Reihenfolge ab und die Architekten trafen etliche Entscheidungen direkt auf der Baustelle.
„Es hat alles so gut und leicht ausgesehen, aber dann ist alles doch immer schwerer geworden und nichts wird fertig“, schrieb Frank am 16. September 1930 an Dagmar Grill. „[…] die Beer wohnen schon in ihrem Haus und haben sich dort wie Greisler eingerichtet. Es ist gut, dass sie einen Sohn haben, der viele Kunstwerke zerbricht, es bleiben noch genug übrig […]“, teilte er drei Monate später auf seine bekannt sarkastische Art mit.
Künstlerische Begabungen
Mehr Kunstsinn als ihn der kinderlose Architekt dem erst zehnjährigen Hans zuschrieb, hatte gewiss die bereits siebzehnjährige Liesl, Schülerin im modernen Mädchen-Realgymnasium auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ihr wurde zur Ausübung ihrer Leidenschaft für die Fotografie im Dachgeschoss eine Dunkelkammer eingerichtet. Zusätzlich war der in den Plänen als Gymnastikraum bezeichnete Raum mit einer Verdunkelungsrollo und einem Waschbecken ausgestattet. Das lässt darauf schließen, dass die in ihrer Kindheit an Polio erkrankte Liesl diesen Raum nicht nur für Gymnastikübungen zum Training ihrer körperlichen Einschränkungen, sondern auch zum Ausarbeiten von Fotografien genutzt hat.
Ein mögliches Vorbild hatte sie in der namhaften Fotografin Trude Fleischmann (1895–1990), von der Porträtaufnahmen der Familie Beer erhalten sind. Die gefragte Porträtistin der damaligen Wiener Gesellschaft zählte zu den Freundinnen des Hauses. Überhaupt ist schon allein ob der räumlichen Struktur des Hauses davon auszugehen, dass die in der Kulturszene bestens vernetzten Beers ihr Domizil für den Empfang von Gästen öffneten. Grete Beers Bösendorfer-Flügel stand auf der offenen Galerie im Zwischengeschoss. Auch heute noch kann man sich gut vorstellen, wie im Rahmen einer musikalischen Soiree sein Klang dank der offenen Raumfolge die zweigeschossige Halle und die angrenzenden Gesellschaftsräume erfüllte und der Familie wie Gästen freudige, heitere Tage und Abende in der Villa Beer bescherten.
Prominent vermietet
Doch währte das große Glück in der neuen Villa nur kurz. Nach Differenzen mit den Hauptgesellschaftern musste Julius Beer im Jahr 1931 seine Position als Geschäftsführer der Berson Kautschuk GmbH zurücklegen und in der Folge nach einem mehrjährigen Rechtsstreit 1937 auch seine Gesellschaftsanteile an die Semperit AG abgeben. Die Familie war in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Versuche, das Haus zu verkaufen, scheiterten. Deshalb musste schon ab 1932 das Haus an verschiedene Personen vermietet werden, um über die Runden zu kommen. Zwischenzeitlich bezog die Familie Beer zwar andere Wohnungen in der Nähe, kehrte aber immer wieder in die Wenzgasse 12 zurück.
Zu den illustren Hausgenossen zählten der Opernsänger Richard Tauber und seine damalige Ehefrau, die britische Schauspielerin Diana Napier, die während ihrer Aufenthalte und Engagements in Wien in der Villa Beer Quartier bezogen. Auch das Traumpaar des deutschsprachigen Musikfilms der 1930er Jahre, der polnische Startenor Jan Kiepura und seine Frau Marta Eggerth nutzten das Haus, als sie in den nahegelegenen Rosenhügel-Filmstudios den Film „Zauber der Bohème“ drehten. Nach 1937 wohnte auch Kiepuras Privatsekretär Marcell Frydman, der später unter dem Namen Marcel Prawy bekannt gewordene Musikwissenschaftler und Chefdramaturg der Wiener Staatsoper, in der Villa.
Endgültiger Verlust, Flucht und neue Besitzer
Die kreditgebende Versicherungsgesellschaft hatte 1930 der Familie Beer einen Kündigungsverzicht eingeräumt, auch wenn die Kreditraten für den Hausbau nicht bedient wurden. Deshalb leitete die Gesellschaft erst 1937 ein Versteigerungsverfahren ein. Da es keine anderen Interessenten gab, ging im Dezember 1938 das Haus inklusive der mitverpfändeten, von Haus & Garten stammenden Einrichtung zum halben Schätzwert an die Hypothekar-Gläubigerin Allianz und Gisela-Verein Versicherungsgesellschaft über. Die Familie Beer wohnte noch bis Sommer 1939 im Haus und bezog danach eine Hausmeisterwohnung in der Eitelbergergasse.
In der Hoffnung, dass auch Tochter Liesl ein Visum erhält, warteten sie mit der Flucht vor den Nazis lange zu. Wegen Mittellosigkeit musste Julius, der ehemalige Förderer des Gemeindelebens, bei der Israelitischen Kultusgemeinde kostenlose Eisenbahn- und Schiffstickets beantragen. Erst im Mai 1940 konnten er und Grete mit Sohn Hans nach New York emigrieren. Der durch ihre Polio-Erkrankung leicht gehbehinderten Liesl hingegen blieb aufgrund der restriktiven US-Einwanderungspolitik die Einreiserlaubnis verwehrt. Sie wurde 1942 aus einer Sammelwohnung in der Neutorgasse im ersten Bezirk nach Minsk deportiert und im Vernichtungslager Maly Trostinez ermordet.
Julius starb bereits 1941 in New York. Margarethe Beer kehrte nach dem Krieg nach Österreich, aber nie mehr in die Villa Beer zurück. Ihren Lebensabend verbrachte sie in Baden bei Wien, wo sie 1978 verstarb. Sie überlebte ihren Sohn Hans (Henry), der nach 1945 als Soldat der US-Armee in Österreich und Deutschland stationiert war, um fünf Jahre. Tochter Lene war mit ihrem Mann Rudolf Sternschein 1938 nach Schottland geflüchtet, wo das Ehepaar eine Lederwarenfabrikation betrieb. Ebendort kamen 1941 und 1944 ihre Kinder George und Barbara zur Welt.
Drei Jahre stand das Gebäude leer. 1941 entdeckte Hertha Pöschmann, die Frau des Textilfabrikanten Hermann (Harry) Pöschmann, die zur Versteigerung stehende Liegenschaft. Begeistert von der modernen Villa überzeugte sie ihren Mann, das Haus inklusive originalem Mobiliar zu erwerben. Damit wurde es in seiner Gesamtheit erhalten.
Nach dem Krieg mietete der britische Geheimdienst die Wenzgasse 12 und nutzte das repräsentative Gebäude bis 1954. Erst danach konnte die Familie Pöschmann wieder in das Haus einziehen.
Hinweis
Dieser Text stammt aus der Publikation zur Villa Beer, die anlässlich der mehrjährigen Sanierung und Öffnung des Hauses von der Villa Beer Foundation herausgegeben wurde. Die Villa Beer ist erstmals dauerhaft für öffentliche Besichtigungen geöffnet und kann auch im Rahmen von Veranstaltungen besucht werden. Aufgrund des enormen Interesses sind keine Karten mehr für das Open House am 8. März sowie für die folgenden Wochen verfügbar. Informationen zu Tickets ab Mai werden demnächst online zu finden sein.














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