Website Suche (Nach dem Absenden werden Sie zur Suchergebnisseite weitergeleitet.)

Hauptinhalt

Susanne Breuss, 4.8.2022

Mobile Dinge für das Camping

Zur Läuterung nervöser Städter

Als Freizeitaktivität kam Camping um 1900 auf, die Corona-Pandemie hat ihm zu neuem Aufschwung verholfen. Mobile Ausrüstungsgegenstände für diese Form des Tourismus finden sich auch in den Sammlungen des Wien Museums. Vor allem die Stadtbevölkerung war es nämlich, die sich nach dieser temporären Freiheit im Grünen sehnte.   

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts tauchten in den Medien vermehrt Berichte über Camping auf, einer neuartigen Form des Tourismus, die in diesen Jahren auch hierzulande erste Anhänger gefunden hatte. Der aus dem Englischen übernommene Begriff (er leitet sich vom lateinischen „campus“ für Feld ab) war zunächst noch ebenso erklärungsbedürftig wie das Phänomen selbst, auch wenn schon Ende des 19. Jahrhunderts in Reportagen über Amerika vereinzelt davon die Rede gewesen war: Einerseits verstand man unter Camping eine Form des „wilden“, ungezwungenen und naturnahen Landaufenthalts von jüngeren Menschen, andererseits ein Freizeit- und Sommervergnügen reicher Großstädter, denen der Sinn nach einem temporären Kontrastprogramm zum gewohnten urbanen Luxusleben stand.

Stets aber meinte Camping das tage- oder wochenweise Leben und Übernachten im Freien beziehungsweise im Grünen, mehr oder weniger fernab von dicht besiedeltem Gebiet, häufig kombiniert mit sportlichen Betätigungen wie Schwimmen, Paddeln oder Bergsteigen. Zum Übernachten dienten Zelte, für das leibliche Wohl sorgte der Proviant, und für die Wärme sowie die Zubereitung der mitgebrachten oder vor Ort selbst gesammelten respektive erjagten Nahrungsmittel das Lagerfeuer. Manche reiche Engländer und Amerikaner übernachteten statt in Zelten in von Pferden gezogenen Wohnwägen, die als Caravan bezeichnet wurden.

Das Übernachten und die Verköstigung im Freien waren natürlich nicht per se etwas Neues, denn diese Praktiken begleiten die Menschheitsgeschichte von Beginn an. So zählen Zelte zu den ältesten menschlichen Schutzvorrichtungen überhaupt und sie haben auch in spezifischen Mobilitätszusammenhängen, wie etwa den militärischen, eine lange Tradition vorzuweisen.

Auch die sonn- und feiertägliche Landpartie – nicht unbedingt mit Übernachtung, aber gerne mit mitgebrachter und im Grünen genossener Verpflegung – erquickte die Stadtbevölkerung schon deutlich länger. Gerade in Wien boten die landschaftlichen Vorzüge des Umlands beste Voraussetzungen dafür. Neu war um 1900 lediglich die in den folgenden Jahrzehnten populär werdende Idee, das Übernachten im Freien rein zum Vergnügen und als Freizeitbeschäftigung auszuüben – Camping war also durchwegs positiv besetzt. Insbesondere der damals zahlenmäßig stark wachsenden Großstadtbevölkerung bot es die Möglichkeit, wieder stärker mit der Natur in Kontakt zu kommen und sich von den Strapazen des hektischen und lärmenden urbanen Lebens zu erholen. Die Zeitschrift „Sport im Bild“ brachte es im Juli 1932 folgendermaßen auf den Punkt: „Das Camping ist eine Läuterung des unruhigen Städters“.

Freiheit, Gemeinschaft, Naturverbundenheit

Vielen erschien Camping als wahrer Balsam und als Heilung für den nervösen und reizüberfluteten Stadtmenschen, als eine Möglichkeit, dem dichten Gedränge in der anonymen Massengesellschaft der Großstadt wenigstens temporär zu entkommen, mit Gleichgesinnten Gemeinschaft zu erfahren und zu sich selbst zu finden. In solchen Überlegungen zeigen sich deutlich die Bezüge zu den verschiedenen Lebensreformbewegungen, deren um 1900 formulierte Ideen eine Reaktion auf die zunehmende Industrialisierung, Urbanisierung und Technisierung mit all ihren negativen Begleiterscheinungen waren – „mehr Natur“ beziehungsweise „zurück zur Natur“ zählte zu deren wichtigsten Forderungen.

Technische Innovationen waren es damals allerdings auch, die für die weitere Entwicklung des Campings hin zu einer populären Freizeitaktivität eine wichtige Rolle spielten: Die Geschichte des Campings ist nämlich eng verbunden mit jener von Fahrrad, Motorrad und Automobil. Diese Fahrzeuge des Individualverkehrs haben seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert nicht nur ganz allgemein die Popularität von Ausflügen und Reisen gefördert, sondern auch mehr Unabhängigkeit bei der Planung von Zielen und Routen gebracht, was wiederum für die Entwicklung des Campings ein wichtiger Aspekt war. Typisch für dieses Bestreben nach Unabhängigkeit und Spontaneität ist folgende Bemerkung aus der Allgemeinen Automobil-Zeitung vom Mai 1913: „Der tourenfahrende Automobilist ist der richtige moderne Nomade: er fährt, wo es ihm beliebt, hält, wo es ihm paßt, kann den mitgeführten Proviant verzehren und im Wagen oder im mitgeführten Zelt schlafen: was man eben ‚Camping‘ nennt.“ Um im Automobil bequem schlafen zu können, wurden zumindest in Amerika bereits damals erste Camping-Tourenwagen angeboten, bei denen man die Vordersitze nach hinten klappen und mit einer Matratze belegen konnte.    

Überspringe den Bilder Slider
Springe zum Anfang des Bilder Slider

Mit den Fahrzeugen war außerdem das Mitführen einer umfangreicheren und schwereren Ausrüstung möglich. Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass das Camping bereits früh in den Fokus der sogenannten Tourenfahrer geriet, egal, ob sie mit Fahrrad, Motorrad oder Automobil unterwegs waren. Vor allem in der Zwischenkriegszeit wurden in den einschlägigen Clubs und Vereinigungen dann auch eigene Camping-Sektionen gegründet, die nicht nur Service, Information und gemeinsame Aktivitäten für die Mitglieder boten, sondern durch Werbeaktionen auch weitere Bevölkerungskreise auf diese Art der Freizeitgestaltung aufmerksam machen konnten. Und das Interesse daran war im Steigen begriffen, da nach dem Ersten Weltkrieg die tägliche und wöchentliche Arbeitszeit eingeschränkt worden waren und man somit über mehr freie Zeit verfügen konnte.

Ebenfalls förderlich auf das Camping wirkte sich in der Zwischenkriegszeit die wirtschaftlich krisenhafte Situation aus, konnte man auf diese Weise doch einiges an Übernachtungs- und Gastronomiekosten einsparen, wenn man unterwegs war. Das Motto lautete: „Ferientage im eigenen Hotel“, also im Zelt, vereinzelt auch schon in einem an ein Automobil angehängten Caravan. Neben finanziellen Erwägungen spielte dabei freilich auch die Tatsache eine Rolle, dass die Tourenfahrer als Übernachtungsgäste von Hotels und Pensionen zum Teil nicht gern gesehen waren. Andererseits fürchteten manche Gastwirte und Beherbergungsbetriebe um ihr Geschäft, weil sie es durch das zunehmende Interesse am Zelten gefährdet sahen. Ein Aspekt, der in der Zwischenkriegszeit immer wieder betont wurde, war die Möglichkeit, beim Campen die Heimat (die touristischen Aktivitäten der österreichischen Bevölkerung beschränkten sich damals noch größtenteils auf das eigene Land) besser kennenzulernen und intensiver erleben zu können, da man in der freien Natur einen unmittelbareren Bezug zu ihr erhalte, als beim Übernachten in Ortschaften und befestigten Unterkünften.

Überspringe den Bilder Slider
Springe zum Anfang des Bilder Slider

Von nationalsozialistischer Seite wurde das Camping – wenn auch nicht unter diesem fremdsprachigen Begriff – ebenfalls gefördert. Es zählte zu den beliebtesten Aktivitäten der Hitlerjugend und wurde massiv für politische und paramilitärische Zwecke instrumentalisiert. Im Handbuch für die 10-14-jährigen Mädchen in der Hitlerjugend „Jungmädels Welt, Heim und Zelt“ von 1934, in dem dem Zeltlager ein eigenes Kapitel gewidmet war, hieß es dazu: „Wir lernen hier draußen im Zelt die große Kameradschaft kennen, die uns Vorbereitung sein soll für die heilige Volksgemeinschaft, für das Höchste und Beste eines Volkes! Wer hier draußen die Kameradschaft nicht begreift, der wird sie wohl nie verstehen! Ihn können wir aber auch nicht länger dulden! Alles, was wir hier draußen erleben, bindet uns enger an unsere Heimat, an das Volk, das diese Heimat besitzt. Und so soll unser Lager ein Gesicht tragen: wir wollen Kameraden werden, damit wir später aus unserm Volke nicht verstoßen werden!“

Überspringe den Bilder Slider
Springe zum Anfang des Bilder Slider

Deutlich wird hier, dass das Zelten oder Campen, das den einen dem Ausleben ihrer Individualität diente und Ungezwungenheit und Spontaneität bedeutete, andererseits auch in den Dienst des Kollektivs gestellt und für die Einübung in Zwang, Gehorsam und Unterordnung genutzt werden konnte. An Letzterem änderte auch die Tatsache nichts, dass es damals gerade für Mädchen durchaus einen Zugewinn an Freiheit bedeuten konnte, wenn sie sich im Rahmen der Hitlerjugend-Aktivitäten – womöglich zum ersten Mal – fern von den Zwängen der eigenen Familie und den einschränkenden traditionellen Geschlechterrollen zusammen mit Gleichaltrigen im Freien und bei sportlichen Aktivitäten bewegen konnten, Abenteuerfeeling bei Lagerfeuer, Baumklettern, Bogenschießen etc. inklusive.   

 

Mobile Dinge

Die Ausbreitung von Camping- und auch Picknick-Aktivitäten hatte eine Reihe neuer Behelfsmittel und Konsumgüter zur Folge. Während in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zumindest für das gelegentliche Camping oft auch mit Hilfe bereits vorhandener Gebrauchsgegenstände improvisiert wurde, stieg das Angebot an Spezialartikeln mit der Entwicklung der modernen Massenkonsumgesellschaft ab den 1950er Jahren deutlich an – und es konnte dank steigender Einkommen und sinkender Preise auch von immer mehr Menschen erworben werden.

Als besonders förderlich erwies sich dabei der zunehmende Einsatz von Kunststoffen ab den 1950er Jahren: Leicht und unzerbrechlich, das waren ideale Materialeigenschaften für Dinge, die man außer Haus mit sich führen und nutzen wollte. Neben den passenden Materialeigenschaften ist bei mobilen Dingen aber auch das spezifische Design ein wichtiger Punkt. Diesbezüglich gibt es eine in der Geschichte weit zurückreichende Tradition, die weitaus älter ist als das moderne Camping (und die unter anderem mit der Geschichte der militärischen Ausrüstung, aber auch allgemein mit der Geschichte des Reisens zusammenhängt), die unterwegs benötigten Gegenstände kleiner, einfacher und leichter als üblich oder aber zusammenklappbar zu gestalten. Auch in dieser Hinsicht schuf der Einsatz von Kunststoffen neue Möglichkeiten: So finden sich in den Sammlungen des Wien Museums verschiedene aufblasbare Kleiderbügel aus Kunststofffolie, die man platzsparend mitführen und vor dem Gebrauch mit einem „Körper“ aus dem eigenen Atem versehen konnte.     

Überspringe den Bilder Slider
Springe zum Anfang des Bilder Slider

Außerdem sind für das Camping im Lauf des 20. Jahrhunderts spezialisierte Fahrzeugtypen wie Wohnwägen verstärkt auf den Markt gekommen. Als sich ab den 1950er Jahren immer mehr Menschen ein Auto leisten konnten, erlebte das Camping einen weiteren Aufschwung und damit einhergehend auch die Errichtung von entsprechender Infrastruktur, unter anderem von Campingplätzen, die am Land, aber auch an der Peripherie von Großstädten, so auch in Wien, entstanden.

Für das Camping geeignete Produkte, vom Benzinkocher bis zum Klapprad, wurden nicht nur in den einschlägigen Zeitschriften beworben, sondern auch in Form von Plakat- und Schaufensterwerbung. Besonders beliebt waren ab den 1950er Jahren zudem Camping-Ausstellungen. Im größeren Rahmen fanden sie beispielsweise im Wiener Messepalast oder im Palais Auersperg statt. Im kleineren Rahmen wurden sie von einzelnen Händlern zur Präsentation des eigenen Camping-Sortiments genutzt – so etwa 1953 vom Kaufhaus Gerngross auf der Mariahilferstraße, wo unter dem Motto „Alles für’s Camping“ in Form anschaulicher Szenerien verschiedene Waren wie Proviantboxen, Thermosflaschen, Hängekessel für das Lagerfeuer, Klapptische und Klappsessel, Zelte und tragbare Radios gezeigt wurden. 

Passend zu den Camping-Aktivitäten wurde schließlich schon bald geeignete Kleidung angeboten. Verstärkt ab der Zwischenkriegszeit kamen Kleidungsstücke in Mode, in denen man trotz aller gebotenen Bequemlichkeit, Zwanglosigkeit und Strapazierfähigkeit „ordentlich angezogen“ wirkte. Als gut geeignet galten damals unter anderem Knickerbocker, Flanellhosen, Shorts, Sweater, Polohemden oder Lumberjacks, selbst den Damen gestand man in diesem sportlichen Rahmen bereits das Hosentragen zu, das außerhalb sportlicher und häuslicher Aktivitäten noch verpönt war.  

Susanne Breuss studierte Europäische Ethnologie, Geschichte, Philosophie und Soziologie an der Universität Wien und an der TU Darmstadt und ist seit 2004 Kuratorin im Wien Museum. Sie unterrichtet an der Universität Wien und schreibt für die Wiener Zeitung. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen historische und gegenwärtige Alltagskulturen sowie museologische Fragen. 
 

Kommentar schreiben

* Diese Felder sind erforderlich

Kommentare

Brigitte Kraft

Ein ausgezeichnet recherchierter Artikel - danke! Eine dazu passende Ausstellung wäre anzuraten!