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Christian Hlavac, 28.4.2021

Mythos Biedermeiergarten

Rückzug hinter den Gartenzaun

Unter einem Biedermeiergarten stellt man sich gewöhnlich einen intimen, wohnlich eingerichteten Außenraum vor. Doch stimmt dieses Idealbild überhaupt? Ein historischer Blick ins Grüne.

Am 19. März 2021 betitelte der Norddeutsche Rundfunk einen Beitrag mit „Corona: Eine Renaissance des Biedermeier“. Bereits einige Monate zuvor hatte der deutsche Psychologe Stephan Grünewald festgestellt, dass viele Menschen in der Pandemie „endlich zur Ruhe gekommen seien“ und „ihren Garten genossen hätten“. Diese neue Fokussierung auf den Garten zeigt sich auch an den markant gestiegenen Umsätzen in Gärtnereien und Gartencentern. So liegt es nahe, ein neues Biedermeiergarten-Zeitalter auszurufen. Aber hat es den idealtypischen Biedermeiergarten überhaupt je gegeben? Das Beispiel Wien zeigt: Nein, denn wir kennen nur von einer Handvoll Gärten nähere Details zu Gestaltung und Ausstattung.

In der Populärliteratur gilt das Zeitalter des Biedermeier – beginnend mit dem Wiener Kongress 1814/1815 und endend mit dem Revolutionsjahr 1848 – noch immer als Periode des Friedens, aber auch der Reaktionäre. Der Name steht einerseits für häusliche Idylle, für Geborgenheit im Kreise der Familie und für Behaglichkeit in den eigenen vier Wänden, andererseits für die idyllische Verklärung einer Epoche vermeintlicher gesellschaftlicher Stabilität bei gleichzeitigem Rückzug ins unpolitische Private. Gerade das Private wird in dieser Epoche mit dem eigenen Garten assoziiert, in dem auf repräsentativen Prunk verzichtet wird.

Der Kunsthistoriker Willi Geismeier hat 1979 das Biedermeier als eine Zeit des „Einnisten im vertraut Nahen“ definiert. Doch im Garten wird am Beispiel der einzelnen Pflanze ein Paradoxon von Nähe und Ferne sichtbar: Zahlreiche botanisch versierte Bürger der damaligen Zeit schätzten die einzelne Pflanze (im Idealfall eine eigene Züchtung) sowie eine Vielfalt an Sorten mehr als eintönige Massenpflanzungen. Doch die steigende Anzahl neuer Sorten war ohne Importe aus fernen Weltgegenden gar nicht möglich. Schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war der Pflanzenhandel stärker vernetzt als wir heute vielfach vermuten. Neue Sorten mit ihren individuellen Ausprägungen waren die „Stars“ bei den nun einsetzenden Blumenausstellungen, bei denen Züchtungen anderer Gartenfreunde zu bewundern waren und gefachsimpelt werden konnte.

Der Gründerkreis der k. k. Gartenbau-Gesellschaft war es, der die erste Ausstellung im heutigen Österreich durchführte. Sie fand an vier Tagen im Mai 1827 in einem Gewächshaus des Fürsten Schwarzenberg am Rennweg statt. In der Begleitpublikation wurde die „Blumenliebhaberei“ und deren Förderung durch das Herrscherhaus betont: „In welchem Lande könnte [… eine Pflanzenausstellung] zu grösseren Hoffnungen berechtigen, als gerade hier, wo die Pflanzenwelt in der höchsten Person unsers Allergnädigsten Kaisers sich eines eben so ausgezeichneten Kenners, als Erlauchten Beschützers erfreut.“ Der äußerst gartenaffine und sich oft bürgerlich gebende Kaiser Franz galt schon damals als Förderer der Gartenkunst und Blumenkultur.

In der ummauerten Stadt gab es keinen Platz für Privatgärten. Die Mehrzahl der Menschen in Wien und den Vorstädten lebte auf engem Raum und hatte meist nur einen – im besten Fall begrünten – Innenhof als Freiraum. Viele Vororte hingegen waren noch stark ländlich geprägt. So verwundert es nicht, dass die Zahl an bürgerlichen Gärten, welche vor allem in den östlichen Vorstädten zu finden waren, mehr als überschaubar ist.

Der berühmteste Biedermeiergarten Wiens

Als Idealtypus für einen bürgerlichen Biedermeiergarten im Großraum Wien gilt noch heute die Rosenbaumʼsche Anlage auf der Wieden. Dies deshalb, weil wir über diesen Garten inzwischen gut unterrichtet sind. Bauherr war Joseph Karl Rosenbaum (1770–1829). Der Sekretär von Graf Carl Esterházy erwarb im Jahre 1816 anfangs nur ein rund 1.900 m² großes Grundstück im heutigen 4. Bezirk. Dieses wurde unter der Leitung des deutschen Gärtners Joseph Streibl zu einem vielbesuchten Garten ausgestaltet. Ob Rosenbaum selbst Hand im Garten angelegt hat – diese manuelle Tätigkeit im eigenen Garten ist ebenfalls eine spätere Zuschreibung an den idealtypischen Biedermeiergarten –, lässt sich aufgrund fehlender Quellen nicht klären.

Obwohl die Anlage anfangs alles andere als weitläufig war und erst später auf rund 3.200 m² erweitert wurde, wirkte das Areal durch die dichte, vielgestaltige Bepflanzung und die zahlreichen Kleinbauten – wie eine Sonnenuhr, eine Laube, eine Vogelvoliere, eine Schaukel und ein Karussell – optisch viel größer. Besonders auffällig im Gelände war der 15 Meter hohe gotische Aussichtsturm mit einer Camera obscura. Neben diesen Attraktionen war die Anlage von einer großen Vielfalt an Blumen, Sträuchern und Obstbäumen geprägt. Ein kleiner Weingarten umfasste 200 Stöcke. Markant gestaltete sich der „Rosenweg“, welcher der Beschreibung von Franz Carl Weidmann zufolge „gleichsam von einer Allee aus Rosenbäumen gebildet“ wurde und Teil der 40.000 Stück umfassenden Rosensammlung war. Die Mannigfaltigkeit der Kleinarchitektur, gepaart mit üppiger Vegetation, erweckt aus heutiger Sicht den Eindruck überbordender Fülle, die dem idealtypischen Biedermeiergarten nachgesagt wird.

Vor allem für seine Pelargonien, Chrysanthemen und Rosen war der Garten des Kaufmannes, Bücherzensors und Hobbybotanikers Johann Baptist Rupprecht (1776–1846) in Gumpendorf bekannt. Das vom deutschen Mediziner Joseph August Schultes während seiner Wien-Reise 1817 gefällte Urteil über den Garten war eindeutig: Für ihn stand fest, dass jeder, der eine „interessante Rosensammlung und eine artige Collection von Pelargonien“ sehen will, diesen Garten besuchen müsse. Die 1825 publizierte Ansicht des Hauses Rupprecht zeigt mehrheitlich in zwei Reihen aufgestellte Topfpflanzen, die dicht an der Fassade stehen, aber auch als Wegbegrenzung fungieren.

Professionalisierung des Blumenhandels

Aber woher stammten die Blumen in Gärten wie jenen von Joseph Karl Rosenbaum und Johann Baptist Rupprecht? Manche Gartenbesitzer besaßen den Luxus eigener Gärtnereien oder hatten Handelsbeziehungen zum Import von Pflanzen. Wo Gartenbesitzer ohne eigene Gärtnerei ihre Blumen beziehen konnten, lässt sich wiederum aus einem Zeitungsartikel des Pflanzenzüchters Franz Josef Kolb aus dem Jahre 1834 herauslesen, in dem mehrere „Pflanzen-Eigentümer, welche Pflanzen gegen Tausch oder Geldverwertung abgeben“, empfohlen werden. An erster Stelle nennt Kolb den Garten des Sigismund von Pronay (1780–1848) in Hetzendorf. Dieser war ehrenamtlich als Vizepräsident der k. k. Gartenbaugesellschaft tätig und dürfte mehrere Reisen nach England unternommen haben, um neue Pelargonien nach Hause zu bringen. Der bereits erwähnte Schultes berichtete nach seiner Wien-Reise 1817, dass dessen Sammlung von Gewächsen aus Australien einzigartig sei und manche Seltenheit enthält, „die selbst in den kaiserlichen Gärten noch fehlt.“ Der preußische Gärtner Emil Sello vermerkte anlässlich seiner dreijährigen Ausbildungsreise, die ihn 1838 zuerst nach Wien führte, zahlreiche neue Varietäten von Rhododendren und Kamelien im Garten Pronays.

800 Sorten Pelargonien

Als zweite Adresse wird den Blumenliebhabern der Garten Klier unter den Weißgärbern im heutigen 3. Bezirk empfohlen. Der beamtete Buchhalter Jakob Klier (1790–1868) besaß ab 1822 einen Garten am rechten Donauufer nahe der Sophien-Kettenbrücke. Er war als Blumenzüchter einer der Wegbereiter für die Anpflanzung von Pelargonien und Pfingstrosen in Österreich. Laut einem Bericht aus dem Jahr 1830 soll er 800 Sorten Pelargonien in 4.000 Exemplaren besessen haben. Über viele Jahre hinweg veranstaltete Klier, der ebenfalls Mitglied der Gartenbaugesellschaft war, eine Pelargonien-Ausstellung. Nachweisen lassen sich in seinem Garten auch Dahlien und Hunderte verschiedene Rosen.

Neben diesen beiden privaten Gärten zählt Kolb zahlreiche Handelsgärtner auf, die vor allem im heutigen 3. Bezirk ihren Stammsitz hatten und neben Pflanzen für den Garten auch Blumen für Innenräume verkauften. Zu ihnen gehörte Johann Angelotti (1774–1851) mit seinem Betrieb auf der Landstraße. Angelotti empfahl sich 1831 per Inserat in der Wiener Zeitung „zur Besorgung von Wintergärten, Blumen-Tischen und Bouquets.“
Bekannt war zu dieser Zeit auch der aus Hessen stammende Handelsgärtner Johann Conrad Rosenthal (gest. 1843), der auf der Landstraße einen Gartenbaubetrieb eröffnete. Seine Spezialitäten waren Rhododendren, Azaleen, Hyazinthen, Narzissen und Tulpen. Im Jahre 1820 ersuchte er, zwischen den Strebepfeilern an der Augustiner-Hofkirche eine gemauerte „Pflanzen- und Blumenverkaufshütte“ errichten zu dürfen. 1822 gab Angelotti bekannt, dass er dort nun eine „Blumen-Verkaufsanstalt“ betreibe. Täglich nahm man dort Bestellungen für Blumenlieferungen zur Besetzung von Blumentischen, zur Dekorierung von Vasen und Zimmern sowie für Bouquets entgegen. Die Kunden erhielten in diesem neuartigen Blumenladen auch Vasen aus Porzellan und Glas, Gartentöpfe und Blumenzwiebel.

Ein ähnliches Geschäft betrieb Joseph Held, Handelsgärtner auf dem Rennweg, der einige Jahre später ebenfalls ein Geschäftslokal in der Stadt betrieb: ein „Blumen-Verschleißgewölbe“ am Franziskanerplatz. Martin Graber, Handelsgärtner auf der Wieden, hatte im Seitzerhof ein „Blumen- und Pflanzenverkaufs-Lokal“, in dem man Pflanzen für Blumentische, Bouquets, Wintergärten und den eigenen Garten kaufen konnte. Seine Spezialitäten waren Hortensien und Kamelien. Diese neuartigen Verkaufsläden zeigen, dass die Handelsgärtner aus den Vorstädten in den 1820er-Jahren den wirtschaftlichen Sprung in die Stadt wagten und dort Blumenläden im heutigen Sinne eröffneten.

Der Biedermeiergarten: ein Phantom

Wie steht es nun um „den“ Biedermeiergarten? Man könnte es pointiert formulieren: Wir laufen einem Phantom nach, denn es gibt – nicht nur im Wiener Raum – einfach zu wenige Beispiele, um eine generelle Aussage über den bürgerlichen Garten im Biedermeier treffen zu können. Die Kleinheit der intimen, bunten Gärten, die als wohnlich-bequem eingerichtete Außenräume verstanden werden können, und der Drang, jeden Winkel zu nützen, dürften die einzigen Gemeinsamkeiten gewesen sein. Schließlich ist bei der Verklärung des Biedermeiergartens zu bedenken, dass es Anfang des 19. Jahrhunderts in und um die ummauerte Stadt keine öffentlich zugänglichen Grünanlagen im heutigen Sinn gab – wer Zeit hatte, suchte den Augarten, den Prater oder das großteils nicht verbaute Glacis vor der Stadtbefestigung auf. Diese Situation änderte sich erst mit dem am 1. Mai 1823 eröffneten Volksgarten; er war die erste eigens für die Öffentlichkeit errichtete Gartenanlage Wiens.

 

Literatur:

Heinz Althöfer: Wiener Gärten des Vormärz, in: Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte, 18. Band, Wien 1960, S. 103–160

Christian Hlavac, Astrid Göttche: Die Gartenmanie der Habsburger. Die kaiserliche Familie und ihre Gärten 1792–1848, Wien 2016

F. J. Kolb: Für Blumen- und Pflanzenliebhaber, in: Der Wanderer. 2. Juni 1834, [S. 1 f.]

Ingrid Prohaska: Verschwundene Paradiese. Biedermeiergärten in Wien. Diplomarbeit Technische Universität Wien, 2013

Joseph August Schultes: Über die Gärten in und um Wien, in: Erneuerte vaterländische Blätter für den österreichischen Kaiserstaat. Blätter Nr. 18–21, Wien 1818, S. 69–82

Clemens Alexander Wimmer (Hrsg.): Ein Gärtner auf Grand Tour. Emil Sellos Tagebuch seiner Europareise 1838–1840, Ilmtal-Weinstraße 2020

Christian Hlavac studierte Landschaftsplanung an der Universität für Bodenkultur Wien und Architektur an der TU Wien. Er arbeitet als Landschafts- und Gartenhistoriker sowie als Publizist. Soeben ist sein neues Buch „Wiener Parkgeschichten“ (Amalthea Verlag) erschienen.

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