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Bernhard Hachleitner und Peter Stuiber, 7.10.2019

Praterstadion

„Es ging nicht um einen Fußballplatz mit großer Tribüne“

Das Wiener Praterstadion war ein ambivalentes Großprojekt des Roten Wien. Einerseits wollte man sich damit anlässlich der zweiten Arbeiterolympiade als sozialdemokratische Musterstadt präsentieren. Andererseits „gibt es keinen sozialdemokratischen Sport“, meinte Stadtrat Julius Tandler. Als Bauwerk war es eher untypisch für seine Zeit, wie der Historiker Bernhard Hachleitner im Interview erklärt.

PETER STUIBER

Wann entstanden in Wien die ersten Pläne zur Errichtung eines großen Stadions?

BERNHARD HACHLEITNER

Diskussionen und Pläne – etwa für den Bereich der Jesuitenwiese  - gab es schon vor dem Ersten Weltkrieg, doch diese waren mit Kriegsbeginn schnell obsolet.  Aber schon im Jänner 1919 haben Sportorganisationen ein Stadionkomitee gegründet. Anfang der 20er Jahre entstanden dann ziemlich wahnwitzige Ideen zur privaten Errichtung eines Stadions in den Fasangärten bei Schloss Schönbrunn. Mit einer Hauptarena für 100.000 Besucher plus Nebenanlagen. Ein anderer Ort waren die Kongressgründe, wo sich heute das Bad befindet. Das Fußball-Nationalteam hätte dort ebenso spielen sollen wie ein Fußballclub, außerdem waren für den Sommer Aufführungen des Burgtheaters geplant. Doch auch dieses für die Inflationszeit typische, gigantomanische Projekt wurde nicht realisiert.

PS

Aber es ging letztlich immer um ein gesamtes Sportareal und nicht um ein einzelnes Stadion?

BH

Ja, wobei man beachten muss, dass der Begriff Stadion damals ohnehin etwas anderes bezeichnete als heute. Mit Stadion meinte man einen ganzen Sportpark. Was wir heute als Stadion bezeichnen, wurde als „Hauptkampfbahn“ bezeichnet. Dazu kamen meist eine „Nebenkampfbahn“, Anlagen für den Breitensport, Schwimmbad, Radrennbahn, Tennisplätze etc. Es ging also ursprünglich nicht nur um einen Fußballplatz mit großer Tribüne.

PS

Was war letztlich der Auslöser, dass die Gemeinde aktiv wurde?

BH

Mitte der 20er Jahre war nach den gescheiterten Projekten klar: Wenn´s ein Stadion geben soll, dann muss es kommunal finanziert werden.

PS

Das Projekt wurde dann auch ziemlich rasch durchgezogen…

BH

Dafür war sicher Julius Tandler verantwortlich. Als mächtige Figur in der Stadtregierung waren Sportangelegenheiten seinem Gesundheitsressort zugeordnet, und er hat sehr autonom entschieden. Bei der Legitimation für ein solches Projekt war es natürlich wichtig, dass nicht nur eine Arena errichtet wird, sondern dass es um ein gesamtes körperkulturelles Konzept geht. Der Arbeiterbund für Sport und Körperkultur (ASKÖ) argumentierte etwa: „Wir haben nichts davon, dass 40.000 Personen zuschauen, wenn 22 Leute sich auf dem Fußballplatz betätigen, sondern wir wollen, daß die 40.000 Zuschauer sich sportlich betätigen.“ 

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Der Bau des Praterstadions, Fotos von Bruno Reiffenstein aus den Jahren 1929/30, Sammlung Wien Museum

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Der Bau des Praterstadions, Fotos von Bruno Reiffenstein aus den Jahren 1929/30, Sammlung Wien Museum

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PS

Warum wurde dieses Versprechen letztlich kaum eingelöst?

BH

Was gebaut wurde, mag aus heutiger Sicht vielleicht absurd erscheinen, zumindest wenn man die sozialdemokratische Rhetorik des partizipativen Sports ernst nimmt. Denn der Entwurf  von Otto Ernst Schweizer hat viele Vorgaben einfach ignoriert. Die Stadt hatte zu einem kleinen Wettbewerb geladen, mit nur vier Architekten bzw. Architektenteams, jeweils zwei aus Österreich und zwei aus Deutschland. Dass dann ein Deutscher den Auftrag bekam, hat in der heimischen Architektenschaft für Diskussionen gesorgt.  Zur Entscheidungsfindung selbst gibt´s so gut wie keine Unterlagen. Letztlich dürfte Julius Tandler die Entscheidung selber getroffen haben. Er hat einige Stadien besichtigt, dasjenige in Nürnberg hat ihm gefallen – und dessen Architekt erhielt letztlich den Auftrag.

PS

Worin unterschied sich der Entwurf von der Ausschreibung?

BH

Der Ausschreibungstext war stark auf einen Sportpark, auf Aufmarschmöglichkeiten, eine Wiese etc. fokussiert.  Im Zentrum von Schweizers Entwurf stand ein Stadion, das am besten für den kommerzialisierten Zuschauersport in Form von Fußball geeignet war, allein schon aufgrund der geschlossenen Form. Es gab ja keine Öffnung wie etwa später beim Olympiastadion in Berlin, das direkt mit dem angrenzenden Maifeld, auf dem Propagandaveranstaltungen abgehalten wurden, verbunden ist. In Wien ist letztlich auch nicht alles gebaut worden, was ursprünglich vorgesehen war, etwa die Sportschule. Aber das Bad war ein integrativer Bestandteil, ebenso die offene Radrennbahn. Insgesamt war der partizipative Aspekt in der Planung stärker als er jetzt ist. 

PS

Dennoch wich das Stadion von damals proklamierten sozialdemokratischen Grundsätzen ab…

BH

Das war eigentlich allen klar, das ist auch aus Aktennotizen herauszulesen. So war der Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Die Sozialdemokratie hat ja den Profifußball strikt abgelehnt. Zugleich hat Tandler im Gemeinderat gesagt: Es gibt keinen sozialdemokratischen Sport. Es war ein Beispiel für Pragmatik. Und zwar in zweierlei Hinsicht: Es gab ja bereits Fußballplätze in Wien, z.B. die Hohe Warte mit 60.000 Plätzen. Aber mit dem Stadion gelang es der Stadt, den Fußball ein bißchen unter Kontrolle zu bekommen. Zum anderen standen auch rein wirtschaftliche Überlegungen dahinter: Denn anders als die Opposition vermutet hat, übernahm nicht der ASKÖ den Betrieb, sondern es wurde eine eigene Betriebsgesellschaft gegründet, in der auch z.B. der Tourismusverband vertreten war. Es war klar, dass mit vielen Fußballspielen Geld hereinkommt. Das hat schon eine Eigendynamik entwickelt. Und schon bald haben sich wiederum die bürgerlichen und sozialdemokratischen Sportverbände gemeinsam beschwert, dass die Mieten für das Stadion zu hoch sind…

Panorama Bild

Panorama des Praterstadions, 1931 (5 Fotos auf einen Karton montiert), Fotograf unbekannt, Sammlung Wien Museum

PS

Wie sah das Stadion im Vergleich zu anderen Stadienbauten der Zeit aus?

HP

Wie alle Stadien seiner Zeit, war auch das Praterstadion aus Stahlbeton, anders etwa als im Wohnbau, wo noch viel mit Ziegeln gebaut wurde. Dass diese Stahl-Beton-Fassade unverhüllt und mit Glas versehen war und der ganze Bau schmucklos war, machte das Praterstadion damals zur Besonderheit, vergleichbar etwa mit Rotterdam. Die Stadien des italienischen Faschismus verhüllten zwar den Beton auch nicht, doch es gab Türme, massive Portale oder Reiterstatuen. Beim Berliner Olympiastadion wiederum wurde der Stahlbeton mit Stein verkleidet, um das Ganze wuchtiger erscheinen zu lassen. Insgesamt fällt auf, dass das Wiener Stadion extrem unhierarchisch konzipiert war, mit 50.000 Stehplätzen, 10.000 Sitzplätzen und nur einer kleinen Plattform für Ehrengäste. 

PS

In unserer Ausstellung und im Katalog zum „Roten Wien“ ist das Praterstadion natürlich vertreten. Und es war ein Projekt des Roten Wien, dennoch hat es einen Sonderstatus. Es ist mit Prestigeprojekten wie den Gemeindebauten oder dem Amalienbad nur bedingt vergleichbar. 

HP

Die Grundsteinlegung zum Stadion fand aus Anlass des zehnjährigen Republikjubiläums statt. Insofern war der staatspolitische Kontext von Anfang an viel stärker. Der sozialdemokratische Bürgermeister Karl Seitz stellte es in eine Tradition mit Jubiläums-Bauprojekten im Sozialbereich, die es in ähnlicher Form schon in der Kaiserzeit gab. Im Stadion gab es bald nach der Eröffnung auch deutschnationale oder christliche Veranstaltungen, etwa den Katholikentag 1933. Die Bespielung war sehr breit. Die sichtbarste Verbindung zur Sozialdemokratie war die Arbeiterolympiade. Danach fanden nur mehr einzelne sozialdemokratische Massenveranstaltungen statt, darunter auch eine Feier des Arbeitersängerbunds Alsergrund, zu der im Oktober 1933 60.000 Besucher kamen. Sie wurde zur letzten Großveranstaltung des Roten Wien. Schon vorher war das Stadion die Heimstätte des Wunderteams geworden. Allein schon deshalb ist es aus dem Kontext des Roten Wien rausgerückt – noch vor dessen gewaltsamen Ende.

 

Weiterführende Informationen zum Praterstadion erhält man auf Wien Geschichte Wiki.

Bernhard Hachleitner, Historiker und Kurator. Hat seine Dissertation zum Wiener Praterstadion verfasst. Zahlreiche Publikationen und Ausstellungen zu Wiener Populärkulturen, insbesondere Sport. Zuletzt: Die Wiener Austria im Nationalsozialismus. Wien/Köln/Weimar 2019 (mit Matthias Marschik/Rudolf Müllner und Johann Skocek); Victor Th. Slama: Plakate Ausstellungen Masseninszenierungen. Wien 2019 (Hg. mit Julia König).

Peter Stuiber, Studium der Geschichte und Germanistik in Wien und Paris. Arbeitete als Journalist, seit 2005 im Wien Museum, bis 2018 als Pressesprecher und im Bereich Marketing. Ausstellungen und Bücher zur österreichischen Design- und Kulturgeschichte. Seit 2019 Leiter der Abteilung Publikationen und Digitales Museum, redaktionsverantwortlich für Wien Museum Magazin.

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