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Ursula Storch, 12.6.2020

Reiseillusionen

„Spazierfahrt durch Italien in einer halben Stunde“

Urlaubsreisen werden heuer nur in eingeschränktem Maße möglich sein. Wer früher aus finanziellen Gründen zuhause bleiben musste, der konnte sich ab dem 19. Jahrhundert zumindest gedanklich und sinnlich in nahe und ferne Länder versetzen lassen - dank Guckkasten, Laterna Magica, Panoramen oder Vergnügungsparks wie „Venedig in Wien“.

Der Sommer 2020 wird uns wohl allen länger in Erinnerung bleiben – er wird sich für die meisten von uns anders als „normale“ Sommer gestalten. Urlaubsreisen werden heuer nur in eingeschränktem Maße und unter besonderen Bedingungen möglich sein, und Umfragen zufolge planen viele, sich ganz einfach nach Balkonien zurückzuziehen oder „Urlaub auf Dahamas“ (Der Standard), also in Österreich zu machen. Unter dem Motto „Urlaub daheim“ bieten auch die Wiener Fremdenführer bereits Stadttouren für Einheimische an.

In Zeiten wie diesen realisiert man plötzlich, dass uns viele Dinge – darunter auch das Reisen – längst selbstverständlich und damit alternativlos geworden sind. Wirft man einen Blick zurück auf die Geschichte des Tourismus, so wird deutlich, dass das Reisen für breitere Bevölkerungsschichten erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts möglich wurde. 1835 war der erste Reiseführer, Karl Baedekers „Rheinreise. Ein Handbuch für Schnellreisende“ erschienen, und zehn Jahre danach hatte Thomas Cook in England das erste Reisebüro eröffnet. Aber auch zuvor hatten sich die Menschen bereits für fremde Länder und Kontinente interessiert und Informationen darüber aus Reiseromanen und Berichten von Forschungsreisenden bezogen.

Parallel dazu entstand um 1800 eine spezielle Vergnügungsbranche, die den Zauber der Ferne – Afrika, den Nordpol oder sogar den Mond – für Jedermann erlebbar machte. Dabei musste man gar nicht selbst in die Welt hinaus, sondern die Welt kam zum Publikum – preiswert, gefahrlos, und ohne Zeitaufwand.

Eine erste Form solcher imaginärer Reisen waren die Guckkästen, mit denen wandernde Schausteller schon im 18. Jahrhundert übers Land fuhren und Bilder aus aller Welt zeigten. Durch optische Linsen betrachtete man einen Spiegel, der ein auf dem Boden des Kastens liegendes Bild reflektierte – meist Ansichten fremder Städte und Länder, mit kräftigen Farben und mehrsprachigen Titeln für eine internationale Verwendung. Mit der Zeit wurden die Guckkästen immer vielfältiger und raffinierter: Bald wurden mehrere von ihnen zu stationären Schaustellungen kombiniert, die man „Optische Zimmerreisen“ oder „Zimmer-Panoramen“ nannte. In dieser Form etwa konnte man 1830 in Wien eine „Spazierfahrt durch Italien in einer halben Stunde“ unternehmen. Zur vertiefenden Information über die gezeigten Ansichten richtete der Veranstalter sogar ein Lesekabinett mit weiterführender Literatur für die Besucher ein.


Ein weiterer Meilenstein auf dem Weg der Entdeckung der Welt war die Erfindung des Panoramas durch Robert Barker, der 1787 in London das erste 360-Grad-Rundgemälde in einem eigens dafür konstruierten Panoramagebäude ausstellte. Durch einen dunklen Gang und über eine Treppe gelangten die Besucher auf eine Plattform, von wo aus sie das detailreiche Rundgemälde einer Stadt betrachten konnten. Schwache Beleuchtung unterstrich die Illusion, die reale Stadt vor sich zu haben. 1801 zeigte Robert Barker sein London-Panorama im Wiener Prater.

Laterna Magica als Vorläufer des Diaprojektors

Auch mit der Laterna magica, dem Vorläufer des Diaprojektors, holte man sich die Welt ins Haus: In einem dunklen Raum, in dem die Umgebung völlig ausgeblendet war, projizierte man auf Glas gemalte Bilder an die Wand. So konnte man ganze Lichtbildervorträge veranstalten, die in Wien z. B. im Theater in der Josefstadt oder im Strampfer-Theater (Tuchlauben 16) stattfanden. Durch ausgeklügelte Überblendungstechniken konnten auch zeitliche Abläufe wie etwa der Wandel von Tag zu Nacht dargestellt werden.

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Laterna Magica-Bild:Segelschiff und Boot zwischen Eisbergen, um 1875, Wien Museum

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Laterna Magica-Bild: Leuchtturm und Schiffe im Sturm, um 1875, Wien Museum

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Laterna Magica-Bild: Kirchenruine in England, um 1875, Wien Museum

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Laterna Magica-Bild: Jerusalem, um 1875, Wien Museum

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Laterna Magica-Bild: Konstantinopel, um 1875, Wien Museum

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Laterna Magica-Bild: Mondlandschaft mit Stalagmiten und Vulkankegel, um 1880, Wien Museum

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Mehrere Vergnügungsetablissements boten im Wien der Biedermeierzeit die Möglichkeit eines abendlichen Lokalbesuchs als Reise in ein fernes Land. In den weitläufigen Kellerfluchten des St. Anna-Gebäudes in der Johannesgasse wurde 1840 das „Neue Elysium“ eröffnet. Es lud zu einer Wanderung durch die ganze Welt ein. Als typisch empfundene Versatzstücke und Dekorationen, aber auch die Kleidung des Servierpersonals machten aus den einzelnen Gastsälen die „vier Welttheile“. Noch im selben Jahr wurde das Angebot um „Australien“ erweitert, und ab 1841 lockte man das Publikum mit einer „Reise in den Mond“.

Die großen Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts in London, Paris und 1873 schließlich auch in Wien, ermöglichten eine Reise um die Welt an einem einzigen Tag. In der Wiener Weltausstellung, die im Prater stattfand, konnte man die Welt von West nach Ost durchwandern: Die Anordnung der einzelnen Länder entsprach ihrer geographischen Lage. Ein japanischer Tempel war ebenso zu bestaunen wie ein portugiesisches Schulhaus, ein Indianer-Wigwam, ein Schwarzwälder Bauernhaus oder ein türkisches Bad. Natürlich war auch eine kulinarische Weltreise möglich, in Form von spanischen oder französischen Restaurants, einer italienischen Weinkosthalle oder einem türkischen Kaffeehaus. Im Prater war das Angebot an imaginären Reisen besonders vielfältig, wobei hier natürlich das Vergnügen den Bildungsanspruch überwog. Dafür waren die Bilder der Ferne preisgünstig und für alle Schichten leistbar. Schiffskarussells boten die Illusion einer Seereise, die „American Scenic Railway“ täuschte eine Fahrt durch eine Gebirgslandschaft vor, und mit Grottenbahnen fuhr man von Genua nach Nizza, in die Wüste und zum Niagara-Fall. „Keine Reise ohne Ansichtskarte an die Daheimgebliebenen“ – dieses Motto galt auch für die Vergnügungsreisen im Prater. So boten Schausteller Postkarten ihrer Reiseillusionen an, mit vorgedruckten Aufschriften wie „Gruß vom Nordpol“. Die Imagination einer „echten“ Reise wurde so noch verstärkt und auf die Empfänger der Kartengrüße ausgedehnt.

Eine der faszinierendsten Wiener Reiseillusionen im Wiener Prater war ab 1895 der Vergnügungspark „Venedig in Wien“. Er befand sich im heutigen Bereich zwischen Praterstern, Hauptallee, Ausstellungsstraße und Riesenrad. Auf 50.000 Quadratmetern wurden typische Partien Venedigs nachgebaut: annähernd originalgroße und begehbare Palazzi, Kanäle, auf denen Gondeln fuhren, pittoreske Gassen und Brücken, italienische Restaurants und Geschäfte mit venezianischen Waren. Errichten ließ „Venedig in Wien“ der Theaterunternehmer Gabor Steiner, die Pläne lieferte der Architekt Oskar Marmorek. Schon im ersten Jahr stürmten die Wiener die Kopie der Lagunenstadt.

Der Campanile in Wien

Noch mehr Urlaubsflair vermittelte die Österreichische Adria-Ausstellung 1913, die abgesehen von Venedig auch Istrien und Dalmatien in den Wiener Prater holte. Für diese Ausstellung hatte man eine südländische Stadt mit Prätorenpalast, Campanile und pittoresken Häuserzeilen errichtet. In dem eigens angelegten See lag der detailgetreu nachgebildete Dampfer „Wien“ vor Anker, in dem das Ausstellungsrestaurant untergebracht war. Die extrem aufwändige Inszenierung sollte den Wienern wie auch den Wien-Touristen die adriatische Küste näherbringen, die imaginäre Reise sollte nicht zuletzt zur wirklichen Reise verleiten.

Es waren aber nicht nur illusionistische Stadtansichten, die imaginäre Reisen vermittelten. In „Buffalo Bill’s Wild West“-Show etwa, die sowohl 1890 als auch 1906 in Wien gastierte, führte  Oberst William Cody, der legendäre Wild-West-Held Buffalo Bill, gemeinsam mit 200 Indianern Szenen aus seinem abenteuerlichen Leben vor, darunter Büffeljagden, Überfälle auf Postkutschen, Indianerbräuche, Lassowerfen und Schießübungen. Im Amerikanischen Bürgerkrieg hatte Buffalo Bill als Späher für die US-Armee gegen die Indianer gekämpft, nun setzte er sich für den Fortbestand ihrer kulturellen Traditionen ein.

Die aufwändig inszenierte Exotik fremder Welten fand sich aber z.B. auch in einigen der glänzenden Feste, die Fürstin Pauline Metternich-Sándor zu wohltätigen Zwecken in der Rotunde veranstaltete. Für ihr „Großes japanisches Kirschblüthen-Fest“ 1901 kreierte der Theatermaler Gilbert Lehner ein 27 Pavillons umfassendes japanisches Stadt-Ensemble mit blühenden Kirschenbäumen, Teehäusern und hunderten Lampions. Im folgenden Jahr lud die Fürstin zum „Fest auf dem Mars“. Als Dekoration baute man ein 80 Meter langes Marspanorama mit einem rauchenden Vulkan und einem grünschimmernden Wasserfall. Ein 11 Meter hohes, mammutartiges „Marstodon“ aus Gips stand im Zentrum dieser Inszenierung, bei der rund 200 im „Mars-Stil“ gekleidete Damen der Gesellschaft für humanitäre Zwecke Lose verkauften.

Der Sommer 2020 wird anders, als andere Sommer, dessen sind wir uns bewusst. Die oben erwähnten Reiseillusionen des 19. Jahrhunderts stehen als Ersatz leider nicht mehr zur Verfügung. Sie wurden mit wenigen Ausnahmen, wie dem sehenswerten Tirol Panorama in Innsbruck, längst entsorgt, da wir gewohnt sind, „echte“ Reisen zu unternehmen, die höher bewertet werden als imaginäre Reisen. Aber vielleicht wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, sich die tausenden von Urlaubsfotos vergangener Reisen einmal in Ruhe anzusehen – um sich an schönen Erinnerungen zu erfreuen und gleichzeitig die Sehnsucht nach zukünftigen Reisen wach zu halten. Oder man liest das empfehlenswerte Buch von Karl-Markus Gauß mit dem Titel „Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer“ (2019)…

Ursula Storch, Studium der Germanistik und Kunstgeschichte in Wien, seit 1992 Kuratorin und seit 2008 stellvertretende Direktorin im Wien Museum. Zahlreiche Ausstellungen und Publikationen zu kunst- und kulturhistorischen Themen aus der österreichischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. 
 

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