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Andreas Nierhaus, 14.4.2020

Richard Neutras letzte Wiener Jahre

Die verhinderte Rückkehr

1923 wanderte Richard Neutra in die USA aus. In den 1960er Jahren wollte der mittlerweile weltberühmte Architekt wieder in seiner Heimatstadt Wien arbeiten. Er scheiterte am hiesigen Provinzialismus und am Neid der Konkurrenz. 

Vor fünfzig Jahren, am 16. April 1970, verstarb Richard Neutra, wenige Tage nach seinem 78. Geburtstag, während der Besichtigung des von ihm erbauten Hauses Kemper in Wuppertal an einem Herzinfarkt. Dass das Leben des gebürtigen Wieners, der 1923 in die USA ausgewandert und dort zu einem der bekanntesten und einflussreichsten Architekten des 20. Jahrhunderts geworden war, just in der nordrhein-westfälischen Industriestadt zu Ende ging, war Zufall – und doch auch wieder nicht. In den letzten Jahren seines Lebens hatte Neutra nämlich vermehrt Projekte außerhalb seiner Wahlheimat realisiert und dadurch seine ohnehin schon intensive Reisetätigkeit noch verstärkt. Neben großzügigen Einfamilienhäusern in Deutschland und der Schweiz, darunter für den Zeit-Herausgeber Gerd Bucerius und seine Frau Evelin, entstanden auch zwei Wohnsiedlungen in der Nähe von Frankfurt und Hamburg. Den geographischen und emotionalen Angelpunkt der Europa-Aufenthalte des  Ehepaares Neutra – Richard reiste stets in Begleitung seiner Frau Dione – bildete jedoch Wien. Hierher wollten die Neutras in den 1960er-Jahren zurückkehren – vergeblich. 

Neutra verband stets eine innige Beziehung zu seiner Heimatstadt, die für ihn auch mit schmerzlichen Erinnerungen verbunden gewesen sein muss: mehrere Verwandte waren der Shoah zum Opfer gefallen, seine Brüder Siegfried und Wilhelm waren vor den Nazis geflüchtet, seine Schwester Josefine hatte die NS-Zeit unter größter Gefahr in einer „privilegierten Mischehe“ überstanden. In den 1962 auf Deutsch publizierten Erinnerungen des Architekten („Auftrag für Morgen“) ist davon jedoch keine Rede, es überwiegt die verklärte Beschreibung von Kindheit und Jugend in der glanzvollen Hauptstadt der Donaumonarchie, deren bauliche Gestalt für Neutra stets vorbildlich blieb. Zugleich konnte man im Nachkriegs-Wien, anders als im Fall jener vielen Architekten, die 1938 aus „rassischen“ Gründen ins Exil gezwungen worden waren und deren Schicksal man in Österreich nach 1945 zu verdrängen versuchte, vorbehaltlos und ohne schlechtes Gewissen stolz auf Richard Neutra sein: Als 1949 die erste Ausstellung seiner Bauten im Museum für angewandte Kunst gezeigt wurde, berichtete die „Presse“, direkt unter einem Beitrag zur aktuellen Lebensmittelknappheit im Nachkriegs-Wien, begeistert über Neutras „Häuser aus Beton und Glas“ und feierte ihn als „Bahnbrecher und Neuerer, dem die Heimat Erfolge versagt hat, während ihm in der Neuen Welt eine kometengleiche Laufbahn beschieden war.“ Die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Beziehung zwischen Richard Neutra und Wien waren also gegeben.

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Seit den 1950er-Jahren hielt sich Neutra immer wieder in Wien auf, zum ersten Mal 1956 für den Vortrag „Bauen – ein menschliches Problem“ im Konzerthaus. Doch Neutra wollte nicht nur reden, sondern auch bauen: „Der weltberühmte österreichische Architekt stellt sich seiner Vaterstadt zur Verfügung“, titelte die „Presse“ am 13. Dezember 1957. Als ihm im Jahr darauf der Preis der Stadt Wien verliehen wurde, berichtete seine Frau Dione voller Genugtuung vom Reigen der Ehrungen, den Zusammenkünften mit prominenten Wiener Kollegen wie Erich Boltenstern, Oswald Haerdtl und Roland Rainer, von Fahrten zum Cobenzl und auf den Tulbinger Kogel, von Besuchen im Sacher und in der Konditorei Demel. Der ehemalige Wiener Kulturstadtrat Viktor Matejka dagegen betrachtete diese Aufenthalte nüchterner: „Man war über seine Welterfolge begeistert. Aber sonst rührte sich nichts. (...) Neutra sagte: ‚Wenn man mich ruft, bin ich da.‘ Düsseldorf rief ihn, Wien nicht.“

Und Wien sollte Richard Neutra auch weiterhin nicht rufen, wenn es ihn auch zu locken verstand: 1962 war er wieder in Wien, um an der Universität einen Vortrag zu halten. In jenem Jahr war erstmals die Rede von einem „Kultur- und Schuldorf“, das der Architekt auf dem Areal des Haschhofes in Kierling bei Klosterneuburg errichten sollte, aber auch den Bau des ORF-Landesstudios Salzburg wollte man ihm übertragen. Hans Haider schrieb später, dass Neutra sich damals „in ein Interessengewirr von lebensreformatorischer Anhängerschaft“ versponnen hätte, die teils „konservativ-elitär“ war und zugleich für den Architekten „als Apostel sozialen, menschengemäßen Bauens“ warb. Neutra ließ sich offenbar leicht instrumentalisieren – was ihm nicht zum Vorteil gereichte.

Als Neutra im Juni des darauffolgenden Jahres erneut die Reise nach Wien antrat, um am prominent besetzten 6. Europagespräch „Die europäische Großstadt – Licht und Irrlicht“ teilzunehmen, hatte eben erst ein tragisches Ereignis das Leben der Familie durcheinandergebracht: Das 1932 erbaute Haus am Silver Lake in Los Angeles war einem Brand zum Opfer gefallen, und mit ihm sämtliche dort gelagerten Unterlagen, Pläne, Zeichnungen und persönlichen Gegenstände. Die Zerstörung des Hauses, dessen Wiederaufbau jedoch umgehend in Angriff genommen wurde, dürfte die Überlegungen der Neutras, ihren Wohnsitz von Los Angeles nach Wien zu verlegen, stark beeinflusst haben. 

Bald wurden Richard Neutra Institute in Los Angeles und Zürich sowie eine gleichnamige Gesellschaft in Wien gegründet, um die geplanten Aktivitäten zu bündeln. Doch erst die groß angelegten Feierlichkeiten anlässlich des 75. Geburtstags des Architekten 1967 bewogen ihn zu einer Rückkehr, um „all sein Wissen, seine Erfahrung seinem Geburtsland zur Verfügung stellen“, wie Dione Neutra im Jahr darauf notierte. Zum Geburtstag wurde im Bauzentrum im Gartenpalais Liechtenstein eine Ausstellung über Neutras Schaffen gezeigt, er erhielt den Ehrenring der Stadt Wien und die Aussicht, ein repräsentatives Bauwerk in seiner Heimatstadt errichten zu können. 

Ehrbezeugungen dieser Art schmeichelten den Neutras, schienen sie ihnen doch zuhause in Kalifornien unvorstellbar: “WHO in USA or in Los Angeles would have arranged a stupendous exhibition for RJN's 75th birthday, what cultural organizations and universities would have sent a president or delegate to confer their honorary memberships? Would the mayor of Los Angeles have opened the exhibition? Would this opening have been televised all over Europe? Would the mayor of Los Angeles have conferred the city's greates honor, their pompous golden ring?" (Dione Neutra, 1968) 

Neutra sah sich selbst als „Nestor“ der modernen Architektur und wollte kraft seiner Autorität in Wien eine intensive Tätigkeit entfalten, die von der Koordination von Bauforschung und Grundlagenforschung über die Verknüpfung unterschiedlicher Wissenschaftszweige und den Austausch mit internationalen Künstlern und Forschern bis zur Programmierung von Wettbewerben und der Tätigkeit als Juror reichte. Die Voraussetzung dafür war jedoch eine adäquate Wohnung, wie Dione Neutra 1968 schrieb: „Wenn Neutra große Persönlichkeiten empfangen soll, braucht das Haus oder die Wohnung nicht opulent zu sein, aber entweder sollte sie originell oder romantisch sein, entweder ebenerdig und mit der Natur verbunden, oder hoch oben mit einer Aussicht. Wenn in der Innenstadt, dann mit einem Dachgarten, wenn außerhalb auch naturverbunden aber mit Straßenbahnverbindung, sodass eine Sekretärin hinfinden kann.“

Doch eine solche Wohnung ließ, trotz Unterstützung bis hinauf zu Bundeskanzler Josef Klaus, auf sich warten. Derweil hausten die Neutras in der winzigen Gästewohnung der Arbeiterkammer in der Plößlgasse und nutzten Spaziergänge im Wienerwald zur Erholung für den gesundheitlich schwer angeschlagenen Richard Neutra. In diese Zeit fällt auch die Initiative zur Schaffung eines Neutra-Ringes. Diese Auszeichnung sollte im Rahmen eines regelmäßig in Wien stattfindenden internationalen Architekturkongresses der Entwerfer des weltweit besten gesellschaftlich relevanten Bauprojekts erhalten. Neutra wollte damit die Qualität öffentlicher Bauvorhaben heben. Die österreichischen Architektenvereinigungen unterstützten den hochfliegenden Plan, der freilich nicht in die Tat umgesetzt wurde. 

Das einzige bleibende Zeugnis von Richard Neutras späten Wiener Jahren ist der bemerkenswerte Film „Die Ideen des Richard Neutra“, der im Auftrag des Unterrichtsministeriums vom Bayerischen Rundfunk produziert wurde. Der Plan, Neutras Vorstellungen von einer „biorealistischen“, ganz auf die grundlegenden Bedürfnisse des Menschen zugeschnittenen Architektur auf diese Weise weltweit bekannt zu machen, scheiterte jedoch. Schon die Erstausstrahlung im ORF stand unter keinem guten Stern, denn die Dokumentation wurde just am 20. Juli 1969, dem Tag der Mondlandung, im Nachtprogramm gezeigt – und damit zu einem Zeitpunkt, als wohl kaum jemand mehr die Energie hatte, konzentriert vor dem Fernseher zu sitzen. 

Da die Aussicht auf eine vom Staat oder der Stadt Wien zur Verfügung gestellte Wohnung trotz aller Beteuerungen vage blieb, entschlossen sich die Neutras 1969 zur Rückkehr nach Kalifornien. Dione Neutra führte das Scheitern der Bemühungen auf die Eifersucht von Neutras Wiener Kollegen zurück, die ihren Mann stets zuvorkommend behandelt, aber dann doch nie in ihre Aktivitäten einbezogen hätten. Das einzige Amt, das man ihm zugestanden habe, sei eine Konsulententätigkeit für die Forschungsgesellschaft für Wohnen, Bauen und Planen. „Wir stellten mit Betrübnis fest, dass der Beruf des Architekten wenig geschätzt wird in Österreich und dass die meisten schwer zu kämpfen haben.“ Und Dione Neutra resümerte: „es ist wirklich kein Grund, warum wir in Wien leben sollten.“

Das Haus am Silver Lake war in der Zwischenzeit nach Plänen von Richard und seinem Sohn Dion wieder aufgebaut worden und versprach dem Ehepaar Neutra eine Wohnumgebung, die in denkbar größtem Kontrast zu ihrer bescheidenen Wiener Bleibe stand. Zugleich hatte man in den USA spät, aber doch, die Bedeutung Neutras erkannt. So erhielt er das Ehrendoktorat der Universität Kalifornien, eine Ausstellung im Smithsonian Institute in Washington und eine Wanderausstellung durch die USA und die Amerika-Häuser wurden veranstaltet. Die erste Auflage der Taschenbuch-Ausgabe von Neutras theoretischem Hauptwerk „Survival Through Design“ wurde in jenes Buchpaket aufgenommen, das die Soldaten in Vietnam zur Lektüre erhielten.

Noch einmal Dione: „Und so scheint es wirklich logisch zu sein, dass wir wieder zurückkehren in die Stadt – so hässlich sie auch sein mag im Vergleich zu Wien – wo er vor 45 Jahren angefangen hat, ohne Geld, ohne Verbindungen in dieser Stadt, die ihm schließlich dazu verholfen hat, einen Weltruhm zu erreichen. Ich bin sehr betrübt, dass wir nun die lieben Freunde, die wir in Wien kennen gelernt haben, nicht mehr sehen werden. Denn Los Angeles ist weit von Wien, die Reise ist teuer, es gibt keine Klienten mehr, die sie finanzieren würden, und so habe ich keine Ahnung, ob wir überhaupt jemals wieder nach Wien zurückkommen werden.“

Obwohl sich der Gesundheitszustand Richard Neutras weiter verschlechtert hatte, plante das Ehepaar für Anfang 1970 eine Vortragsreise durch Europa. Richard Neutra war wohl kaum am Ziel seiner Pläne und Wünsche, als ihn in Wuppertal der Tod ereilte. Und Roland Rainer bezweifelte in seinem Nachruf, dass Neutra seine Vorstellungen in Österreich hätte besser verwirklichen können, als anderswo, und forderte im Gegenzug, „lieber seine Gedanken zu verstehen, zu verbreiten, zu beherzigen [...], aus seinen Auffassungen [zu] lernen. Das war vielleicht niemals nötiger als in den jetzigen Jahren eines weltweiten Fiaskos jener großstädtischen Welt, die, von technischen Spezialisten nach technischen Gesichtspunkten gebaut, von ihren Bewohnern so schnell wie möglich verlassen wird (...).“ 

Auch wenn die Umstände andere waren, erinnert die verhinderte Rückkehr Richard Neutras nach Wien doch auffällig an den Umgang, den das offizielle Österreich der Zweiten Republik mit seinen nach 1938 vertriebenen Künstlern, Wissenschaftlern und Intellektuellen an den Tag gelegt hat. Friedrich Achleitner hat darin bereits 1965 eine Mischung aus schlechtem Gewissen und Provinzialität erkannt. Vielleicht war also – wie bei vielen anderen auch – der Name Richard Neutra am Ende zu groß für Wien.


Verwendete und zitierte Quellen und Literatur

Häuser aus Beton und Glas, in: Die Presse, 6. Mai 1949, S. 3.
Viktor Matejka: Neutra auf den Spuren von Loos, in: Tagebuch, August/September 1962, S. 10.
Friedrich Achleitner: Die Situation der Architektur, in: Österreich – geistige Provinz? Wien-Hannover-Bern 1965, S. 146-165.
Dione Neutra: Warum Richard Neutra nach Wien zurückgekehrt ist, Kierling, 26. März 1968, Typoskript, Nachlass Josefine Weixlgärtner-Neutra, Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Handschriftensammlung, Ser.n. 46.055-1-3.
Dione Neutra, Abbreviated yearly letter 1968, Typoskript, Nachlass Josefine Weixlgärtner-Neutra, Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Handschriftensammlung, Ser.n. 46.055-1-3.
Dione Neutra: Warum Richard Neutra nach Kalifornien zurückgekehrt ist, November 1969, Typoskript, Nachlass Josefine Weixlgärtner-Neutra, Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Handschriftensammlung, Ser.n. 46.056-1-6.
Dione Neutra: Wie es Richard und Dione Neutra im Jahre 1969 erging, Typoskript, Nachlass Josefine Weixlgärtner-Neutra, Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Handschriftensammlung, Ser.n. 46.057.
Roland Rainer: Neutra. Zum Tod des großen österreichischen Architekten, in: Die Presse, 20.4.1970, S. 4.
Hans Haider: Richard Neutra, ein Grüner vor der Zeit, in: Die Presse, 11./12.4.1987.
Hans Haider: Ein Weltarchitekt als „Wirtschaftsflüchtling". Richard Neutras Scheitern in Wien, in: Das jüdische Echo 39, 1. Oktober 1990, S. 134-137.
Klaus Leuschel, Marta Herford (Hg.): Richard Neutra in Europa. Bauten und Projekte 1960-1970 (Ausstellungskatalog Marta Herford 2010), Köln 2010. 

Andreas Nierhaus, Kunsthistoriker und Kurator der Architektursammlung des Wien Museums. Forschungsschwerpunkte: Architektur des 19. und 20. Jahrhunderts, Medien der Architektur. Ausstellungen und Publikationen u.a. über Otto Wagner, die Wiener Ringstraße, die Wiener Werkbundsiedlung.

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