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Andreas Nierhaus, 31.1.2020

Richard Neutras Oyler House

„In eine universale Landschaft eingebettet”

Richard Neutras Oyler House zeigt exemplarisch, wie der Architekt mit sparsamen Mitteln offene, moderne Räume schuf, die in einen Dialog mit der sie umgebenden Landschaft treten. Ein Einblick anlässlich der bevorstehenden Neutra-Ausstellung im Wien Museum MUSA.

Etwa dreieinhalb Autostunden nördlich von Los Angeles liegt eingespannt zwischen zwei landschaftlichen Extremen – der bis zu 4.400 Meter hohen Bergkette der Sierra Nevada im Westen, dem Death-Valley-Nationalpark im Osten – die Kleinstadt Lone Pine. Bis zum Bau des Los Angeles Viaduct, der die Wasserversorgung der Metropole sicherstellen sollte, war die Hauptsehenswürdigkeit des Ortes der Owens Lake. Seit 1926 ist er weitgehend ausgetrocknet. Die Nähe zu Hollywood und die außergewöhnliche landschaftliche Umgebung machten Lone Pine in den 1930er bis 1960er Jahren zu einem bevorzugten Drehort, insbesondere von Westernfilmen.

Auf einer Hochebene westlich der Stadt erwarb der Beamte und Versicherungsmakler Richard F. Oyler Ende der 1950er Jahre ein Grundstück, um ein Wohnhaus für sich und seine Familie zu bauen. Auf dem Grundstück befand sich eine eindrucksvolle Felsformation mit zwei mächtigen Granitblöcken. In der Ortsbibliothek fand Oyler Bücher über Richard Neutra und schrieb ihm kurzerhand einen Brief, um ihn zu fragen, ob er für ihn ein Haus entwerfen würde, auch wenn die Mittel äußerst beschränkt waren. Neutra, der oft und gerne für Klienten mit kleinem Budget plante, zeigte sich von der einzigartigen urzeitlichen Landschaft und dem weiten Ausblick beeindruckt und sagte zu. 
 

Das Flachdach der eingeschoßigen hölzernen Ständerkonstruktion kragt ungewöhnlich weit aus, um das Haus und seine Bewohner vor großer Hitze zu schützen. Die Steine für die Stützmauern wurden vor Ort gesammelt, die Holzbalken von Oyler selbst bearbeitet. Durch die großen Glaswände des Wohn- und Essbereichs und des Schlafzimmers der Eltern fällt der Blick auf die beiden etwa 90 Millionen Jahre alten Granitblöcken. Die Kinder der Oylers nannten sie „die zwei großen Zehen“. Neutras Frau Dione, die mit ihrem Mann häufig bei den Oylers zu Gast war, meinte dagegen, es seien zwei Hände, die das Haus und seine Bewohner segnen würden. Ob spirituelle Aspekte – die Oylers waren Mormonen – bei der Wahl des außergewöhnlichen Bauplatzes und des Architekten eine Rolle gespielt hatten, ist nicht bekannt. Für die Familie, so Neutra in einer Publikation von 1970, sei ihr Haus nicht einsam, sondern „in eine universale Landschaft eingebettet“.

 

„Zwei gewaltige Felsblöcke erheben sich an der nordöstlichen Ecke des großen, aber dürren Landstücks. Das Mauerwerk auf der West- und Nordseite besteht aus Steinen, die der Besitzer, ein Mitglied der Mormonengemeinde, auf dem Gelände gesammelt hat. Anderes Baumaterial musste über weite Entfernungen zum Bauplatz befördert werden.“

Richard Neutra, 1970

Die Schauspielerin Kelly Lynch und der Filmproduzent und Autor Mitch Glazer erwarben Oyler House im Jahr 1992. Crosby Doe, der legendäre Immobilienmakler und Spezialist für architekturhistorisch bedeutende Bauten, hatte die beiden auf das Haus aufmerksam gemacht. Es war Jahre, bevor die Hysterie um „Mid-century modern“ ausbrach, und viele Freunde des Paares hatten wenig Verständnis für ihre Wahl. 
1998 kauften Lynch und Glazer zusätzlich John Lautners grandiose Harvey Residence in den Hollywood Hills. Anders als das Oyler House, das in gutem Zustand war, war die Harvey Residence sehr heruntergekommen und machte Lynch und Glazer zu Experten für die Restaurierung von Wohnhäusern der Moderne. 

Das Oyler House, meint Kelly Lynch, könne durch seinen kompakten Grundriss, der Platz für eine siebenköpfige Familie bereitstellte, aber auch durch die natürlichen Baumaterialien zum Vorbild für heutige Wohnhäuser werden. Es sei ein Kunstwerk und zugleich der beste Beweis dafür, dass ein Kunstwerk nicht viel kosten müsse. Jedem sollte möglich sein, in solchen Häusern zu wohnen. Dieses Haus, so Lynch, erde sie, es sei nicht intellektuell, sondern „ursprünglich“. Die Architektur spreche so stark und schön, dass man sie nicht hinter irgendwelchen Dekorationen verbergen wolle. In diesem Sinne helfe ihr das Haus dabei, ihre Kreativität und intellektuellen Möglichkeiten auszuloten: „Man bewältigt nicht Dinge, sondern sein Leben.“ 

Dieser Text stammt aus der Publikation „Los Angeles Modernism Revisited. Häuser von Neutra, Schindler, Ain und Zeitgenossen“, die bei Park Books anlässlich der Ausstellung „Richard Neutra. Wohnhäuser für Kalifornien“ (13. Februar bis 20. September 2020, Wien Museum MUSA) erschienen ist. Die Fotos der Häuser in heutigem Zustand, die in der Ausstellung und in dem Buch zu sehen sind, stammen von David Schreyer.

Andreas Nierhaus, Kunsthistoriker und Kurator für Architektur und Skulptur im Wien Museum. Forschungsschwerpunkte: Architektur des 19. und 20. Jahrhunderts, Medien der Architektur. Ausstellungen und Publikationen u.a. über die Wiener Werkbundsiedlung, die Ringstraße, Otto Wagner, Richard Neutra und Johann Bernhard Fischer von Erlach.

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