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Thomas Keplinger, 22.10.2026

Streuzettel zwischen 1933 und 1938

Kampf im Kleinformat

Im März 1933 nutzte Engelbert Dollfuß eine Geschäftsordnungskrise des Nationalrats, um die demokratische Ordnung Österreichs zu demontieren. In der Folge wurden die Kommunistische Partei, die NSDAP und nach den Februarkämpfen 1934 auch die Sozialdemokratische Arbeiterpartei verboten. Mit Streuzetteln meldeten sich die Parteien aus dem Untergrund.

Kleine Zettel, die oft nur drei bis zehn Quadratzentimeter groß waren, spielten im politischen Kampf zwischen 1933 und 1938 eine wichtige Rolle. Hatten die Streuzettel mit politischen Botschaften in demokratischen Zeiten noch ein Impressum aufzuweisen, so verzichteten die verbotenen Parteien aus nachvollziehbaren Gründen auf Angaben zur Druckerei. Die Urheberschaft dieser kleinen Papierstückchen ging ohnehin aus dem Inhalt und den verwendeten Parteisymbolen hervor. Nicht nur das Streuen der Zettel war illegal, auch das Aufheben von der Straße, ohne die Streuzettel an die Polizei zu melden, war verboten.

Die verbotenen Parteien riefen sich mit auf Fassaden gepinselten Parteisymbolen und Streuzetteln immer wieder in Erinnerung. Aufgrund ihrer relativ einfachen Herstellung wurden sie in riesiger Menge gedruckt und verbreitet, weshalb sie in der Dollfuß-Schuschnigg-Diktatur das am häufigsten genutzte Medium der unterdrückten Opposition darstellten. So belief sich 1936 allein die Zahl der von den Revolutionären Sozialisten stammenden Streuzettel auf 32 Millionen – nicht in dieser Zahl enthalten sind jene aus privater Initiative und jene der anderen verbotenen Parteien.

In wenigen Worten riefen die Botschaften auf den Zetteln zum Handeln auf, versuchten in der Wahrnehmung der Menschen die Rolle der Opposition gegenüber der Regierung aufrecht zu erhalten oder erregten mit treffenden Schlagworten Aufmerksamkeit. Ihre Wirkung bei den Menschen dauerte nur einige Sekunden bis zu wenigen Minuten. Dann erfolgte meist nach Aufforderung durch die Polizei ihre Entfernung durch Straßenarbeiter. In anderen Fällen fasste die Polizei bekannte Mitglieder verbotener Parteien zu „Putzscharen“ zusammen, die die Zettel entfernen mussten. Anschließend wurden sie vernichtet, meist verbrannt.

Die Intensität der Produktion und des Streuens nahm seitens der Sozialdemokraten und Kommunisten zwischen 1933 und 1938 aufgrund von Verhaftungen, Beschlagnahmungen und dem Entzug finanzieller Mittel kontinuierlich ab, während im gleichen Zeitraum die Nationalsozialisten erstarkten, was sich auch in Produktionsqualität und Quantität ihrer Propagandamittel zeigte. Während Erstgenannte meist mit einfachsten Mitteln produzierten, verfügten Letztgenannte teils über voll ausgestattete Druckereien. Deren Betrieb war begünstigt durch ausgeklügelte Tarn- und Warnsysteme und die zunehmend mit den Nationalsozialisten sympathisierende Exekutive.

Im Vergleich zu Zeitungen oder programmatischen Schriften verbotener Parteien (siehe den Wien Museum Magazin-Beitrag zu Tarnschriften), die nur unter einem unverfänglichen Umschlag getarnt zur Verteilung gelangten, erfüllten die Streuzettel den Sinn eines kurz in der Öffentlichkeit aufflackernden Lebenszeichens, nach dem Motto „Seht her, trotz Verbot und Verfolgung gibt es uns noch.“

Die Herstellung erfolgte sowohl im In- als auch im Ausland. Während die Sozialdemokraten hauptsächlich in der Tschechoslowakei produzierten, bezogen die Nationalsozialisten ihre Propagandamittel meist aus Deutschland. Für die Herstellung benötigte man nicht immer eine Druckerei. Einige Zettel wurden mit einfachsten Mitteln wie Stempeln oder gar Kartoffeln bedruckt und mit Scheren ausgeschnitten.

Die Streuung selbst geschah oft im Schutz der Dunkelheit. Doch auch tagsüber wurden die Zettel an belebten Orten verbreitet – die durchführenden Personen tauchten daraufhin möglichst schnell und unerkannt in der Menschenmenge oder in Seitengassen ab. Geplante Aktionen konnten aber auch ganz anders ablaufen. So wurde etwa der Unrat aus Koloniakübeln auf Straßenbahngleisen entleert und direkt darum herum viele Streuzettel in die Umgebung geworfen. Zur Entfernung des Hindernisses musste die Straßenbahn anhalten, worauf die Fahrgäste für die Dauer der Schienensäuberung die Kurzbotschaften der Zettel wahrnahmen. Eine weitere Variante erfolgreichen Streuens war das gleichzeitige Auftreten dutzender oder hunderter Aktivist:innen, die gruppenweise an vielen verschiedenen Stellen, wo bestenfalls viel Personenverkehr herrschte, zu einer vereinbarten Uhrzeit die Zettel in die Luft warfen und verschwanden. Die Polizei war von der Gleichzeitigkeit dieser Aktionen meist überfordert, weshalb die „Täter“ oft nicht verfolgt werden konnten.
 

Drei Wochen Haft bis fünf Jahre schwerer Kerker

Die Produktion und das Streuen der Zettel standen unter Strafe. Ein Salzburger Gericht ahndete diese politische Betätigung im Juli 1934 mit drei Wochen Haft. In der Folge wurden die Urteile zusehends strenger. Im Februar 1935 belegte man eine Frau, die in Wien ebenfalls Flugzettel unter die Leute gebracht hatte, mit einer Strafe von sechs Wochen Gefängnis. Zwei Monate später genügte einem Gericht das Streuen von Zetteln, um den „Tätern“ eine einjährige Haftstrafe zu erteilen. Zwei Kommunisten wurden im Herbst 1935, nachdem sie Streuzettel mit einem Aufruf zum Kampf gegen die Regierung hergestellt hatten, wegen Hochverrats zu fünf Jahren schwerem Kerker verurteilt.

Streuzettel und Flugblätter wurden zwecks Maximierung ihrer Wirkung fast immer an Orten verbreitet, die von vielen Menschen frequentiert wurden. Die hier gezeigten Exemplare entfernten Organe der städtischen Straßenreinigung meist nach polizeilicher Aufforderung zwischen Ende Jänner und Anfang März 1938 von öffentlichen Verkehrsflächen in verschiedenen Bezirken Wiens. Sie dienten sozusagen als Beleg für die außertourliche Mehrarbeit und wurden den Akten beigeheftet oder -gelegt.

Revolutionäre Sozialisten

Am 8. Februar sammelten Straßenarbeiter zahlreiche verschiedene Streuzettel und Flugblätter der Revolutionären Sozialisten in der Arsenalstraße und der Marx-Meidlinger Straße auf. Neben den weiter unten gezeigten RS- und Drei-Pfeil-Quadraten stellten diese Zettel die kleinsten aufgefundenen Papierstücke dar – sie maßen nur etwa drei bis vier Quadratzentimeter.

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Folgender Streuzettel wurde am 9. Februar abgegeben. Exemplare davon waren in den Bezirken Landstraße, Meidling und Floridsdorf aufgefunden worden.

Die unterhalb abgebildeten Zettel wurden am 5. Februar 1938 im vierten Bezirk beim damaligen Johann-Strauss-Kino gestreut, das sich in der Favoritenstraße 12 befand. Zwischen 23:00 Uhr und 23:10 Uhr wurden sie von den Straßenarbeitern entfernt.

Der Nachtstraßenarbeiter Karl Suchan wurde am 7. Februar von einem Polizeibeamten aufgefordert, diese  Streuzettel, die in der Wilhelmstraße und Vivenotgasse im 12. Bezirk entdeckt wurden, zu entfernen:

Am 7. Februar wurden Streuzettel abgegeben, die im vierten und zehnten Bezirk gesammelt worden waren:

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Der folgende Streuzettel stammt von Ende Jänner 1938:

NSDAP 

Am 30. Jänner 1938 wurden diese aus einer dickeren Folie gestanzten Hakenkreuze im Bereich Niederhofstraße, Meidlinger Markt und Aßmayergasse sowie Schönbrunner Straße, Dunklergasse, Migazziplatz und Arndtstraße gestreut. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf dem Bereich Gaudenzdorfer Gürtel, Stadtbahnstation Margaretengürtel und Sechshauser Gürtel. 

Etwa im gleichen Zeitraum lagen die folgenden vier Zettel in Wiens Straßen. Damit warb gerade jene Partei mit dem Begriff Freiheit, die die Freiheitsrechte in ihrem Machtbereich massiv einschränkte und für große Teile der Bevölkerung Ausgrenzung sowie Flucht, Haft und/oder Tod bedeutete.

Etwa eine Woche später fand man diese Zettel im vierten und zehnten Bezirk.

Streuzettel mit aufgedruckten Hakenkreuzen sammelten Arbeiter im März 1938 im Bereich Erdbergstraße/Hainburger Straße auf:

Kommunistische Partei Österreichs

Verglichen mit der Qualität der sozialdemokratischen und nationalsozialistischen Propagandamittel produzierten die Kommunisten die am einfachsten gestalteten Streuzettel. Oft waren die Botschaften darauf einfärbig und hand- oder maschinengeschrieben, selten waren sie gedruckt worden. Aufgrund der geringeren Mittel, die den Kommunisten zur Verfügung standen, überdauerten nur wenige ihrer Streuzettel die Jahrzehnte bis in unsere Gegenwart. Das spiegelt sich auch in den 1938 aufgefundenen Zetteln wider, denn nur dieser eine unterhalb ersichtliche findet sich unter den als Beleg für ihre geleisteten Arbeiten abgelieferten Exemplaren der Straßenarbeiter. 

Im Bereich des Technischen Museums bei der Linzer Straße benötigte ein Organ der Straßenreinigung in der Nacht von 15. auf 16. Februar 1938 eine halbe Stunde, um nach Aufforderung durch die Polizei diese kommunistischen Streuzettel zu entfernen. Aus dem Vergleich mit der Klammer kann man sich seine geringe Größe vorstellen.

Heimwehr 

Innerhalb der Christlichsozialen Partei gab es unterschiedliche Perspektiven, die zur Bildung entsprechender politischer Flügel führten. Während die Anhänger des gemäßigten Flügels den proklamierten Ständestaat auf Grundlage demokratischer Ordnung aufbauen wollten, neigte die Gegenseite zur Umsetzung der Idee auf autoritär-faschistische Weise. Diese Trennung vollzog sich auch in der paramilitärischen Formation der Christlichsozialen, der Heimwehr. Während Ernst Rüdiger Starhemberg dem faschistischen Heimwehrflügel vorstand, führte Emil Fey den gemäßigten bürgerlichen Flügel. Der unten ersichtliche Flugzettel, den städtische Arbeiter Anfang März 1938 von den Straßen des dritten Bezirks kehrten, entstand womöglich unter dem Eindruck der politischen Ereignisse, die das am 12. Februar stattgefundene Gespräch zwischen Schuschnigg und Hitler am Obersalzberg nach sich gezogen hatte. In dessen Folge endete de facto das Parteiverbot für die Nationalsozialisten, weshalb offensichtlich eine Gruppe des bürgerlichen Heimwehrflügels angesichts zu erwartender politischer Machtkämpfe seine Mitglieder auf die Treue zu Österreich und Fey einzuschwören versuchte.

Nieder mit Hitler!

2022 tauchte bei Recherchen im Wiener Stadt- und Landesarchiv in den Akten des Stadtsyndikus aus den Jahren 1944 und 1945 ein interessantes Lebenszeichen widerständischer Aktivitäten während der NS-Zeit auf. Am 3. März 1945 hatte jemand einen Akt entnommen und an dessen Stelle einen Einlegezettel platziert. Normalerweise erfüllten schnell greifbare Schmierzettel solche Zwecke. In diesem Falle handelte es sich aber um einen Flugzettel, der auf wohl nicht mehr nachvollziehbarem Wege dorthin gelangt war. Aufgrund seiner optischen Ähnlichkeit mit einem Streuzettel der KPÖ in Georg Tidls Streuzettel-Buch (siehe dort Abb. 20c) entstammt dieser Zettel eventuell kommunistischer Produktion.

Quellen/Literatur


WStLA, M.Abt. 230, A2 – Q – Abschrankung, notstandspolizeiliche Maßnahmen, Kt. 1, Zl. 648/1938

WStLA, Magistratsdirektion, Präsidialbüro, A2004 (prov.) – Stadtsyndikus, Kt. 9 (vorher: Magistratsdirektion, A7 – Stadtsyndikus)

Werner T. Bauer, Die Gewerkschaften und ihre Gegner. Ein historischer Überblick (Wien 2021), online unter: Österreichische Gesellschaft für Politikberatung und Politikentwicklung, https://politikberatung.or.at/fileadmin/studien/rechtspopulismus/ART_Gewerkschaft_Gegner.pdf (21. März 2026).

Georg Tidl, Streuzettel. Illegale Propaganda in Österreich 1933–1938 (Wien 2005)

Thomas Keplinger hat Geschichte an der Universität Wien studiert. Er betreibt das detailhistorische Forschungs- und Dokumentationsprojekt „Worte im Dunkel“. Darin widmet er sich in Form eines Blogs Beschriftungen, Graffiti, Schildern, Aushängen, Zeichnungen und Symbolen des Zeitraums zwischen 1932 und 1955, die noch heute dort anzutreffen sind, wo sie einst angebracht oder aufgehängt wurden.

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