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Regina Karner, 14.10.2019

Trauermode

Der Tod steht ihr gut

Trauer ist nicht nur ein Gefühl, sondern eine Haltung, für die sich im 19. Jahrhundert strenge Regeln herausbildeten. Es gab klar definierte Trauerzeiten und Kleidungsvorschriften, eigene Trauerwarenhäuser und extravagante Modetrends. Ein Todesfall konnte so zur teuren Angelegenheit werden.

„Trauerhemden“, „Trauercorsets“, „Trauerunterröcke“, „Trauerstrümpfe“: Derartige „Thorheiten“ der Mode (so die Journalistin Renée Francis in der „Wiener Mode“ vom 15. Oktober 1889) waren der letzte Schrei in Sachen Trauerkleidung, ausgelöst durch den Selbstmord von Kronprinz Rudolf. In der Modesammlung des Wien Museums, einer der größten Europas, sind solche extravaganten Teile ebenso zu finden wie  Trauerkleider, Trauerschmuck, Trauerflore, Trauerhüte und Trauerschleier ab der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Schwarze Trauerkleidung setzte sich erst Anfang des 19.Jahrhunderts durch. Schwarz, die Farbe des Todes und der Vergänglichkeit, als Zeichen der Trauer zu tragen, war seit dem Mittelalter in Europa bekannt. Doch blieb sie den Vermögenden vorbehalten, da das Färben von Schwarz sehr aufwendig und teuer war. Trauerkleidung brachte nonverbal den Schmerz der Hinterbliebenen zum Ausdruck und signalisierte gleichzeitig einem Außenstehenden, sich gegenüber dem Trauernden rücksichtsvoll zu verhalten.

Ein Todesfall in der adeligen und in der bürgerlichen Familie war eine teure Angelegenheit. Abgesehen von den Begräbniskosten mussten alle Angehörigen samt Dienerschaft entsprechend eingekleidet werden.

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Strenger Dresscode

Die Trauerkleidung war einem strengen Dresscode unterworfen, der vor allem die Frauen traf. Die Machart des Kleides musste dem traurigen Anlass entsprechend streng und ernst sein, aber dennoch „eine feierliche Eleganz aufweisen“, so ein Ratschlag in der „Wiener Mode“. Betrachtet man allerdings Modeblätter aus dem 19. Jahrhundert, fällt auf, dass die Trauerkleider dem jeweiligen Modetrend entsprachen, einzig in der Stoffwahl der Etikette folgten. Matte Wollstoffe und englischer Krepp – mit seiner glanzlosen wellenförmigen Webart der Trauerstoff per se – waren ein Muss.

Je nach Verwandtschaftsgrad dauerte die Trauerzeit unterschiedlich. Die Witwentrauer betrug ein Jahr und sechs Wochen, für Eltern und Schwiegereltern ein Jahr, für Kinder, Großeltern, Geschwister, Schwäger und Schwägerinnen sechs Monate, für Onkel und Tante drei Monate, davon sechs Wochen schwarz, sechs Wochen Halbtrauer, für Cousin und Cousinen ersten Grades sechs Wochen davon drei Wochen schwarz und drei Wochen Halbtrauer. 

In der Zeit der „tiefen Trauer“ trugen Witwen sechs Monate lang Kleider, Mäntel, Capes und Jacken aus schwarzen Wollstoffen oder englischen Trauerkrepp mit Kreppaufputz, im Sommer auch Musselin de Laine (dünner Wollstoff in Leinwandbindung). Ganz wichtig war ein Hut aus englischem Krepp mit einem langen, über das Gesicht bis zur Taille reichenden Schleier, schwarze Schwedische Lederhandschuhe, schwarze Seiden-oder Wollstrümpfe, Taschentücher mit breitem schwarzem Rand, Sonnenschirme aus matter Seide oder englischem Krepp. 
 

Die Fächer konnten entweder aus matter Seide oder schwarzen Straußenfedern auf schwarzen Holzgestellen montiert sein. In den folgenden drei Monaten konnte man dann auf kleingemusterte Kleider übergehen und Filz-oder Strohhüte mit englischem Krepp- oder Gazeaufputz und kürzerem Schleier tragen. In der nachfolgenden „Seidentrauer“, die ebenfalls drei Monate dauerte, waren Kleider, Mäntel bzw. Capes aus schwarzer Seide mit Spitzen und Jetaufputz erlaubt, ebenso die beliebten Glacélederhandschuhe, diese natürlich in Schwarz. 

Die letzten sechs Wochen der „Halbtrauer“ gestatteten Kleider in Weiß, Grau und Violett. Accessoires wie Handschuhe und Schirme sollten grau sein, Fächer weiß mit schwarzem Rand, manchmal mit einem violetten Monogramm. Im Fin de Siècle wurde ein wahrer Kult mit Trauerkleidung betrieben. Und manche Frauen kleidete Schwarz so gut, dass sie es nicht mehr ablegten, wie die satirische Zeitschrift „Hans Jörgel von Gumpoldskirchen“ bemerkte: „Es gibt sogar weibliche Fexen, die nur Trauerkleider tragen, weil sie ihnen gar so gut zu Gesichte stehen“. 
 

Alles Glitzernde und Glänzende musste vermieden werden. Brillant-und Goldschmuck verschwand in den Schatullen für ein Jahr der „tiefen Trauer“. Anstelle dessen wurde Trauerschmuck aus Jet angelegt. Jet oder Jais oder Gagat ist ein leicht zu bearbeitendes Kohlegestein mit samtartigem Fettglanz. Da echter Jet sehr teuer und zerbrechlich war, griff man zu Imitaten aus Glas, geschwärztem Holz und Hartgummi.

In Wien wurde vielfach Jetimitat verkauft. Das Angebot reichte von Kreuzen und Ankern, die auf den christlichen Glauben verwiesen, über Perlenketten und tropfenförmige Ohrringe, die vergossene Tränen symbolisierten, sowie Hände mit Blumen, die die Hoffnung verkörperten, den Verstorbenen im Jenseits wieder zu begegnen, bis hin zu Blättern, die für die Vergänglichkeit standen. 

Da Herren meist ohnehin in Schwarz oder in gedeckten Farben gekleidet waren, genügte bei ihnen als Ausdruck der Trauer ein schwarzer Trauerflor am Hut, ein schwarzes Kreppband am linken Oberarm, eine schwarze Krawatte mit schwarzer Nadel, eine schwarze Uhrkette, ein schwarzer Spazierstock und schwarze Handschuhe.

Selbstverständlich waren während der Trauerzeit Vergnügungen jeglicher Art untersagt, das bedeutete für die Witwe weder Einladungen anzunehmen noch auszusprechen, an keinen Gesellschaften teilzunehmen (außer im Familienkreis), kein Theater, keine Oper und kein Konzert zu besuchen. War das Trauerjahr um, machte man entweder Antrittsbesuche oder versandte Visitkarten ohne Trauerrand und signalisierte damit seine Rückkehr in das gesellschaftliche öffentliche Leben.

Regina Karner ist Kuratorin und Leiterin der Modesammlung im Wien Museum. Forschungsschwerpunkte: Modegeschichte, Festkultur sowie Stadt- und Kulturgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert.

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