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Peter Stuiber, 23.10.2019

Verkaufshallen am Karlsplatz

Nobelshopping auf Museumsgrund

Wo das Wien Museum steht, das demnächst baulich erweitert wird, befand sich einst ein kleines Einkaufszentrum. Im Zuge von vorbereitenden Grabungen der Stadtarchäologie wurden nun die Grundmauern dieser „vornehmen“ Verkaufshallen freigelegt: Ein Stück Wiener Stadtgeschichte aus der Zwischenkriegszeit.

Otto Wagner durfte nicht. Sein Entwurf für ein repräsentatives Stadtmuseum auf dem Areal des heutigen Wien Museums sorgte Anfang des 20. Jahrhunderts für heftige Reaktionen und wurde schließlich nicht realisiert: Zu groß war die Angst, die Karlskirche würde dadurch in ihrer Wirkung Schaden erleiden. Bald nach dem Ersten Weltkrieg entstand jedoch eine neue Idee für das Grundstück: Verkaufshallen für Nobelwaren. Argumentiert wurde dies damit, dass die marode Wiener Wirtschaft dringend Impulse benötige.

Pächterin des Grundstückes war zu dieser Zeit die Firma G. Barth & Comp. Ihr wurde im April 1921 die Genehmigung erteilt, ein provisorisches, ebenerdiges, zum Teil einstöckiges Geschäfts-Ausstellungsgebäude auf dieser Liegenschaft zu errichten. „Das Objekt sollte für die Dauer seines Bestandes in tadellosem Zustand gehalten werden und die Vorgartenanlagen entsprechend ausgestattet werden“, so Heike Krause von der Stadtarchäologie, die sich in Vorbereitung der Grabungen intensiv mit dem Areal auseinandergesetzt hat. „Die Verkaufshallen befanden sich an der Stelle des heutigen Museums, nahmen aber eine größere Grundfläche ein.“

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Pelzmäntel und Automobile

Das „Einkaufszentrum“ wurde nach einem Entwurf des Architekten Robert Kalesa (1883-1967) im Frühjahr 1922 gebaut, von der Gemeinde übernommen und im August desselben Jahres eröffnet. Die Nachfrage nach den Verkaufsflächen in dem Gebäude, das Hallen und Kojen aufwies, dürfte zunächst groß gewesen sein. „Renommierte Geschäftsleute boten ihre Produkte feil“, erzählt Heike Krause, „darunter Siegmund Engelmann Schlafröcke, ‚Maison Ine‘ Hut- und Schirmmodelle, Hugo und Max Oesterreicher antike Uhren und Salomon Ampel Schuhwaren. Das Pelzhaus Gebrüder Brainin präsentierte seine neuesten Modelle, die Automobilfirma Alois Grzesicki stellte erstklassige Automobilmarken und –zubehör in einer der geräumigen „Kojen“ aus.“

Auch die Politik gab sich schon bald ein Stelldichein. Am 8. Dezember eröffneten Bundespräsident Michael Hainisch und Bürgermeister Jakob Reumann einen karitativen Weihnachtsmarkt, vier Tage später machte ein Demonstrationszug von Arbeitslosen symbolträchtig vor dem Nobel-Shoppingtreff Halt: Denn in den Verkaufshallen wurden Luxuswaren angeboten, die sich kaum einer leisten konnte.

Niedergang und Abbruch

„Doch letztlich hatten die Verkaufshallen keinen langen Bestand“, erklärt Krause. „Die große Depression ab 1930 wird dazu beigetragen haben, dass der gewünschte Verkaufserfolg stark abnahm.“ Im November 1933 wurde schließlich der Abbruch eines Teils der Verkaufshallen genehmigt, bis 1936 verschwand auch der Rest des temporären Gebäudes. 23 Jahre später eröffnete im April 1959 das Historische Museum der Stadt Wien, heute Wien Museum, dessen bauliche Erweiterung diesen Teil des Karlsplatzes neuerlich verändern wird. Dass nun die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtarchäologie im Zuge der Bau-Vorbereitungen auf die Grundmauern der Verkaufshallen gestoßen sind, war zwar zu erwarten – der Faszination eines solchen „Fundes“ tut dies dennoch keinen Abbruch.. 

Peter Stuiber, Studium der Geschichte und Germanistik in Wien und Paris. Arbeitete als Journalist (u.a. bei der „Presse“), seit 2005 im Wien Museum, bis 2018 als Pressesprecher und im Bereich Marketing. Kuratierte einige Ausstellungen und publizierte Bücher zur österreichischen Design- und Kulturgeschichte. Seit 2019 Leiter der Abteilung Publikationen und Digitales Museum, redaktionsverantwortlich für Wien Museum Magazin.

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