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Amélie Bezard und Tabea Rude, 27.11.2020

Wie ein Chronoglobium funktioniert

Sonne, Mond und Sterne – und ein paar Zahnstocher

Im Herbst 2020 durften wir uns als Restauratorinnen im Uhrenmuseum über ein ungewöhnliches Projekt freuen: Die Demontage, Dokumentation und Restaurierung eines Chronoglobiums. Dieses fragile Instrument hat zwar auch eine Uhr mit Zeigern, kann aber um einiges mehr als nur die Uhrzeit anzuzeigen.

Das Chronoglobium ist eine Erfindung des 1794 in Steyr geborenen Mathias Zibermayer, der in Brünn und Graz in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts tätig war. Es war als Demonstrationsobjekt zu Lehrzwecken gedacht, um die Bewegungen und daraus resultierenden astronomischen Erscheinungen von Sonne, Erde, Mond und Gestirnen zeigen zu können. Zeitunterschiede, Tageslängen und Jahreszeiten können hierbei vorgeführt und ihre Zusammenhänge verstanden werden. Die Bewegungen können entweder über eine (in diesem Fall nicht vorhandene) Handkurbel im Zeitraffer vorgeführt werden oder in Echtzeit durch den Antrieb eines Uhrwerkes mit Wochentagsanzeige, welches in das Planetengetriebe eingreift und sich auf der Vorderseite des Chronoglobiums befindet. Nicht alle gefertigten Chronoglobien wurden mit einem zusätzlichen Uhrwerk ausgestattet, einige weisen nur den Kurbelmechanismus auf und laufen nicht selbsttätig mit Zugfeder.

Es ist dokumentiert, dass Zibermayr 18 dieser Chronoglobien an wichtige Institutionen lieferte, heute befinden sich immer noch einige dieser Objekte in öffentlichen Sammlungen (Technisches Museum Wien, Joanneum Graz, Oberösterreichische Sammlungen Linz, Benediktinerstift Kremsmünster, Augustiner-Chorherrenstift St. Florian, TU Graz Institut für Experimentalphysik). Auf der ersten und zweiten Wiener Ausstellung (1835 und 1839) wurden seine Werke präsentiert und prämiert.

Das Chronoglobium des Uhrenmuseums stammt aus der Familie des Grafen von Herberstein-Proskau, der es wahrscheinlich von Zibermayr erwarb. Es wurde dann von seiner Nachfahrin Sophie Herberstein-Thun 1951 an das Uhrenmuseum unter dem Direktor Rudolf Kaftan verkauft und war von Anfang an ein Hit, mehrfach auf Plakaten und im Uhrenmuseum-Katalog abgebildet, oft mit dem begeisterten Direktor selber.

Das Gerät besteht aus einem gläsernen Himmelsglobus (32,2 cm Durchmesser), auf dem Sterne bzw. Sternbilder und Himmelserscheinungen eingezeichnet, geätzt oder mit goldenen Punkten verzeichnet sind. Die Glaskugel wird von einem Atlanten aus Bronzeguss getragen, dieser stammt laut Vermerk in den Karteikarten des Joanneum Graz aus der Gießerei Horowitz in Böhmen, wo Zibermayer dieses Gussmodell von 1822 bis 1845 bezog. Der schwarze Atlant befindet sich wiederum auf einem runden Sockel.

Innerhalb der Glaskugel, im Rücken des Atlanten verschraubt und zwischen den beiden Glaskugelhälften ruhend, befindet sich der metallene, senkrecht aufgestellte Schattenreif mit Ekliptik, der einen Erdglobus umrahmt. Der äußere Ekliptikreif ist feststehend und weist Monatsunterteilungen mit Tagesdatum auf. Der innere Schattenreif ist beweglich im Ekliptikreif gelagert und fest mit den Modellen von Mond und Sonne verschraubt. Der Schattenreif ist halb gebläut und halb blank poliert, um die Tag- bzw. Nachtseite zu symbolisieren. Die Modelle von Sonne und Mond befinden sich auf langen Armen, die auf die Rückseite des Chronoglobiums führen. Der Sonnenarm ist feststehend an dem beweglichen Schattenreif verschraubt, an ihm befindet sich auch ein strahlenförmig gesägtes Messingblatt, welches sich Richtung Erdkugel breiter auffächert und die Sonnenstrahlrichtung darstellen soll. Das Mondmodell wird durch zwei Zahnräder über einen Mechanismus von zwei Hebelarmen auf- und abbewegt, um die ellipsenförmige Bewegung des Mondes zu symbolisieren. Die Modelle bewegen sich einmal im Jahr um den zentralen Erdglobus herum. Der Erdglobus ist auf der Welle eines Rades fest verstiftet, welches sowohl über den Kurbelmechanismus als auch durch das Gehwerk angetrieben werden kann.

Demontage und Restaurierung des Objektes waren vor allem notwendig, da einige Korrosionsausblühungen auf den Metallkomponenten festgestellt worden waren und ein unwillkommener Besucher – eine Wanze – sich in den Glasglobus verirrt hatte und dort starb.

Die Korrosion rührte vor allem daher, dass Politurmittel und Reinigungsmittelrückstände nach vorangegangenen Behandlungen in der Vergangenheit nicht vollends entfernt wurden. Das liegt natürlich auch zum Teil daran, dass die Entfernung von Rückständen bei einem Rad mit ca. 360 Zähnen und einem Außendurchmesser von 62 mm nicht so einfach umsetzbar ist. Dies wird natürlich auch nach einigen Jahrzehnten nicht einfacher, deswegen hat das Restauratorinnenteam sich hierzu mit jeder Menge feiner Instrumente und einer sorgfältigen Auswahl von Lösungsmittel gewappnet.

Zu den Instrumenten gehören unter anderem auch Zahnstocher und Zahnzwischenraumbürstchen, die eignen sich nicht nur für Menschenzähne, sondern auch bestens für Uhrenzähne. Stachelschweinborsten und viele verschieden zugeschnitzte Holzstäbchen kommen zum Schluss in die allerfeinsten Zahnzwischenräume. 

Neben der sorgfältigen Demontage vor Ort und in den Werkstätten sollte dieses Projekt auch dazu genutzt werden, mehr über die einzelnen Komponenten zu erfahren. Alle bisherigen Informationen waren Sekundärquellen und einer Bedienungsanleitung von Zibermayr persönlich entnommen, die 1848 in Graz unter dem Titel „Chronoglobium oder der vollkommene Astronom“ erschien.

Aus diesem Grunde wurde jedes einzelne Rad vermessen und die Zahnzahlen dokumentiert, eine Praktik, die im Bereich der Dokumentation von Großuhren und besonders astronomischen Uhren verbreitet ist, da dadurch theoretisch errechnet werden kann, mit welcher Genauigkeit astronomische Ereignisse auf dem jeweiligen Objekt angezeigt werden.

Auch die Restaurierung der Glasglobushälften verlangte Fingerspitzengefühl. Hier wurde eine alte vergilbte Verklebung abgenommen und neu gesichert. Nach der Reinigung sind jetzt auch die Sternkonstellationen wieder klar und deutlich zu erkennen.

Amélie Bezard ist freischaffende Restauratorin und spezialisiert auf Kunsthandwerk aus Metall und Keramik sowie asiatische Lackarbeiten. Sie arbeitet seit 2019 mit großer Begeisterung für das Wien Museum, öffentliche Institutionen, Schlösser, Kirchen und private Auftraggeber. www.kunst-restaurierung.at

Tabea Rude lernte das Uhrmacherhandwerk in Pforzheim und studierte dann Restaurierung für Uhren und dynamische Objekte an der University of Sussex. Seit 2017 ist sie für die Uhrensammlung zuständig. Sie ist besonders interessiert an elektrischen Uhren und Zeitdienstanlagen zwischen 1850 und 1950, publiziert hat sie zu dem Thema im britischen peer-reviewed Antiquarian Horological Journal. Sie begeistert sich außerdem für historische Kunststoffisolierung, taktische Intervallzeitmessung in Konvoys auf See im 1. und 2. Weltkrieg und Feueralarmtelegraphie.

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